Wer Bücher schenken will, hat die Wahl zwischen 90 000 Neuerscheinungen und den unzähligen Büchern, die den Test der Zeit bestanden haben. Dieses Jahr haben wir deshalb zwei Listen mit Weihnachtstipps zusammengestellt: eine Liste mit Neuerscheinungen und eine mit Klassikern.
Hier finden Sie die Liste mit den Klassikern.

Pilgerreise ins Innere

Ein Weihnachtstipp von Agnese Franceschini

Dass die innerdeutsche Grenze einen sicheren Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Menschen bilden könnte, ist eine paradoxe Vorstellung, die Realität geworden ist.

In Abenteuer Grünes Band erzählt Mario Goldstein seine hunderttägige Wanderung entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze: eine Pilgerfahrt sowohl zur deutschen als auch zu seiner persönlichen Geschichte.

Es soll vor allem eine einfache Reise werden, nah an der Natur und der Geschichte des Grünen Bandes. Es wird wohl auch eine Reise zu mir selbst werden, denn ich spüre, dass es Zeit für diese Erfahrung ist und dafür, dem jahrzehntelangen Schweigen entgegenzutreten.

Mario Goldstein ist im sächsischen Vogtland geboren und hat schon als 15-jähriger versucht, den Eisernen Vorhang zu überwinden, der Deutschland in zwei Teile teilte. Mit 18 Jahren wagt er es noch einmal, landet im Stasi-Gefängnis und wird von BRD freigekauft. Das war 1989. Fast dreißig Jahre danach wandert er nun auf dem Kolonnenweg, dessen Betonplatten meistens noch vorhanden sind. Dieser einst streng bewachte „Schutzstreifen“ sowie die fünf Kilometer breite Sperrzone, in der menschliche Aktivitäten strengstens kontrolliert und damit stark eingeschränkt waren, haben sich zu einem Rückzugsgebiet für vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten entwickelt.

Mit seiner Hündin wandert Mario Goldstein vom „Little Berlin“ – dem 40-Einwohner Dorf Mödlareuth an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen, das jahrzehntelang von der Mauer geteilt war – bis zur Ostsee, und er erzählt dabei von Menschen und Tieren, Opfern und Tätern, Naturschützerinnen, Politikern und Historikerinnen. Die Geschichte der ehemaligen Grenze und des Grünen Bandes verbindet sie alle.

Das Buch ist Reiseführer und Pilgerbericht zugleich.

Meine Fluchtgeschichten, das Gefängnis und das Unrecht waren meine Begleiter über drei Jahrzehnte hinweg. (…) Doch die Last der alten Tage fiel mit jedem Schritt auf dem Grünen Band, Betonplatte für Betonplatte und Meter für Meter von mir ab. Ich bin leichter geworden. Der alte Kolonnenweg wurde zu einem Meterband, von dem ich jeden Tag einen Zentimeter meiner Vergangenheit abschnitt. Eine Pilgerreise ins Innere, die letztendlich die Versöhnung möglich machte. Eine Versöhnung mit den Menschen, die mich damals eingesperrt haben, aber auch eine Versöhnung mit mir selbst und dem Schmerz, der so lange an mir nagte.

Angaben zum Buch
Mario Goldstein
Abenteuer Grünes Band
100 Tage zu Fuß entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze
Knesebeck Verlag 2019 · 288 Seiten · 35 Euro
ISBN: 978-3957282798
Bei mojoreads oder im lokalen Buchhandel.

Im Strudel der Revolution

Ein Weihnachtstipp von Anselm Bühling

Das Gesicht der Revolution hat niemand gesehen, denn niemand kann ihr vorauseilen. Diejenigen, die mit ihr dahinjagen, können nichts über sie sagen. Aber auch diejenigen, an denen sie vorbeistürmt, sehen nichts: Staub, Schutt und allerlei aufgewirbelter Plunder verhüllen ihnen das Licht. Natürlich ist die Revolution ein halb menschliches, halb tierisches Wesen. Und diejenigen, die nicht mit ihr dahinjagen, sehen nur das riesige, Unreinheit zurücklassende Hinterteil des Tiers.

