Manchmal dichten auch Lektoren. Im Klappentext des neuen Romans von Goran Vojnović heißt es, sein Romandebüt Cefuri raus! über den brutalen Umgang mit Ex-Jugoslawen in Slowenien habe „den Rücktritt des slowenischen Innenministers zur Folge“ gehabt. Vojnović, befragt nach den dramatischen Ereignissen vor etwa zehn Jahren, schüttelt amüsiert den Kopf und erzählt von einem Polizeipräsidenten, der ihn zum Verhör einbestellte und ihm – immerhin! – einen Prozess androhte. Nach zwei Tagen und einer kleinen Protestwelle kassierte man das Vorhaben gegen den damals 28-jährigen. Seitdem gilt Vojnović in seinem Heimatland als Enfant terrible.

Jugoslawien als Teil der Kindheit

Mit dem nächsten Buch Vaters Land hielt er den ehemaligen Bewohnern von Titos Volksrepublik ihre Lebenslügen vor, nach denen der Balkan immer woanders sei und alle Kriegsverbrecher tot, wenn sie denn überhaupt Kriegsverbrecher gewesen seien… Und auch in Vojnović‘s neuem Roman Unter dem Feigenbaum geht es wieder um Jugoslawien, von dem nicht nur in Slowenien die meisten nichts mehr hören wollen. Einen „Jugoromantiker“ kann man den Autor freilich nicht schimpfen. Vojnović, der erst 1980, kurz vor Titos Tod, geboren wurde, will nicht zurück. Er will nur wiedererlangen, was ihm vorenthalten wird: Jugoslawien als Teil seiner Kindheit und Jugend sowie des Lebens seiner Eltern und Großeltern.

Eine auseinandergerissene Familie

Unter dem Feigenbaum erzählt von drei Generationen zwischen 1955 und der nahen Gegenwart in Jugoslawien bzw. seinen Nachfolgestaaten. Die Beerdigung des Großvaters Aleksandar im kroatischen Zagreb bringt die auseinandergerissene Familie noch einmal zusammen. Die Beisetzung wird auf gut fünf Seiten im letzten Drittel des Buches abgehandelt. Davor und danach erzählt Vojnović in aufgelöster Chronologie wichtige Szenen aus dem Leben der Toten und der Lebenden. Sie bleiben fragmentarisch und unklar, ja geheimnisvoll, verbinden aber alle Familienmitglieder miteinander.

Geprägt wird ihr Leben durchs Verlassensein und -werden. 1955 lässt sich Großvater Aleksandar, wiewohl Kommunist, ins nördliche Istrien versetzen, um der Politik fern zu sein. Der Landstrich ist soeben zwischen Italien und Jugoslawien aufgeteilt worden. Das ihm angebotene Haus in Buje lehnt Aleksandar ab, weil in den Schränken noch die Mäntel der vertriebenen Italiener hängen, er baut im fünf Kilometer entfernten Momjan ein eigenes. Seine Frau Jana aber, die ihren Familiennamen Benedejčić nach der Heirat behalten hat und dazu ihren eigenen Kopf, bleibt und richtet das Haus der Italiener her. Später lässt sich Aleksandar überraschend für ein Jahr nach Ägypten versetzen, weshalb Jana erwägt, sich scheiden zu lassen. Dieser sperrige Mann habe, als er Jahrzehnte später von den damaligen Scheidungsplänen seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau erfuhr, Selbstmord begangen, vermutet sein Enkel Jadran, der knapp 40-jährige Ich-Erzähler des Romans.

Das Schicksal des Unbehaustseins

Trennungen prägen auch das Leben der Verwandten. Safet, der Mann von Aleksandars Tochter Vesna, verschwindet spurlos in seiner Heimat Bosnien, als die jugoslawischen Kriege ausbrechen, und Safets Sohn Jadran wird vor Aleksandars Beerdigung von Anja verlassen. Und zu Beginn des Romans werden die Großeltern 1955 in Istrien von einem serbischen Politkommissar erwartet, der sich ebenfalls fremd und verloren fühlt. Aleksandars serbischer Familienname lässt ihn auf Gesellschaft hoffen. Der Kommissar kann nicht ahnen, dass Aleksandar und seine Familie allesamt Unbehauste sind.

Das nationale serbische Kollektiv bietet ihnen so wenig Schutz wie das jugoslawische oder das familiäre. Darin unterscheidet sich das Leben in der Volksrepublik nicht von dem in den Nachfolgestaaten, weshalb der Enkel Jadran gern Großvaters Klage wiederholt: „Du musst nicht allein sein, um einsam zu sein.“ Vojnović erzählt, wie auch in seinen anderen Romanen, nicht von politischen, sondern von existenziellen Erfahrungen. Suchte in seinem zweiten Roman Vaters Land nur der jugendliche Erzähler nach seiner Identität, so ist es nun die ganze Familie. Nur Anja, die Geliebte des Ich-Erzählers, verhält sich anders: Sie nutzt wie in alten Zeiten die Kontakte ihres Vaters als Karriereleiter, so notiert Jadran kopfschüttelnd.

Die Wahrheit von Fiktionen

Goran Vojnović, der auch als Filmregisseur erfolgreich ist, entwirft in starken Bildern ein Sittengemälde der postjugoslawischen Gesellschaften. Zuweilen löst den Ich-Erzähler ein allwissender Erzähler ab, der sich am Ende überraschenderweise als Sprachrohr Jadrans erweist. Denn auf den Vorwurf der zurückgekehrten Anja, er habe sich ja alles nur ausgedacht, bekennt Jadran: Ja, das stimme, denn Fiktionen seien notwendig, um sich selbst zu verstehen und um sie, Anja, lieben zu können – um also, anders als Großvater Aleksandar, anders als Safet und viele andere, die „unfrei“ machende Liebe auszuhalten. Jadrans Rechtfertigungsmonolog ist Vojnović, der auch an manch anderen Stellen vor Sentiment und Pathos nicht zurückscheut, entschieden zu lang geraten. Und die Rede von der „unfrei“ machenden Liebe überrascht. Sie soll all die Schicksale über drei Generationen hinweg verklammern, die sich weder vom serbischen Kollektiv noch vom jugoslawischen einfangen ließen – und ebenso wenig von der Liebe zu einem Menschen. Das klingt wie eine ziemlich spätpubertäre Interpretation des Lebens im sozialistischen Vielvölkerstaat. Viel überzeugender ist die Antwort Jadrans auf die altehrwürdige Frage nach der Wahrheit von Fiktionen. Sie verbindet das Bekenntnis zur Widersprüchlichkeit von Gefühlen (und Gedanken) mit gleich zwei Liebeserklärungen – einer an Anja und einer ans diskontinuierliche Erzählen voller Geheimnis und Spannung. Letzteres beherrscht Goran Vojnović bemerkenswert gut.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Jože Gal: Družina Lepej (Familie Lepej) 1961 [Public domain], via Wikimedia Commons
Buchcover: Folio Verlag

 

Angaben zum Buch
Goran Vojnović
Unter dem Feigenbaum

Roman · Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof
Folio Verlag. Wien/Bozen 2018 · 334 Seiten · 35,90 Euro
ISBN: 978-3852567495

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Jörg Plath

Von Jörg Plath

Jörg Plath ist Kritiker und Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. (Foto: © Fotostudio gezett)

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