Die Erkrankung COVID19 ist bis heute noch nicht annähernd komplett in ihrer medizinischen Komplexität erfasst. Alle Vergleiche zu früheren Pandemien sind deswegen unergiebig. Der klinische Verlauf ist von Patient zu Patient völlig unterschiedlich, er reicht von der unauffälligen Besiedelung mit dem Virus bis zum tödlichen Lungenversagen.

Das erschwert zum einen die ärztliche Prognose, zum anderen aber auch die gesellschaftliche Einschätzung der Pandemie. Wie wird sie in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren verlaufen? Welches Krankheitsbild haben die neuen Mutanten? Wer wird zur nächsten Risiko-Population zählen?

Eine kaum greifbare Bewegung

Konnte es vielen Bürgern und Politikern zu Beginn der Pandemie nicht schnell genug mit den Einschränkungen gehen, sind wir mittlerweile in der Situation, dass niemand auch nur einen Millimeter zu viel beschließen möchte. Wehe dem Entscheidungsträger, der sich geirrt hat, und sei es im belanglosesten Detail: Der Verzicht, den eine solche Infektionserkrankung einer gesamten Gesellschaft aufzwingt, darf auf keinen Fall umsonst gewesen sein.

Diese Angstsituation liegt vor allen Dingen an der kaum greifbaren Bewegung der „Querdenker“. Doch wer gehört dazu? Welche Motive speisen die so unterschiedlichen Mitglieder dieser informellen Gruppe? Und: Gibt es unter ihnen einen gemeinsamen Nenner?

Rebellion gegen den Westen

Zunächst sind überraschenderweise keineswegs alle Querdenker auch Impfgegner. Die ostdeutschen Querdenker beispielsweise sind nicht gegen das Impfen, sondern gegen den Westen, i.e. die neue Zeit oder „die Moderne“. Der mRNA-Impfstoff ist eine Chiffre für „die Moderne“: Den “Weststoff” wollen die ostdeutschen Wutbürger nicht haben. Viele erklären im Gespräch, dass sie „den Sputnik“ durchaus nehmen würden. Das angebliche staatliche „Durchdrücken“ der „Gates-Vakzine“ erleben sie innerlich als Zwang, ebenso das Kontaktverbot, und so ist man schnell bei der „Corona-Diktatur“.

Irritierenderweise erfährt dieser Teil der Szene Unterstützung von einigen ehemaligen ostdeutschen Bürgerrechtlern. Diese Gruppe ist zwar zahlenmäßig gering, moralisch jedoch gewichtig: Da es sich bei Exponentinnen wie Angelika Barbe, Vera Lengsfeld und Sigmar Faust um diktaturerfahrene Freiheitskämpfer handelt, verbieten sich Zweifel an ihrer Argumentation quasi von selbst.

Der Egoismus der Stinknormalen

Doch nicht nur die ostdeutschen Querdenker haben Probleme mit den modernen Impfstoffen. Im Westen sind es, neben den impfskeptisch eingestellten Katholiken in Oberbayern, vor allem die ehemals pietistisch geprägten Gebiete in Baden-Württemberg, die eine niedrige Impfquote aufweisen. Hier dominieren seit jeher esoterische Ökolinke: Ihre Impfskepsis richtet sich gegen die Gentechnik, mit der die modernen Impfstoffe hergestellt werden. Gentechnik wirkt als Chiffre für „den Westen“, den auch sie schon immer abgelehnt haben: Wo früher gegen die US-Armee protestiert wurde, bezieht man nun gegen Bill Gates und seine „US-Vakzine“ Stellung. Einen Nicht-mRNA-Impfstoff hingegen – das muss im Westen nicht Sputnik sein – würden einige akzeptieren.

Bleibt die größte Gruppe der Querdenker: die Stinknormalen. Sie kommen, in Ost wie West, aus der Mitte der Gesellschaft. Auch sie haben eigentlich kein Problem mit dem Impfen. Sie werden sauer, wenn man ihnen den Spaß verdirbt. Wenn ich nicht in den Urlaub fliegen darf, ist was los! Und schuld sind „die da oben“, die Politiker, die keinen Plan haben. Auch die Kulturschaffenden, die sich unter dem Hashtag #allesdichtmachen für genau diesen Egoismus einsetzten, kamen aus der Mitte der Gesellschaft. Dass sie diesen Egoismus zum kulturellen Allgemeinwohl umdeklarierten, hat mich seinerzeit frappiert.

