Dirk Knipphals, Literaturredakteur der taz, hat mit Der Wellenreiter seinen ersten Roman vorgelegt. Er erzählt, autobiografisch angelehnt, in losen Kapiteln und ganz ohne knalligen Plot von einer Jugend in einem Vorort von Kiel, einer Jugend in den hellen, sozial-liberalen Jahren des vergangenen Jahrtausends, also in einer Zeit, in der man bequem und abgesichert leben und alle Aufregung dem Fernsehen überlassen konnte.

Das Leben infrage stellen

Der Wellenreiter ist zugleich eine Coming-of-age-Geschichte und ein Roman über Literaturleidenschaft, ein Roman sowohl über das Leben als auch dessen literarische Verarbeitung. Und über die Rolle, die diese Verarbeitung wiederum im Leben des Stotterers Albert Schwingholz spielt. Albert geht zur Schule, hat Freunde, ist unglücklich verliebt, liest viel und möchte natürlich „Schriftsteller werden“. Und er hat Eltern. Also lauter Probleme – und die geht er mit Hilfe der Bücher an.

Beide Eltern sind Lehrer, der Vater ein Altphilologe mit einer Bücherwand, die wie ein Panzer wirkt. „Bei mir steht das, was bleibt“, sagt er seinem Sohn. Gegenwartsliteratur, die das eigene Leben in Frage stellen könnte, lehnt er ab. Albert möchte aber genau das: das Leben, den Vorort, die Koordinaten in Frage stellen. Deswegen liest er Gegenwartsliteratur.

Eine Novelle hat es Albert besonders angetan: In Tonio Kröger von Thomas Mann sieht er sich und seine Umwelt gespiegelt. Der Außenseiter und die „flache Unbedeutendheit“. Er selbst als Tonio Kröger, seine Mitschüler als Hans Hansen und Erwin Jimmerthal (der bei Knipphals aus unerfindlichen Gründen zu Jimmersen wird).

Falsche Fährten

Das Literarisieren des eigenen Lebens erweist sich schnell als Irrtum, der Albert teuer zu stehen kommt. Er missversteht die Freundlichkeit seiner Klassenkameradin Karin Michaelsen und ist fortan unglücklich verliebt.

Albert war böse auf die Bücher. So viel sie ihm bis dahin erzählt haben – vor der großen Täuschung hatten sie ihn nicht bewahrt.

Auch bei seinem „Hans Hansen“, der Sportskanone Martin, der das Wellenreiten so gut beherrscht, haben ihn seine Bücher auf die falsche Fährte gelockt. Martin wird nach einem Unfall, den er beim Wellenreiten auf Sylt erleidet und der ihn lange ans Bett fesselt, zum Schriftsteller.

Im abschließenden Brief an Karin Michaelsen, die der Provinzenge längst entflohen ist, schreibt Albert über Tonio Krögers Irrtum, der auch sein eigener gewesen war:

Ich wollte mich entschuldigen dafür, dass ich damals geglaubt habe, nur mein eigenes Leben wäre schwierig und die anderen Leben wären einfach, dein Leben und Martins Leben zum Beispiel.

Die Toten leben noch

Sein größter Irrtum jedoch betrifft seinen Vater. Denn neben der Ordnung der gesicherten Bildung gibt es in der Bücherwand eine ungeordnete Ecke mit Kriegs- und Tagebüchern. Dort ist auch die Erinnerung an den Bruder des Vaters einsortiert, Alberts Onkel, der als Soldat in Russland fiel.

Albert hatte der gefallene Bruder geheißen. Der Vater hatte durchgesetzt, seinen Sohn nach ihm zu nennen. Wenn Albert allein in der Wohnung war, blätterte er hin und wieder in diesen Kriegsbüchern, aufgeregt, immer bereit, die Bände schnell zurückzustellen und einen unverfänglichen Klassiker in den Händen zu halten […].

Die hellen sozial-liberalen Jahre waren dunkel grundiert, die Toten lebten noch. Die Passagen über den gefallenen Onkel gehören zu den stärksten dieses stillen Romans.

Diese Zeit wirkt auf Albert Schwingholz ein, sie ist gewissermaßen der Katalysator seiner Entwicklung. Und doch ist es noch ein weiter Weg bis zu seinem ersten Buch. In der Stammkneipe der Schüler fragt ihn ein naseweiser Älterer, wie er wohl einen Orgasmus beschreiben würde. Er wolle doch Schriftsteller werden, oder? Albert, ein Schriftsteller noch ganz ohne Oeuvre, bleibt die Antwort schuldig.

Zwischen den Zeilen

Doch eines weiß er schon früh: Literatur soll das Leben ausdrücken, die Sehnsucht nach den großen Momenten und auch diese Momente selbst, etwa die der Trauer. Das Außergewöhnliche aber steht zwischen den Zeilen. Felix ebenfalls ein Wellenreiter, also eine eigentlich unliterarische „Hans Hansen“-Figur, sagt es in seinen „Wellenreiterworten“:

Über das Eigentliche, also wenn die Welle kommt, kannst du auch wenig sagen, außer Wow oder Geil oder Toll oder so. Aber über das Davor und dann das Gefühl hinterher, wenn du ganz durchgefroren bist, aber auch irgendwie glücklich – darüber kannst du quatschen, bis der Arzt kommt.

Dirk Knipphals‘ Roman quatscht nur selten „bis der Arzt kommt“. Er erzählt still und genau von einer Jugend in einer Zeit, die nur vordergründig harmlos und sorgenfrei gewesen ist.

Angaben zum Buch
Dirk Knipphals
Der Wellenreiter

Roman
Rowohlt Verlag 2018 · 346 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3-7371-00205
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Bildnachweis
Beitragsbild: 2010 Mavericks surfing competition.
Von Shalom Jacobovitz (SJ1_8558) [CC BY-SA 2.0 ], via Wikimedia Commons (bearbeitet)
Coverbild: Rowohlt Verlag

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Von Herwig Finkeldey

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