Bachmannpreis-Texte sind zu kurz für einen Page 99-Test. Mit dem Goldenen Schnitt als Zufallsgenerator lande ich auf Seite 7. Weder habe ich mir vorab die Jury-Diskussionen angeschaut, noch habe ich den vollständigen Text von Sharon Dodua Otoo gelesen. Ich halte die Seite 7 unter die Lupe und schaue, was passiert.

Das gibt mir Gelegenheit für einen Test des Page 99-Tests: In welche Bredouille liest man sich dabei? Herr Gröttrup setzt sich hin hat 11 Seiten. Es ist also kein Problem, in einer zweiten Runde den ganzen Text zu lesen und die isolierte Lektüre der Seite 7 dagegen zu halten.

Deshalb hat der heutige Page 99-Test drei Teile:

Page 7-Test –  Rätselraten

Die handelnden Figuren auf Seite 7 sind: eine Ich-Erzählerin, Irmi, Irmis Mann und ein Frühstücksei. Die Ich-Erzählerin will Irmis Mann „ein wenig provozieren“, daher beschließt sie, „nicht hart zu werden“.

Auf Seite 7 gibt es ein schwarzes Loch: „Irmis Mann“. Er bekommt keinen Namen, ist aber der Anlass für alles, was geschieht. Er hätte die Entscheidung der Ich-Erzählerin niemals nachvollziehen können,

denn er hatte ja ausschließlich seine Art von Menschenkörper und ein sterbliches Leben bei der ersten großen Verteilung geschenkt bekommen.

Ein Satz voller Rätsel.

  • die erste große Verteilung
    Ich stelle mir eine göttliche Instanz vor, die am Beginn der Zeit jedem das Seine und jeder das Ihre gab.
  • eine bestimmte Art von Menschenkörper
    Welche Arten könnte es geben? Mann und Frau, behindert und heil, weiß und schwarz?
  • ein sterbliches Leben
    Ist das Leben sterblich oder nur das Wesen, das lebt? Könnte man sagen: „Sein Leben starb“?

Was mich zur Frage führt: Mit welcher Genauigkeit ist dieser Text geschrieben? Wieviel Genauigkeit verträgt die Lektüre?

Bei dieser ersten Verteilung erhalten offenbar alle einen Körper und ein Leben. So könnte man meinen, aber weit gefehlt. Denn die Ich-Erzählerin fügt in Klammern an:

(das ist übrigens überhaupt nicht abfällig gemeint, ich habe ja nicht mal das geschafft)

Wie soll man sich jemanden vorstellen, der bei der Verteilung von Körper und Leben leer ausgegangen ist oder zumindest defizitär? Vielleicht ist die Ich-Erzählerin kein Mensch (wie komme ich überhaupt darauf, dass sie weiblich ist?). Im ersten Satz heißt es nämlich:

(ich wollte ja einfach im Kühlschrank chillen)

Welches Wesen zieht sich zur Abkühlung in den Kühlschrank zurück?

Doch auch Irmis Mann ist bei der Verteilung offenbar nicht so gut weggekommen.

Irmi schnitt damals etwas besser ab als ihr Mann.

Besserer Menschenkörper? Besseres Leben? Der folgende Satz macht die Verwirrung perfekt:

Somit war es ihr tatsächlich herzlich egal, ob das Ei sieben oder siebzehn Minuten lang kochte.

Auftritt, endlich, das Ei! Besser gesagt: das Ei, wie Irmis Mann es haben möchte. Jetzt wird’s kompliziert:

Es ging nicht einmal darum, dass ihr Mann das Ei irgendwie besonders haben wollte. So etwas Uneindeutiges wie „sehr festes Eiweiß und mittelweiches Eigelb“, wie Irmi das eigentlich mag, fand er schlicht unausstehlich. Das Frühstücksei sollte hart sein. Punkt.

Wie bei fast jedem Streit geht es auch bei diesem nicht um das Ei (und auch nicht um die Wasserverschwendung oder „das unnötige In-die-Höhe-Treiben der Stromrechung“ durch zu langes Kochen). Nicht weil Irmi das gut findet, kriegt Irmis Mann sein Ei, wie er es will, sondern weil Irmi sonst Migräne bekommt.

