Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen veröffentlichen wir diesen Bericht anonym.

Schon am Vorabend habe ich auf dem Handy die Nachricht erhalten, dass beim 5-jährigen Sohn unserer Nachbarn mehrere Antigen-Tests positiv waren, ein PCR-Test steht noch aus. Später sollte sich herausstellen, dass die gesamte Kita des Dorfes durchseucht ist. Mehrere Eltern, so kam nach und nach heraus, hatten offenbar positive Tests ihrer Kinder verschwiegen und sie dennoch in die Kita geschickt. Grund dieses Verschweigens war der eigene Impfstatus: Die Eltern waren ungeimpft und befürchteten einen Wegfall der Lohnfortzahlung im Fall einer angeordneten Quarantäne.

Soviel zu denjenigen, die sich von einer Androhung von Ordnungsstrafen automatisch eine positive Wirkung auf den Pandemieverlauf versprechen: Hier führte es zum genauen Gegenteil. Das deckt sich übrigens mit meinen Erfahrungen als Amtsarzt im Tuberkulosezentrum. Dort war ich unter anderem für die Kontaktnachverfolgung zuständig. Hierbei stellte sich heraus, dass viele, die sich hätten untersuchen lassen müssen, dieser Pflicht nicht nachkamen. Die Androhung von Ordnungsstrafen erwies sich vor allem deswegen als untaugliches Instrument, weil bei Ordnungsverfahren Fristen gelten. In der aktuellen Notlage kann man damit den Spieß nicht umdrehen.

Ungeimpfter Pfleger

Das sind meine Gedanken auf dem Arbeitsweg im Zug. Die Schicht beginnt unspektakulär: eine Patientin mit Schwindel. Untersuchung, Gefäßzugang, Krankenhaus. Routine. Dann fordert ein Krankenwagen, der nur mit Sanitätern besetzt war, den Notarzt nach, zwecks Entscheidungshilfe.

Wir treffen auf einen schwer luftnötigen älteren Patienten, er war im März und April zweimal gegen SARSCov2 grundimmunisiert worden und hat bereits einen Boostertermin. Offenbar ist Delta diesem Booster zuvorgekommen, so mein Verdacht, der vom Bericht der Angehörigen gleich unterfüttert wird, mit einer Information, die ich kaum glauben kann: Der Patient ist von einem ungeimpften Pfleger betreut worden, der darüber hinaus ohne Maske arbeitet. Der Fall sei in der Firma weithin bekannt, aber es gebe schützende Hände. Wie bitte? Ich habe zu wenig Zeit, mich weiter zu empören.

Wir nehmen den Patienten mit ins Krankenhaus, dort bestätigt sich der Verdacht: COVID19-Pneumonie.

Übermittlungsfehler im Arztbrief

Zwischen 11und 15 Uhr kein Einsatz, so helfe ich auf der unterbesetzten Rettungsstelle aus. Immer wieder geht es um die Frage, ob die „ISO-Zimmer“ frei seien, es komme „wieder ein Covid“ ins Haus. In den deutschen Krankenhäusern trägt das Grauen aktuell den Namen Covid.

Dann der nächste Einsatz. Stichwort: Bewusstseinsstörung. Also los.

Wir treffen eine eingetrübte, verwahrloste Frau vor, im Bett liegend. Alkoholikerhaushalt. Beim Zurückschlagen der Bettdecke steigen Fliegen auf. Vitalparameter derzeit stabil. Fieber und Luftnot neben einer sogenannten Vigilanzstörung: reduzierte Wachheit, wenig Reaktionsbereitschaft. Das ist immer verdächtig auf eine Infektion. Der gerade anwesende Hausarzt tut überrascht, als ich nach einem Corona-Test frage: Die Frau sei vor einigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden und im Entlassungsbericht stehe ein negativer PCR-Test.

Der Schnelltest der Frau ist positiv, und dann erweist sich – man glaubt es kaum – im Computerprogramm des Labors der negative PCR-Test von letzter Woche auch bereits als positiv. Offenbar ein Übermittlungsfehler im Arztbrief. Wahnsinn, denke ich und gehe in mein Dienstzimmer. Das mag ein individueller Fehler gewesen sein, doch klar ist auch, dass das Krankenhaus weiter Geld verdienen muss, derweil die Delta-Variante mit den Bediensteten des Gesundheitssystems Katz und Maus spielt. Ein profitorientiertes Gesundheitssystem, das auf planbare Kalkulationen setzt, kann den besonderen Anforderungen einer Pandemie nicht gerecht werden.

