„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufalls-Seite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.

 

Es ist schwer, sich auf dieser Seite 99 (von insgesamt 336) zurechtzufinden. Zwei Männer sind unterwegs und versuchen, sich zu unterhalten. Worüber, kann ich diesem Ausschnitt nicht entnehmen, wir erfahren auch nicht, wohin sie gehen. Die Atmosphäre ist drückend, es könnte eine Szene aus einem Alptraum sein.

Meine Orientierungsschwierigkeiten haben wohl auch mit den Namen zu tun:

  • Schiller
  • Axler
  • Nettler
  • Guler
  • Wehler

So heißen die Figuren, die auf dieser Seite 99 vorkommen oder erwähnt werden. Es sind sprechende Namen, alle enden auf -ler. Der Axler axelt, der Nettler nettelt, der Guler gult, der Wehler wehlt? Schiller der einzige, der zumindest können könnte, was sein Name verspricht. [1]

Schiller, Axler, Nettler und Guler sind unterwegs, auf der Suche nach Wehler. Schiller und Axler können mit Nettler und Guler nicht mithalten. Es mag daran liegen, dass Axler Schockstock und Bündel tragen muss. Noch zwei Namen, die etwas zu bedeuten scheinen. Schockstock bleibt ohne weiteren Kontext rätselhaft, dass ein Bündel getragen werden muss, versteht sich immerhin von selbst.

Beim zweiten Lesen entdecke ich einen weiteren Namen:

und er und ihr Starker hatten (…) nicht mitgezogen

Dann wäre Schiller wohl der Starke von Nettler und Guler. Oder Axler?

Jedenfalls sind Axler und Nettler wegen Schockstock und Bündel ein Stück zurückgefallen, das erfahren wir in diesem Satz:

Als sie aufgebrochen waren, hatte Axler Nettlers Angebot, ein anderer könne Schockstock und Bündel so lange tragen, bis er sich wieder ganz bei Kräften fühle, mit einem mürrischen Schnauben abgelehnt, und inzwischen war seinem Ausschreiten keinerlei Unsicherheit mehr anzumerken.

So verschnörkelt er daherkommt, so schlicht ist das Gerüst dieses Satzes:

“Axler hatte Nettlers Angebot abgelehnt.”

Daran hängt der ganze Rest:

Einfacher gesagt:

„Als sie aufgebrochen waren, hatte Nettler Axler angeboten, ein anderer könne Schockstock und Bündel tragen, bis er sich wieder bei Kräften fühle. Axler hatte das Angebot mit mürrischem Schnauben abgelehnt. Inzwischen war seinem Ausschreiten keinerlei Unsicherheit mehr anzumerken.“

Oder:

Inzwischen schritt er wieder sicher aus.

Die Schnörkel und das nominalisierte „Ausschreiten“ kaschieren, dass etwas fehlt: Substanz. Der Trick mit der Nominalisierung findet sich auf dieser Seite gleich noch einmal:

Vielleicht verstand es Axler, das Tempo ihres Folgens unmerklich zu senken.

Man könnte auch sagen:

“Vielleicht verstand es Axler, unmerklich das Tempo zu drosseln.”

Oder:

„… unmerklich langsamer zu gehen.“

Es ist, als nähme der Autor  die Wirklichkeit auseinander und könne sie nicht mehr zusammensetzen. Entfernt man die Verpackung, bleibt nichts übrig. Zu diesem Verpackungsstil passen die Redundanzen, über die ich auf dieser Seite andauernd stolpere.

Axler hatte die Frage nur gehaucht, so gekonnt leise, nahezu tonlos, als hätte er ein derartiges Flüstern irgendwann eingeübt.

