„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufalls-Seite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension!

Die Seite 99 von Giwi Margwelaschwilis postum veröffentlichtem Roman Der Leselebenstintensee ist für Nicht-Eingeweihte auf den ersten Blick weitgehend unverständlich. Denn der georgisch-deutsche Autor, der im vergangenen Jahr in Tbilissi gestorben ist, hat in seinem umfangreichen Werk ein eigenes Denk- und Sprachsystem entwickelt.

Ausnahmsweise erlaube ich mir, ein paar Angaben zum Autor vorauszuschicken. Giwi Margwelaschwili wurde 1927 in Berlin als Sohn georgischer Emigranten geboren. Im Februar 1946 begleitete er seinen Vater, als dieser für einen Besuch nach Ostberlin gelockt wurde – eine Falle des NKWD. Giwi sollte seinen Vater nie wiedersehen: Dieser wurde nach Tbilissi verschleppt und dort ermordet.

Giwi wiederum kam ins sowjetische Speziallager Sachsenhausen. Nach anderthalb Jahren Lagerhaft wurde der Neunzehnjährige nach Tbilissi „repatriiert“ und verbrachte die nächsten vier Jahrzehnte zwangsweise in Georgien. Er lernte georgisch und russisch, studierte Germanistik und Philosophie und schrieb in Tbilissi ein umfangreiches Werk in seiner deutschen Muttersprache. Nach der Wende kehrte Giwi Margwelaschwili für zwanzig Jahre nach Berlin zurück, für sein letztes Lebensjahrzehnt zog er wieder nach Tibilissi.

Eigenwilliges Vokabular

Das Erste, was einem auf der Seite 99 auffällt, ist das Vokabular. So trifft man etwa auf eigenwillige Kombinationen von „Lesen“ und „Leben“:

  • „Leseleben“
  • „Leselebenszeit“
  • „Leselebensrunden“
  • „Leselebenswesen“
  • „Leselebensgeschichte“

Diese Wortfügungen, die sich fast automatisch aus sich selbst generieren, enthalten den Schlüssel zu Giwi Margwelaschwilis Gedankenwelt: Leben gleich Lesen, und Lesen gleich Leben.

Was weiter im Vokabular auffällt, sind Wörter wie:

„buchweltlich“ / „bibliobiologisch“

„thematisch“ / „metathematisch“

Schließlich haben wir es mit verschiedenen Kategorien von „Personen“ zu tun:

„Hauptperson“ (dazu: „hauptsächlich“, „Hauptsachen“, „das Hauptsächliche“)

„Nebenperson“

„Buchperson“

„Hintergrundperson“

Das Gewebe dieses Buchwelt-Vokabulars ist dicht geflochten: Kein Satz kommt ohne erfundene oder umgedeutete Wörter aus.

Buchpersonen

Ein Problem dieser Seite 99 besteht in der Erzählperspektive. Hier spricht ein Wir, das durch sein „Leseleben“ in das „Thema“ des Zauberbergromans verwoben ist. Dieses Wir hat viel Zeit gebraucht, um zu verstehen, wer in dieser Romanwelt Hauptperson ist und wer Nebenperson. Einer „Buchperson“, so heißt es weiter, fällt es leicht, sich in der Romanwelt zurechtzufinden, denn sie verfügt über „bibliobiologische Intuition“.

Dieses Wir scheint zu den Buchpersonen zu gehören, also Teil des Zauberberg-Romans zu sein, daher auch die bibliobiologische – frei übersetzt: „buchlebenskundliche“ – Intuition.

Die Voraussetzung dafür [für das Unterscheiden von Haupt- und Nebenfigur, SG] ist nur, daß man sich selbst als menschliches Leselebewesen erkannt hat und leidenschaftlich nach der Erkenntnis buchweltlicher und bibliobiologischer Wahrheiten strebt.

Ein vertrackter Satz. Die Buchperson muss sich demnach als „menschliches Leselebewesen“ erkannt haben, um Haupt- und Nebenpersonen zu unterscheiden. Aus der Lektüre anderer Romane von Giwi Margwelaschwili weiß ich, dass manche Buchpersonen wissen, dass sie sich in einem Roman befinden – vielleicht ist das hier gemeint, wenn es heißt, die Buchperson habe sich als menschliches Leselebewesen erkannt.

