Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese Fragen in einer Reihe von Essays und Rezensionen.

Bereits erschienen:

Im Exil während des Zweiten Weltkrieges schrieb der Jurist und Politologe Franz Neumann sein Buch Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Es ist ein bemerkenswertes Zeitdokument, das der Frage nachgeht, wieso eine Gesellschaft einem verbrecherischen Regime bis in den Untergang folgt.

Neumann beschreibt das sogenannte Dritte Reich weniger als einen neuen Staat, sondern vielmehr als eine politische Bewegung, die von der Geschichte unseligerweise mit staatlichen Machtmitteln ausgestattet wurde.

Anarchisch gestimmte Kleinbürger

Sein Freund und Mitstreiter Ernst Fraenkel sah den Charakter des Dritten Reichs ähnlich, er ging deswegen von einem „Doppelstaat“ aus, der zugleich durch Gesetze von oben sowie durch Terror von unten Macht ausübt. Franz Neumann geht noch weiter: Das wesentliche Moment des nationalsozialistischen Systems sei die Methode „Terror und Propaganda“. Ausführende Organe dieser Methode sind alle Organisationen der nationalsozialistischen Bewegung, einigende Kraft dieser konkurrierenden Organe wiederum ist einzig Adolf Hitler. Terrorakte, die in Hitlers Namen begangen wurden, durften der Straffreiheit sicher sein.

Neumann schreibt Anfang der 1940er-Jahre:

Charismatische Herrschaft ist lange Zeit vernachlässigt und lächerlich gemacht worden, hat aber offenbar weit zurückreichende Wurzeln und wird, wenn die geeigneten psychologischen und sozialen Bedingungen erst einmal vorhanden sind, zu einer machtvollen Antriebskraft. Die charismatische Macht des Führers ist kein bloßes Trugbild – niemand kann bezweifeln, daß Millionen an sie glauben.

Der Kitt dieser Herrschaftsform sei nicht eine politische Theorie, Gesetze oder gar eine Verfassung, sondern allein das Führerprinzip:

Tatsächlich gibt es außer der charismatischen Führergewalt keine Autorität.

Behemoth statt Leviathan

Für diesen gesetzlosen Terror einer Bewegung, die nur der Dynamik des Führerprinzips verpflichtet ist, findet Neumann bei Thomas Hobbes das anarchistische Landungeheuer Behemoth als Sinnbild. Er setzt damit bewusst ein Gegenbild zum Seeungeheuer Leviathan, das bei Hobbes für den alles kontrollierenden Staat steht. Der Terror ist Methode und Inhalt der Gesellschaft in einem, er ist Ausdruck des anarchisch gestimmten Kleinbürgerabsolutismus. Inhaltlich bietet die „neue Gesellschaft“ lediglich die Rassentheorie an, ansonsten ist ihr Inhalt deckungsgleich mit ihrer totalitären Methode.

Propaganda ist kein Ersatz für Gewalt, sondern eine ihrer Seiten. Beide verfolgen denselben Zweck: die Menschen der Kontrolle von oben zu unterwerfen.

Was der Nationalsozialismus mit seiner Propaganda getan hat und weiter tut, ist die schwache Stellen im Gesellschaftskörper auszubeuten. […] Solche schwachen Stellen sind in jedem sozialen Organismus zu finden.

Die Probleme, die sich aus dem Kampf gegen Propaganda ergeben, beschreibt Neumann so:

Die Überlegenheit der nationalsozialistischen gegenüber der demokratischen Propaganda beruht auf der vollständigen Umwandlung von Kultur in Schleuderware. Eine Demokratie kann die Propaganda nie gänzlich von der Wahrheit ablösen, weil es in ihr konkurrierende Propagandaapparate gibt, und diese ihren Wert letzten Endes durch tatsächliche Leistungen im sozialen Leben unter Beweis stellen müssen. Der Nationalsozialismus hat weder eine politische noch eine soziale Theorie. Weder besitzt er eine Philosophie noch interessiert ihn die Wahrheit. Er übernimmt in jeder beliebigen Situation jede Theorie, die sich als nützlich erweisen könnte, und er lässt diese Theorie wieder fallen, sobald sich die Situation ändert.