Das schreibt der russische Schriftsteller Michail Prischwin im Juli 1917 in sein Tagebuch. Er hat den hoffnungsvollen Aufbruch der Märzrevolution in Petrograd miterlebt und ist dann im Auftrag der Provisorischen Regierung in sein Heimatdorf Chruschtschowo zurückgekehrt, um in der Region am Aufbau neuer Verwaltungsstrukturen mitzuwirken. Da hat das Revolutionsgeschehen längst eine Dynamik entwickelt, die nicht mehr zu steuern ist. Am 10. September, zurück in der Hauptstadt, vergleicht Prischwin das “redende Petrograd” mit einem Flussbett:

Die Kiesel lärmen jeder auf seine Weise und denken, sie würden das Wasser des Flusses bewegen. Und wissen nicht, dass das Meer sie bewegt und sie eben daher lärmen.

Prischwins Tagebücher, die die Zeit von 1905 bis zu seinem Tod 1954 umfassen, wurden erst nach dem Ende der Sowjetunion veröffentlicht und gehören zu den wichtigsten zeitgeschichtlichen Zeugnissen dieses halben Jahrhunderts. Im Guggolz Verlag erscheint eine Auswahl auf Deutsch, herausgegeben und übersetzt von Eveline Passet. Den Anfang machen die Aufzeichnungen aus den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren 1917-1920. Wer sich für diese Zeit interessiert, kann sie hier aus der Perspektive eines Einzelnen erleben, der sich mitten im Strudel der Ereignisse befindet – hin- und hergerissen zwischen dem vergeblichen Versuch, auf sie einzuwirken und der Notwendigkeit, sich zu arrangieren.

Angaben zum Buch
Michail Prischwin
Tagebücher
Band I – 1917 bis 1920
Herausgegeben und aus dem Russischen von Eveline Passet
Guggolz Verlag 2019 · 460 Seiten · 34 Euro
ISBN: 978-3945370230
Bei mojoreads oder im lokalen Buchhandel.

Ein glückliches Buch über das Unglück

Ein Weihnachtstipp von Sieglinde Geisel

Auch Literatur, die vom Unglück handelt, kann uns glücklich machen, hat Ilma Rakusa einmal gesagt. Der Debütroman Das Glück der kalten Jahre der polnischen Autorin Martyna Bunda (*1971) ist so ein Buch. Es beginnt im Jahr 1932: Rozela baut, mit der Versicherungssumme für den Unfalltod ihres Mannes, für sich und ihre drei Töchter das erste Steinhaus in ihrem kaschubischen Dorf. Das Buch endet im Winter 1979, als die Frauen „den letzten ihrer Männer“ beerdigen, wie es mit jener besonderen und, wie mir scheint, weiblichen Ironie heißt, einer Ironie, die zart und radikal zugleich ist.

Dazwischen liegen Krieg und Nachkriegszeit in Polen. Wir lesen unerträgliche Szenen, so etwa die bestialische Gruppenvergewaltigung, die Rozela durch „die Iwans“ erleidet (und die ihre Tochter Gerta von unten aus dem Kellerverschlag mithört), ein Trauma, das alles Spätere grundiert.

Und doch ist es ein Buch voller Hoffnung, Licht und Komik. Sie entspringt der Alltagsresilienz der vier Frauen und den Liebesgeschichten der drei unberechenbaren Töchter Gerta, Truda und Ilda.

Martyna Bundas Stil ist voll von überraschenden Wendungen, die wir dank der kongenialen sprachlichen Fantasie ihres Übersetzers Bernhard Hartung auch im Deutschen genießen können. Zu den literarischen Erfindungen von Bunda gehört im Weiteren jene sanft-rabiate Komik, mit der man immer rechnen muss, etwa bei den hinreißenden, ganz aus Frauensicht erzählten Sexszenen.