Die Ignoranz der Mitte

Noch eine Gruppe fehlt. Sie ist zahlenmäßig gering, politisch aber die bedenklichste: die neuen Rechten und die Neonazis. Es ist nicht mehr zu leugnen, dass rechte Gruppen Initiatoren und Nutznießer der Querdenkerszene zugleich sind. Aus diesem trüben Umfeld kommen die Morddrohungen gegen Politiker (aktuell gegen Sachsens Ministerpräsident Kretschmer) ebenso wie der bizarre, ästhetisch an den Ku-Klux-Klan erinnernde Auftritt vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping. Nicht alle Demonstranten gegen Petra Köpping waren Nazis, doch das ändert nichts daran, dass mit solchen Aktionen die Botschaft der Rechten genau dort ankommt, wo die Nazis selbst hinwollen: in der Mitte der Gesellschaft. Rechte Hetze wirkt, das zeigte schon der Mord an dem Studenten, der in einer Tankstelle in Idar-Oberstein einen Kunden zum Tragen der Maske aufgefordert hatte.

Die Klammer, die alle Gruppierungen der Querdenkerszene vereint, ist die Offenheit gegenüber rechts: Sie haben überhaupt kein Problem damit, mit Neonazis zu demonstrieren. Die Mitte der Gesellschaft stört sich nicht mehr an ihnen. Und das ist genau die Konstellation, die die Rechten herbeiführen möchten.

Die Ignoranz der Mitte ist es, die mich noch mehr das Fürchten lehrt als diejenigen, vor denen wir uns fürchten müssen.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Roy Zuo Querdenker-Demo Leipzig 11.07.2020, via Wikimedia Commons (Lizenz CC BY-SA 4.0)

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Von Herwig Finkeldey

8 Kommentare

  1. Es handelt sich in diesem Artikel ja vor allem über Einschätzungen von Milieus und Einstellungsclustern, bzw. von deren relativen Verteilungen in der Bevölkerung. Daher die Frage: Welcher Art ist die zugrundeliegende Empirie? Persönliche Bekanntschaften/Gespräche (unwahrscheinlich)? Medieneindrücke? Oder soziologische Erhebungen? Falls letztere, wäre es interessant zu lesen, welche.

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  2. Anlass für diesen Kurzessay waren unter anderem die Vorkommnisse in Sachsen: Die Morddrohungen aus dem Quer“denker“milieu gegen MP Kretschmer und die „Aktion“ gegen Frau Köpping. Empirische Stütze erhält die nicht allzu gewagte Grundthese, dass die Neue Rechte sich bei den Quer“denkern“ unterhakt, durch Untersuchungen und investigativen Journalismus. Exemplarisch sei der Beitrag von Torsten Kledizsch und das Interview mit Alexander Roth, jeweils im DLF, verlinkt.

    https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiCnZnj5eP0AhUnRvEDHb9KAQoQFnoECAUQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.deutschlandfunk.de%2Ffackelzuege-und-mordplaene-radikalisierung-der-querdenker-szene-100.html&usg=AOvVaw3a-K4l5CcCMfeKI3E7EGtN

    https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiCnZnj5eP0AhUnRvEDHb9KAQoQFnoECAoQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.deutschlandfunk.de%2Fquerdenker-telegram-radikalisierung-100.html&usg=AOvVaw1SV-8gWMeliMJIJxcwbE59

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    1. Wodurch unterscheidet sich realer Mordplan von gewöhnlicher Gewaltphantasie, der jedermann schon zum Opfer gefallen ist? Telegram ist denkbar ungeeignet als Kommunikationsmedium für sinistre Pläne.

  3. Wodurch sich ein realer Mordplan von einer Gewaltphantasie unterscheidet? Die Frage erstaunt mich ein wenig, weil die Antwort mir klar scheint.
    Nun gut, hier die Antwort: Die Bedrohung wird im Fall eines Mordplans für das potentielle Opfer deutlich konkreter.

