Das Buch Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter von Friedrich Dürrenmatt habe ich vor mehr als zwanzig Jahren gekauft. Ich habe es damals verwendet, um Deutsch zu lernen. Mich faszinierten sowohl der Titel als auch die Bezeichnung „Novelle in vierundzwanzig Sätzen“.

Also nicht eine Novelle in Kapiteln, sondern in Sätzen, wortwörtlich gemeint. Dies war eine Herausforderung für mich und meine Ambition, die deutsche Sprache zu verstehen, noch bevor ich sie beherrschen würde.

Lesen ohne Pause

Die Seite 99 befindet sich genau in der Mitte des 18. Satzes. Sie ist also nur ein Teil eines längeren Satzes, der sich über neun Seiten erstreckt.  

Wie das ganze Buch ist auch diese Seite im Konjunktiv I geschrieben, dem Modus der indirekten Rede:

[…] dieser Krieg sei ihr tägliches Brot, denn sein Sinn liege ja nur darin, dass er beobachtet werden könne, nur so seien die Waffen zu testen und ihre Schwächen und Fehlkonstruktionen zu erkennen und zu verbessern und was ihn betreffe – er lachte, nahm neues Milchpulver und Wasser, während sie ihr Frühstück längst beendet hatte –, nun, da müsse er wohl etwas weiter ausholen,

Man weiß nicht, wer „er“ ist, aber seine Geschichte wird sofort erzählt:

jeder habe seine Geschichte, sie die ihre, er die seine, er wisse nicht wie ihre begonnen habe, wolle es auch nicht wissen,

Nur Kommas trennen das eine Thema, den Krieg, vom nächsten, dem Schicksal des Vaters des Erzählers. Man liest ohne Pause: Plötzlich befinden wir uns in einer autobiografischen Geschichte –

die seine habe an einem Montag abend in New York in der Bronx begonnen, sein Vater habe einen kleinen Fotoladen gehabt,

Verfremdungseffekt

Es ist eine Ganovengeschichte: Der Vater sei vor seinen Augen erschossen worden, erfahren wir vom Erzähler. Alles wird in der dritten Person und im Konjunktiv I erzählt. Erzähler und Protagonist scheinen übereinzustimmen, doch die Verwendung der dritten Person und der indirekten Rede erzeugen einen verfremdenden Effekt. Auf brechtianische Weise soll keine Empathie mit der Figur entstehen.

Der Vater des Protagonisten hatte als Fotograf offenbar ein Foto ausgestellt,

das er nicht hätte ausstellen dürfen, das habe ihm dann ein Mitglied der Bande beigebracht, mit einem Maschinengewehr, so dass sein Vater durchlöchert hinter dem Ladentisch über ihn gesunken sei, der am Boden sitzend seine Schulaufgaben gemacht habe,

(Das Wort „durchlöchert“ hatte ich in dem Buch damals unterstrichen, vielleicht, weil ich seine Bedeutung nicht kannte.) Diese Erzählweise wirkt wie ein Bewusstseinsstrom, aber anders als beim klassischen „stream of consciousness“ ist er nicht in Präsens und Indikativ gehalten, sondern in Perfekt und Konjunktiv I.

Die Distanz der indirekten Rede

Vielleicht wollte Dürrenmatt diese Erzähltechnik auf die Probe stellen. Das berühmteste Beispiel eines stream of consciousness ist der Monolog der Molly im 18. Kapitel von James Joyce‘s Ulysses. Auch bei Joyce haben wir einen ununterbrochenen Fluss über vierzig Seiten hinweg: Nur zwei Satzzeichen gibt es in dem ganzen Monolog; er besteht aus acht endlos langen Sätzen, die buchstäblich ohne Punkt und Komma voranstreben. Aber bei Joyce spricht die Erzählstimme in der ersten Person, wir befinden uns in ihrem Bewusstsein, während in Dürrenmatts Text die dritte Person Distanz erzeugt zu der beschriebenen Geschichte.

Metadiskurs

Um Deutsch zu lernen, erwies sich die Novelle von Dürrenmatt als sehr hilfreich, zum einen, was den Satzbau angeht und zum anderen eben bei der Verwendung des Konjunktivs I. Literarisch gesehen, scheint mir, der Autor mache ein Stilexperiment: Es geht ihm darum, die syntaktischen Möglichkeiten der deutschen Sprache zu testen, sie auf die Spitze zu treiben.

Dabei hat Dürrenmatt auch Ulysses von James Joyce aufs Korn genommen. Es ist kein Zufall, dass der Protagonist dieser Seite 99 Polyphem heißt. Bei Homer gehört der Zyklop Polyphem zu den Feinden von Odysseus alias Ulysses. Mehr Metadiskurs geht nicht. Die Seite 99 ist dafür ein gutes Beispiel. 

(P.S.: Was mein Deutsch betrifft, so haben sowohl Dürrenmatt als auch die beste Lehrerin, die man sich wünschen kann, nicht verhindern können, dass auch dieser Text redigiert werden musste.)

Bildnachweis:
Beitragsbild: Agnese Franceschini

Friedrich Dürrenmatt
Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter
Novelle in vierundzwanzig Sätzen
Diogenes 1988 · 144 Seiten · 10,00 Euro
ISBN: 978-3-257-21662-2

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel [/su_column]
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Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

Ein Kommentar

  1. Walburga Riepen 21. März 2021 um 21:31

    Liebe Agnese Franceschini, herzlichen Dank für die Besprechung von Dürrenmatts Buch „Der Auftrag“. Ein Anlass, ihn wieder zu lesen. Übrigens ist Dürrenmatt immer gut, um Deutsch zu lernen – besonders natürlich „Der Auftrag“. Aber nur für „beste Schülerinnen, die man sich nur wünschen kann“. Und wissen Sie, was sie mit der Lehrerin machen? Bevor der Kurs gebucht wird, wird die Lehrerin getestet, ob sie was mit Musil, Bachmann oder auch Schwitters anfangen kann…

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