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Das lustvolle Leiden des Lesens

Ein Weihnachtstipp von Agnese Franceschini

„Das Gespräch ist die lohnendste und natürlichste Übung unseres Geistes“ – dieser Satz von Montaigne dient als Motto der Buchreihe „Kampa Salon“. Das Gespräch der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen mit der amerikanischen Autorin Siri Hustved ist eine Übung in allen Disziplinen unseres Geists.

Es geht nicht nur um philosophische Gedanken. Siri Hustvedt hat sich mit Neurowissenschaften beschäftigt und erzählt etwa, wie sie aus einem unerklärlichen Zittern ihres Körpers die Kraft geschöpft hat, die Mechanismen unseres Gehirns zu studieren, um zu verstehen was mit ihr passierte. In ihrem autobiografischen Buch Die zitternde Frau: eine Geschichte meiner Nerven berichtet sie davon.

Hier war […] ‚Denkraum‘ oder Distanz nötig. Das Abenteuer des Schreibens bedeutete, mein Symptom durch die Linse mehrerer Disziplinen zu betrachten, zwischen verschiedenen Perspektiven zu tanzen und aus jeder davon Einsichten zu beziehen. Das machte mir Spaß und brachte mich zum Lachen. […] Distanz ermöglich Humor. Mit dem Alter scheint mein Sinn für Humor erheblich gewachsen zu sein, was wohl an der Fähigkeit liegt, mich selbst aus immer weiterer Entfernung zu betrachten.

Siri Hustvedt wurde 1955 in Minnesota als Tochter norwegischer Eltern geboren, die Entscheidung, Schriftstellerin zu werden, entstand während eines Urlaubs in Island, als sie 13 Jahre alt war. Da es im isländischen Sommer nachts nie richtig dunkel wurde, blieb sie wach und las David Copperfield. Der sadistische, brutale Mr. Murdstone, Davids Stiefvater, versetzte sie in Angst und Schrecken:

Ich litt auf jene exquisite Weise, wie sie nur durch Lesen erzeugt werden kann. Eine Art lustvolles Leiden. Ich erinnere mich, dass ich das Buch beiseitelegte, ans Fenster trat, auf das schlafende, von der gespenstischen Mitternachtssonne erleuchtete Reykjavik hinausschaute, und das tiefe Gefühl einer Verwandlung empfand. Ich dachte: ‚Wenn es das ist, was Bücher machen können, dann ist es das, was ich machen will.‘

Siri Hustved
Wenn Gefühle auf Worte treffen
Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen
Aus dem Amerikanischen von Grete Osterwald
Kampa 2020 · 304 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3311140108

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Liebe in der Teppich-Etage

Ein Weihnachtstipp von Hartmut Finkeldey

In Ute Cohens Poor Dogs geht es um Liebe und Sex, um Verwicklungen, Narzissmus und die Sehnsucht nach Erlösung – also um Verlorenheit. Die Verwicklungen, die der Roman beschreibt, sind überall zu finden: Auch auf einem Dorffest der freiwilligen Feuerwehr in Kleingünzelsbach will der Heiner die Dörte klarmachen, was Karin natürlich nicht spitzbekommen darf, und Wiebke besäuft sich aus Frust mit Appelkorn, weil sie den Tom nicht kriegt, während Fritze sich zukippt, weil die Weiber alle doof sind, undsoweiter.

Das distinguierte Personal in Ute Cohens Roman heißt André oder Eva, doch letztlich verhält es sich nicht anders.

Was den Roman so anregend macht, sind die kenntnisreichen Einblicke in das Milieu der international agierenden Unternehmensberatungen mit Meetings, Flugreisen, Schampus und Kaviar. Den meisten von uns dürfte dieses Milieu fremd sein, doch Ute Cohen hat lange Zeit in diesem Bereich gearbeitet. Erbarmungslos beschreibt sie eine Welt, in der alles aufs Business reduziert wird, und die Liebe erst recht.

„Wenn du deine Karriere in den Griff kriegen willst, musst du als erstes die Frauen managen“, sagte Delaye. „Nimm Sekretärinnen für dich ein, schmeichele den Ehefrauen und vergiss nicht deine eigene.“

Ute Cohen
Poor Dogs
Roman
Septime 2020 · 240 Seiten · 22,90 Euro
ISBN: 978-3902711878

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Fan-Fiction in 16 Variationen

Ein Weihnachtstipp von Anselm Bühling

Beethoven wird 250, aber in den Konzertsälen ist alles still. Als tröstliches Weihnachtsgeschenk empfehle ich Fan-Fiction im besten Sinne des Wortes: Albrecht Selge, Schriftsteller und Konzertgänger, nähert sich der überlebensgroßen Gestalt in sechzehn Variationen.