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  4. Marlies Fürböter 14. Januar 2022 um 11:11

    „Die Klammer, die alle Gruppierungen der Querdenkerszene vereint, ist die Offenheit gegenüber rechts…“ Genau solche Pauschalisierungen sind es, „die mich … das Fürchten“ lehren.

    Vielleicht helfen Ihnen diese zwei Beiträge, Ihre doch sehr eingeschränkte Fähigkeit zur Differenzierung ein wenig zu erweitern:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/moral-politik-100.html
    https://fowid.de/meldung/anthroposophen-und-nicht-geimpfte

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    1. Herwig Finkeldey 14. Januar 2022 um 16:59

      Differenzierungen kann man bei Bewertungen einklagen, nicht aber bei Fakten. Und das Mitmarschieren der Neonazis ist ja nun einmal ein Fakt, ebenso wie die Tatsache, dass alle anderen Querdenker darüber auch Bescheid wissen (und teilweise die Naziaktionen mitmachen, wie bei diesem merkwürdigen Auftritt vor Frau Köppings Haus)

      Ihre mitgeschickten Links behandeln das Thema „Nazis bei den Querdenkern“ überhaupt nicht.
      Der erste link ist eine allgemeine Wehklage über angeblich ungerechte Behandlung/Darstellung der Querdenker im öffentlichen Diskurs. Nach Ihrer Auffsassung gehört wohl auch die korrekte Erwähnung von Neonazis bei den Querdenkern (und die völlige Gleichgültigkeit aller anderen Spaziergänger über diesen skandalösen Tatbestand) zu dieser Ungerechtigkeit.
      Der zweite ist eine Verteidigungsrede der Anthroposophen Über die hatte ich doch gar nichts gesagt.

  5. „Differenzierungen kann man bei Bewertungen einklagen, nicht aber bei Fakten.“
    Deshalb habe ich die Differenzierungen auch „eingeklagt“ – „klage“ sie weiter ein. Ihr Kurzessay enthält nämlich keine Fakten – somit auch keine Bewertungen -, sondern lediglich Behauptungen. Hier die Liste:
    – „Die ostdeutschen Querdenker beispielsweise sind nicht gegen das Impfen, sondern gegen den Westen…“
    – „…die ostdeutschen Querdenker haben Probleme mit den modernen Impfstoffen…“
    – „Im Westen sind es, neben den impfskeptisch eingestellten Katholiken in Oberbayern, vor allem die ehemals pietistisch geprägten Gebiete in Baden-Württemberg, die eine niedrige Impfquote aufweisen. Hier dominieren seit jeher esoterische Ökolinke: Ihre Impfskepsis richtet sich gegen die Gentechnik, mit der die modernen Impfstoffe hergestellt werden…“
    – „Bleibt die größte Gruppe der Querdenker: die Stinknormalen. Sie kommen, in Ost wie West, aus der Mitte der Gesellschaft.“

    Um hier nicht Ihren ganzen Essay zu wiederholen, weil er eben von diesen Behauptungen durchsetzt ist, breche ich ab. Zu all diesen Aussagen gibt es keine Zahl, keine Statistik, keine sonstigen Belege.
    Stattdessen hantieren Sie mit unbestimmten Begriffen und Zuschreibungen wie „ostdeutscher Querdenker“, „impfskeptischer Katholik“, „esoterische Ökolinke“, „Stinknormale“, „Mitte der Gesellschaft“, die „gegen den Westen“ sind, „Probleme mit modernen Impfstoffen“ haben, sich „gegen Gentechnik“ wenden usw.

    Für diese Zuschreibungen habe ich Ihnen den ersten Link geschickt, der auch ein Wehklagen ist, aber das Wehweh gibt es tatsächlich. Der zweite Link bezog sich auf die „pietistischen Gebiete“ und „esoterischen Ökolinken“, zu denen auch die Anthroposophen gezählt werden können. Vorallem letzterer Beitrag sollte Ihnen gezeigt haben, dass sich Behauptungen anders darstellen, wenn man die Fakten checkt bzw. wenn sich herausstellt, dass es überhaupt keine Daten gibt für einige Behauptungen, z.B. diese Nachtwey-Studie, die von ihrer Veröffentlichung an als Basis für sämtliche Berichte zu Anthroposophen verwendet wurde.

