Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.

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Hermann Kurzke ist mir seit Jahrzehnten als profunder Thomas Mann-Forscher und -Kenner ein Begriff. Sein Buch Was mein Vater nicht erzählte ist laut Untertitel die Geschichte eines „Mitläufers“, sie handelt vom Leben seines Vaters im sogenannten Dritten Reich. Mit den Anführungszeichen beim Wort „Mitläufer“ zweifelt der Sohn das offizielle Urteil der Spruchkammer nach dem Krieg an. Sein Vater Herbert Kurzke war als Physiker in einem Rüstungsunternehmen tätig, er forschte an Raketen- und Granatenzündern, an Kleinst-U-Booten und an Raketen, die sich selbst ins Ziel steuern.

Ein fatales Erbe, das zu Lebzeiten des Vaters nie ein Thema war zwischen Vater und Sohn. In fiktiven Gesprächen mit einem sich rechtfertigenden Vater arbeitet der Sohn dieses Erbe auf, sie sind in den ansonsten sachlich gehaltenen Lebensbericht eingestreut.

Vernunft ohne Ethik

Ich hatte eigentlich erwartet, dass Hermann Kurzke seinen Vater aus dem Geist Thomas Manns kritisieren würde, mit Bezügen zu Manns großen Essays, von den „Gedanken zum Krieg“ und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ über  „Appell an die Vernunft“ aus dem Jahr 1930 bis zu „Deutschland und die Deutschen“ aus dem Jahr 1945, schließlich ist Hermann Kurzke Mitherausgeber der neuen kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe.

Aber genau das macht Kurzke nicht. Er begibt sich vielmehr auf die Suche nach dem Wesen der rein instrumentellen Vernunft, der Vernunft ohne Ethik.

Dass der Vater nie Mitglied der NSDAP gewesen war, entlastet ihn nur vermeintlich, zumal unklar bleibt, ob Hermann Kurzkes Vater nicht in die Partei eintreten wollte oder nicht durfte, wegen des Aufnahmestopps nach dem 19. April 1933. Seine Nichtmitgliedschaft wird durch zahlreiche Aktivitäten in nationalsozialistischen Organisationen zumindest relativiert. Schockierend für Hermann Kurzke war die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse an seinen Vater, signiert von Adolf Hitler. Man bekam es für kriegsentscheidende Leistungen an der Heimatfront.

Dem Teufel den Hintern geküsst

Wie kommt man dazu, eine Urkunde von Hitler verliehen zu bekommen? Solchen Fragen nähert sich der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke nicht nur im Bericht über das Leben seines Vaters und den fiktiven Gesprächen, sondern auch über die Literatur. Im Mittelpunkt steht die Walpurgisnacht-Szene aus Goethes Faust. Dort heißt es: „Herr Urian sitzt oben auf!“ Und genau dorthin streben alle: nach oben, koste es, was es wolle. Kurzke zitiert Goethe: „Der ganze Strudel strebt nach oben / Du glaubst zu schieben und wirst geschoben.“ Indem er in einem Rüstungsforschungsinstitut Karriere machte, hat sein Vater schließlich, wie Hermann Kurzke schreibt, „dem Teufel doch den Hintern geküsst“.

Zu diesem Kuss verführte ihn zunächst ein deutschnationaler Revanchegedanke, wie er im Bürgertum nach 1918 mehrheitlich zu anzutreffen war. Darüber hinaus war in der damaligen bürgerlichen Welt Widerstand gegen den Staat, gegen die gesellschaftlichen Instanzen, einfach nicht vorgesehen.

In seinem fiktiven Gespräch lässt der Sohn seinen Vater sagen:

Ich hatte loyal zu sein.

Sabotage, gar in der Rüstungsindustrie, kam für den Vater Kurzke nicht in Frage.

Ich machte gute Arbeit, ohne an den Staat zu denken.

Neben Staatsloyalität und der Sekundärtugend Fleiß zeigt sich in Herbert Kurzkes beruflicher Laufbahn auch die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Karriere, nach beruflicher Anerkennung.

„Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing“ ist ein Kapitel überschrieben: das Hohelied des Opportunismus. Hermann Kurzke zitiert die Physikerin Lise Meitner, eine Berufskollegin seines Vaters, mit der Klage, dass im damaligen Deutschland „keinerlei Protest“ zu verzeichnen gewesen sei. Der Sohn stellt fest:

Ja, so war es, auch Vater hat sich so verhalten. Diensteifrig.