Infektionsschutz ist Kinderschutz

Die folgende Pause ist nur kurz, ich sehe mir auf Phönix eine Dokumentation über Shackletons Endurance-Expedition an. Die Pandemie kennt keine Pausen, nächster Alarm: ein elfjähriges Kind mit Atemnot. Wir fahren in der frühen Herbstdunkelheit durch den Wald zu einer Familie im Aussteigermodus. Der Vater steht vor dem Gartenzaun: „Vorsicht, meine Tochter ist coronapositiv!“ Das hat man uns vorab nicht mitgeteilt, aber überrascht sind wir nicht. Umkleiden, Kind holen. Ungenügender Sauerstoffgehalt des Blutes, hohe Pulsfrequenz, hohe Atemfrequenz. Angst. Nichts macht mehr Angst als Luftnot. Wir geben unseren pharmakologischen Kram, dem Mädchen geht es besser. Ansteckung offenbar familiär. Doch dann weint das Mädchen fast unvermittelt: Sie will auf keinen Fall ihre jüngere Schwester angesteckt haben. Ich weiß nicht, was sagen.

Wir testen sie nochmal, kein Zweifel. COVID19 positiv. Das Mädchen kommt aus einer Gruppe der Gesellschaft, die angeblich „kein Treiber der Pandemie“ sei, wie uns unentwegt erklärt wird. Überhaupt: Kinderschutz. In manchen Kreisen gelten Befürworter eines Lockdowns als kinderfressende Monster. Infektionsschutz ist auch Kinderschutz, denke ich, doch jetzt ist keine Zeit zum Überlegen.

Dieses „Keine Zeit!“ ist die Grundempfindung aller, die während der Pandemie im Gesundheitssystem arbeiten. So auch hier: Der Pieper vibriert erneut. Stichwort: Reanimation. Wir haben ein weites Stück zu fahren, wir geben Gas.

An und mit Corona

Bei unserem Eintreffen ist das erste Team schon dabei. Der Patient wird reanimiert und beatmet. Ich intubiere um, ich möchte einen Beatmungsschlauch direkt in die Luftröhre legen und den Patienten nicht nur über eine in diesem Fall undichte Kehlkopfmaske beatmen. Eine schwierige Prozedur, denn der Patient ist an den Stimmlippen voroperiert. Ich muss mehrmals ansetzen und bekomme die Gespräche nicht mit, die die Notfallsanitäterin mit den Angehörigen führt, die bei dieser beklemmenden Tätigkeit mit dabei sind. Wir schaffen es nicht, zumindest einen, wie wir sagen, „schockbaren Rhythmus“ zu etablieren, dann könnte man elektrisch defibrillieren, geschweige denn, dass sich ein Spontankreislauf zeigt. Nichts. Nach vierzig Minuten rhythmischem Drücken auf den Brustkorb und Beatmen sowie dem leitliniengerechten Injizieren von Kreislaufmitteln geben wir auf, der Patient ist gestorben. Von Anbeginn waren die Pupillen weit, starr und entrundet, das ist immer ein schlechtes Zeichen.

Die Vorgeschichte offenbart sich mir erst jetzt. Der Patient war tagsüber beim Hausarzt wegen unspezifischer Beschwerden. Der Hausarzt machte einen PCR-Test, dessen Ergebnis natürlich noch nicht vorlag. Es ist zwei Uhr in der Nacht, doch wir horchen auf: Der Patient war zweimal geimpft, hatte aber die Boosterimpfung noch nicht erhalten. Wieso nicht? Ach, der Termin lag schon vor, aber… War Delta etwa wieder schneller? Wir machen an der Leiche einen Schnelltest. Das Ergebnis überraschte mich an diesem Tag nicht mehr: positiv. Der Patient ist also an und mit Corona gestorben, um diese schwachsinnige Diskussion auch noch in meinem Bericht unterzubringen. Ich fülle den Leichenschauschein aus, spreche mit den Angehörigen, wünsche viel Kraft für die kommenden Wochen. Und sage ihnen, dass sie nun eine Quarantänepflicht hätten.

