In diesem Roman herrscht ununterbrochen Traumazeit. Ein junger Mann lebt in einem Danach. Die traumatisierenden Ereignisse liegen lange zurück, doch die „alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahre“ sind ständig präsent. Wortreich versucht der Verwüstete und Ausgebeinte in Zoltán Danyis Roman Der Kadaverräumer, die Stücke seines zerbrochenen Lebens zusammenzuklauben.

Der junge Mann aus Novi Sad, Angehöriger der ungarischen Minderheit im nördlichen Serbien wie auch der Autor selbst, schmuggelt in den ersten Monaten der jugoslawischen Kriege Benzin aus Ungarn über die nahe Grenze. Als Soldat bricht er den Widerstand in den durch die Serben eroberten Gebieten: Er plündert, vergewaltigt und wird Zeuge von Exekutionen. Mit zwei Kollegen räumt er Tierkadaver von den serbischen Straßen; einmal gerät er zwischen gärende menschliche Kadaver in Plastiksäcken, zuhauf abgeworfen in einem Straßengraben. Er reist nach Berlin, um von dort in die USA auszuwandern.

Die Reihenfolge dieser Erlebnisse ist unklar. Sicher ist nur, dass der in einem fort redende junge Mann bei jeder Gelegenheit furzen und ständig „dringend pissen“ muss, ohne sich je erleichtern zu können. Der Grund für diese Funktionsstörung kommt bald zur Sprache: Im Krieg wurde der junge Mann Zeuge zweier Morde. Als er gerade an eine Hauswand pinkeln will, wird ein Kroate, der die serbischen Soldaten verhöhnte, indem er die Hose herunterzog und grinsend furzte, umstandslos erschossen. Auch eine Kroatin wird während ihrer Vergewaltigung erschossen, und beide Male durchdringen die Kugeln auf ihrem Weg zum Kopf die Geschlechtsorgane. Die Szenen gehören zum Schockierendsten, was ich bisher gelesen habe.

Zoltán Danyi, der 1972 geborene Lyriker, Lektor, Hochschullehrer und Rosenzüchter, hat selbst nicht in den Kriegen gekämpft. Er erzählt also nicht von seinen, sondern von den Traumata einer Gesellschaft. Wie diese auf Der Kadaverräumer reagiert, wenn die gegenwärtig entstehende Übersetzung ins Serbische gedruckt ist, mag ich mir nicht ausmalen. In Ungarn ist der Roman bereits mit dem angesehenen Miklós-Mészöly-Preis ausgezeichnet worden.

Von der brutalen Gewalt, der Drastik der Ereignisse sowie den körperlichen Funktionsstörungen in der Sexualität und bei der Produktion von Fäkalien erzählt Zoltán Danyi auf höchst raffinierte Weise. Die Logorrhoe des jungen Mannes erzeugt keinen routinierten Bernhardschen Monolog, wie er unter manch jüngeren Schriftstellern in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens Nachahmer gefunden hat. Zoltán Danyi lässt seine Hauptfigur im fortwährenden Sprechen nicht zu sich finden. Er hält das Trauma wach durch einen Erzähler. Dieser ist dem jungen Mann nah und gibt seine Monologe und Gedanken mal in direkter, mal in indirekter Rede wieder, seien sie nun vor einem halb schlafenden und nichts verstehenden deutschen Obdachlosen oder in einer Bar über Eiswürfeln vor sich hingesprochen oder auch nur gedacht. Der beständige Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive, Gegenwart und Vergangenheit, von Terézia Mora rhythmisch und zupackend übertragen, verweigert dem Traumatisierten die Wiedererlangung der verlorenen Einheit.

Auch dem Leser wird jede beruhigende Eindeutigkeit versagt. Der Kadaverräumer ist sowohl Opfer wie Täter, er war Soldat, brandschatzte und vergewaltigte – und wurde doch durch die perfiden Morde an der vergewaltigten Frau und dem Mann, der sich über die Angreifer lustig machte, traumatisiert. Auf den Straßen von Novi Sad verziert er das Staatswappen Serbiens heimlich mit Penissen, in der protzigen Villa eines serbischen Mafioso in Split verlegt er das Staatswappen wiederum als Mosaik. Beides ist nicht ungefährlich – in Serbien wird das Hoheitszeichen von vielen hymnisch verehrt, im kroatischen Split ist es verhasst. Aber auch die Kadaverräumer kümmerten sich wohl – der mit allen Traumawassern gewaschene Erzähler vermag es nur anzudeuten – nicht nur um Tiere auf den Straßen, sondern auch um Menschen. Mit Bulldozern.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Exhumierungsort im Čančari-Tal.
Aus dem Dokumentarmaterial des Internationalen Strafgerichtshofs der UN für das ehemalige Jugoslawien.
[CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
Angaben zum Buch
Zoltán Danyi
Der Kadaverräumer
Roman · Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Suhrkamp Verlag 2018 · 256 Seiten · 24,00 Euro
ISBN: 978-3-518-42835-1
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Jörg Plath

Von Jörg Plath

Jörg Plath ist Kritiker und Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. (Foto: © Fotostudio gezett)

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