Ein halbes Jahr ist vergangen, in dem so viel geschehen ist, in dem wir uns so rasant verändert haben und doch dieselben blieben. Wir haben uns nicht an Träumen, nicht an der Zeit gemessen, sondern nur an der Vermessenheit einer Clique von übergeschnappten Greisen.

Radjo Monk, 21. März 1990

Nicht nur aus aktuellem Anlass seien zwei ältere, wieder zu entdeckende Wendetagebücher empfohlen: Das Tagebuch des Leipzigers Radjo Monk (i.e. Christian Heckel) Blende 89 (2006) sowie Thomas Rosenlöchers Die verkauften Pflastersteine – Dresdner Tagebuch (1990). Beide Tagebücher ergänzen und bestätigen sich gegenseitig, und doch widersprechen sie einander subtil. Denn ihre Verfasser haben unterschiedliche DDR-Leben gelebt. Radjo Monk war als Oppositioneller in der Leipziger Liederszene aktiv, veröffentlichte in inoffiziellen Zeitschriften, wurde mehrmals verhaftet und von der Stasi observiert, wie seine dicke Akte zeigt. Thomas Rosenlöcher dagegen war SED-Mitglied, von 1976 bis 1979 Student am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher, kein Staatsdichter, sondern einer aus der großen Riege talentierter DDR-Lyriker, desillusioniert und angepasst zugleich: 1976 unterzeichnete er die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, wenn auch mit schlechtem Gewissen, wie er im Tagebuch glaubhaft darstellt und selbstkritisch reflektiert.

Täter, die auch Opfer waren

Beide Autoren, auch Rosenlöcher, befürworten natürlich die Demonstrationen im Herbst 1989, an denen sie selbst auch teilnehmen, sie hoffen auf Reformen, auf Demokratie. Beide sind skeptisch über die von der Krenz-SED hurtig für sich reklamierte “Wende“.

Das gute alte Kaderwelsch zur Kirchentonart mutiert,

schreibt Rosenlöcher am 18. Oktober 1989 über die erste Rede von Egon Krenz. Monk schreibt am 24. Oktober:

Sie spielen nach wie vor mit der Macht und mit dem Volk Blindekuh.

Beide Autoren berichten empört von Misshandlungen (die friedliche Revolution war mitnichten friedlich; dass es keine Toten gab, ein Wunder), ihre Schilderungen sind quasi austauschbar:

Die Polizisten schlagen noch auf ihn ein, als er schon am Boden liegt. Dann wird er auf den LKW geschleift.

So Rosenlöcher in Dresden, 6. Oktober 1989. Bei Monk finden sich nahezu identische Passagen. Beide berichten immer wieder, fast wie Wasserstandsmeldungen, die Zahl derjenigen, die ‚heute‘ wieder ‚rübergemacht‘ haben. Und natürlich: Stasi, Stasi, Stasi, eines der wichtigsten Themen damals. „Stasi in die Produktion“, beide dokumentieren aufmerksam diesen Demo-Slogan, den man im Wendeherbst allerorten hören konnte. Interessant, dass Rosenlöcher und Monk auch den Fall Schnur ähnlich bewerten (Wolfgang Schnur, scheinbar Dissident und Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, war kurz vor der Volkskammerwahl im März 1990 als IM enttarnt worden). „Eigentlich“, so Rosenlöcher am 13. März 1990, „ist es Judas, der die Schuld der Anderen auf sich nimmt“. Und Monk, unter gleichem Datum ähnlich milde: Schnur, der ja in einem DDR-Waisenhaus aufgewachsen war, sei „wie so viele Täter und Opfer in einem“.