Bereits das „nur“ ist redundant, es steckt schon in „gehaucht“. Dieses „gehaucht“ wiederum steckt auch in „leise“, „tonlos“, „Flüstern“. Die Wendung „gekonnt tonlos“ sieht aus, als wäre es Stil, ist aber Schnickschnack. Dass Axler „ein derartiges Flüstern“ eingeübt haben könnte, und zwar „irgendwann“, soll uns wohl einen kleinen Schauder den Rücken hinunterjagen.

Was könnte man nicht alles weglassen auf dieser Seite 99:

Wahrscheinlich hatten Nettler und Guler das Marschtempo erhöht, und er und ihr Starker hatten, warum auch immer, nicht mitgezogen.

… mit einem mürrischen Schnauben abgelehnt

“An diese grüne Flasche…”, schwindelte Schiller und dachte in Wirklichkeit daran, wie seltsam, wie bürofremd ihm sowohl Axlers Nachhaken als auch die prompte Verlogenheit seiner Antwort vorkam.

Jede mögliche Antwort, zumindest jedes Ja oder Nein, würde seine Furcht nun weiter vergrößern. Er musste sich diesen irgendwie veränderten Axler, so gut es augenblicklich ging, vom Halse halten.

Hier traut einer seiner Sprache nicht. Und dazu hat er allen Grund. Die Worte sind unbeholfen („seine Furcht vergrößern“, „dieser veränderte Axler“), und die Redundanzen dienen als Füllmaterial wie bei einem Paket, dessen Inhalt sonst lose in der Schachtel herumfahren würde.


Wohin geht die Reise dieser seltsamen Gestalten? Obwohl ich viel auszusetzen habe, ist meine Neugier geweckt. Ich blättere um und stoße auf der nächsten Seite auf eine atemberaubende Passage.

Axler beginnt, mit der freien Hand über seinen Rumpf zu tasten, mit der anderen trägt er offenbar Schockstock und Bündel.

Er fingerte sich über die breite Brust, dann über den Bauch, schob sich die Linke unter die Achsel und strich von dort langsam nach unten, gelangte auf die rechte Hüfte, griff sich, mehrmals kräftig zukneifend, auf den Oberschenkel und wechselte, nachdem er ganz kurz sein rechtes Knie gepackt hatte, auf die Schenkelinnenseite, um die Hand wieder nach oben wandern zu lassen. Schiller entging nicht, dass Axler dabei Guler und Nettler im Auge behielt. Was Axlers Linke da unternahm, war offenbar ausschließlich für ihn bestimmt.

Wollen wir das so genau wissen? Vielleicht schon, dazu müssten wir die ersten 98 Seiten kennen. Der letzte Satz könnte ein Cliffhanger sein, leider folgen nun noch neun Zeilen mit Mutmaßungen darüber, was Axlers an Schiller gerichtete Gefingere bedeuten soll oder auch nicht. Und es geistert eine weitere -ler-Figur durch den Text: der „Flaschenwandler“.

Fazit:

Ein aufdringlicher Stil. Wir spüren den Atem des Autors im Nacken, hier strengt sich einer an. Die Prosa von Georg Klein liegt am Gegenpol dessen, was Flaubert für (realistische) Prosa forderte: „Der Künstler muss in seinem Werk wie Gott in der Schöpfung sein, unsichtbar und allmächtig; man soll ihn überall spüren, ihn aber nirgends sehen.“

Angaben zum Buch
Georg Klein
Miakro
Roman
Rowohlt Verlag 2018 · 336 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3498034108
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

[1] Wir Schweizer reden übrigens ständig vom Pöschtler, Bähnler, Tööpler (=Grapscher, von Tööpe = Pfoten)


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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

10 Kommentare

  1. Jochen Schimmang 15. März 2018 um 10:39

    In Oldenburg gibt es einen Shop mit Bastelbedarf, genannt “Der Bastelkönig”. Da kölnnte Georg Klein Geschäftsführer sein.

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  2. Das kann ich mich nur dem Kommentar von Herrn Schimmang anschließen.