Versagen des Gewissens

Die bürgerliche Angst vor einem beruflichen Scheitern hat Hitler möglicherweise mehr geholfen, als alles andere, so Kurzkes Schlussfolgerung. „Der ganze Strudel schiebt nach oben“, heißt es im Faust. Doch wo bleibt das Gewissen bei dieser Höllenfahrt des Opportunisten? Wieder findet Kurzke die Antwort in der Literatur: „Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich quält“, schreibt Georg Büchner in Dantons Tod.

Ob das Gewissen eine unabhängige Instanz ist oder ob es eben nur genauso funktioniert, wie es programmiert ist? Das ist umstritten, die Gewichte neigen sich aber eher zur zweiten These.

Die Möglichkeit, ein Gewissen auszubilden und demnach einen Gewissenskonflikt in sich zu spüren, wäre demnach abhängig von den Koordinaten, in die man hineingeboren wird. Herbert Kurzke war Katholik. Der Begriff des Gewissens hatte für ihn also wahrscheinlich eine Bedeutung. Aber sein Gewissen blieb das persönlich verhaftete Gewissen des Katholiken, das sich durch Zeitläufte nicht beunruhigen ließ. Wer lebt schon ohne Schuld?

Sein Gewissen war der Komplexität der Situation, in die er geraten war, nicht gewachsen. […] Sein Theoriewerkzeug war die christliche Ethik. Die aber war dominant individuell orientiert, schien lediglich an privaten Sünden interessiert zu sein und war der kollektiven Politik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gewachsen.

Der Vater habe aus Überforderung nicht über seine Rolle im Dritten Reich gesprochen, vermutet der Sohn.

Er schwieg aus Scham. Er hatte seine Pflicht getan, aber die Pflicht hatte ins Elend geführt. Er hatte keine Sprache dafür.

Worüber man nicht sprechen kann

Neben einem abgespaltenen Gewissen sieht Hermann Kurzke bei seinem Vater auch ein Erkenntnisproblem. Das Erkennen des Verbrecherischen, das nicht im Individuum, sondern in der Zeit und der Gesellschaft selbst wirkte, das war Herbert Kurzke nicht möglich.

Sein Vater „hatte keine Sprache“, so Hermann Kurzkes Fazit,

und wer keine Sprache hat, kann die Welt und die eigenen Verstrickungen in ihr nicht verstehen. 

Kurzkes Urteil über seinen Vater ist ebenso furchtbar wie lapidar:

Dieser Mann ist mir sehr fremd.

Am Ende seines Vaterbuchs setzt Herman Kurzke das Versagen seines Vaters noch einmal in Beziehung zur Weltliteratur:

Er verstand die Physik, aber nicht die Welt – so wie der Apotheker Homais in Flauberts Madame Bovary die Medizin versteht, aber nicht die Welt, und ganz modern, aber hilflos, Chlor verwendet, wo dem Pfarrer Weihwasser zur Verfügung steht. Altmodisch, aber viel richtiger.

Ist dem Germanisten Hermann Kurzke der technisch begabte Vater genau deswegen fremd? Weil er bei aller technischen Intelligenz eben doch ein Technokrat blieb, jemand, dem nicht die Sprache des Verstehens gegeben war? Und der deswegen formal tatsächlich nicht mehr als ein „Mitläufer“ war.

Das ist Herman Kurzkes erschreckende Wahrheit über seinen Vater und über eine ganze Generation: Ein Mitläufer ist jemand, dessen Sprache nicht reicht, um Verbrechen zu verstehen, die über das individuelle Maß hinausgehen.

Das ist möglicherweise die wichtigste Aufgabe der Literatur: Den Menschen eine Sprache zu geben, die sie befähigt, nicht nur sich selbst, sondern die Welt zu verstehen.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Wernher von Braun 1960
NASA/Marshall Space Flight Center [Public domain]
via Wikimedia Commons (Ausschnitt)
Buchcover: Verlag

Hermann Kurzke
Was mein Vater nicht erzählte
Geschichte eines Mitläufers
C.H. Beck 2019 · 239 Seiten · 24,95 Euro
ISBN: 978-3-406-73139-6

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Von Herwig Finkeldey

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