Die Geschäftler aus dem Westen

Was mich historisch am meisten berührt und was beide Tagebücher so authentisch macht, ist das wilde Hin und Her der Ideen, die auftauchen, um sich schnell wieder zu verflüchtigen: Sozialismus, dritter Weg, die Warnung vor einem Ausverkauf der DDR. Und die wilden Gerüchte, an denen es in revolutionären Zeiten nie mangelt. Honecker soll, Mielke soll, die Stasi soll, die Leute sollen… 

Realistisch war der dritte Weg nicht: Bald schon nehmen Monk und Rosenlöcher, kritischen Sinnes, den Spin in Richtung Wiedervereinigung und vor allem in Richtung Kapitalismus wahr. Bereits im Dezember spricht Rosenlöcher vom „Häuflein der Vereinigungsgegner“, die auf den Demonstrationen gegen ‚Deutschland einig Vaterland‘ nicht mehr den Hauch einer Chance hätten (6. Dezember 1989). Und Monk sieht: „Vor dem Hotel die gepflegten Limousinen der Geschäftler aus dem Westen.“ (21. Februar 1990 über einen Besuch in Dresden) Die schnelle Transformation von der Forderung nach einem demokratischen Sozialismus – man denke an Christa Wolfs Aufruf „Für unser Land“, auch an Rosenlöchers titelgebende Kolumne über die verkauften Pflastersteine – bis hin zum ‚Anschluss‘ und die D-Mark um jeden Preis: Der erdrutschartige Sieg der Allianz hat damals viele bestürzt, die der DDR zumindest Zeit geben wollten. Im März 1990, kurz vor der Volkskammerwahl, schreibt der ein zweites Mal resignierte Rosenlöcher:

Sie [die DDR-Bürger] kommen bei sich selbst an, wenn sie nun wählen werden, was sie eigentlich immer schon wollten, den Westen im Osten, oder, wie ich vor Karlis Bierbude sagen hörte: ‚Ni mehr minderwertsch sein‘.

Verlierersprache

„Ni mehr minderwertsch sein“ – das war die Grundstimmung damals im Osten, das berechtigte Gefühl, betrogen worden zu sein und die Angst, das Leben könne einem weiterhin versagt werden. Denn natürlich hat die ganze DDR immer gewusst, dass allein sie die Kriegszeche bezahlt hat (die BRD hat das übrigens auch immer gewusst!). Drei Länder haben ja bekanntlich, nach einem bitteren englischen Witz, den Heiner Müller gern erzählte, den zweiten Weltkrieg gewonnen: die USA, Westdeutschland und Japan. Hier formierten sich jene Verwerfungen, mit denen die deutsche Gesellschaft bis heute nicht klarkommt. Das wird sich auch nicht ändern, solange Sächsisch „Verlierersprache“ bleibt, wie es in einem witzigen Aufsatz Rosenlöchers heißt.

Übrigens berichten beide Tagebuchschreiber – wiederum fast identisch – auch über erste Versuche westdeutscher Geschäftemacher, Ostdeutsche über den Tisch zu ziehen. Radjo Monk und Edith Tar sind im März 1990 auf einer Party eingeladen; Mit dabei sind westdeutsche Geschäftsleute, von denen sich die Gastgeber offenbar eine Zukunftsperspektive erhoffen und die sich unmöglich aufführen. Monk zitiert das Resümee seiner Freundin: „Jetzt weiß ich, wie schnell und leicht die uns in den Sack stecken, sie machen das total sauber, wir haben keine Chance.“ Und natürlich berichten beide auch von ersten Erscheinungen von Nazigewalt: „Ausländer seien gejagt worden“, so hat Rosenlöcher gehört, wie er in einer Notiz vom 15. März 1990 notiert.

Spannend sind in den beiden Tagebüchern auch die Schilderungen des Alltags in diesen Tagen der Wende. Das alte Lied: Um die Ecke vollzieht sich Weltgeschichte, aber an Monks Wagen geht der Zylinderkopf kaputt und bei Rosenlöchers regnet es durch. Und doppelt spannend, was diese zwei hellwachen, ständig beobachtenden Zeitgenossen verpassen: Erst nach Tagen hört Rosenlöcher von den Gewaltexzessen am Dresdner Hauptbahnhof, wo Hunderte von DDR-Bürgern die Züge nach Prag hatten stürmen wollen. Monk wiederum verpasst die erste größere Leipziger Demo und muss sich berichten lassen.

