Schreiben sei etwas Sinnliches, wie jede Kunst, sagt der israelische Autor Aharon Appelfeld in seinem Interview in der Paris Review – „you have to touch it, you have to feel it“. Deshalb schreibt er nicht mit dem Computer.

Die Hingabe ans Schreiben sei seine Religion:

„Meine Religion hat auch noch andere Facetten, aber im Wesentlichen geht es darum, mit mir allein zu sein, stundenlang.“

Aharon Appelfeld spricht hier vom spirituellen Leben und von der Kreativität. Er benennt, was diese beiden Seinsweisen des Menschen miteinander verbindet: das Alleinsein mit sich selbst. Bei sich zu sein, das scheint die Voraussetzung sowohl für die Religion, die den Menschen transzendiert, als auch für sein Schaffen, das ihn in sein eigenes Inneres führt. Allein sein mit sich selbst, zur Ruhe kommen, Schwerkraft im Inneren finden – die große Sehnsucht unserer Zeit mit ihren Zentrifugalkräften. Mit unseren Geräten haben wir die unerträgliche Leichtigkeit des Seins neu erfunden. Jederzeit können wir uns selbst entkommen, ohne Anstrengung, durch  Tippen, Klicken, Wischen. Wir entfernen uns damit von dem, was Appelfeld „das Heilige“ im Menschen nennt.

„Man muss behutsam sein, wenn man mit jemandem spricht, denn der Mensch, der vor einem steht, hat etwas Heiliges in sich.“

Die Haltung gegenüber den anderen spiegelt die Haltung, die jemand gegenüber sich selbst hat. Weil Aharon Appelfeld die Zeit, die er mit sich allein verbringt, als etwas Heiliges erlebt, sieht er diese Transzendenz auch in den anderen.

Ein Tier werden

Fast unmerklich fasst Aharon Appelfeld den Schrecken in seiner Prosa in Worte. Er ist darin Imre Kertész verwandt, der den Schrecken des KZs ebenfalls als sehr junger Mensch erlebt hat. Die Sätze des Gesprächs, in denen Appelfeld den Tod seiner Mutter schildert, sind von elementarer Einfachheit. Sie öffnen einen Abgrund, sich nicht wieder schließt.

„Wir waren bei meiner Großmutter auf dem Bauernhof. Die Rumänen und die Deutschen kamen, und sie erschossen meine Mutter und meine Großmutter. Das war im Sommer 41. Ich war neuneinhalb Jahre alt. Sie war 32. Ich bin jetzt 82. Meine Mutter wird immer jung bleiben und ich werde sehr alt. Sie war eine schöne Frau.“

Aufgewachsen ist Aharon Appelfeld in Czernowitz; damals hieß er noch Erwin, ein urdeutscher Name.

„Wenn man nach Israel kam, wurde einem ein anderer Name gegeben. Ich erhielt den Namen Aharon. Mein richtiger Name ist Erwin. Es ist sehr schmerzhaft, den eigenen Namen aufzugeben.“

Der Namenswechsel mit dem Eintritt ins neue Land. Wer hat sich das ausgedacht, und was war das für eine Erfahrung? Ein neuer Name bedeutet: Ich bin nicht mehr, wer ich war. Ein äußeres Zeichen eines inneren Wandels. Ich kenne Yogalehrer, die sich einen indischen Namen geben, und ich kenne jemanden, der einen neuen Namen wählte, weil er seiner Kindheit entkommen war und der alte Name nicht mehr auf ihn zutraf. Bedeutet ein Namenswechsel den Verlust der Kindheit?

Mit neuneinhalb Jahren wurde Erwin zusammen mit seinem Vater in ein Zwangsarbeiterlager im östlichen Rumänien verschleppt und dort von ihm getrennt. Erwin gelang es, aus dem Lager zu entkommen, damals war er zehn. Danach überlebte er zwei Jahre in den Wäldern, übernahm Dienste für Prostiuierte und Diebe, bis er sich 1944 als Küchenjunge der sowjetischen Armee anschloss.

Die Flucht sei eine Transformation gewesen.

„Ich wurde zu einem kleinen Tier. Es war der Wunsch nach Leben, der Wunsch zu überleben.“

Ein Tier kann nicht sprechen.

„Mein Leben war blind, es konnte keine Wörter haben. Aber als ich begann, über meine Kindheit zu schreiben – und ich habe viel geschrieben – kam es zum Vorschein.“

Die Dummheit der Wörter

Es war ein Schreiben an der Grenze der Sprache, denn die existenzielle Erschütterung hebt die Wirkung der Wörter auf. Die Sprache ist dieser Wirklichkeit nicht gewachsen.

