Bei manchen Büchern wünscht man sich, dass sie nie zu Ende gehen. Normalerweise passiert das bei Romanen, selten bei Fachbüchern. Falke von Helen Macdonald ist so ein Buch – es handelt von einer Vogelart, doch es liest sich wie ein Roman. Darauf verweist auch der Untertitel „Biographie eines Räubers“.

Die Natur als Spiegel

Der Held dieses Romans ist der Falke, es geht um unsere Beziehung zu diesem Greifvogel. Helen Macdonald ist Lyrikerin, Autorin und Historikerin, und schon als Kind hat sie die Falknerei geliebt. Das Buch beschäftigt sich mit der Anatomie und Physiologie des Falken, seinen Jagdstrategien und seiner Flugmechanik, und zudem wird klar, dass wir es hier mit einer Kulturgeschichte der Falknerei zu tun haben. Im Vorwort lässt die Autorin uns wissen:

Im Grunde […] handelt dieses Buch […] davon, dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen. Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen.

Diese Worte sind ein Geständnis.

Das ist die Falle, in die ich unbewusst beim Abrichten meines Habichts getappt bin, obwohl ich dieses Buch damals bereits geschrieben hatte. Daran sieht man, wie schwer es ist, ihr zu entgehen.

Wie kann man das Leben meistern?

In dem bereits 2015 auf Deutsch erschienenen Buch H wie Habicht erzählt Macdonald von ihrem Versuch, einen weiblichen Habicht abzurichten. Ein Unternehmen, das gleichsam eine Trauerarbeit nach dem Tod ihres Vaters sein sollte.

Irgendetwas tief in mir drin versuchte, sich neu zu erschaffen, und das Vorbild dafür saß vor mir, auf meiner Faust. Der Habicht war all das, was ich sein wollte: ein Einzelgänger, selbstbeherrscht, frei von Trauer und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens. Allmählich verwandelte ich mich in einen Habicht.

Die Beziehung zwischen der Autorin und Mabel, so der Name des Habichts, bewegt sich jenseits der Falknerei. Wie kann man das Leben meistern? Das ist das eigentliche Thema: Es geht „um das Unzähmbare in uns selbst“, so die Autorin in einem Interview.

Gefährliche Erhabenheit

Nach dem Erfolg von H wie Habicht ist im vergangenen Jahr nun auch das ältere Buch Falke in deutscher Übersetzung erschienen. Auch in Falke erzählt Macdonald von der Beziehung des Menschen zu dem Raubvogel.

Falken sind die schnellsten Tiere, die es je auf der Welt gegeben hat. Sie erregen uns, sie scheinen allen anderen Vögeln überlegen und strahlen eine gefährliche, natürliche Erhabenheit aus. […] Die unverkennbare Gestalt des breitschultrigen Falken, der still auf einem toten Baum oder einer Felsnase sitzt, zieht unseren Blick magnetisch an: Im Flug wiederum hat der Falke eine Kraft und Leichtigkeit, die mit dem sensiblen Betrachter seltsame Dinge anstellt.

Warum können wir uns in Gegenwart von Falken „einfach eingestehen, dass wir zweitklassige Wesen sind“? Woher kommt die „unerwartete Religiosität“ von manchen Falknern? Macdonald verweist auf die Kraft und Schnelligkeit des Falken. Doch es seien nicht allein die Eigenschaften des Raubvogels selbst, die uns faszinierten, so Macdonald. Der Falke sei so oft zur „Naturalisierung“ verschiedenartigster Konzepte in Dienst genommen worden, dass man kaum mehr sagen könne, „wo der Vogel aufhört und das Symbol beginnt“. So erfahren wir, dass der Falke als Tiertotem sowohl für die antiken Krieger und die Jäger der Bronzezeit als auch für die nordamerikanischen Footballs-Teams und Autoproduzenten stehen kann.

Einsatz in der US-Armee

Als in den 60er Jahren Wanderfalken in Nordamerika vom Aussterben bedroht waren, engagierten sich Tausende Menschen für ihre Rettung. Dass sich an der Finanzierung auch die Armee beteiligte, ist kein Zufall: Im Zweiten Weltkrieg wurden Falken dazu abgerichtet, Brieftauben der feindlichen Armee zu töten, überdies ist der Falke das Maskottchen der U.S. Air Force Academy. Die Feder eines dieser Glücksbringer, die des Präriefalken Hungry, wurde im Juli 1971 auf den Mond gebracht, um mit ihr Galileis Fallgesetz zu beweisen.

Helen Macdonalds Buch ist so informativ wie leidenschaftlich. Sie sieht die Falken als Verkörperung von Kraft, Wildheit, Unabhängigkeit und Freiheit. In diesem Sinn ist dieser Greifvogel Bote „einer tieferen, beständigeren Wirklichkeit“.

Angaben zum Buch
Helen Macdonald
Falke
Biographie eines Räubers · Aus dem Englischen von Frank Sievers
C.H.Beck 2017 · 240 Seiten · 19,95 Euro
ISBN: 978-3-406-70574-8
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Angaben zum Buch
Helen Macdonald
H wie Habicht
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Allegria 2015 · 416 Seiten · 20 Euro
ISBN: 978-3-793-42298-3
Bei Amazon,

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Bildnachweis
Beitragsbild: Robert Kostenwein (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 at], via Wikimedia Commons
Buchcover: C.H.Beck (Falke), Allegria/Ullstein (H wie Habicht)

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Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

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