Reinfektion mit Delta

So! Das war’s für heute, mehr geht nicht, dachten wir, voller ungeordneter Emotionen, auf der Rückfahrt. Da erreicht uns um 3 Uhr 10 der nächste Alarm: junge Frau, 18 Jahre alt, Luftnot.

Bei Eintreffen zeigt sich, dass die junge Frau nicht nur Luftnot hat, sondern auch Fieber. Sie war im April bereits an COVID19 erkrankt, damals noch der Wildtyp. Wir können es nicht belegen, aber wir ahnen, was die Patientin ebenfalls ahnt: Es dürfte sich um eine Reinfektion mit dem Deltatyp handeln. (Hallo Querdenker! Hier zeigt sich, dass auch die überstandene Infektion nicht vor der Reinfektion durch Mutanten schützt! Ihr wollt euch auf „natürlichem Weg“ die Immunität durch Infektion verschaffen, um die Impfung zu umgehen? Ist Quatsch, Leute!)

Wir versuchen den Infektionsweg zu ergründen und fragen die Patientin nach ihrer Tätigkeit. Sie sei Praktikantin – in einem Pflegeheim. Wir glauben so langsam, wir sind im Kino. Oder, schlimmer noch, in einer schlechten Vorabendserie. Aber wir sind im Dienst, das ist Wirklichkeit. Immerhin ist die junge Frau unsere letzte Patientin, wir lassen sie zuhause, sie kann sich nach unserer Einschätzung allein auskurieren.

Wettlauf mit dem Virus

Diese Notdienst-Schicht hat uns in die Herzkammer der Pandemie geführt. Wir haben gesehen, was das Virus anrichtet und wie es zu den Menschen kommt: unvermittelt, hart, und meistens durch die Hintertür. Es kommt so, dass man sich hilflos selbst dabei zuschaut, wie man der Delta-Variante hinterherläuft.

Ich schlafe noch zwei Stunden, fahre mit Fahrrad und Zug nach Hause. Dort erfahre ich, dass der PCR-Test des Nachbarjungen positiv ist. Und ich erfahre, dass ich noch immer keinen Boosterimpftermin für mich selbst habe. Irgendwann vor Weihnachten soll es einen geben – für jemanden, der täglich ins Sperrfeuer geht.

Mein Schnelltest ist negativ. Vorerst.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Keikona, Krankenwagen via iStock

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Von Redaktion

6 Kommentare

  1. wolfram schütte 26. November 2021 um 16:57

    sehr dankenswerter bericht! er müsste weite verbreitung finden.zumindest: schneeballsystem!

    Antworten

  2. Hartmut Finkeldey 26. November 2021 um 18:21

    Und wir hören, dass die Politik darüber nachdenkt, darüber nachzudenken, die Ministerpräsientenrunde vorzuziehen. Allgemeinen Lockdown darf es nicht geben, hat man ja “versprochen”, und außerdem werden sonst die nachdenkseiten bösibösi. Die Machtelite dieses Landes hat sich von den Querdullies am Nasenring durch die Manege führen lassen.

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  3. Siewurdengelesen 26. November 2021 um 20:07

    Hartmut – dem kann ich nur zustimmen.

    Realität vs. Wünsch Dir was und alles gelogen:-(

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  4. Ich kann die Appelle “Lassen Sie sich impfen!” (Spahn, Wieler, Bundespräsident uv.m.) nicht mehr hören. Ich empfinde sie als Hohn. Ich habe versucht zeitnah nach den in meinem Bundesland vorgeschriebenen 6 Monaten einen Termin zu erhalten. Nichts da. Nächstes Jahr. Das sind dann mehr als 7 Monate nach der Zweitimpfung. Ich hoffe, dass mich bis dahin weder Delta noch eine neue Mutante erwischt.

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    1. Hartmut Finkeldey 29. November 2021 um 12:29

      no objections. Mailen Sie mich an

      Gruß

      Hartmut Finkeldey

  5. “täglich ins Sperrfeuer” – danke und Hut ab!

    kwt
    ((mindestensssssssssssss fünfzigggggggg Zeichennnnnnn))

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