Uraufführung März 1804: Goethe inszeniert Schillers Schauspiel Wilhelm Tell – ein rauschender Erfolg.
Premiere 2019: Jan Neumann, Hausregisseur des Deutschen Nationaltheaters, inszeniert Schillers Schauspiel Wilhelm Tell – ein rauschender Erfolg.

Die Figur des Wilhelm Tell steht für Tyrannenmord. Dass Wilhelm Tell Anfang des 19. Jahrhunderts ein Erfolg war, verwundert nicht. Schillers Zeitgenossen erkannten ihre Schlagworte wieder. Nach den Umwälzungen der Französischen Revolution und angesichts des Einmarsches von Napoleon war ihnen der Ruf nach Freiheit vertraut. Schiller verpackt die damalige Sehnsucht nach aufgeklärter Herrschaft in ein historisches Kostüm und versetzt die Handlung in die unverfängliche Kulisse einer mythischen Schweiz.

Goethe und Schiller als Gewährsmänner

2019 steht Tell immer noch für Tyrannenmord, doch worin besteht heute Tyrannei? Wer soll ermordet werden, und was bedeutet der Ruf nach Freiheit? Jan Neumann bleibt Schillers Vorlage treu, auch heute lässt sich mit Wilhelm Tell die Legitimität von politischem Widerstand diskutieren.

Kampf um die Freiheit – angeführt vom Skeptiker Tell.

Die aktuelle Aufführung knüpft dabei an die Wilhelm Tell-Aufführung von vor hundert Jahren an. Anfang 1919 wurde das Landestheater – bis zur Abdankung des Herzogs in Weimar 1918 war dies das „Großherzogliche Schauspielhaus“ – umbenannt in „Deutsches Nationaltheater“. „Es ist herkömmlich geworden, in großen nationalen Momenten unsere nationalen Dichter zum Volke sprechen zu lassen“, schrieb Theodor Fontane bereits 1871 anlässlich einer Aufführung von Wilhelm Tell in Leipzig. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war 1919 das Zusammentreten der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar in der Tat ein großer nationaler Moment: Das Deutsche Kaiserreich hatte abgedankt, nun musste für die neue Republik eine Verfassung geschrieben werden – und dies fand im eben gegründeten „Deutschen Nationaltheater“ in Weimar statt.

Widersprüchliche Zitate

Zum Tyrannenmord kam es 1919 allerdings nicht. Ganz im Gegenteil – es erstaunt aus heutiger Sicht, wie ungeschoren die Kriegstreiber, Kriegsgewinnler und Generäle in der Weimarer Republik davonkamen. War die Nationalversammlung vielleicht tatsächlich nur ein ‚Nationaltheater‘? Angesichts der autoritären Umgestaltung am Ende der Weimarer Republik wirkt es, als hätten sich die Protagonisten lediglich in eine Kulisse hineinbegeben, die wenige Jahre später bereitwillig wieder umgebaut wurde.

Der Held – “am mächtigsten allein”?

Schillers Drama bietet seit der Uraufführung eine Projektionsfläche für ganz verschiedene Auffassungen: „Was Hände bauten, können Hände stürzen“ – dieses Zitat etwa sprach den Menschen 1989, in der Zeit der Wende, aus der Seele. „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.“ „Der kluge Mann baut vor.“ Diese Sentenzen wirken heute noch so frisch wie vor zweihundert oder hundert Jahren – auch wenn sie nicht geschlechterneutral formuliert sind.  

Etliche der sprichwörtlich gewordenen Passagen widersprechen einander. „Wir sind ein Volk und einig wollen wir handeln“, heißt es – und dann wieder: „Der Starke ist am mächtigsten allein.“ Ist der Starke nun allein am mächtigsten oder im Verbund mit anderen, dem ‚einig‘ Volk? Kein Wunder, dass das Stück immer wieder für gegensätzliche und miteinander unverträgliche politische Stellungnahmen herangezogen wird.

Lammfromme Lethargie

„Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg. Die Herde schlägt er und den Hirten.“ Dieses Schiller-Zitat ließ Ernst Hardt, seit November 1918 Theaterintendant in Weimar, anlässlich der Tell-Aufführung im Januar 1919 außen am Deutschen Nationaltheater anbringen. Hundert Jahre später greift Jan Neumann auf diese Formel zurück: Er lässt menschliche Schafe auftreten.

Ein einig Volk von Schafen.