Leselebensgeschichte

Im nächsten Satz wird diese Buchperson nun als „Hintergrundperson“ bezeichnet. Auf einmal werden wir Leser angesprochen, und zwar als Buchperson: ein Verfahren, mit dem der Autor uns mehr oder weniger subtil dazu zwingt, uns mit der Buchperson zu identifizieren.

Dann bekommen Sie nämlich als hauptsächlichere, doch für die Leselebensgeschichte, in der Sie sich befinden, eben doch bloß nebensächliche Hintergrundperson, ein untrügliches Gespür für alle Plätze, Ecken und Winkel der Geschichte […]

Diese Bewusstwerdung der eigenen Situation als Buchperson gelingt nur Neben- bzw. Hintergrundpersonen: Offenbar kann die Buchperson nur in dieser Außenseiterposition zur Beobachterin der Buchwelt werden, in der sie lebt.

Lesen und Leben

Sie beobachtet nun das „thematisch Hauptsächliche“, zu den entscheidenden Räumen allerdings hat sie als Nebenperson wiederum, trotz ihres Bewusstseins für die eigene Lage, keinen Zugang.  

Das klingt reichlich verwickelt, ja geradezu in sich selbst versponnen. Die ganze Passage ist voller Wörter, die wiederholt oder variiert werden [Hervorhebungen von mir, S.G.]:

Dann bekommen Sie als hauptsächlichere, doch für die Leselebensgeschichte, in der Sie sich befinden, eben doch bloß nebensächliche Hintergrundperson ein untrügliches Gespür für all dieser Plätze, Ecken und Winkel der Geschichte, wo sich das für Sie Hauptsächliche abspielt, wo also Ihre Hauptpersonen zusammenkommen, um miteinander zu reden und mit ihren Handlungen die thematische Entwicklung in ihrem Leseleben voranzutreiben. Wie erkennen wir den thematisch hauptsächlichen Charakter all dieser Plätze, Ecken und Winkel unserer Leselebensgeschichte?

Der Autor entwickelt eine Metasprache zwischen Lesen und Leben, die ständig auf sich selbst verweist. Die ausladendste Wortbildung auf dieser Seite findet sich im folgenden Satz:

Daran, daß all diese Räumlichkeiten für die Zeit, in der dort leselebensgeschichtlich-thematische Hauptsachen stattfinden oder verhandelt werden, für uns Nebenpersonen unbetretbar, also nicht und niemals aufzusuchen sind.

Metaphernmaschine

Diese um sich selbst kreisende Verdichtung ist die Besonderheit dieser Prosa und zugleich ihr Problem. Giwi Margwelaschwili war nicht mehr Autor seines eigenen Lebens, in Georgien musste er ein Leben führen, das andere für ihn geschrieben hatten. In seinen Romanen transzendiert er dieses Schicksal, indem er den Buchpersonen dazu verhilft, sich von dem Text zu emanzipieren, in dem sie gezwungen sind zu leben.

Die Prosa, die Margwelaschwili dafür entwickelt hat, funktioniert streckenweise wie eine Metaphernmaschine, und auf unserer Seite 99 ist diese Maschine auf maximalen Ausstoß programmiert. Als Leserin bin ich von der Lektüre im doppelten Sinn überwältigt: Ich staune darüber, wie viel in dieser einzigen Seite steckt, doch zugleich ertrinke ich in den Worten.

Möchte ich weiterlesen? Ja, aber nur dann, wenn Hoffnung besteht, dass ich auf den nächsten Seiten wieder Boden unter die Füßen bekomme.

Was gut sein kann, denn auf der letzten Zeile spricht erstmals ein Ich:

Dr. Krokowski und ich haben das hier – allerdings auch


Angaben zum Buch

Giwi Margwelaschwili
Der Leselebenstintensee
Roman
Verbrecher Verlag 2021 · 383 Seiten · 28 Euro
ISBN: 9783957324948

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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