    „Und das Mitmarschieren der Neonazis ist ja nun einmal ein Fakt, ebenso wie die Tatsache, dass alle anderen Querdenker darüber auch Bescheid wissen (und teilweise die Naziaktionen mitmachen, wie bei diesem merkwürdigen Auftritt vor Frau Köppings Haus)“
    Auch hier sind Sie ungenau: Dass Neonazis marschieren, ist ein Fakt (aber auch nur dann, wenn sie sich als solche [mittels Sprechchören oder anderer Zeichen] zu erkennen geben); dass sie „mitmaschieren“ ist kein Fakt. (Das wäre erst dann einer, wenn Sie Kenntnisse von der Organisationen der Spaziergänge hätten. Vielleicht sind dort niemals Querdenker gelaufen, sondern ausschließlich Nazis, die Querdenker-Forderungen riefen?) Und dass „alle anderen Querdenker darüber Bescheid wissen“, ist auch kein Fakt oder können Sie allen „Querdenkern“ in die Köpfe schauen.

    Ihr Problem besteht darin – und da sind wir wieder beim Differenzieren – dass Sie mit Ihrem Kurzessay jeden Protest von „Querdenkern“/Menschen IMMER rechts einordnen. Wenn Sie Menschen mit einer anderen Meinungen zur Pandemie und zum Umgang mit der Pandemie nicht gleich den Nazis zuschlagen, dann haben Sie schon gelernt. Solche Pauschalierungen, wie Sie sie vornehmen, lösen auf alle Fälle nicht das Problem – sie sind das Problem.

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  6. Herwig Finkelkdey 15. Januar 2022 um 13:12

    Zwei Punkte

    1. Zunächst Zitate aus dem Essay:

    „Noch eine Gruppe fehlt. Sie ist zahlenmäßig gering, politisch aber die bedenklichste: die neuen Rechten und die Neonazis.“ Und: „Nicht alle Demonstranten gegen Petra Köpping waren Nazis“

    Daraus wird in Ihrem Kommentar:“Ihr Problem besteht darin – und da sind wir wieder beim Differenzieren – dass Sie mit Ihrem Kurzessay jeden Protest von „Querdenkern“/Menschen IMMER rechts einordnen.“

    2. Sodann geht es um Ihre erneut vorgetragene, mit dem ersten Punkt korrespondierende Behauptung, der Quer“denker“-Protest habe mit Nazis nichts zu tun. Ich verlinke hierzu noch einmal weiter oben bereits verlinkte Beiträge des DLF. Dazu ein Spiegel-Essay und eine Studie der Universität Basel. Es gibt aber (insbesondere von Torsten Kledizsch) noch weitere, sehr gute Beiträge zu diesem Thema. Alle Beiträge sind journalistisch sauber recherchiert resp. wissenschaftlich fundiert.

    Sollten Sie in einem weiteren Kommentar sich dennoch weiterhin auf Ihre haltlose These (Rechtsextreme und Quer“denker“ haben nichts miteinander zu tun) versteifen, werde ich darauf nicht mehr reagieren.

    https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwjitrGEzbP1AhX1Q_EDHVRxCIwQFnoECAMQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.deutschlandfunk.de%2Ffackelzuege-und-mordplaene-radikalisierung-der-querdenker-szene-100.html&usg=AOvVaw3a-K4l5CcCMfeKI3E7EGtN

    https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwjvyu6gzbP1AhXnQ_EDHZV_AnAQFnoECA4QAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.deutschlandfunk.de%2Fquerdenker-telegram-radikalisierung-100.html&usg=AOvVaw1SV-8gWMeliMJIJxcwbE59

    https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwj__tbCzbP1AhWxSfEDHbm_B5wQFnoECAQQAQ&url=https%3A%2F%2Fsoziologie.philhist.unibas.ch%2Fde%2Fforschung%2Fforschungsprojekte%2Fpolitische-soziologie-der-corona-proteste%2F&usg=AOvVaw3NgMvhbGdoIO5NSUHvxpxX

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-proteste-wie-radikale-rechte-die-spaziergaenge-instrumentalisieren-a-7d2f4370-7f1d-4a7e-86e8-545cc636ddfa?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ

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