Auf der von Oliver Helf gestalteten Bühne blöken Lämmer. Es sind die innerlich unfreien Schweizer, die unter dem Joch der österreichischen Willkür-Herrschaft dahinkriechen. Schafsblöken und Menschenstimmen wechseln sich im Laufe des Stückes immer wieder ab. Kaum gibt es eine gemeinsame menschlich-solidarische Vereinbarung der Unterjochten, droht sich das Selbstgefällig-Schafsmäßige wieder durchzusetzen, und alsbald verfallen die Befreiten wieder in lammfromme Lethargie.

Während die anderen sich nicht trauen und als glotzende Schafe am Ufer bleiben, verhilft Wilhelm Tell dem geflohenen Baumgarten, der den Vergewaltiger seiner Frau erschlagen hat, zur Flucht über den Vierwaldstättersee. Hilfe bei der Flucht über das Wasser – das ist eine deutliche Anspielung auf die derzeitige Situation im Mittelmeer.

Und einzig Tell traut sich, dem Gesslerhut, Symbol des Tyrannen, den Gruß zu verweigern. In Neumanns Inszenierung ist der Hut eine rote Base-Cap – steht er demnach für die plumpe politische Inkorrektheit eines Donald Trump? Geht es um die mediale Vorherrschaft eines US-Amerikanismus? Die Inszenierung lässt die Frage offen.

Gesslers Leute – ganz in Schwarz mit Basecap.

Welcher Apfel gehört abgeschossen?

Tell wird, getreu der Vorlage von Schiller, auch 2019 durch die Schikane mit dem Apfelschuss erst zum Widerstandskämpfer: Mit dem Apfel, den er vom Kopf seines Kindes schießt, fällt auch seine Loyalität gegenüber der Obrigkeit.

Neu ist in der Inszenierung von 2019 allerdings, dass der „Apfel“ selbst auf die Bühne tritt und mit Leben erfüllt wird. Wie die Thüringer Bratwurst im Brot so stecken zwei Schauspieler zwischen übergroßen Apfelscheiben und sprechen über Äpfel: darüber, welche „Versuchungen“ vom „Apple“ ausgehen, welche Apfelzüchtungen es derzeit auf der Welt so gibt und wie die heutigen Äpfel schmecken, z.B. der Apple Mac als kanadischer McIntosh. „Welchen Apfel wählst du? Welcher Apfel gehört gegessen, welcher abgeschossen?“ Der Apfel wird politisch aufgeladen. Als ginge es um eine Demonstration für nachhaltig produzierte Nahrungsmittel.

Der Apfel erscheint als Symbol für die Versuchung durch das Böse und damit als Sinnbild für die Tyrannei – ein produktiver Regieeinfall, denn nun soll, direktdemokratisch und stehgreif-aktionistisch, über Äpfel abgestimmt werden. Mit rascher Geste teilt man die Zuschauer ein in die Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden. Dass Apfelsorten „aus Dachau“ mit dem Namen „KZ 2“ oder „KZ3“ abgeschossen gehören, versteht sich von selbst. Darüber hinaus jedoch bleiben die Kriterien für den Apfelschuss im Dunkeln. Ob mit dieser Instant-Abstimmung das vorschnelle „liken“ in den sozialen Medien gemeint ist?

Das Wahlrecht als Farce

Angesichts solcher Unklarheiten verwundert es wenig, dass es den Schauspielern nicht wirklich gelingt, das Publikum mit einzubeziehen. „Man kann eine Meinung haben, muss es aber nicht“, stellt Krunoslav Šebrek als Tell sarkastisch fest. Wie sich zeigt, spielt die „Wahlbeteiligung“ bei der Auswertung ohnehin keine Rolle. Das Wahlrecht als Farce: Die Zuschauer machen die Erfahrung, dass ihre Stimme gar nicht wichtig war.

Uri, Schwyz und Unterwalden – ein einig Volk von Brüdern?

Trotz der aktuellen Bezüge bleibt die Figurenkonstellation von Schillers Drama gewahrt: Wie in der historischen Vorlage stellt die aufgeklärte Adelige Berta von Bruneck (Nadja Robiné) auch heute die „richtigen“ Forderungen. Das Leben in grenzenlosem Konsum, das Rudenz ihr in nun mit einem „Chalet in den Alpen“ oder einer „Yacht in St. Tropez“ in Aussicht stellt, lässt sie unbeeindruckt. Berta fühlt sich beim Skifahren nicht wohl, sie kritisiert klimaschädlichen globalen Freizeitaktionismus und unsolidarisch akkumuliertes Eigentum. Obwohl sie selbst zu den österreichischen Besatzern gehört, fordert sie ihren Liebsten auf, sich dem Widerstand der anti-österreichischen Schweizer anzuschließen. Am Ende ist sie die sprichwörtlich gewordene „Axt“ im eigenen Haus: Als adelige, konsum-verwöhnte Tochter bittet sie die Bürgerlichen um Aufnahme in den Bund der Eidgenossen.   

