Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio wundert sich über „die seltsame Reihenfolge der Dinge“. Mit diesem einfachen Gedanken beginnt sein Buch über die Entstehung der Gefühle. Drei Milliarden Jahre lang hat sich auf der Erde Leben ohne ein Nervensystem ausgebildet. Dennoch haben sich Verhaltens- und Reaktionsmuster entwickelt, die man als „kulturell“ verstehen kann. Hierzu zählt Damasio etwa die Reaktionen eines Lebewesens auf Umweltveränderungen oder das Zusammenarbeiten einzelner Organismen, bis hin zum Austausch von überlebenswichtigen Informationen, wie es bereits bei Bakterien zu beobachten ist. Neben der Energieaufnahme müssen Stoffkonzentrationen und Temperatur innerhalb der Zelle reguliert sein, es muss ein Fließgleichgewicht zwischen dem inneren und äußeren Milieu herrschen, sonst droht der Zelltod. Dieses Phänomen nennt man Homöostase: „Aufrechterhaltung“.

Ein biologisches Thermostat

Man kann die Homöostase als die übergeordnete Regulation des inneren Milieus in einem Lebewesen beschreiben. Um eine Veränderung in diesem Fließgleichgewicht zu registrieren, müssen Lebewesen ein Sensorium entwickeln und zugleich einen Schalter, der auf die registrierten Veränderungen reagiert. Gewissermaßen ein biologisches Thermostat. Obwohl die Verhaltensmuster, die sich auf diese Weise rein biologisch entwickelt haben, uns an Kultur denken lassen, weiß Damasio natürlich:

Einzeller betreiben keine Phänomenologie.

Zur Ausprägung einer Kultur braucht es dann doch ein zentrales Nervensystem. Allerdings hängt auch die Entwicklung des zentralen Nervensystems aufs engste mit der Notwendigkeit zur Regulierung des Organismus zusammen. Die erste Stufe besteht in einem bloßen Sensorium, das Milieuverschiebungen aufspürt und diese Signale mit Hilfe elektrischer Impulse weiter meldet. Daraus entwickelt sich ein Signalsystem, das über Botenstoffe Einfluss auf das Milieu der Umgebung nimmt. Diese entwicklungsgeschichtlich älteste Form des Nervensystems haben wir immer noch in uns: Das vegetative Nervensystem reguliert unter anderem Herzschlag, Atmung, Hungergefühl und Verdauung. Da es quasi autonom arbeitet und nur schwer willentlich zu beeinflussen ist, nennt man es auch das autonome Nervensystem.

Wohlbefinden – das Schweigen der Organe

Dass wir die Signale dieses Systems überhaupt bewusst wahrnehmen können, verdanken wir der nächsten Stufe, dem zentralen Nervensystem. Wir spüren unser Wohlbefinden – oder sein Fehlen. In dieser Phase der Evolution entsteht nun etwas, was man als Gefühl bezeichnen kann. Damasio zufolge sind Gefühle die Homöostase des Bewusstseins. Wenn wir etwas empfinden, beobachten wir unser inneres Sensorium zugleich bei der Arbeit. Das heißt, wir haben nicht nur ein Bild unserer Außenwelt, sondern auch unseres Inneren.

Ist die Homöostase gestört, fühlen wir uns unwohl. Das Gefühl des Unwohlseins wiederum bewirkt, dass wir nach Möglichkeiten der Heilung oder Linderung suchen. Am Beginn unserer Kultur stand das Streben nach dem Wohlbefinden, die Homöostase. Das ist Damasios Kernthese.

Dementsprechend ist die Medizin für ihn „eine unserer wichtigsten kulturellen Errungenschaften“:

Die Medizin begann keineswegs als intellektueller Zeitvertreib, mit dem man die eigene Klugheit an einem diagnostischen Rätsel oder einem physiologischen Mysterium trainieren wollte. Sie erwuchs vielmehr als Konsequenz aus ganz bestimmten Gefühlen der Patienten und Gefühlen der ersten Ärzte, nicht zuletzt aus dem Mitgefühl, das aus Empathie geboren wird.

Damasio betrachtet also das Streben nach dem „Schweigen der Organe“ (so Novalis‘ Definition des Wohlbefindens), nach der eigenen und der fremden Homöostase, als Wiege der Kultur. Radikal weitergedacht, könnte man das Bewusstsein sogar als Nebenprodukt des homöostaseregulierenden Nervensystems ansehen.

Das Nervensystem wäre demnach nur der Diener der Homöostase, und das zentrale Nervensystem als Hervorbringer der Kultur wäre lediglich zufälliges Beiwerk. So weit allerdings geht Damasio nicht. Vielmehr erteilt er einem anderen ebenso radikalen Bild eine klare Absage: der Vorstellung vom zentralen Nervensystem als algorithmengenerierender Maschine, wie sie etwa im Silicon Valley populär ist. In diesem Bild komme die Homöostase und somit die innere und äußere Abbildung der Welt nicht vor, so seine Kritik.

Von der Biologie zur Gesellschaft

Die Homöostaseregulierung erscheint als entscheidende Verbindung von Leib und Seele, zugleich führt Damasio sie als Argument gegen die Gleichsetzung von Computern mit menschlichen Gehirnen ins Feld. Das ist ein anregender Gedanke, doch leider wird er nicht systematisch entwickelt. Das Buch schneidet Themen an und verlässt sie wieder, es springt ständig hin und her. Das Herausfiltern der Gedanken beim Lesen ist Schwerarbeit. Dies liegt auch an der Redundanz: Der Stoff ließe sich in einem 50 bis 60-seitigen Wissenschaftsessay darstellen, doch wir sind schon auf Seite 200, und es geht noch einmal 120 Seiten weiter.

Hier wendet Damasio sich den derzeit diskutierten gesellschaftlichen Vorgängen zu, vom Populismus über die Digitalisierung bis hin zur Migration. Dieser letzte Teil hat mit der vorhergehenden Argumentation kaum etwas zu tun, er wirkt wie angeklebt – einmal abgesehen davon, dass, wer gesellschaftliche Konflikte mit biologischen Metaphern beschreibt, sich auf heikles Terrain begibt. Immerhin erkennt Damasio, dass eine solche Übertragung von der Biologie auf die Gesellschaft nicht unproblematisch ist:

Überlässt man die kulturellen Organismen sich selbst […], scheinen sie nicht zusammenzufinden.

Zwischen gesellschaftlichen Gruppen pegelt sich also nicht automatisch eine Homöostase ein. Warum das so ist, darüber erfährt man bei Damasio allerdings nichts. Robert Sapolsky hat sich genau darüber in seinem jüngsten Buch Gedanken gemacht: Wo berühren sich die Biologie des Verhaltens und die Gewalt? Damasio möchte dies mit „seiner“ Homöostase erklären – und wird dabei inkonsistent. Die Welt kann eben doch nicht nur aus einem einzigen Phänomen heraus erklärt werden.

Angaben zum Buch
Antonio Damasio
Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Siedler Verlag 2017 · 320 Seiten · 26 Euro
ISBN: 978-3827500458
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis:
Einzeller
Lizenz: CC Public Domain
via pxhere

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Von Herwig Finkeldey

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