Eine Kritik gleich zu Beginn: Der Titel von Erik Marquardts Buch ist missraten. Die Anspielung Europa schafft sich ab ist zu viel Ehre für Thilo Sarrazins Machwerk, auf dessen Niveau es ohnehin nichts zu diskutieren gibt. Ansonsten ist das Buch ausgesprochen lesenswert. Auch das erwähne ich im Voraus. Denn es geht mir nicht darum, das Buch zu rezensieren. Es geht um die Zustände, die in diesem Buch geschildert werden.

Wer sind wir, wenn wir dem Wunsch anderer Menschen nach Freiheit und einem Leben in Demokratie und Wohlstand nur noch Ablehnung oder im schlimmsten Fall den Tod im Mittelmeer anbieten? Und wer wollen wir eigentlich sein?

Westeuropa schaut weg

Diese Frage stellt Erich Marquardt, Mitglied des Europäischen Parlaments für Die Grünen/Europäische freie Allianz, in seinem Buch. Es handelt von der Gewalt gegen Geflüchtete, und teilweise geht es dabei um Tatsachen, die wir längst kennen und verdrängen: die Lager, die Pushbacks, die Missachtung der Flüchtlingskonvention – nach der Lektüre ist man auf dem neusten Stand. Anderes dagegen lässt sich nur vermuten, da uns Informationen gezielt vorenthalten werden, in den Lagern in Griechenland beispielsweise sind Journalist:innen nicht zugelassen.

Diese Entwicklung hat zu dem grotesken Spektakel geführt, das wir dieser Tage erleben: Zwei Regierungen, die eine davon eine offene Diktatur, die andere mit schweren Demokratiedefiziten behaftet, demonstrieren ihren Machismo, indem sie Tausende von Menschen in der Kälte hin- und hertreiben, sie bewusst der Gefahr des Erfrierens aussetzen und sich dabei gegenseitig die Schuld zuweisen. Westeuropa schaut zu, beziehungsweise weg.

Selbstmitleid und Empörung

Was aber löst die Lektüre dieses Buchs aus? Ich betrachte mich beim Lesen als Testperson und beschreibe, wie es mir bei der Lektüre ergangen ist.

Ich empfinde die geschilderten Zustände als „unerträglich“, doch darin zeigt sich nur mein Selbstmitleid: Es geht um meine Befindlichkeit, ich mag diese Lektüre nicht. Ich kann das Buch zuklappen, ein Geflüchteter jedoch hat keine Möglichkeit, aus der unerträglichen Situation auszusteigen, die er, im Gegensatz zu mir, durchlebt.

Ich kann mich empören: über dummdreiste Politikersprüche, demagogische Meinungsmacher in den Medien, über perfide Kampagnen rechter Parteien. Doch auch das ist müßig, denn sie sind nicht das wirkliche Problem. Das Problem sind wir, die wir untätig bleiben.

Also fantasiere ich von einer spektakulären Tat. Zum Beispiel könnte man das Holocaustmahnmal okkupieren, oder man könnte einen verantwortlichen Politiker entführen und ihn im Mittelmeer in ein Schlauchboot setzen. Doch auch das würde das Problem nicht lösen.

Constantin Seibt schrieb einmal in der Republik:

In den Filmen, Büchern und in der Fantasie hat der Kampf gegen autoritäre Regimes einen gewissen Glanz. In der Wirklichkeit ist er eine endlose, langweilige, geist­tötende Angelegenheit, als würde man jeden Morgen, statt die Nachrichten zu lesen, verkrusteten Kot aus fremden Toiletten kratzen.

Das gilt auch für die Bekämpfung von Vorurteilen gegenüber Geflüchteten.

Sich Gehör verschaffen

Erik Marquardt zählt die Gründe dafür auf, dass sich unser politischer Kompass so weit nach rechts verschoben hat, bis nun sogar der massenhafte Tod von Menschen in Kauf genommen wird:

  • das unbewiesene Narrativ vom Pull-Faktor
  • die Mythologisierung der sogenannten Flüchtlingskrise 2015
  • der Rassismus
  • die Ängstlichkeit der Politiker vor der populistischen Konkurrenz

Der letzte Punkt der Aufzählung birgt auch eine Chance: Man mag den Opportunismus von Politikern verurteilen, doch ihre Appeasementhaltung gegenüber den Rechtspopulisten zeigt, dass man ihre Entscheidungen auch von der Gegenseite her beeinflussen könnte – wenn der Druck gross genug wäre. Dazu braucht es Durchhaltevermögen, die Bereitschaft, sich zu organisieren. Es geht darum sich immer wieder Gehör zu verschaffen.

Trial and error

In dieser Hinsicht haben die Rechtspopulisten leider die Nase vorn. Eine Linke, die sich immer noch dem Weltschmerz über gescheiterte Utopien hingibt, kann dem wenig entgegenhalten. Vor utopischen Forderungen warnt Marquardt gleichermaßen wie vor simplen Schuldzuweisungen an die EU und an Frontex.

Das Handeln der Grenzschutzagentur ist mehr Symptom für die Verhältnisse als die Ursache für die Probleme. Wäre sie nicht da, würden die nationalen Behörden mit weniger europäischer Kontrolle das Gleiche tun.

Die Ratschläge, die Marquardt uns Lesern mitgibt, sind unspektakulär: diskutieren, demonstrieren, Öffentlichkeit schaffen, in die Parteien gehen.

Ich habe mir nach dieser Lektüre vorgenommen, wenigstens einen davon zu beherzigen: Ich will Mitglied einer Partei werden, wahrscheinlich bei den Grünen, die demnächst Regierungsverantwortung übernehmen. Es wird sich weisen, ob eine Koalition aus drei Parteien, von denen die eine sich als sozialdemokratisch, die andere als ökologisch und die dritte als liberal bezeichnet, eine Flüchtlingspolitik betreiben wird, die besser ist als die brutale Menschenverachtung der schwarzgrünen Regierung in Österreich. Trial and error eben, wie so oft in der Politik.

Bildnachweis:
Beitragsbild: via Flickr Syrische Flüchtlinge 2015, Lizenz CC
Angaben zum Buch

Erik Marquardt
Europa schafft sich ab
Rowohlt Polaris 2021 · 240 Seiten · 14 Euro
ISBN: 978-3-499-00707-1

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel

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Von Tomas Bächli

Pianist und Musikschriftsteller, lebt in Berlin.

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