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  3. Ich habe den Sound des Romans in meiner
    Leseproben-Prognose so beschrieben:

    “Miakro klingt, als habe sich Martin Heidegger persönlich entschlossen in Imitation der Sprache epigonaler Autoren des mittleren 19. Jahrhunderts einen Science Fiction Roman zu verfassen.”

    Der Klappentext klingt übrigens genauso. Und wirklich zum Setting scheint das auch nicht zu passen…

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  4. Man könnte Georg Klein zu den wenigen Gegenwartsschriftstellern zählen, die Anschluss an die Moderne suchen. Moderne in dem Sinne, dass der Roman nicht die Welt unvermittelt zum Thema macht, sondern die Sprache, ohne deren Vermittlung wir nicht über die Welt verfügen. Dies ist ein explizit künstlerischer Anspruch, da alles der Form untergeordnet wird, daher auch die Genreelemente, die leichter in ein uneigentliches Spiel verwandelt werden können, als das bei gegenwartsrealistischem Material vermutlich möglich wäre. Die Frage, die sich mir bei Georg Klein immer wieder stellt, und auf die ich in der Literaturkritik noch keine Antwort gefunden habe, lautet: Handelt es sich bei Georg Klein lediglich um einen versierten Manieristen, dem es gelungen ist, im Literaturbetrieb sein Markenzeichen zu setzen? Oder um einen bedeutenden Künstler? Letzteres wäre m. E. nur dann der Fall, wenn der Leser die Chance hätte, durch Reflexion seiner spezifischen Romansprache zu deren eigentlicher Semantik durchzudringen.
    Klein wird häufig als akribischer, origineller Stilist gelobt. Parallelen zu Kafka, die auch schon angestellt wurden, gehen m. E. fehl, da Kafkas Prosa geradezu programmatisch antimanieristisch ist. Ein Georg Klein-Kritiker (Ulrich Greiner) schrieb 2004: „Ich verstehe nicht, wie man in solch getüftelten Gespreiztheiten große Sprachkunst erkennen kann.“
    Als Klein auftauchte, war ich auf seiner Seite, weil er anders war. Mittlerweile neige ich Greiner zu, es sei denn, jemand käme und bewiese …

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  5. @Jürgen Kiel: “Handelt es sich bei Georg Klein lediglich um einen versierten Manieristen, dem es gelungen ist, im Literaturbetrieb sein Markenzeichen zu setzen? Oder um einen bedeutenden Künstler?” Das ist in der Tat die entscheidende Frage. Es gibt die Tendenz, einen Künstler für einen brillanten Stilisten (Stilisten sind immer brillant…) zu halten, allein deshalb, weil er die Sprache zum Thema macht. Doch das kann man eben auch wieder auf belanglose oder bedeutende Weise tun, und das Urteil darüber ist die eigentliche Aufgabe jeder Literaturkritik, die diesen Namen verdient.
    Vielleicht liegt es an der Ausbildung von Literaturwissenschaftlern. In meinem Literaturkritikseminar an der FU erlebe ich immer wieder, dass ein Student in seiner Rezension einen Satz zitiert, bei dem alle Alarmglocken bimmeln müssten. Doch das Zitat dient dann nur der eleganten Inhaltsangabe, kein Wort über den Stil Wenn ich darauf hinweise, dass der Satz vom Alltagsdeutschen abweiche, dann ist das dem betreffenden Studenten natürlich auch aufgefallen. Nur weiß er nicht: “Ist das jetzt genial, oder ist es Mist?” Im Literaturstudium lernt man zwar das virtuose Interpretieren und Analysieren von Texten, die zumeist dem Kanon entstammen, also den Test der Zeit bestanden haben. Für das Beurteilen von frischer Ware bekommt man an der Uni keine Handhabe.
    Ich zweifle weder an den guten Absichten von Georg Klein noch an Fleiß und Akribie. Nur hat das in der Kunst nichts zu besagen. Damit kann man auch Kunstgewerbliches herstellen (worum es sich m. E. hier handelt). Wie sagte Adorno: “Man merkt die Absicht und ist verstimmt.” Kunst entsteht nicht durch den Willen zur Kunst, sondern durch alchemistische Vorgänge, die wohl niemand wirklich durchschaut (das ginge auch nicht, sobald es aufzuschlüsseln wäre, wäre es zu begrenzt).
    Mit anderen Worten: “Stil ist, wenn man’s nicht merkt.” (Felicitas Hoppe)