Stil

Sharon Dodua Otoo gehört zu den nicht-muttersprachlichen Autorinnen der deutschsprachigen Literatur. Dass unter diesen Umständen ein Klischee wie „herzlich egal“ in den Text gefunden hat, wundert mich. Sind das ihre Worte? Insgesamt kommt ihr Text auf Seite 7 ohne jede Sprachkunst aus, es geht nur um den Transport von Inhalt. Umgangssprachliche Wendungen („im Kühlschrank chillen“, „so, wie Irmis Mann drauf war“) und die inzwischen modisch gewordene Aneinanderreihung von Wörtern mit Bindestrich („das unnötige In-die-Höhe-Treiben der Stromrechnung“) ergeben noch keine stilistische Handschrift.

Seite 1 bis 11 – Lösung der Rätsel

Die Autorin gibt uns Leseanweisungen: Die ersten 5 Seiten soll man mit dem rechten Auge lesen, die nächsten 5 mit dem linken, die letzte Seite offenbar mit beiden. Eine Art simulierter Perspektivwechsel? Was auch immer damit beabsichtigt sein mag, es hat
keine Konsequenzen für die Lektüre.

Die Ich-Erzähler-Instanz ist in der Tat (noch) kein Mensch. Eine Idee mit Potenzial: Als Ungeborenes kann dieses Wesen sich jede mögliche Gestalt geben und nach Lust und Laune in der Welt der Lebenden mitmischen, als Lippenstift, Erdbeben, roter Teppich – oder eben als Ei, das gekocht wird. Nun verstehe ich auch den rätselhaften Entschluss, „nicht hart zu werden“.

Doch die meisten Rätsel von Seite 7 bleiben auch nach der Lektüre des ganzen Texts ein Rätsel, zum Beispiel die Frage, warum die Ausstattung mit einer Art von Menschenkörper und einem sterblichen Leben es Herrn Gröttrup unmöglich machen sollte, die Gründe dafür zu verstehen, dass sein Ei sich weigert, hart zu werden. Und warum kann es Irmi herzlich egal sein, wie lang das Ei kocht, nur weil sie bei der ersten Verteilung etwas besser weggekommen ist? Und warum könnte sie von Ada, der Putzfrau, eine „detaillierte Begründung“ für die Entscheidung des Ungeborenen bekommen?

Es häufen sich die Stilblüten:

  • Die Stille in der Küche war inzwischen messerscharf.
    Kann Stille messerscharf sein?
  • Wie eine Kettensäge drang die Stimme seiner Frau in seine Rechnungen und Gleichungen ein.
    Das Bild ist in der Vermischung von Konkretem (Kettensäge) und Abstrakta (Rechnungen und Gleichungen) schon missraten. Wenn ich den Satz lese, den Irmi darauf sagt, glaube ich das mit der Kettensäge ohnehin nicht mehr:
    Ich koche dir noch ein Ei, ja?
  • … und drückte gleichzeitig ihrem Mann eine Windel voll Kleinkind in die Arme.
    Das ist ein Flachwitz, unter dem Niveau, das dieser Text anstrebt.

Der dramatische Höhepunkt:

Das. Ei. War. Noch. Weich.

Der Interpunktionszauber hat in etwa den Effekt einer Tischbombe beim Kindergeburtstag. Auch die Ersetzung von jemand durch jemensch auf Seite 2 ist bestenfalls ein Mini-Aufreger, der sogleich verpufft; da hilft es auch nichts, dass bei der dritten (!) Wiederholung ein Gedanke aufblitzt.

Wenn jemensch ihn in seiner Gegenwart als Christ bezeichnet hätte, hätte er „mit Verlaub“ korrigiert: Er war überzeugter Protestant. Wenn jemensch ihn allerdings als „Cis-Mann“ bezeichnet hätte, hätte er vor lauter Irritation bestimmt die Augen zusammengekniffen. Und wenn jemensch ihn als „weiß“ bezeichnet hätte, hätte er dies entweder als Synonym für „deutsch“ aufgefasst oder sich gefragt ob dies als Beleidigung zu verstehen war. Oder beides.

Mit Adjektiven und deren Verstärkern geht Sharon Dodua Otoo sorglos um:

  • eine Tatsache, die ihn – gelinde gesagt – höchst unzufrieden machte.
  • hatte er bereits zweifelsfrei festgestellt.
  • während Irmi gnadenlos mit ihrem Mann schimpfte.

Überflüssige Adjektive nehmen dem Text Energie. Störender finde ich Sätze, die nur mit Gewalt aufgehen wie ein verklemmter Marmeladenglas-Deckel.

