Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger lernten sich 1955 bei einem Treffen der Gruppe 47 kennen. Sie war 29, er 26 Jahre alt. Sie war schon als Dichterin berühmt, er hatte noch viele Wege offen vor sich. Ihr Briefwechsel beginnt 1957. Schon in seinem ersten Brief schlägt Enzensberger ein gemeinsames Buch vor:

wir sollten einmal, das wäre erheiternd, zusammen ein buch machen, ein buch das fliegen kann. eine montgolfière. zur widerlegung des raketenzeitalters, aber nicht nur dazu. sondern auch aus daffke.

Ein Buch wie eine Montgolfière, ein Heißluftballon, und zwar „aus Daffke”, berlinisch für „aus Trotz, nun gerade, nur zum Spaß“, ein Wort aus dem Jiddischen. In nur drei Zeilen erschafft Hans Magnus Enzensberger eine ganze Welt von versteckten Bedeutungen und Hinweisen. Die beiden duzen einander noch nicht, aber die Wortspiele dieser ersten Briefe zeigen Komplizenschaft und Leichtigkeit. Man sollte ein Buch zusammen „machen“, nicht schreiben. Schreiben ist etwas Ernstes, etwas Gezieltes, Machen hingegen kann vieles bedeuten. Deswegen kann das Buch fliegen wie eine Montgolfière „zur widerlegung des raketenzeitalters“, außerhalb der Zeit. Diese leichte und scherzhafte Art und Weise der Kommunikation ist charakteristisch für Enzensbergers Briefe.

Ein Brief-Gedicht auf Italienisch

Schon bei diesem ersten Brief scheint es zwischen den beiden zu knistern. 1959, nachdem sie zusammen von der Schweiz nach Rom gefahren sind und Ingeborg Bachmann ein paar Tage bei den Enzensbergers in der Nähe von Rom gewohnt hat, schreibt er ihr ein Brief-Gedicht auf Italienisch.

OriginalÜbersetzung

chissà dove comincia dove finisce il tempo,
chissà perchè chissà si ! chissà no ! la felicità
torrefazione dei cervelli luglio isola mare blu
lerici vicino lerici lontano
chissà
io
e magari
tu
felicità imperativo
chissà se categorico si ! o no !
tu, si!
io, magari chissà? sisisi
ti ricordai ? mi chiamo m

wer weiß wo sie beginnt wo sie endet die zeit,
wer weiß warum wer weiß ja! wer weiß nein! das glücklichsein
die hirne rösten juli insel blaues meer
lerici nahe lerici fern
wer weiß
ich
und vielleicht
du
glücklichsein der imperativ
wer weiß ob kategorisch ja! oder nein!
du, ja!
ich, mag sein wer weiß jajaja
du hast dich erinnert? ich heiße m.

Übersetzung: Hubert Lengnauer

Wie der Herausgeber Hubert Lengauer im Nachwort erklärt, hat er Hans Magnus Enzensberger zu diesem Gedicht befragt:

In einem Telefonat (…) meinte Enzensberger, darauf angesprochen, es habe sich wohl um ein Dichtertreffen in Lerici gehandelt. Oder verschweigt er nur das Wesentliche? Möglich. Durchaus.“

Enzensberger weicht aus, er möchte nicht darüber sprechen. Der Herausgeber des Briefbands gibt sich offenbar damit zufrieden. Er konstatiert:

Der Briefwechsel bringt manches an den Tag, anderes bleibt notwendig im Dunkeln und muss nicht mit Spekulationen durchstochert werden.

So bleibt der Leser mit seinen Spekulationen allein, und das gilt selbst dann, wenn die Briefe unverständliche Hinweisen enthalten oder gar in einer Geheimsprache abgefasst sind.

Der gefangene Tasso

Am 10. August 1959 schreibt Ingeborg Bachmann:

Am letzten Tag, dem Nachmittag in Rom, habe ich Dir gezeigt, wo Tasso wahnsinnig und eingeschlossen war, da geh hin, fra poco; es gibt zwar auch eine Eiche am Gianicolo, an die er sich gelehnt haben soll, aber die sagt mir nichts. Bouvard und Pecuchet [sic!], die beiden Narren, sind mit mir gereist, ich schicke sie aber bald zurück, zur Behandlung.

