Wenn ich an andere Orte reise, tauche ich gern in die Geschichte der Gegend ein, in der ich mich gerade befinde. Das erweitert und vertieft den Blick: Ich nehme meine Umgebung plötzlich ganz anders wahr; ich sehe buchstäblich mehr. Und manche Bücher bleiben im Gedächtnis – zum Beispiel Montaillou von Emmanuel LeRoy Ladurie.

Montaillou ist ein Dorf in den französischen Pyrenäen. Im frühen 14. Jahrhundert gehörte die Mehrzahl seiner Bewohner der geheimen Sekte der Katharer an. Der Historiker LeRoy Ladurie hat die Inquisitionsakten ausgewertet. Und er erzählt das Schicksal der Dorfbewohner auf eine Weise, die sie wieder zum Leben erweckt. Ihr Alltag, ihre Sorgen und Ängste, ihre Bedürfnisse und religiösen Überzeugungen: All das rückt plötzlich sehr nah. Das Mittelalter ist in diesem Buch keine ferne Zeit, in der die Menschen in festgefügten Glaubenssystemen lebten. Sie vergleichen religiöse Lehren. Sie stellen Fragen und finden ihre ganz eigenen Antworten darauf; sie entwickeln Überzeugungen, an denen einige festhalten, während andere sich anpassen, als die Verhältnisse sich ändern. Die Kastellanin Béatrice de Planisoles, Eigentümerin von Montaillou, gehört ebenso den Katharern an wie ihr zeitweiliger Geliebter Pierre Clerge, der katholische Priester des Orts. Er bewahrt das Dorf lange Zeit vor der Inquisition, bis er schließlich die Seiten wechselt. Und dann ist da noch der heimliche Held des Buchs: Der Schäfer Pierre Maury, der die Schafe der Bauern aus den Pyrenäendörfern im Sommer zu den Weiden im nördlichen Katalonien führt und sie dort hütet. LeRoy Ladurie widmet ihm ein ganzes Kapitel und lässt in der Schilderung seines Lebens die Utopie eines geglückten Lebens anklingen. Beendet wird dieses Leben durch die Inquisition: Maury wird 1324 als Ketzer verhaftet, über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. 650 Jahre später ist LeRoy Ladurie beim Lesen der Akten von seiner Lebenskunst fasziniert:

Jedenfalls wußte Pierre Maury, unser Philosoph im Ziegenfell, daß der Reichtum, den er für sich in Anspruch nahm, eine sehr relative Größe war. Ein wirklich reicher Mann arbeitete nicht, wie er selbst, für Lohn, sondern besaß Land und Geld genug, andere für sich arbeiten zu lassen (…). Überdies wußte Pierre sehr wohl (wie er dem Propheten Bélibaste, als dieser ihn verheiraten wollte, zu wiederholten Malen erklärte), daß er nicht mal reich genug war – selbst wenn er einmal reich war –, um einen eigenen Haushalt zu gründen, Frau und Kinder zu ernähren. So blieb er den Lehren treu, die er im Tal von Arques einst von Jacques Authié erhalten hatte (…): „Mit den Reichtümern, die Satan zu vergeben hat, werdet Ihr nie Zufriedenheit erlangen, wieviel Ihr auch davon hättet. Wer davon haben wird, wird immer mehr davon haben wollen. Und Ihr werdet weder Rast noch Ruhe haben, denn diese niedere Welt ist nicht das Reich der Beständigkeit; und alles, was Satan schafft, ist vergänglich und der Zerstörung bestimmt.“

Angaben zum Buch
Emmanuel LeRoy Ladurie
Montaillou. Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294-1324
Aus dem Französischen von Peter Hahlbrock
Propyläen Verlag 1986 • 413 Seiten
ISBN: 978-3549073902
Antiquarisch erhältlich über Amazon, booklooker und andere Anbieter.
Bildnachweis:
Burgruine von Montaillou
von fr:user:Xfigpower (Selbst fotografiert) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Von Anselm Bühling

Übersetzer und Redakteur von tell, lebt in Berlin.

4 Kommentare

  1. Ja, das ist ein wunderbares Buch. Fasziniert hat mich, wie die Albigenser ihre radikale Religion, die ganz vom sündigen Leben weg zum himmlschen Jenseits ausgerichtet war, dem alltäglichen Leben anglichen. Kompromisse, Kompromisse. Auch fand ich tröstlich, dass in Zeiten übelster Inquisition ein Vertreter der Kirche vorzog, sich erzählen zu lassen und Chronist zu sein, statt zu quälen. Es ist lange her, das ich das Buch las, aber ich erinnere mich noch an die lebendige Schilderung des Miteinanders über Standesgrenzen hinweg.

    Wer gerne solche historischen Bücher aus dem Kreis um Historiker Carlo Ginzburgs liest, dem empfehle ich noch die Bücher von Natalie Zamon Davis (z. Bsp. ‚Die Wiederkehr des Martin Guerre‘), von Philippe Ariès (z. Bsp. ‚Geschichte der Kindheit‘) und von Alain Corbin (z. Bsp. ‚Pesthauch und Blütenduft‘). Gripping tales!

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    1. Anselm Bühling 26. August 2016 um 9:28

      Danke für die schönen Empfehlungen! Mich hat auch fasziniert, mit welche Fantasie und welchem Eigensinn die Menschen ihre Religion ausgelegt haben: Wenn die moralischen Anforderungen so hoch gehängt werden, dass nur wenige (die Perfecti) danach leben können, dann kommt es für die anderen nicht mehr so genau darauf an…

  2. wunderbares Buch. Und für mich verbunden mit einer schönen Ferienerinnerung: An einem heißen Tag kam ich zu Fuß nach Montaillou, durstig und hungrig. Aber im ganzen heutigen Montaillou gab es keinen Laden und keine Bar – dafür eine kleine, in einer Garage eingerichtete Buchhandlung mit wissenschaftlicher Literatur über Montaillou und die Katharer, dazu Pierre-Maury-Wein…

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    1. Anselm Bühling 26. August 2016 um 9:29

      Geistige Nahrung und geistige Getränke, was will man mehr?

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