Malen Sie mal ein Huhn Herr Schmit!“ – Nicht, dass Tomas Schmit Aufträge dieser Art entgegengenommen hätte. Höchstens aus dem eigenen Sack, wie er unser im Kopf geparktes Denkorgan in erster entwurf nennt, ein Buch, das er 1989 veröffentlicht hat. Malen für andere war nicht seins. Die Motivation, ein Huhn zu zeichnen, überkam ihn 1984, so notiert er rechts unten auf dem Blatt, vermutlich mit einem Bier auf dem Tisch, einem Aschenbecher, Papier und einer Phalanx angespitzter Buntstifte. Vor dem Zeichnen stand bei ihm stets der Spitzer.

Das Papier als Bühne

Der entscheidende Punkt für Schmit war das Machen, nicht das Malen, Darstellen, Imitieren oder gar Verkaufen. Also fängt er keineswegs beim Huhn an, sondern bei den Körnern, und schon geht es los auf dem Papier, das Schmit kurzerhand zur Bühne umfunktioniert, wo er – mit mittlerweile fest geschlossenen Augen – Schnäbel (auf dem Blatt als zackige M‘s oder W’s zu sehen) von einem ganzen Pulk blinder (unsichtbarer) Hühner den Boden abpicken lässt. Gleich zwei Hühner haben Erfolg, Schmit zeichnet beide – nach dem Öffnen seiner Augen – an ihre Schnäbel, dazu kommt noch eine Kommentarleiste. Fertig.

Lustig? Verspielt? Ausgelassen? Alles das und mehr. Tomas Schmit war dem Leben auf der Spur. Mit der Ausdauer eines Wissenschaftlers, der Neugier eines Kindes und den Möglichkeiten eines Zeichners. Was ist Welt? Wie kommt diese Welt in meinen Kopf? Wie sieht sie in anderen Köpfen aus? Und wie kommt sie aus unseren Köpfen wieder zurück in die Welt? So lauten die Fragen, die er in immer neuen Anläufen zu klären sucht.

Künstlerruhm war ihm dabei kein Ansporn. Er versucht eher unterhalb des Radars professioneller Talentsucher:innen zu bleiben oder, wie er es 2004 selbst formuliert:

mein name ist hase, ich verdiene mein geld als kaninchen.

Aktionskunst

1943 im bergischen Wipperfürth geboren, kommt Schmit Anfang der 1960er Jahre zum Studieren nach Köln. Das Studium lässt er bald sausen, dafür schließt er sich der Gruppe junger Fluxus-Künstler:innen an, die zwischen Köln, Düsseldorf und Wuppertal auftreten, um Erwartungen zu brüskieren und zu erkunden, was auf einer Bühne noch alles geht, außer auswendig gelernte Texte zwischen Kulissen nachzusprechen.

Schmits Zeit als Aktions-Künstler ist kurz. 1962 nimmt er an der Aufführung Neo-Dada in der Musik teil, die damals in den Düsseldorfer Kammerspielen zu sehen ist; die Veranstaltung 24 Stunden in der Wuppertaler Galerie Parnass am 5. Juni 1965 ist sein letzter Auftritt. Danach zieht er nach Berlin, um fortan zu schreiben und zu zeichnen.

Werkphasen

Es wächst ein Oeuvre heran, das sich in regelmäßigen Publikationen und Kunsteditionen niederschlägt. Statt Ausstellungen gibt es Lesungen oder Künstlergespräche. Der Kunstmarkt, wie überhaupt alles Kommerzielle im künstlerischen Prozess, bleibt Schmit Zeit seines Lebens suspekt. Lieber setzt er sich nächtelang an den Schreibtisch, um eine Edition per Hand zu zeichnen, die dann in kleiner Auflage verkauft wird. Insgesamt neun Mappen entstehen auf diese Weise, bei dem im Kupferstichkabinett gezeigten 60. Karton der Edition rauschebaum und zeisigkeit (à 17 Blätter) schwant einem, welcher Knochenarbeit sich Schmit bei ihrer Herstellung unterzog.

Das zeichnerische Werk erscheint einem beim Durchwandern der Retrospektive im Kupferstichkabinett erstaunlich kompakt, es steht geradezu „en bloc“ vor einem, ganz so als hätte Schmit von Anfang an einen Masterplan gehabt, den er im Laufe der Zeit abarbeitete – das heißt, von 1970 bis zu seinem Tod im Jahr 2006.