Dissident und SED-Genosse

Zugleich tut sich zwischen den beiden Tagebüchern ein Spalt auf. Monk notiert am 21. Oktober 1989:

Ich fühle mich nicht gesprächsbereit im Sinne der jetzt überall beschworenen Gesprächsbereitschaft […], ich misstraue auch jenen, die sich jetzt anklagen.

Und, sehr deutlich, am 22. Oktober 1989:

Ich wurde vergewaltigt, und das vergisst man nicht.

Rosenlöcher, offenkundig zerknirscht und nicht mit sich im Reinen, spricht im Hinblick auf seine DDR-Jahre von seiner „ohnmächtigen Verzweiflung, bei gleichzeitiger Bereitschaft, mich einzurichten im Verfall“. Sehr ehrlich berichtet er, schon in der Rückschau, von einem Anwerbeversuch der Stasi. Er, der so schwer Nein sagen kann, lässt sich, ohne dass er direkt bereit wäre zu spitzeln, unverbindlich auf ein Gespräch ein. Erst Birgit Rosenlöcher rettet die Situation: Käme die Stasi noch einmal ins Haus, reiche sie die Scheidung ein. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven – der verhaftete, bespitzelte Dissident und der lange Zeit nur heimlich nörgelnde, halb kritische, halb resignierte SED-Genosse – machen die Parallellektüre so spannend.

Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger

Eine wirklich zufällige Koinzidenz sei noch erwähnt, an ihr zeigen sich die unterschiedlichen Perspektiven besonders klar: Beide waren während der Wende wegen lange vorher vereinbarter Termine für einige Tage im Westen: Rosenlöcher hatte am 11. November eine Lesung in Freiburg, Monk war im November 1989 im Saarland, wo er und Edith Tar Oskar Lafontaine kennenlernten, dem sie gleich einen Fotokopierer fürs Neue Forum abschwatzten. Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger bereichert beide Tagebücher enorm. Dabei erweist sich – es ist wohl kein Zufall – Rosenlöcher als deutlich ‚westkritischer‘: Der „Westspießer“ sei noch unangenehmer als der aus dem Osten. Am 22. November 1989 notiert Rosenlöcher in Stuttgart:

Es schadet dem Charakter, einer der reichsten Männer der Welt zu sein.

Auch Monk erlebt die schnell einsetzende Reserviertheit der Westdeutschen, urteilt aber anders: Er spricht kurz nach dem Mauerfall mit einigen West-Berlinern über „die Invasion aus dem Osten“ und äußert, in einer Notiz vom 16. November 1989, Verständnis für ihre Reserviertheit:

Angesichts der Bananenfresser vor Supermärkten hatte ich Mühe, meinen Landsleuten Verständnis entgegenzubringen, ihr Benehmen war einfach peinlich.

Später im Jahr 1990 „meidet“ Monk sogar, wenn er in Berlin ist „den Ostteil indirekt“, wie er am 2. Oktober notiert.

Rosenlöchers Tagebuch endet mit der Volkskammerwahl am 18. März 1990, bei der er übrigens Wahlhelfer war, Monks Tagebuch ein halbes Jahr später mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Beide bieten literarisch wie dokumentarisch faszinierende Einblicke in die Wendezeit.

Beitragsbild: Hartmut Finkeldey
(Buchcover Wolle/Mitter: Befehle und Lageberichte des MfS)

Angaben zu den Büchern

Thomas Rosenlöcher
Die verkauften Pflastersteine
Dresdner Tagebuch
Suhrkamp Verlag 2009 · 115 Seiten · 7 Euro
ISBN: 978-3518116357

Radjo Monk
Blende 89
Edition Büchergilde 2005 · 287 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 978-3936428469


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Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

Ein Kommentar

  1. Wolfgang Stauch 20. November 2019 um 17:21

    Interessant wären in solchem Zusammenhang die Tagebuchaufzeichnungen von Angela Merkel und Joachim Gauck.

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