Zwei Beispiele:

1) Eine Selbstbefriedigungsszene mit Truda, die sich dabei ihre große Liebe herbeiträumt: den Wehrmachtsdeserteur Jakob. Er hatte sie aus der Zwangsarbeit in Deutschland gerettet, doch nach den ungeschriebenen Gesetzen ihres polnischen Dorfs durfte sie ihn als Deutschen nicht heiraten.

Und sie spürte, als wäre sie wieder mit ihm vereint, wie sich jeder Zentimeter ihrer Haut gleichsam in einen angeketteten Hund verwandelte, der nach nichts als dem Leben lechzte. Sie spürte, wie ihr Blut kreiste. Der Puls hämmerte.

Sie stellte sich Sekunde für Sekunde vor, wie Jakobs kräftiger Körper sie niederdrückte.

2) Eine Schlafzimmerszene aus Gertas verunglücktem Liebesleben mit dem Uhrmacher Edward, den sie eher aus Zufall und Pflichtgefühl geheiratet hat:

Sie legten sich ins Bett wie ein altes Ehepaar.

Er küsste sie nur. Mit respektvoller Hingabe. Später versuchte Gerta, an das mütterliche Haarekämmen zu denken, an die Muttergottes in der Kirche, und sich irgendwie unter ihm zurechtzulegen, doch es funktionierte nicht.

Edward entschuldigte sich höflich. Er dachte, es sei seine Schuld.

Solche Szenen sind es, die aus diesem vielschichtigen Buch über das Unglück ein glückliches Buch machen.

Angaben zum Buch
Martyna Bunda
Das Glück der kalten Jahre
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann
Suhrkamp Verlag 2019 · 317 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3518428870
Bei mojoreads oder im lokalen Buchhandel.

Deutsch-deutsche Zerwürfnisse

Ein Weihnachtstipp von Herwig Finkeldey

Ich empfehle zu Weihnachten aus den diesjährigen Neuerscheinungen Christoph Heins Gegenlauschangriff – Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege. Die Kleistparaphrase im Untertitel weist schon auf die Grundannahme des Buches hin: Dieser Krieg ist noch nicht vorbei, die deutsche Einheit noch nicht vollendet. Und Hein scheut keine Anekdote, um dafür den Beweis anzutreten.

Etwa, wenn ein westdeutscher Feuilletonist Hein bei einem Interviewtermin mit den Worten begrüßt, man habe bezüglich der Stasi ja nichts bei ihm gefunden. Die Einzelheiten dieser Erzählung werden zwar von einem der Beteiligten bestritten. Aber die in den 90er Jahren ubiquitär verbreitete Haltung vieler Westdeutscher, hinter jedem Ostdeutschen zunächst einmal einen Verräter zu vermuten, ist nicht zu leugnen.

Oder wenn der Westdeutsche Florian Henckel von Donnersmarck einen Film über einen verfolgten Schriftsteller dreht, sich dabei auf Heins Geschichte beruft und dieser dann im Film seine Geschichte partout nicht wiedererkennen kann. Christoph Hein zitiert Hans Mayer: „Es war alles ganz anders.“ Seine ein wenig verharmlosend „Anekdoten“ genannten Erzählungen sind ein Buch über die Schwierigkeiten, die die Wahrheit der Darstellung ihrer selbst immer wieder in den Weg legt. Auch die Darstellung der deutsch-deutschen Zerwürfnisse ist dieser Schwierigkeiten voll.

Angaben zum Buch
Christoph Hein
Gegenlauschangriff
Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege
Suhrkamp taschenbuch 2019 · 122 Seiten · 14 Euro
ISBN: 978-3518469934
Bei mojoreads oder im lokalen Buchhandel.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Anselm Bühling
Buchcover: Verlage

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Von Redaktion

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