Propaganda ohne Inhalt

Mit Faschisten kann man nicht über Inhalte diskutieren. Diese sind für sie austauschbar. Was zählt, sind die Machtstrategien: Propaganda und Gewalt. Es gibt dabei keinen Wirklichkeitsabgleich, ein Phänomen, das auch heute wieder zu beobachten ist, etwa im Zusammenhang mit dem Brexit.

Neumann resümiert:

Die nationalsozialistische Propaganda wird immer überlegen bleiben, weil die nationalsozialistische Kultur Propaganda ist und sonst nichts, während die demokratische Kultur eine Mischung aus beidem darstellt. Die nationalsozialistische Propaganda kann nicht durch eine demokratische „Superpropaganda“ geschlagen werden, sondern nur von einer überlegenen, die schwachen Stellen beseitigenden demokratische Politik.

Diese Sätze sind auch in der heutigen Situation relevant. Auf Facebook und Twitter tobt sich der Kleinbürgerabsolutismus aus. Auch heute gilt, dass die Demokratie nur durch bessere Politik überzeugen kann. Propaganda können die Rechten besser.

Zugleich gibt es Grenzen der Analogien: Einen „charismatischen Führer“ haben die Neuen Rechten in Deutschland (noch) nicht, auch ist die Situation weder innen- noch außenpolitisch so desaströs, dass der Glaube an die Notwendigkeit eines solchen Führers mehrheitsfähig wäre.

Das korrumpierte Volk?

Ist die entfesselte Gewalt, wirklich nur Ergebnis der Anwendung der Methode „Gewalt und Propaganda“ auf ein Volk, das eigentlich gar nicht radikal denkt? Oder stößt der Ton der alten wie der neuen Rechten in Teilen der Bevölkerung doch auf Resonanz?
Im letzten Satz der ersten Fassung des Behemoth von 1941 hofft Franz Neumann noch auf den „Sturz des Regimes“ durch die „unterdrückten Massen“. Neumann, der nach dem Krieg einer der wichtigsten Köpfe hinter der Entnazifizierung wurde, wollte die Deutschen noch nicht ganz aufgeben.

Aber er ahnt bereits, dass die Dynamik des Behemoth allein mit den „unterdrückten Massen“ nicht erklärbar ist. Neumanns Auseinandersetzung mit der Studie State of the Masses (1940) des nach New York emigrierten österreichischen Soziologen Emil Lederer macht das deutlich. Lederer geht von einer Korrumpierung des deutschen Volkes durch die Nazis aus, die dem Volk neben einem rauschhaften Erlebnis auch materielle Gaben anbieten. Neumann, der Lederers Buch immerhin ein „Körnchen Wahrheit“ zugesteht, fasst sein ablehnendes Urteil so zusammen:

Träfe Lederers Analyse zu, wären unsere bisherigen Überlegungen völlig falsch. Der Sozialimperialismus wäre dann nicht ein Mittel, die Massen zu umfangen, sondern Ausdruck ihres spontanen Verlangens. Der Rassismus wäre […] tief in den Massen verwurzelt. Die Führeranbetung wäre ein echtes semireligiöses Phänomen und nicht bloß ein Mittel, um Einsicht in den Ablauf des sozioökonomischen Mechanismus zu verstellen.

Man fragt sich beim Lesen dieser Zeilen, ob Franz Neumann nicht genau hier, in der Beschreibung einer Position, die er eigentlich ablehnt, das Wesen des Behemoths, des Terrors von unten, am angemessensten beschreibt. Im ergänzenden Teil, den Neumann der Neuausgabe 1944 zugefügt hat, enthält er sich eines eindeutigen Urteils. Nun wird das deutsche Volk vom emigrierten Juden Franz Neumann nicht mehr freigesprochen.

Angaben zum Buch
Franz Neumann
Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944
Aktualisierte Neuausgabe, hg. von Alfons Söllner und Michael Wildt
Europäische Verlagsanstalt 2018 · 757 Seiten · 38 Euro
ISBN: 978-3863930486
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Beitragsbild:
Bücherverbrennung, Berlin 11. Mai 1933
Von Georg Pahl
Via BundesarchivBundesarchiv
Lizenz: CC-BY-SA 3.0

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Von Herwig Finkeldey

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