  • Die wochenendlichen Radtouren musste er bedauerlicherweise vor zwei Jahren sein lassen, weil er es mit dem Knie hatte. Inzwischen genoss er seinen neuen Status als regelmäßiger Sonntagsfahrer.
  • Seit seiner Pensionierung wurde Irmi von ihrem Mann nur noch Mutti genannt, obwohl sie keine Kinder hatten.
    Das Subjekt von „seine Pensionierung“ muss mit dem Prädikat („wurde Mutti genannt“) übereinstimmen. Ein möglicher Satz wäre: „Seit seiner Pensionierung nannte ihr Mann sie nur noch Mutti.“
  • Herr Gröttrup klang weniger selbstsicher, als er wollte.

Beim philosophischen Höhepunkt des Texts hapert es nicht nur mit der Syntax, sondern auch mit der Metaphorik.

Deutlich schwieriger ist es für mich, auszuhalten, dass ihr Lebenden ausschließlich mittels dieses Gefängnisses namens Sprache kommuniziert.

Kann man mittels eines Gefängnisses kommunizieren?

Sprachen und ihre Kategorien, o!
Menschen und ihre Kategorien!
Sie sind nicht ganz dicht, o! Sie sind nicht ganz dicht.

Was mag die Jury bewogen haben, diesen Text auszuzeichnen?

Jury-Diskussion – Rätsel über Rätsel

Sandra Kegel spricht von einem heiteren Ton – „das ist so unangestrengt erzählt“. Der Text sei nicht denunziatorisch, sondern arbeite „mit Humor und Ironie“. Der „Tonfall von vergnügter Heiterkeit“ bleibe im ganzen Text erhalten, so Hildegard Keller, während Klaus Kastberger ihm Swing, Drive und Zauberkraft bescheinigte.

Lauter Pauschal-Urteile, keines davon durch ein Zitat belegt. Ansonsten war die Diskussion bar jeder Stilkritik.

Die Juroren sind klüger als der Text. Ich staune, was man in diesem Text alles entdecken kann. Mehrfach ist von surrealer (Lehr-)Parabel die Rede. Juri Steiner versteht das Geschehen als Demenzgeschichte, „Sandkastenkrieg auf dem Frühstückstisch“. Klaus Kastberger gibt sein Wissen zum Genre der Tischszene zum Besten: „bei Tisch geht’s zur Sache“, Angriff auf das Bürgertum, der Wiener Aktionismus als „groteske Überschreitung der bürgerlichen Tischmanieren“, schließlich der Verweis auf Thomas Bernhards Der deutsche Mittagstisch. Diesen Ausführungen lauscht man mit Gewinn – nur haben sie mit der Tischszene in Sharon Dodua Otoos Text nichts zu tun.

Das wandelbare Ich gab Rätsel auf. Meike Fessmann sieht in der Verwandlung in ein Ei den Wunsch, unauffällig zu sein. Hildegard Keller vermutet eine Weltseele, denn dieses Ich reist durch Zeit und Raum; die Jurorin verweist auf den „post-human-approach“ und den (hoch interessanten) TED Talk „Stroke of Insight“: Intentional handelnde Subjekte müssten nicht immer Menschen sein.

Die konfusen Dinge, die dieses Ich gegen Ende des Textes äußert, werden von der Jury allerdings geflissentlich ignoriert. Der Plan mit dem Ei-Sein sei nicht aufgegangen, erklärt uns dieses Ich, auch diesmal werde es mit dem Geborenwerden wohl nichts.

Ich weiß es, weil es immer noch keine Bilder gibt.

Das nämlich sei der Unterschied zwischen den Ungeborenen und den Verstorbenen.

Tote haben Bilder. Die, die noch nicht gelebt haben, warten noch darauf.

Dieses wandelbare Ich hat keine Tiefe. Es ist nur ein Trick, mit dem die Autorin eine ungewöhnliche Erzählperspektive aus dem Hut zaubert.

Entscheidend scheint für manche Juroren der Umstand gewesen zu sein, dass es sich bei Herrn Gröttrup nicht um eine fiktive Figur handelt, sondern um den NS-Raketentechniker Helmut Gröttrup, Assistent von Wernher von Braun. Nach dem Krieg forschte Gröttrup zunächst in Westdeutschland für die Sowjetunion, wurde dann samt Familie in die Sowjetunion deportiert, konnte jedoch 1953 nach Westdeutschland zurückkehren, wo ihm eine Karriere als Wissenschaftler beschieden war. Das alles habe ich in Wikipedia nachgelesen, nachdem Sandra Kegel in der Jury-Diskussion angemerkt hatte, Gröttrup sei der Erfinder des Chips auf unserer Bankkarte.