Tell, der Skeptiker

Unzweifelhaft ist der Schauspieler Krunoslavs Šebrek alias Tell ein Held der Improvisation: Als sein Sohn Nicolai, der die Rolle von Tells Sohn Walter spielt, beim Sprechen plötzlich Schluckauf bekommt, steht ihm der Vater anrührend zur Seite: Auch er spricht jetzt seinen Text mit Schluckauf. Die Zuschauer sind berührt von dieser spontanen Empathie, in der sich die Rollen des leiblichen und des Bühnenvaters überblenden.     

Der Rütli-Schwur – eine lachhafte Pose.

Der „großen“ Politik, dem Bund der Eidgenossen, steht Tell indes auch 2019 reserviert gegenüber und zu Recht, denn vom Rütli-Schwur wissen die drei widerständigen Kantone in dieser Inszenierung nichts mehr. Übereifrig nehmen die Verschwörer die Schwurpose ein, doch was sie schwören wollten, haben sie vergessen. Stattdessen singen sie „Oh du fröhliche, oh du selige gnadenbringende Weihnachtszeit“, dann folgen esoterische Leitformeln, vordergründige Gesundheitstipps oder Sprüche aus Star Wars. Der gemeinsame politische Wille wird durch Verschwörungstheorien torpediert. Die Beteiligten agieren wie Leuchttürme, jeder will nur sich und seine Weisheit leuchten lassen, und so verkommt die Urformel der Demokratie, die Gründungsgeste der Schweiz,  zu einer lachhaften Pose. Bei den Zuschauern ruft sie große Heiterkeit hervor– nicht zuletzt deshalb, weil viele sich in den vorgetragenen Überzeugungen wiedererkennen.

Der Traum der aufgeklärten Gesellschaft

Tell – urig langhaarig im Bärenfell – tötet den Landvogt und befreit das Land. Soweit bleibt die Inszenierung ziemlich nah an der Vorlage. Irritierenderweise kriechen die Untertanen jedoch nach der gewaltsamen Befreiung vom Joch des Unterdrückers neuerlich auf allen Vieren daher und blöken schafsmäßig.

Freiheit – durch Stacheldraht gesichert.

Wie der Traum der aufgeklärten Gesellschaft tatsächlich gelebt werden soll, bleibt am Ende unklar. Bei ihrem Bestreben, in ein besseres Leben aufzusteigen, rutschen die Freiheitskämpfer auf dem abschüssigen Bühnenboden immer wieder in die Tiefe. Eine Anspielung auf den Sisyphos-Mythos. Um ihre Freiheiten zu bewahren, umwickeln sich die Freien schließlich – jeder für sich – mit Stacheldraht, und die befreite Welt gleicht schließlich einem Stacheldrahtverhau.

Jan Neumanns Wilhelm Tell ist ein pessimistischer Kommentar zur Gegenwart: Die Stimmung ist heiter bis wolkig, doch weil es zu viele Schafe und zu wenig Demokraten gibt, befindet sich die freiheitliche Demokratie, die auf dem Rütli hätte beschworen werden sollen, in Auflösung.

Bildnachweis:
Alle Fotos von Candy Welz, mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Nationaltheaters Weimar.
Beitragsbild: Szenenfoto mit Krunoslav Šebrek (Wilhelm Tell) und Ensemble

Infos zum Stück

Friedrich Schiller: Wilhelm Tell
Premiere war am 01. Februar 2019 im Deutschen Nationaltheater in Weimar. 

Jan Neumann (Regie)
Oliver Helf (Bühne)
Nini von Selzam (Kostüme)
Johannes Winde (Musik)
Beate Seidel (Dramaturgie)

Weitere Aufführungen:
21.02. | 19:30 Uhr
03.03. | 16:00 Uhr 
23.03. | 19:30 Uhr 
11.04. | 19:30 Uhr 
03.05. | 19:30 Uhr 
12.06. | 19:30 Uhr

 


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Von Maria Benning

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