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    1. Jürgen Theobaldy 2. April 2018 um 21:39

      Meinen Sie im Ernst, das Zitat von der Absicht, die verstimmt, wenn man sie bemerkt, sei von Adorno? Dann sollten Sie in Ihrem Seminar mal die alte Ware “Torquato Tasso” von Goethe lesen (lassen). Und “Stil ist, wenn man’s nicht merkt”? Also nichts gegen Felicitas Hoppe, aber Stil ist das erste, was man merkt – und weshalb man weiterlesen will oder nicht; da braucht’s keinen Blick auf die Seite 99.

    2. Vielen Dank, Jürgen Theobaldy, für Ihren Einspruch! Das kommt davon, wenn man Zitate nicht nachprüft, Asche auf mein Haupt. Immerhin weiß ich jetzt, wie die Verwechslung zustande kam (Gedächtnispannen sind ja nie zufällig). Ich hatte dabei an die “freundliche Anpassung ans Gewünschte” gedacht, und ich hoffe jetzt einfach, dass das tatsächlich von Adorno stammt. Ich habe es vor Jahren aufgeschnappt, allerdings aus einer verlässlichen Quelle…

  6. Klarer Fall von Bewusstseinstrübung durch Altfischvergiftung.

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  7. Keine Ahnung, ich bin kein Literaturkritiker, dennoch habe ich dieses “seltsame” Buch verschlungen. Wahrscheinlich, weil ich ein Büromensch bin. Seltsam gekünstelt und manieristisch sind bei genauer Betrachtung die ganzen Zwänge und “guten Gepflogenheiten” des menschlichen(?) Büroalltags, das künstliche Korsett, d h. eigentlich die Abkehr vom Menschlichen…dass seltsam gekünstelt wirkende Sätze, den Inhalt mit Nachdruck verstärken…schonmal in Besprechungen in einem Großkonzern teilgenommen? Inhaltsleere Floskeln…aber cool und intelligent müssen sie klingen? Für mich hat sein Buch funktioniert, wenn es mich auch ratlos hinterlassen hat…übrigens Bob Ross zeichnet auch nicht nur mit Bleistift rohe Formen, nein er nimmt Titanium White und Prussian Blue auf seine Palette, um “Farbe” in das was er ausdrücken will zu legen…er endet auch nicht damit, nur einen Busch zu malen (Redundanzen!), sondern er malt viele, sehr viele und er erklärt auch jeden Busch, jeden einzelnen “It’s up to you”…Bob Ross mag man nicht für einen Künstler halten, aber seine “Kunst” besteht nicht nur aus dem Ergebnis, dem reinen, vermittelten Inhalt…es ist seine Person, sein Erklären, sein Sprachduktus, seine Farbwahl, seine Person an sich. Bei dieser Art bleibt auch mehr erhalten, da viele Sinne/Ebenen (Anker?) angesprochen werden…wie auch immer…nur mein 2 cents.

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    1. Eine interessante These: Dann wäre das Buch so künstlich wie der Büroalltag? Die “Abkehr vom Menschlichen” als literarisches Projekt? Am liebsten würde ich das jetzt gleich am ganzen Roman nachprüfen. Leider fehlt mir im Moment aufgrund von 1001 Dringlichkeit die Zeit dazu – vielleicht gibt es weitere Stimmen von Lesern, die den Page-99-Test am Gesamttext testen können? Würde mich freuen!

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