Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese Fragen in einer Reihe von Essays und Rezensionen.

 

Eine Debatte über den Faschismus in Italien ist aus zwei Gründen notwendig. Zum einen wegen der Regierung: Der Innenminister Matteo Salvini von der Rechtspartei Lega donnert fast jeden Tag gegen Ausländer und Migranten. Zum anderen wegen der nicht verarbeiteten Geschichte der Diktatur Mussolinis. So ist es in Italien etwa nicht verboten, Devotionalien des „Duce“ zu verkaufen. Außerdem betrachten die Italiener ihre Beteiligung an der Judenverfolgung als harmlos und von den Nazis erzwungen, nach dem Motto „Italiani brava gente“ („die Italiener sind anständige Menschen“).

Das Buch Istruzioni per diventare fascisti, („Anleitung, Faschist zu werden“) von Michela Murgia entlarvt den wahren Charakter der aktuellen italienischen Gesellschaft und Politik. Unter den italienischen Schriftstellerinnen und Intellektuellen ist Michela Murgia ein Star. Bekannt geworden ist sie mit dem Buch Camilla im Callcenterland.

Diesmal hat sie sich für eine Provokation entschieden:

Das Buch, das Sie in der Hand halten, soll nicht nur zeigen, dass die Demokratie dem Zusammenhalt der Menschen schadet, sondern auch beweisen, dass die altbewährte Alternative zur Demokratie – der Faschismus – ein überlegenes Regierungssystem darstellt: billiger, schneller und effizienter.

Das Buch sei für die „kultivierte Klasse“ gedacht, schreibt sie weiter, denn:

Den Volksmassen musste man niemals erklären, warum der Faschismus besser ist.

Wir sind auf der ersten Seite des Buches, und das Programm ist schon klar: In uns allen steckt mehr oder weniger ein Faschist. Das Coverbild gibt die Richtung vor. Ein stilisierter Forrest Gump, das menschliche Chamäleon schlechthin, sagt: „Fascista é chi il fascista fa“, „Faschist ist, wer als Faschist handelt.“ Im Film heißt es: „Stupid is as stupid does.“ Ein tautologischer Satz, der keinen Widerspruch erlaubt.

Sprache als Verpackung

Mit ihren provokanten Aussagen, die dem täglichen Diskurs der italienischen Durchschnittsbürger entstammen, zeigt Murgia, dass die Übergänge zwischen Demokratie und Faschismus fließend sind. Dabei spielt die Sprache eine zentrale Rolle. In ihrem Vorwort erklärt die Autorin, wie man ein ganzes Land faschistisch machen kann, „ohne das Wort Faschismus auszusprechen“. Nicht die faschistischen Inhalte solle man propagieren, sondern die faschistische Sprache.

Wie eine Verpackung, die nicht etikettiert ist – weder als rechts noch als links – und die von Hand zu Hand geht, ohne dass man direkt etwas mit ihrem Inhalt zu tun haben muss.

Der heutige italienische Faschismus, so Murgia, hat nichts mehr mit der Überlegenheit der weißen Rasse oder mit der offenen Unterdrückung der Pressefreiheit zu tun. Er braucht auch keinen Putsch, um an die Macht zu kommen.

Wir können gewinnen, wenn wir jeden Tag einen Demokraten überzeugen, ein Wort zu benutzen, dass wir ihm gegeben haben.

Auch äußerlich ist das Buch als Anleitung strukturiert. Jedes Kapitel gibt Ratschläge für ein bestimmtes Gebiet, zum Beispiel „Cominciare da capo“ (etwa „Am Anfang beginnen“, aber auch „Mit dem Chef anfangen“). Man sollte sich von einem Capo, einem Chef, führen lassen, also von jemandem, der Entscheidungen treffen kann, ohne von den Abgeordneten aufgehalten zu werden.

In dem Kapitel über die Pressefreiheit ist Murgias Rat gleichzeitig die perfekte Beschreibung der Lage der italienischen Talk-Show-Kultur:

Die faschistischste aller Lösungen besteht vielleicht gerade darin, die Leute reden zu lassen. Aber unaufhörlich. Alle. Gleichzeitig. Über alles. Ohne jede Rücksicht auf Kompetenz.

Das Faschistometer

Michela Murgias Provokation ist zugleich eine Analyse der italienischen Gesellschaft. Sie zeigt, wie weit sich das faschistische Gedankengut schon in der italienischen Mehrheitsgesellschaft verbreitet hat. Am Ende des Buches kann man das an sich selbst erproben – mit dem „Faschistometer“: einer Liste von 65 Aussagen und Behauptungen, die man „mit gesundem Menschenverstand“ als richtig oder falsch bewerten soll. Es sind Aussagen, die in Italien in der öffentlichen Diskussion praktisch täglich fallen, gerade im Streit um die Aufnahme und Integration von Zuwanderern.

  • „Die Italiener kommen zuerst.“
  • “Ist Vergewaltigung schwerer erträglich, wenn ein Ausländer sie begangen hat?”
  • „Man sollte ihnen in ihrem Heimatland helfen.“
  • „Wenn sie dir so gut gefallen, dann nimm sie doch mit nach Hause.“

Jede positive Antwort ergibt einen Punkt. Am Ende werden die Punkte addiert, woraus sich dann der Zahlenwert der tatsächlichen Nähe zum Faschismus ergeben soll – vom „Aspiranten“ (0–15 Punkte) bis zum „bewusst Militanten“ (36–50) und schließlich dem „Patrioten“ (ab 51).

Das „Faschistometer“ war ein großer Erfolg, hunderttausende Italiener haben den Fragebogen ausgefüllt. Murgias Buch gehörte 2018 in Italien zu den meistverkauften Sachbüchern. Michela Murgia hat es geschafft, die Italiener dazu zu bringen, sich mit dem Thema Faschismus zu beschäftigen. Die Frage ist: Reicht das aus, oder ist die nationale Selbsttäuschung, die Italiener seien auf jeden Fall gute Menschen, stärker als jede Evidenz?

Bildnachweis:
Beitragsbild: Hitler und Mussolini in München, Juni 1940
Foto: Eva Braun [gemeinfrei], via Wikimedia Commons
Buchcover: Einaudi

Angaben zum Buch
Michela Murgia Istruzioni per diventare fascisti Einaudi 2018 · 112 Seiten · 12 Euro ISBN: 978-8806240608 Bei Amazon,

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Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

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