Das liegt keineswegs daran, dass er einen einmal gefundenen Stil nicht mehr aufgab oder nur noch variierte. Man kann, wenn man will, einzelne Werkphasen unterscheiden:  Wilde und geometrisch gebändigte Serien wechseln sich ab, mal sind mehr Texte im Spiel, mal eingeklebte Collagen-Elemente, mal spielt der Kugelschreiber die Hauptrolle, mal die Burschen, wie Schmit seine Buntstifte in einem, man kann schon sagen „Gruppenporträt“ von 2002, vorstellt.

Zeichnen als Experiment

Die Kompaktheit seines Werkes ergibt sich vielmehr aus der Rolle, die er einnimmt: Stets ist Tomas Schmit Zeichner und Autor in einem. Bilder und Texte laufen parallel, überschneiden sich, gehen ineinander über, und wer jetzt an Kleists allmähliches Verfertigen der Gedanken beim Reden denkt, ahnt, wie Schmit seine Arbeiten beim ‚selber machen‘ entwickelt, aber auch, wie er sein Publikum anspricht: nicht als bloße Zuschauer:innen, sondern als Interessierte auf Augenhöhe. Sein Antrieb ist Neugier, die Zeichnungen sind Experimente, die er vor unseren Augen aufführt.

So untersucht er über Jahre hinweg die Funktion der Farbe. 1987 konstatiert er resigniert:

ich begreife [das farbensehen] nicht. (…) ich kann mir nicht vorstellen, wo es herkommt, woraus es sich entwickelt haben könnte, das würde ja schon reichen. (…) und ich kann mir nicht vorstellen, welche eigentliche funktion es [ursprünglich gehabt] haben könnte; (…).

Doch die Resignation hält nicht lange an. Er bleibt am Ball, und wo er keine Antworten findet, lässt er Spekulationen über die Zeichenblätter wuchern.

Wahrnehmung im Selbstversuch

1989 liefert er mit dem Buch erster entwurf eine Beschreibung der menschlichen Wahrnehmung, von der aus er eine zeitgenössische Ästhetik abzuleiten beabsichtigt. Die Wahrnehmung untersucht er im Selbstversuch, wie vor ihm schon Darwin, Humboldt oder Da Vinci. Auch beim Farbensehen bleibt er auf dem eigenen Terrain, vergleichbar mit Josef Albers, der seine Farbexperimente in schier endlosen Skalen und Proben dokumentierte. Eine eigene Ästhetik wird Schmit daraus allerdings nicht ableiten.

kunst kommt nicht vor. ich bleibe bei elementareren, zentraleren dingen.

Kunst kommt natürlich doch vor: als ungenannter Elefant im Raum. Kunst ist für Menschen weder elementar noch zentral, so die Erkenntnis, die Schmit aus seinen Arbeiten zieht. Kunst ist ein Mehrwert, ein Überschwang, eine Kapriole. Dass Schmit sein Leben dem Verfertigen von Kapriolen verschreibt, ist dabei kein Widerspruch.

„Ich wünschte, ich wäre Tomas Schmit geworden“

Denn was ist eine Künstlerbiografie anderes als die nonchalante Entgegnung auf die Vorstellung vom erfolgreichen Leben? Existieren ja, Erfolg lieber nicht. So würdigt ihn auch sein berühmter Fluxus-Kollege Nam June Paik: »Manchmal frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht von diesem Elektromüll hätte verderben lassen, denn das Spiel mit der Hardware führte mich in den Kompromiss und nicht zum Blick in mich selbst. Tomas Schmit und Takehisa Kosugi sind die beiden Vorbilder, die sicherlich mein ideales Ich vorstellen. Ich wünschte, ich wäre Tomas Schmit statt Nam June Paik geworden, aber ich besaß nicht die Aufrichtigkeit, T.S. zu werden.«

Es wundert also nicht, dass man im Berliner Kupferstich-Kabinett weitgehend alleine vor den Arbeiten von Schmit steht. Doch etwas mehr pomp and circumstance täte der Schau schon gut. Denn auch, wenn die Hühner blind sind und fast alle anderen Wesen farbenblind, die uns aus Schmits Universum anschauen: ein größeres und vor allem neugieriges Publikum haben sie allemal verdient.


Ausstellungsdaten

Kupferstichkabinett
sachen m a c h e n
Tomas Schmit
Zeichnung, Aktion, Sprache 1970-2006
Bis zum 9. Januar 2022
(Arbeiten auf Papier)

Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.)
Tomas Schmit Retrospektive
Stücke, Aktionen, Dokumente 1962-1970.
Bis zum 23. Januar 2022
(Fluxus-Aktivitäten)

Bildnachweis:
Beitragsbild: Tomas Schmit: Das sind die Burschen (2002), Pressebild.

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Von Stephanie Jaeckel

Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin, Autorin von Sach-Hörbüchern für Kinder.

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