Auf dem Höhepunkt der ersten Terrorwelle Anfang der 70er Jahre in der Bundesrepublik veröffentlichte Heinrich Böll 1974 Die verlorene Ehre der Katharina Blum, oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Diese Erzählung war sein Kommentar zum Sympathisantenvorwurf, der ihm und anderen Intellektuellen von konservativer Seite gemacht wurde. Sie hätten dem Terror der RAF Vorschub geleistet, so hieß es damals.
Mit seiner Erzählung dreht Böll den Spieß um. Im Wirken der „ZEITUNG“, in der unschwer die BILD-Zeitung zu erkennen ist, sieht er eine Ursache der Gewalt.

Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der „BILD“-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

So heißt es süffisant in der Vorrede. Die Praktiken der ZEITUNG, wie Böll sie schildert, bestehen in Manipulation und einseitiger Interpretation der Fakten.

Die Titelfigur Katharina Blum ist eine geschiedene Frau, die im Cateringservice arbeitet. Sie hat sich scheiden lassen wegen der körperlichen Zudringlichkeit ihres Ehemanns, eine Zudringlichkeit, die sie auch in ihrem Beruf erfährt, durch Angehörige der feiernden und sich betrinkenden Oberschicht. Ihre Standfestigkeit bringt ihr den Spitznamen Nonne ein.

Die „Nonne“ aber verliebt sich, und zwar in den bereits überwachten Straftäter Ludwig Götten. Nachdem sie eine Nacht mit ihm verbringt und ihm bei der Flucht hilft, gibt die Polizei diese Ermittlungsinformation unter der Hand an die ZEITUNG weiter. Diese sorgt im Handumdrehen dafür, dass aus der „Nonne“ eine „Nutte“ wird, ein „Räuber-Flittchen“, die ZEITUNG weiß von häufigen „Herrenbesuchen“ zu berichten. Nun beginnt für Katharina Blum der Terror der anonymen Briefe und Telefonanrufe.

Die handlungsstarke Geschichte ist voller Gewalt: legale, illegale, halblegale Gewalt, und zwar in Tat und Wort:

Hat er dich denn gefickt?

fragt der Polizist Beizmenne, als er den bereits geflohenen Götten in Katharinas Wohnung verhaften will.

Nein, ich würde es nicht so nennen.

Die Geschichte endet mit der Ermordung des Journalisten der ZEITUNG, der für die entehrende Berichterstattung verantwortlich ist. Katharina verspricht ihm ein Interview und lässt ihn in ihre Wohnung. Im Bericht für ihren Anwalt beschreibt sie die Situation folgendermaßen:

Nun, ich sah sofort, welch ein Schwein er war, ein richtiges Schwein. Und dazu hübsch. [..] …und er kam mir nach und sagte: „Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümelein – ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen.“ Nun, inzwischen war ich bei meiner Handtasche, und er ging mir an die Kledage, und ich dachte:“Bumsen, meinetwegen“, und ich hab die Pistole rausgenommen und sofort auf ihn geschossen. […] Ja, nun müssen Sie nicht glauben, daß es etwas Neues für mich war, daß ein Mann mir an die Kledage wollte – wenn Sie von ihrem vierzehnten Lebensjahr an, und schon früher, in Haushalten arbeiten, sind Sie was gewohnt. Aber dieser Kerl und dann Bumsen; und ich dachte: Gut, jetzt bumst´s.“

Nur vier Jahre später sagte Böll dem französischen Journalisten René Wintzen im Interviewband Eine deutsche Erinnerung:

Katharina Blum ist mir sehr weit entrückt, weil diese Erzählung natürlich einen pamphletistischen Zug hatte.

Weit entrückt? Pamphletistisch? Das mag ihm so erschienen sein – umso aktueller dagegen ist sein Roman heute, am hundertsten Geburtstag des Autors. Fake news, #metoo und das weltweite Erstarken des Überwachungsstaats: Unsere Zeit ist den 70er Jahren auf eine unheimliche Weise nah.

Angaben zum Buch
Heinrich Böll
Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Erzählung
dtv 1976 · 160 Seiten · 8,90 Euro
ISBN: 978-3423011501
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Von Herwig Finkeldey

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