„Wie bin ich da hingekommen?“, fragte sich Hubert Winkels angesichts der mageren Szene im Text, die das Vorleben des Ehepaars Gröttrup beleuchtet (nach der „zweiten Verteilung“). Nach dem stotternden, „aus dem Kleinsten erzählten“ Anfang, der ihn gelangweilt habe, konstatiert Winkels hier eine extreme Beschleunigung. Man könnte auch sagen, die Szene falle aus der Erzählung heraus. Sie wirkt wie hineingeklebt, jedenfalls würde im Gang der Erzählung nichts fehlen, wenn man die Seite 8 entfernte.

Obwohl die NS-Vergangenheit des Herrn Gröttrup im Text kaum angedeutet wird, fand Sandra Kegel, die Sharon Dodua Otoo eingeladen hatte, es „unglaublich“, dass uns eine britische Autorin diesen Teil „vergessener deutscher Geschichte“ erzählt. Stefan Gmünder sieht darin gar einen „genialen Griff“. Drittes Reich kann nie schaden!

Beitragsbild:
Screenshot ORF

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

5 Kommentare

  1. Eine sehr gute, berechtigte und wunderbar detaillierte Kritik. Dies war auch mein Eindruck von der Lesung und der Kritikerrunde und ihrer Nichtigkeiten, denen ich wütend und staunend zugehört habe. Den Bachmann-Preis kann man wohl nicht mehr ernst nehmen. Das einzige, was allerdings sehr positiv bei mir hängengeblieben ist, ist ausgerechnet der Satz: „Die Stille in der Küche war inzwischen messerscharf.“ Den konnte ich sehr gut nachvollziehen, à la „Either you kill the silence, or the silence kills you“, wenn man also ein Gespräch anfängt, weil der Sound of Silence unerträglich wird.

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    1. Der Satz „Either you kill the silence, or the silence kills you“ ist viel besser, weil er die Mordwaffe nicht benennt. Stille kann töten, aber sie schwingt kein Messer, kann weder stumpf noch scharf sein. Metaphern rufen Bilder wach, und die müssen stimmen. Sonst taugt es literarisch nichts.

    2. @Geisel: Der Satz ist mir aber wirklich unter die Haut gegangen und somit muss die Metapher doch auch funktionieren. Die Luft selbst schwingt vielleicht keine Messer, aber atmosphärisch kann sie mit Messern aufgeladen sein. Damit meine ich, dass die Stille genauso nervtötend ist wie die Beziehung zum Gegenüber, und von dort aus kann ich mir eine vergiftete Luft vorstellen, weil jeder Blick, Geste oder Gesprächsversuch einem weh tut oder einschneidend. Ich stelle mir das z.B. so vor: A sagt „Nimm nicht so viel Wurst“. B bereut in diesem Augenblick überhaupt Wurst genommen zu haben und hat daraufhin Angst (hier beginnt ist das Messer!) in die Richtung vom Käse zu schauen, weil er dann wieder einen Satz in dieser Art befürchtet.

  2. Ob ein Verfassen von literarischer Kunst noch eine Voraussetzung ist, um zum Wettbewerb eingeladen zu werden? Ich habe die Kritik gerne und mit einem Schmunzeln gelesen, doch eventuell könnte sie verfehlt sein, weil sie nicht trifft. Wenn der Kunstanspruch von außen herangetragen wird, wäre der Fall ähnlich, sie bei einem Vorwurf gegenüber sprachlicher Kunst, sie nicht umgangssprachlich. Der Kreis von Kunstinteressierten ist offenbar kleiner, wesentlich kleiner geworden. – Gegen einen Detailreichtum (Hubert Winkels) hätte ich innerhalb von Prosa übrigens nichts einzuwenden.

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    1. Sorry, da ist was schief gelaufen. Nochmal.

      Ob ein Verfassen von literarischer Kunst noch eine Voraussetzung ist, um zum Wettbewerb eingeladen zu werden? Ich habe die Kritik gerne und mit einem Schmunzeln gelesen, doch eventuell könnte sie verfehlt sein, weil sie nicht trifft. Wenn der Kunstanspruch von außen herangetragen wird, wäre der Fall ähnlich, wie bei einem Vorwurf gegenüber sprachlicher Kunst, sie nicht umgangssprachlich. Der Kreis von Kunstinteressierten ist offenbar kleiner, wesentlich kleiner geworden. – Gegen einen Detailreichtum (Hubert Winkels) hätte ich innerhalb von Prosa übrigens nichts einzuwenden.

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