Ein junger Musiker kommt nach Wien und sucht die Nähe seines Vorbilds. Der Geist einer alten Niederländerin mit verbrannten Augen schaut sich an, was der Urururururenkel so treibt. Eine sterbliche Ungeliebte hat ihren Auftritt ebenso wie eine mögliche unsterbliche Geliebte; der Neffe Karl arbeitet sich am Onkel ab und ein junger Engländer mit dem gar vielsagenden Namen Alex Leverkuhn wohnt einer Aufführung der Neunten bei.

Im Blick von Zeitgenossen, Vorfahrinnen, Nachgeborenen und fiktiven Figuren bricht sich diese Gestalt wie in einem Prisma: Manches tritt ganz nah und deutlich vor Augen, anderes rückt fort.

Haydn, nicht Hayden! So hatte jemand in kalligraphischer Schönschrift unter die kleine Lithographie des ärmlichen Hauses geschrieben, die der Verleger Diabelli noch dem Kranken geschenkt hatte und die dort drüben an der Wand hing: Jos. Haydens Geburtshaus in Rohrau. Da hatte Beethofn getobt, vor Zorn über diesen Fehler, oberflächlich, hatte er immer wieder gesagt, oberflächlich, welche oberflächliche Esel könne den Namen eines so großen Mannes falsch schreiben?!? Hayden!?! Der Klavierlehrer des Kindes, stellte sich heraus. Beethown verlangte, das Kind solle den Klavierlehrer wechseln.

Albrecht Selge
Beethovn
Roman
Rowohlt Berlin 2020 · 240 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3737100687

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Eine Parabel über das Verschwinden

Ein Weihnachtstipp von Sieglinde Geisel

Dieser Roman aus dem Jahr 1996 wurde erst jetzt ins Deutsche übertragen. Er hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren. Eine bemerkenswerte Lektüreerfahrung: Der Roman las sich einfach so weg – und doch hatte ich das Gefühl, ich sei danach nicht mehr die Gleiche. M. a. W.: Ich habe eine Erfahrung gemacht mit dieser Parabel, die das Verschwinden zu Ende denkt.

Auf dieser Insel verschwinden Parfüms, Fotografien, Vögel, Bücher, Jahreszeiten – und mit den Dingen verschwindet auch die Erinnerung an sie. Wer sich noch erinnert, wird von der Erinnerungspolizei verfolgt.

Das ist die Spielanleitung, doch dieser Roman ist mehr als seine Teile. Denn mit der Erinnerung verlieren die Menschen auch die Fähigkeit zu fühlen. Das Verschwinden reißt Löcher in ihr Herz, und alles verliert seine Bedeutung.

Im Roman gibt es kein Warum, keine Erklärung für die Vorgänge, und gerade das macht ihn so unheimlich. Ich musste ständig an das denken, was wir in den letzten Jahren verloren haben, zuerst die politischen Selbstverständlichkeiten, mit der Pandemie dann auch die alltäglichen.

Ich finde diesen Roman sehr schön, ohne dass ich sagen könnte, warum.

Es tut nicht weh und macht auch nicht traurig. Du wirst es kaum wahrnehmen. Eines Morgens wachst du auf, und dann ist es auch schon geschehen. Während du mit geschlossenen Augen lauschst, um die Morgenstimmung einzufangen, wirst du merken, etwas ist anders. Dann weißt du, dass etwas fehlt, dass etwas nicht mehr existiert.

Yoko Ogawa
Insel der verlorenen Erinnerungen
Roman
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Liebeskind 2020 · 352 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3954381227

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Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung

Ein Weihnachtstipp von Hartmut Finkeldey

Ute Frevert schreibt in Mächtige Gefühle die Geschichte Deutschlands im zwanzigsten Jahrhundert als Gefühlsgeschichte. Wie alle gute Geschichtswissenschaft ist das Buch mehr als das, nämlich Orientierungshilfe.

Frevert kontrastiert menschliche Gefühle, etwa Freude, Stolz, Empathie, Wut, mit entscheidenden Ereignissen der deutschen Geschichte seit 1900. Die Kapitel sind alphabetisch sortiert von A wie Angst bis Z wie Zuneigung. Dabei fragt die Autorin nicht nur: Welche Rolle spielten diese Gefühle jeweils?, sondern auch:  Wie wurden Gefühle gesehen, instrumentalisiert, manipuliert, erzeugt?