Torquato Tasso (1544-1595) war ein italienischer Dichter. Ab 1575 war er psychisch krank und wurde im Kloster Sant’ Onofrio am Fuß des römischen Hügels Gianicolo gefangen gehalten. „Fra poco“ bedeutet „bald“. Bouvard und Pécuchet sind die Hauptfiguren des gleichnamigen Romans von Gustave Flaubert, über den Ingeborg Bachmann wenige Monate später in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen sprechen wird. Mehr erfahren wir nicht. In seiner Antwort schreibt Enzensberger:

meine liebe Ingeborg
deine briefe, deine briefe! gestern habe ich den gefangenen tasso besucht. der moment vor dem schalter ist schrecklich, das schlenkern der beamtenhand, verneinend, ohne zu bedauern, der dünner werdende stoß von korrespondenzen.

Im Vorwort erfahren wir zumindest, dass es sich bei dem „gefangenen tasso“ vermutlich um Enzensbergers Code für »poste restante«, »postlagernd«, handelt. 1959 war Enzensberger schon verheiratet und hatte ein Kind, die Geheimnistuerei ist also verständlich. Leider verzichten die Herausgeber der Briefe darauf, solche Dinge zu erklären. Was die Kleinschreibung in Enzensbergers Briefen angeht, gibt der Autor selbst einen Hinweis:

daß man deutschtum in zukunft kleinschreiben wird, wage ich kaum zu hoffen. sie wissen doch, daß das bei mir keine weltanschauung ist (ich meine das kleinschreiben – nicht das deutschtum)? ich finde bloß, es sieht hübscher aus, kommt meiner faulheit entgegen – besonders auf der schreibmaschine –, und zwingt die leute ein bißchen langsamer und aufmerksamer zu lesen. im übrigen ist es ausgeschlossen, die kleinschreibung obligatorisch zu machen. rudolf alexander schröder und martin heidegger werden lieber ihre manuskripte aufessen als die tradition und das seyn kleinzuschreiben.

Im Vor- und Nachwort geht es etwa um das mutmaßliche politische Engagement von Ingeborg Bachmann, den erfolglosen Versuch Enzensbergers, die internationale Zeitschrift „Gulliver“ zu publizieren, die Auseinandersetzungen zwischen Enzensberger und Uwe Johnson.

Über alles reden

Was die Freundschaft von Bachmann und Enzensberger angeht, so versteht man glücklicherweise einige Briefe auch ohne Erklärung. Im Mai 1959 schreibt Bachmann:

Lieber Mang,
Ich glaube, ich habe Ihnen nie gesagt, warum ich Sie gerne und nicht nur für Stunden, sondern oft, sehen möchte. Weil ich mir nämlich einbilde, dass wir über alles reden sollten, worüber man sonst wenig Lust hat, noch mit irgend jemand zu reden, und dass es einen Sinn hätte. Ich möchte mit Ihnen sogar über das Schreiben, sogar über Gedichte und wie alles veränderbar wäre, reden, und was zu tun ist und warum, ohne Plan und Voraussetzung und erstarrte Ansicht. Auch streiten möchte ich gerne mit Ihnen, damit man noch einmal etwas herausfindet und nicht, damit man recht behält, und man könnte an allen Enden anfangen und doch kein Ende finden.

Das ist noch vor Ingeborg Bachmanns Trennung von Max Frisch, danach wird das Leben für sie schwieriger, aber sie kann wohl „über alles“ mit Mang reden. Ende Dezember 1963 wohnt sie in Berlin, im vorherigen Jahr war sie mehrmals in der Klinik, sowohl in der Schweiz als auch in Berlin.

Die Einsamkeit ist so mörderisch, das Alleinsein, die Nächte, die Aengste, und rundherum sieht man alle und alle, wie sie sich zurechtfinden und abhelfen, aber ich sehe nichts und lebe zum 400.sten Mal meinen Abend vor mich hin, und es wird nichts mehr kommen und nichts mehr sein, was einen froh macht.
Lieber Mang, es käme mir nicht unbedingt traurig vor, aber ich lebe so gern, ich bin so gerne lustig und vergnügt, zärtlich und besorgt, und ich kann das nicht begreifen, dass niemand mehr was davon wissen will, dass man mich einfach so dahinsiechen lässt wie einen ausgedienten Gaul.

Die Trennung von Max Frisch, im Herbst 1962, hatte schwerwiegende Auswirkungen auf Ingeborg Bachmanns Leben. Im Dezember hatte Enzensberger ihr jenen Brief geschrieben, der dem Buch seinen Titel gibt.

ich bitte dich, nimm keine tabletten mehr, und äußersten falles, wenn dich gar nichts mehr erheitert, greif in gottes namen zu dem papier und der maschine und zu den wörtern und schreib alles was wahr ist auf. ich warte jetzt auf deine adresse, deine nachrichten.
versprich, daß wir uns nicht verschonen wollen.
dein erz-mang

Schriftsteller ohne Mitteilungsbedürfnis

Der Ton der Briefe ist sowohl persönlich als auch literarisch-philosophisch. Ihr Leben in Rom beschreibt Bachmann 1961 etwa mit einer Anspielung auf Adornos berühmten Satz aus den Minima Moralia:

Nun, und sonst kann ich Dir noch sagen, dass es manchmal sehr schön und manchmal sehr mühsam war und dass ich froh bin, dass ich in Rom leben kann, wo man so falsch und so richtig lebt, wie man eben heute nur leben kann.