„Nach einer Katastrophe verliert man die Wörter. Jedes Wort ist dumm, sobald man es gebraucht.“

Diese Beobachtung findet man auch in Primo Levis „Ist das ein Mensch?“. Es sei nicht möglich, einem freien Menschen zu erklären, was Auschwitz war:

Wir sagen <Hunger>, wir sagen <Müdigkeit>, <Angst> und <Schmerz>, wir sagen <Winter>, und das sind andere Dinge. Es sind freie Wörter, geschaffen und benutzt von freien Menschen, die Freud und Leid in ihrem Zuhause erlebten. Hätten die Lager bestanden, wäre eine neue, harte Sprache entstanden.

Schon im Titel von Levis Aufzeichnungen steckt diese Inkongruenz: Die Frage „Ist das ein Mensch?“ benennt den Zweifel daran, dass das Wort Mensch auf die Wesen in dieser Zone noch zutrifft: Sowohl die Opfer als auch die Täter verlieren im Lager ihre Menschlichkeit, wenn auch in unterschiedlichem Sinn.

In Israel hat Aharon Appelfeld nicht nur einen neuen Namen bekommen, sondern auch eine neue Sprache. Das Hebräische sei seine „angenommene Muttersprache“ geworden. Sie habe ihm das Schreiben ermöglicht:

„Mit dem Hebräischen wurde ich sehr frei, vielleicht, weil es nicht meine Sprache ist.“

Vielleicht konnte er seine Vergangenheit im Hebräischen neu erfinden. Die neue Sprache erlaubte es ihm, sich zu erinnern, weil sie keine „dummen“ Wörter hatte.

Thomas Harlan – Ein Täterkind verbannt seine Sprache

Es gibt dazu eine interessante Parallele in der Biografie von Thomas Harlan, der als Sohn eines Täters nach dem Krieg ebenfalls seine Sprache verlassen hatte, allerdings aus freien Stücken.

„Ich habe mit siebzehn meine eigene Sprache verbannt, bin nach Frankreich gegangen und wollte kein Deutsch mehr hören.“

Auf Französisch habe er sich nicht mehr an seine Eltern erinnern müssen, sagt Thomas Harlan im Gesprächsband Hitler war meine Mitgift. Als Sohn des NS-Starregisseurs Veit Harlan hatte Thomas Harlan eine privilegierte und glückliche Kindheit. Bei Kriegsende war er 16 Jahre alt, erst nach und nach begriff er, dass er in einer „Verbrecherbande“ aufgewachsen war. Dies hat ihm seine Kindheit nicht beschädigt: „Ich bin immer noch ein glückliches Kind“, sagt er in einem Interview. Aber es hat ihn auf eine Weise wachgerüttelt, wie es im Nachkriegsdeutschland kaum jemandem widerfuhr. Im Bewusstsein der Menschen sei der Massenmord an den Juden nicht geschehen, „weil es dafür keine Worte gibt“, so Harlan.

Es gibt keine Worte, die dem Geschehen angemessen waren – wie es auch keine Strafe gibt, die dem Verbrechen angemessen gewesen wäre.

Nach fünfzig Jahren kehrte Thomas Harlan in die Sprache seiner Kindheit zurück und begann zu schreiben. „Ich hatte den Vorteil, dass ich mit ganz frischer Ware anfing. Meine Worte hatten noch nichts auf dem Gewissen.“ Er hätte es sonst mit der Dummheit der Worte zu tun bekommen, von der Appelfeld spricht.

Leben nach dem Lager

Für Aharon Appelfeld gibt zwei Arten von Autoren: Solche, die über das zivile Leben schreiben und solche, die über Katastrophen schreiben.

„Ich beschäftige mich mit Katastrophen, sie verändern, wie man fühlt und denkt. In welcher Weise? Es gibt keine Sicherheit mehr. Alles steht unter dieser Katastrophe. Man blickt auf alles durch diese Katastrophe hindurch. Man frühstückt zwar jeden Morgen, aber man vergisst die Katastrophe nie.“

Anders ausgedrückt:

„After the camps, nothing is strange.“

Einfacher kann man das Ungeheuerliche nicht sagen: Nach der Erfahrung der Lager ist man auf alles gefasst. Man hat gesehen, wozu der Mensch in der Lage ist, jenseits des Menschlichen, vielleicht unter Preisgabe des Heiligen. Dieses Wissen ist die Grundlage für das weitere Leben.

