In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.

Roth Wien

Um die Geheimnisse einer Stadt zu erkunden, bedarf es eines geübten Blickes. Für einen Spaziergang durch Wien nehme ich mir dazu den Essayband Eine Reise in das Innere von Wien von Gerhard Roth, einem 1942 geborenen österreichischen Schriftsteller, der sich mit der Vergangenheit seines Landes kritisch auseinandersetzt. Ein idealer Reiseführer für Flaneure, denn mit Roth entdeckt man auch Orte, die es nicht mehr gibt, und die Essays vermitteln den morbiden und zugleich lebhaften Charme der Stadt.

Im „Hetz-Theater“ im III. Bezirk wurden bis Ende des 18. Jahrhunderts Hunde, Bären, Tiger, Löwen und Wildschweine aufeinander losgelassen. 1796 brannte diese fragwürdige Vergnügungsstätte ab. Roth nimmt dies zum Anlass, um auf einen ganz anderen Brand hinzuweisen.

In der Hetzgasse Nr. 4, unmittelbar dort, wo das Amphitheater stand, brannte um die Jahrhundertwende dann ein Feuer, das seinen hellen Schein auf die allgemeine, österreichische Hetz warf. Es war die Redaktion der satirischen Zeitschrift „Die Fackel“ von Karl Kraus.

Wegen solcher Details liebe ich dieses stille Buch, bei dem immer wieder die feine wienerische Bosheit hervorblitzt – selbst beim Wiener Heiligtum, dem Stephansdom.

Die Katakomben des Wiener Stephansdoms sind unappetitlich und unwürdig und nur wegen ihres ekelerregenden Zustandes eine Sehenswürdigkeit. Tief unter dem Dom gibt es offenbar keine Scham mehr.

Das ist pures Wien. Und danach schlendern wir zur Berggasse 19.

Angaben zum Buch
Gerhard Roth
Eine Reise in das Innere von Wien
Essays
Fischer-Verlag 1993 · 288 Seiten · 9,95 Euro
ISBN: 978-3-596-11407-8
Bei Amazon oder buecher.de
Beitragsbild:
Modell des Stephansdoms in Wien
Von Alexander Umbricht (gemeinfrei)

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

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