Die Autorin begibt sich in die Rotlichtbezirke deutscher Städte. In Hamburg betritt sie das Laufhaus Pink Palace, wo sich Frauen Zimmer mieten und als Selbstständige ohne Zuhälter anschaffen. Sie besucht in Berlin ein Wohnungsbordell, schaut sich in Sexshops um, wagt sich, mit Slip und Handtuch bekleidet, in einen Swinger-Club, auf dem Frankfurter Bahnhofsstrich schaut sie in einer Table-Dance-Bar vorbei. Kaltes Neonlicht, in den Darkrooms nackte, käufliche Körper. Auf der Erotikmesse Venus in Berlin räkeln sich heiße Girls:

Eine dritte Frau steht in Minirock und adretter Bluse im Inneren des Busses. Sie macht die Animierdame: „Heißer Lesbensex, hier live!“ kreischt sie ins Mikrofon und hält es dann der Frau draußen vor den Mund, die wie auf Knopfdruck zu stöhnen beginnt: „Yeah, geil, oh, ist das geil!“ Eigentlich müsste jedem die Lust angesichts einer solchen Inszenierung vergehen, diese Automatenansage einer taubgelutschten erogenen Zone, denke ich, doch die Zuschauer recken die Köpfe.

Das Buch ist voll von solchen klischeegeladenen Passagen. Nora Bossong recherchiert, doch sie zeigt keine neuen Perspektiven auf.

Tabuzonen

Ein Interview mit einem der männlichen Besucher hätte dem Buch gutgetan. Zumal die Stärke von Rotlicht in den Interviews liegt, etwa mit den beiden ungarischen Frauen vom Strich auf der Kurfürstenstraße oder mit der Betreiberin einer Tantra-Praxis:

Wir orientieren uns so sehr am Liebhaber, bauen Hemmungen auf und vergessen uns selbst darüber. Manche Frauen sagen nicht einmal, wenn ihnen etwas unangenehm ist, sie glauben, da müssten sie durch, das habe schon seinen Zweck. Männer würden sich sofort dagegen wehren. Das müssen wir auch lernen.

Wir betrachten mit Bossong die Tabuzonen: Körper kopulieren oder tanzen an der Stange, die Autorin schaut zu, verschüchtert und irritiert. Meist besucht sie die Orte der Recherche in Begleitung eines Freundes.

Eine Frau, die sich in dieses Terrain einschleicht, ist kein bloßer Eindringling, sondern ein schlechtes Omen dafür, dass die gesamte stillschweigende Ordnung unumkehrbar ausgehebelt wird.
Als Frau kann man lediglich käuflich sein, sobald es um das Geschäft mit der Lust geht. Andere Rollen sind nicht vorgesehen.

Das Unverstellte kippt ins Unbedarfte

Das Rotlicht-Milieu aus weiblicher Perspektive zu betrachten, ist eigentlich ein guter Ausgangspunkt für eine Reportage. Aber als Leser hat man den Eindruck, dass die Autorin an ihrem Gegenstand scheitert. Es hat einen Reiz, sich käuflichem Sex unbeholfen zu nähern, mit unverstelltem Blick, sieht man einmal von dem theoretischen Rüstzeug wie Luhmann, Foucault, Baudrillard ab, mit dem Bossong ihren Text bestückt. Doch die naive Sicht, die man anfangs für ein Prinzip der Komposition hätte halten können, erweist sich als Bossongs Grundhaltung. Das Unverstellte kippt ins Unbedarfte. Immer wieder sucht die Autorin bei ihrem männlichen Begleiter Schutz.

Kann er jetzt nicht einfach meine Hand nehmen? Mich hier herausholen? Mich zurück in das bürgerliche Leben bringen?

Häufig rutscht der Text in Journalistenprosa ab:

Es ist ein heller, schöner Tag, die Regenstürme vom Vortag kaum noch eine Erinnerung. Ich kann schwer glauben, dass mein Besuch in der Tantra-Praxis wirklich erst gestern stattgefunden hat.

Man hätte sich als Leser eine Beobachterin gewünscht, die solche Besuche souverän durchsteht und die Rotlicht-Szenen mit einer gewissen Frechheit betrachtet, auch dort wo sie hässlich sind.

Stimmen aus dem „Milieu“

Interessant wird es, wenn Bossong von ihren Eindrücken schreibt, z.B. nach dem Besuch bei der Tantra-Masseuse:

Was genau habe ich dort eigentlich erlebt, über das ich die Nacht kaum geordnet nachdenken konnte? Ich war nackt, ich habe Geld bezahlt. Prostitution war es ganz sicher nicht, auf was ich mich mit Anna einließ. Was aber war es dann? Vielleicht, überlege ich, war es einfach eine stimmige Antwort darauf, wie Sexualität auch in einem Kaufprozess ihre Würde bewahren kann, für beide Seiten.

Kontur gewinnt das Sujet dort, wo Nora Bossong mit ihrer Recherche ins Detail geht und kulturgeschichtliche Hintergründe zeigt, etwa wenn sie den Kiez um die Berliner Kurfürstenstraße beschreibt: hier das noble Café Einstein, dort, keine 50 Meter entfernt, die Welt des Straßenstrichs, wo osteuropäische Prostituierte zum Niedrigpreis laufen. Oder wenn man die Stimmen aus dem „Milieu“ hört, den Laufhausbetreiber oder die Huren:

Wenn du in ein Zimmer gehst, wirst du erstmal ganz ruhig. Du streichelst ihn, küsst ihm die Brust.

Doch anstatt in dieser Weise Szenen und Orte für sich sprechen zu lassen, unterbricht Bossong den Bericht meist mit Wertungen.

Rotlicht wäre eine gute Zeitungsreportage geworden, zum Buch fehlen dem Text Substanz – und Mut.

Angaben zum Buch
Nora Bossong
Rotlicht
Sachbuch
Carl Hanser Verlag 2017 • 240 Seiten • 20,00 Euro
ISBN: 978-3-446-25457-2
Bei Amazon oder buecher.de oder im lokalen Buchhandel

 

Bildnachweis:
Beitragsbild: Lars Hartmann
Buchumschlag: Carl Hanser Verlag

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

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