Andor Endre Gelléri muss ein überaus freundlicher Mensch gewesen sein. Seine Erzählungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind jedenfalls von einer zärtlichen Zuwendung zu denen geprägt, die am Rande des Existenzminimums leben und nicht selten auch darunter. Wenn diese Menschen aus den elenden Vorstädten Budapests noch Arbeit haben, dann ist sie schlecht bezahlt. Meist aber sind sie arbeitslos und bleiben es. Manche betteln, ohne viel Erfolg. Bauen sie sich ein Heim aus Müll, wird es von den Landbesitzern herzlos zerstört. Die Vermögenden lassen aus Angst vor einem Aufstand auch Todesurteile gegen aufmüpfige Arme verhängen. Gelléri verleiht den traurigen Schicksalen Farbe und Geruch, Individualität und Würde, und siehe da: Eintönig ist Armut nicht, abstoßend sowieso nicht.

31 Erzählungen enthält der schön und schlicht gestaltete Band Stromern, und beinahe alle variieren das Thema Arbeit. Meist fehlt sie. Die Geschichte „Bei den Lieferern“ beginnt mit den Worten: „Ich war ohne Arbeit“, weshalb der Erzähler seit sechs „bitteren“ Wochen „brotlos“ ist. So schwach ist er, dass die Packer, bei denen er endlich als Aushilfe arbeiten kann, ihm erst einmal etwas zu essen geben. Sonst ließe er die schwere Last fallen, so fürchten sie.

Das Leben der Ärmsten

Andor Endre Gelléri kannte sich aus in dieser Welt: Der Sohn einer jüdischen Arbeiterfamilie, geboren 1906 im dörflichen Zentrum Alt-Buda der ungarischen Hauptstadt, konnte Zeit seines Lebens nicht vom Schreiben leben. Zwar verkauften sich seine Erzählungsbände gut, und 1934 wurde ihm der angesehene Baumgartner-Preis zugesprochen. Doch um die vierköpfige Familie durchzubringen, musste Gelléri in Schlossereien, Wäschereien, als Fuhrmann und technischer Zeichner schuften. Mit dem Rechtsruck im Ungarn der Zwanziger- und Dreißigerjahre gerieten er und seine Familie in Gefahr. 1938 schränkte Reichsverweser Mikloś Horthy die Rechte der Juden ein, 1941 wurde die Zeitschrift „Nyugat“ eingestellt, in der viele von Gelléris Erzählungen erschienen waren. Seit jenem Jahr musste er in Ungarn Zwangsarbeit verrichten. Noch 1945 trieben ihn die Nazis auf einen Todesmarsch nach Mauthausen. Nach der Befreiung des KZ starb Andor Endre Gelléri Mitte Mai an Flecktyphus in einem US-Militärspital.

Seine größten literarischen Erfolge hatte Gelléri nach der Weltwirtschaftskrise 1929: Eindrücklich beschreibt er in seinen Erzählungen deren Auswirkungen auf das Leben der Ärmsten. György Dalos weist im Nachwort zu Recht auf die Nähe der Geschichten zu Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? hin. Anders als Fallada gelingt es Gelléri jedoch nicht, einen größeren Handlungsstrang zu entwickeln. Seine Erzählungen sind meist vier bis acht Seiten lang; auch sein Roman Die Großwäscherei, vor drei Jahren ebenfalls von Timea Tankó in ein unsentimentales, warmes Deutsch übersetzt, besteht aus solchen kurzen Texten. Ihr Gestus ist freundlich zugewandt und ungekünstelt direkt: „Jetzt will ich von der Hinrichtung der beiden Ukrainer berichten, so wie sie sich zugetragen hat“, beginnt die Erzählung „Hinrichtung der Ukrainer“. Gelléri leiht den Armen eine Stimme, seine Erzähler gehören fast durchweg zu ihnen. Manchmal hat es den Anschein, als ob Gelléri die Geschichten aus dem ostjüdischen Schtetl nun in den Randbezirken der ungarischen Metropole findet. Damit stünden die Geschichten auch für die Assimilation der magyarischen Juden, denn der religiöse Hintergrund wird durch den sozialen ersetzt.

Ein feenhafter Realist

Nur berichtend erzählt Gelléri freilich nicht von der „Hinrichtung der Ukrainer“ oder anderen Ereignissen. Im Keller eines Schneiders verwandelt

sich das Elend in eine Katze […], die man streichelte, mit der man spielte.

Die Reserve gegenüber einem seltsamen Verwandten lässt das Begrüßungslächeln „wie Speiseeis“ ausfallen. Ein Junge, soeben mit einem schlechten Zeugnis aus der Schule heimgekehrt, liegt nach dem Geständnis gegenüber dem Vater

mit halbgeschlossenen Augen in der feuchten Wolke der abendlichen Dunkelheit.

Und als sich der Bettler Hele verzweifelt vor ein Auto wirft, stößt die

Bremse […] einen schrecklichen Schrei aus und will das Auto anhalten, doch dieses rollt noch weiter, unter ihm brechen schwere menschliche Schmerzenslaute hervor.

Ein anrührender Ton

Einen „feenhaften Realisten“ hat der berühmte Kollege Dezső Kosztolányi Gelléri genannt, und tatsächlich sind die Erzählungen gewirkt aus präzis beobachtetem Elend und einem manchmal märchenhaften Ton. Dieser Ton verleiht den Figuren Würde, ohne etwas zu beschönigen oder gar Rettung zu verheißen. Wenn die Menschen gar zu einsam werden, lässt Gelléri manchmal Dinge, eine Autobremse etwa, sprechen und Bäume „schlottern“. Es ist ein seltener, ferner und anrührender Ton in dieser Prosa. Allerdings erklingt er auf allen 250 Seiten von Stromern, so dass man den Band besser nicht in einem Zug durchliest.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Budapest: Obstmarkt an der Donau.
Atelier Lévy & ses fils, Paris, um 1900.
Österreichische Nationalbibliothek (gemeinfrei)

Andor Endre Gelléri
Stromern
Erzählungen
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Mit einem Nachwort von Györgi Dalos
Guggolz Verlag 2018 · 272 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3-945370-18-6

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Von Jörg Plath

Jörg Plath ist Kritiker und Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. (Foto: © Fotostudio gezett)

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