Im Bachmanns Alltagsstil steckt Kunst: Auch das Persönliche kann mit einem literarischen Augenzwinkern erklärt werden. 1966 schreibt sie:

Zwar tu ich so, als wäre es mir genug, hier herumzudoktern an meinen Belanglosigkeiten und froh zu sein, dass ich wieder gehen und stehen kann, aber diese Täuschungen macht man nicht lang mit.

Ich suche nicht nach einem Facit für eine lange Zeit, die ich ärztlich absolviere, sondern nach etwas anderem, dem Gewachsenen, das ich nicht befragen konnte.

Das heisst, ich fange mich zu wundern an über meine Existenz. Denn es ist doch etwas passiert. Da bin ich nun wieder ein Schriftsteller, aber ohne Mitteilungsbedürfnis, das fällt mir auf. Dieses Bedürfnis ist mir abhandengekommen. Trotzdem schreibe ich, fange vielmehr zu schreiben an.

Das Wort „abhandengekommen“ enthält, so erfährt man im Vorwort, eine Anspielung auf Hofmannsthals Brief des Lord Chandos an Francis Bacon. Dort heißt es: „Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhandengekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Der Brief erklärt Lord Chandos Verzicht auf Literatur. Nach Hofmannsthal kann das Individuum nicht mehr das Ordnungsprinzip der Realität sein. Das gilt nun auch für Ingeborg Bachmann, aber sie nun macht gerade deswegen mit dem Schreiben weiter.

Im Zuge des Briefwechsels erweist sich Enzensberger als treuer Freund. Er versucht, Bachmann zu ermutigen und zu beraten, obwohl er ihre Krankheit nicht immer versteht. Im April 1962 schreibt er ihr:

ich ängstige mich um deinen kopf. wenn du kannst, gib mir alle paar wochen ein zeichen, eine karte mit deinem namen drauf ist schon genug, damit ich sehe, es sind nur träume, es ist keine krankheit. ich verstehe von krankheiten nichts, um so unheimlicher sind sie für mich, ich kenne die welt nicht mehr, wenn jemand krank ist, so krank daß man davorsteht wie vor einem stein, dem man doch auch nicht helfen kann.

In Schubladen stöbern

Die Korrespondenz endet plötzlich, nach elf Jahren, am 31. Juli 1968, mit einer Ansichtskarte von Enzensberger.

liebe ingeborg,
warum wohl schickst du mir die beiden andern gedichte nicht hierher, wo es heiter und sonnig ist: nach tjøme?
supplicandoti & abbracciandoti
mang

Nach diesem »dich anflehend & dich umarmend« schreibt Enzensberger keinen Brief mehr, oder weitere Briefe sind verschollen. Genaueres erfahren wir nicht. Weder das Vorwort noch die 70 Seiten Nachwort versuchen zu erklären, warum zwei Freunde sich nicht mehr brieflich miteinander unterhalten. Statt von einer Freundschaft voller Zuneigung, vielleicht auch Liebe, zu berichten, leistet diese Briefausgabe einem biografischen Voyeurismus Vorschub, gerade weil die Zweideutigkeit nicht aufgeklärt wird. Seitenlang werden im Nachwort Details zu den Reisen und Treffen zwischen den beiden und anderen Schriftstellern beschrieben, doch worum es in diesen Treffen ging, erfahren wir nicht.  Der Fall der Zeitschrift „Gulliver“ ist für die Nachlässigkeit dieser Ausgabe exemplarisch: Enzensberger hatte diese internationale linke Zeitschrift 1962 gegründet, mitten im Kalten Krieg, das Projekt scheiterte an den Missverständnissen zwischen italienischen, deutschen und französischen Autoren – über die historischen Umstände hätte man gern mehr erfahren. 

So stöbern wir in den Schubladen der Star-Dichterin herum, ohne dass die Briefe uns helfen, sie und ihre Zeit zu verstehen.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Stefano59Rivara [CC BY-SA 4.0],
via Wikimedia Commons (bearbeitet)
Buchcover: Verlag

Hubert Lengauer (Hg.)
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Der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger
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ISBN: 978-3518426135

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Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

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