Frevert sieht die Ambivalenzen aller menschlichen Gefühle und somit auch der Rollen, die diese Gefühle im Geschichtsprozess spielen. Wut gilt als eher negativ, doch ist sie das immer? Auch die Wut auf politische Gewalt? Die Frauenbewegung ist, wie Frevert festhält, ohne ein gewisses Zorn- und Wutpotenzial nicht denkbar. Empathie dagegen hat derzeit einen weithin makellos positiven Ruf, doch Frevert sieht tiefer. Auch die Folterer in den Gestapo-Zentralen hatten ein Gespür dafür, was ihre Opfer empfanden:

Gerade deshalb wussten sie genau, wo und wann Folter die höchste Schmerzwirkung entfaltete. Ihr Einfühlungsvermögen nutzten sie auch dafür, die psychischen Befindlichkeiten und Traumata der Opfer auszukundschaften, um kalibrierten Druck auszuüben.

Ute Frevert
Mächtige Gefühle
Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung
Deutsche Geschichte seit 1900
S. Fischer 2020 · 496 Seiten · 28 Euro
ISBN: 978-3103970524

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Die Erinnerung spricht

Ein Weihnachtstipp von Sieglinde Geisel

Hinter die Lektüre von Das schwarze Königreich kann man nicht zurück. Wir sind in Warschau im Krieg, Ryfka versucht, ihren Geliebten Jakub Shapiro durch den Krieg zu bringen, den ehemaligen jüdischen Unterweltkönig, der sich aufgegeben hat. Twardoch erzählt ungeheuer physisch, so dass man die unerträgliche Realität – den Krieg, die Angst, die Verfolgung – am eigenen Leib spürt. Zugleich bleibt die Reflexion immer wach, denn erzählt wird das alles von zwei Stimmen: Ryfka und Shapiros Sohn David. Twardoch formt aus ihnen zwei allwissende Ich-Stimmen. Sie erzählen „aus dem Grau“, letztlich ist es die Erinnerung selbst, die zu uns spricht. Es ist ein exemplarisches Erzählen für die Zeit nach dem Tod der Zeitzeugen.

Szczepan Twardoch zwingt uns zur puren Wahrnehmung. Wir können nicht urteilen. Zum einen, weil alle Figuren Täter wie Opfer sind. Zum anderen, weil wir dazu einen Schritt zurücktreten müssten. Doch diesen Schritt lässt der Autor uns nicht machen.

Jetzt wird irgendjemand fragen: Woher ich, Ryfka, das alles wissen kann über Blaszczok? Sehr dumme Frage. Ich weiß, was ich weiß. Ich bin, die ich bin. Hiermals.

Szczepan Twardoch
Das schwarze Königreich
Roman
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin 2020 · 406 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3737100731

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Die Tücken des Selberdenkens

Ein Weihnachtstipp von Hartmut Finkeldey

Marie-Luisa Fricks Buch Mutig denken bietet alles: eine profunde Einführung in die Philosophie der Aufklärung ebenso wie eine anregende Deutung der Gegenwart.

Aufklärung ist mit Kant ein Plädoyer zum Selberdenken. Und zugleich ist sie eine Reflexion über den Topos „Selberdenken“. Frick verteidigt Kants Trennung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Kant plädiert beim privaten Denken für Grenzenlosigkeit – will aber den öffentlichen Gebrauch der Vernunft um der gesellschaftlichen Stabilität willen eingehegt wissen.

Die Linke hat Kant daher immer wieder vorgeworfen, er unterwerfe sich damit der Obrigkeit: Man dürfe privatim nörgeln, müsse aber schlussendlich Order parieren. Frick weist diesen Einwand zurück. Denn „Selber denken“ führe durchaus zu Ambivalenzen. „Denke“ ich „selber“, wenn ich anerkannte Wahrheiten bezweifle oder verneine? Wem kommen hier nicht die „Corona-Skeptiker“ in den Sinn, die auch vorgeben, „selber“ zu „denken“.

[…] nicht jedes Selberdenken ist immer schon aufgeklärt. Daher geht der Imperativ „Denke selber“ ins Leere, es sei denn, er fordert die Haltung selbst-reflexiven Denkens ein. Die krudesten Theorien können als Produkte von Selbstdenken durchgehen (‚Ich gegen die Weltverschwörung‘), die größten Mythen als kritisches Denken, aber aufgeklärt sind sie damit noch lange nicht.

Marie-Luise Frick
Mutig denken
Aufklärung als offener Prozess
Reclam 2020 · 143 Seiten · 6 Euro
ISBN: 978-3150196830

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Bildnachweis:
Beitragsbild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay
Buchcover: Verlage

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Von Redaktion

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