Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf Sieglinde Geisels Reportage Deutsche Ängste.

Nach mehr als dreißig Jahren: Besuch bei früheren Freunden in Lutherstadt-Eisleben. Man lädt zum Brunch am Sonntag. Nach dem zweiten „Prösterchen“ erklärt eine Frau ihrer Nachbarin, sie sei arbeitslos, „weil die Ausländer uns die Arbeit wegnehmen“. Niemand widerspricht ihr.

Die Frau hatte in der DDR-Zeit am Theater gearbeitet. Damals war es ein Drei-Sparten-Theater, Schauspiel, Ballett und Orchester, achtzig Handwerker und Künstler waren dort beschäftigt. Man führte Sinfonien und Opern auf, die Geiger kamen aus Bulgarien, der Bratschist war Rumäne, einer der drei Tenöre ein Georgier, die Primaballerina kam wohl aus Ungarn.

Vor drei Jahren sollte das Theater geschlossen und in eine Kulturwerkstatt umbenannt und verwandelt werden. Was mit den letzten zwanzig Beschäftigten passieren würde, war wohl lange Zeit unklar. Nach Protesten und Demonstrationen konnte das Land Sachsen-Anhalt überzeugt werden, das Theater weiterhin zu bezuschussen, so dass es, mit nochmals verringertem Personal – nunmehr zehn Schauspieler und offenbar ohne eigene Musiker –, vorläufig weiterbetrieben werden kann. Man spielt Klassiker, Schillers Räuber, und Stücke mit aktuellen Themen wie Terror von Ferdinand von Schirach. Aber ein energetisches, multikulturelles Zentrum wie in der DDR ist das Theater schon lange nicht mehr.

Distanz gegenüber dem „System“

Freunde meinten, niemand habe der Frau widersprochen, weil niemand so früh am Vormittag über Politik reden, gar streiten wollte. Jedoch würde in Eisleben wohl mindestens jeder dritte Mensch dieser Aussage zustimmen. Die Wahlergebnisse von 2017 erhärten diesen Befund. Die AfD bekam 23,9 %, die LINKE 18,1 %, die NPD 0,9. Fast jeder dritte Wahlberechtigte hatte nicht an der Wahl teilgenommen.

Diese Passivität oder innere Distanz gegenüber „dem System“ kann ich gut verstehen, weil ich sie bis vor wenigen Jahren teilte. Ich habe nur drei Mal an Wahlen teilgenommen (1990, 2013 und 2017) und wollte „im Westen nicht ankommen“, wie mich Sieglinde Geisel einmal in einer Reportage zitierte. Aber ich war froh, im Westen zu leben, die Vorteile genießen zu können: die Reisefreiheit, den Empfang von Sozialhilfe, die freie Presse, den Schutz vor willkürlicher Verhaftung, die Gewissheit, von keinem Staatssicherheitsdienst überwacht zu werden.

Nie habe ich auch nur eine Sekunde lang gedacht, in der DDR sei es besser gewesen. Aber ich habe auch nie geglaubt, Geschichte oder Gesellschaft beeinflussen zu können.

Das „Ende der Geschichte“

Als die Mauer fiel, kamen DDR-Bürger von einer historisch überholten Gesellschaftsform in die nächste: in eine kapitalistische, von der jeder wusste, wie leicht durchschaubar sie war, wie menschen- und zukunftsfeindlich. Der Westen erschien mir als eine rückständige Gesellschaft, die sich einbildete, den Kapitalismus „überwunden“ oder „gezähmt“ und in eine (ewig existierende) soziale Marktwirtschaft verwandelt zu haben. Eine Zeitlang wurde gar vom Ende der Geschichte geredet.

Der Westen habe den Kalten Krieg gewonnen, die Demokratie werde sich als die beste und rationalste Staatsform verbreiten, als Inkarnation des Vernunftbegriffs von Immanuel Kant. Ende der Geschichte war nicht als „das Ende der Ereignisse“ gemeint, sondern als die Ankunft in der fortschrittlichsten aller denkbaren Gesellschaftsformen. Also wieder eine Heilserwartung.

Man muss nicht Dostojewski gelesen haben, um zu verstehen, wie komisch das ist, aber es hilft, beispielsweise Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.  Es hilft, sich begreiflich zu machen, dass kein Subjekt, ob Mensch oder Gesellschaft, ein „richtiges Bewusstsein“ über sich selbst haben kann.

Beispiel Staatsverschuldung. In DDR war der Staatshaushalt immer ausgeglichen, und alle wussten, wie absurd das war. In der BRD war der Staatshaushalt auch in den 90er Jahren defizitär und niemand fand das schlimm oder bedrohlich oder hätte gar für möglich gehalten, dass auch die Gesellschaften des Westens sich durch Leichtsinn und eigene Gier in existenzgefährdender Weise verschulden könnten.

Es gibt keine Entwicklung ohne Irrtümer, keine Wahrheit ohne Selbstbetrug. Eine durch und durch vernünftige, gerechte Gesellschaft kann es nicht geben.

Das Jahrhundert der Flüchtlinge

Westliche Gesellschaften fragen nicht nach dem Zweck ihrer Entwicklung, das ist für gelernte DDR-Bürger wie mich immer wieder erschreckend. Es zeigt, dass der „naturwüchsige“ Kapitalismus die schwächlichen demokratischen Institutionen und Rituale dominiert. In den Ozeanen schwimmen Millionen Tonnen Plastik? Das ist das Ergebnis von Arbeitsteilung, daran ist niemand schuld.

Ehemalige DDR-Bürger verwechseln nicht Demokratie mit Kapitalismus. Sie haben nur ein anderes historisches Bewusstsein als ehemalige Westdeutsche: das Bewusstsein vom Verhängnis, vom Scheitern und der Schizophrenie auch der großartigsten Entwürfe, ob sie nun Sozialismus oder Demokratie genannt werden.

Ich nehme die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht als bedrohlich war, sondern sehe keine Alternative zu ihr. Es werden weiterhin Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane gespült werden, die Meeresspiegel werden steigen, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Flüchtlinge sein, wie Heiner Müller schon Mitte der 80er Jahre erkannt hat, als er in Anatomie Titus Fall of Rome das Ende des Römischen Reiches und die Rache der Afrikaner und Goten am Westen beschrieb.


Unterstützen Sie uns auf Steady


Beitragsbild:
© Christoph Brumme
Christoph Brumme

Von Christoph Brumme

Christoph Brumme, geb. 1962 in Wernigerode (DDR), verfasst Romane und Reportagen u.a. über seine Fahrradreisen von Berlin an die Wolga und zurück. Seit dem Frühjahr 2016 lebt er in der ostukrainischen Stadt Poltawa.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.