Aharon Appelfeld möchte nicht, dass diese Wunden heilen. Seine Alpträume seien reich an Gefühlen und Empfindungen, reich an menschlichem Verhalten.

„Ich ernähre mich von diesen Nächten.“

Ein ungeheurer Satz. Ohne es auszusprechen, ist er ein Zeugnis von Heilung und von dem Weg, der dabei zurückgelegt wird. Ein Trauma ist eine Verletzung, bei der sich das Opfer mit seiner Verletzung identifiziert, die keinen Raum lässt zwischen dem Selbst und der Erfahrung. „Ich wurde zu einem kleinen Tier“, sagt Appelfeld, zu einem Wesen also, das nur erlebt, nicht reflektiert. Ein Mensch kann in diesem Zustand nicht verharren, wenn er leben will, das Selbst muss sich von der lebensbedrohlichen Erfahrung trennen, Distanz gewinnen. Die Psychologie kennt das Phänomen der Abspaltung: Das Unerträgliche wird aus dem Bewusstsein verbannt und existiert weiter im Unbewussten (im schamanischen Denken heißt es gar, ein Teil der Seele ziehe sich in die Unterwelt zurück). Thomas Harlans Feststellung, der Mord an den Juden habe in unserem Bewusstsein nicht stattgefunden, bezieht sich auf die kollektive Abspaltung des Verbrechens. Auch die Täter sind traumatisiert durch ihre Tat.

Der Prozess der Heilung beginnt damit, dass die Sprache das Erlittene ins Bewusstsein holt. Wenn Aharon Appelfeld sein Schreiben als eine Art von Religion bezeichnet, können wir daraus schließen, dass es sich um einen Akt der Transzendenz handelt, um einen spirituellen Vorgang, jenseits der rein psychischen Verarbeitung desTraumas.

Das Trauma sprengt das Maß des Menschlichen. Deshalb muss das Schreiben dieses Maß ebenfalls überschreiten, sprich transzendieren.

I write books. They should have meaning.

Das ist die die einfachste und zugleich anspruchsvollste Definition dessen, was ein Schriftsteller tut. Wie übersetzt man den zweiten Satz?

Ich schreibe Bücher.

In denen sollte etwas drinstehen.
Sie sollten einen Sinn haben.
Sie sollten etwas bedeuten.

Übersetzung der Zitate aus dem Englischen: Sieglinde Geisel
Bild:
Aharon Appelfeld, Mai 2014
Von jwh via Wikimedia
License: CC

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Henri Vogel 7. Juni 2016 um 13:10

    „Das Trauma sprengt das Maß des Menschlichen. Deshalb muss das Schreiben dieses Maß ebenfalls überschreiten, sprich transzendieren.“

    Etwas zu transzendieren, heißt auch, dem Ding einen höheren Sinn als den stofflich und sinnlich wahrnehmbaren zu geben. Nun kann aber niemand Sinn geben, sondern bestenfalls erkennen. Insofern ist das „should have“ eher eine Beschwörung, vielleicht auch nur ein verzweifelter Wunsch des Überlebenden, dass die eigene Unversehrtheit einen Sinn haben muss und also auch die Folgen (die entstandenen Bücher).

    In diesem Sinne könnte die Antwort lauten: „Ich schreibe Bücher. Sie müssen einen Sinn haben.“

    Antworten

    1. Oder: Es muss einen Sinn haben, diese Bücher zu schreiben?

      Ich bin mit nicht mit Ihnen einverstanden, wenn Sie sagen, dass man keine Sinn „geben“ könne. Wir tun das den ganzen Tag, etwa indem wir interpretieren, was wir tun, oder indem uns so verhalten, damit das, was wir erleben, mit Sinn gefüllt wird. Das Leben selbst hat keinen Sinn – den bringen erst wir ins Spiel.
      Darin besteht vielleicht die Krise des Überlebens dass „die eigene Unversehrtheit einen Sinn haben muss“. Diesen Sinn erhält sie jedoch erst, wenn man sie mit Sinn füllt.

  2. Ich halte Vokabeln ‚Sinn‘ für wenig hilfreich. Allgemein von Interpretation zu sprechen, verdeckt die Probleme lediglich. Verschiedene Worte ‚Sinn‘, wenn auch gleichklingende, ließen sich auf sehr verschiedene Sachverhalte beziehen, auf semantische, theleologische usw. Sprachlich zu ‚Sinn‘ zu greifen, ergibt leicht Unsinn ;-)

    Antworten

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)