Das Thema der Melancholie beschäftigt den ungarischen Kunsttheoretiker, Literaturwissenschaftler und Essayisten László Földényi seit Jahrzehnten. Bereits 1988 erschien dazu von ihm eine historische Studie zum Bedeutungswandel des Begriffs von der Antike bis zur Gegenwart. In seinem neuesten Buch Lob der Melancholie – Rätselhafte Botschaften lässt er nun Melancholiker aus verschiedenen Zeiten zu uns sprechen: Es sind Kunstschaffende unterschiedlicher Sparten, denen er mit einer essayistisch-poetischen Sprache sehr persönlich begegnet.

Schon in seiner ersten Studie Melancholie (2004) hatte Földényi dargelegt, dass erst im 19. Jahrhundert die Melancholie fälschlicherweise einseitig als depressive Stimmung definiert wurde. Hieran anknüpfend betont der Autor in seinem neuesten Buch, dass sich Melancholie auch als Freude, Hochstimmung, sogar Ekstase und konzentrierte Aufmerksamkeit bemerkbar machen könne. Was aber ist dann genau die Melancholie? Die Unmöglichkeit, diese Frage klar zu beantworten, erscheint Földényi selbst als Ausdruck der Melancholie. Es ist wohl nicht zuletzt die Unlösbarkeit dieser Frage, die den Autor immer wieder fasziniert. Der Versuch einer Antwort jedenfalls führe nicht nur über das Wissen, sondern auch über das Gefühl hinaus:   

[…] als verhüllte der Begriff der Melancholie die Melancholie selbst. Die Worte machen das, worüber sie sprechen sollen, zunichte. […] Melancholie erinnert an die Unzuverlässigkeit der Gefühle und an die Vergeblichkeit sogenannten letzten Wissens – und daran, dass die Welt auf zerbrechlichen und wackligen Säulen ruht.

Sinnbild des Nicht-Erklärbaren

Aus diesem Paradox, dass eine scheinbare Klarheit gerade im Moment des Aufblitzens sich selbst wieder verhüllt, schöpften vor allem Künstler ihre Themen, und so präsentiert Földényi dem Leser eine Jahrhunderte übergreifende Kollektion von Beispielen aus Malerei, Architektur, Skulptur und Film (die Literatur ist nur spärlich vertreten), an denen er aufzeigt, dass große Kunst fast immer aus der Spannung um das Nicht-Wissen, Nicht-Sehen und Nicht-Erklären-Können entsteht, welche er der Melancholie zuordnet. Földényi schreibt dabei nicht akademisch, sondern schöpft stets aus persönlichen Erlebnissen.

Ein immer wiederkehrender Bezugspunkt bei seiner Reise durch die Kunst der Jahrhunderte ist die Melencolia von Dürer mit dem rätselhaften Polyeder im Zentrum des Bildes.

Die Geschichte dieses Steinblocks als Sinnbild des Nicht-Erklärbaren blättert der Autor in alle Richtungen auf: So habe sich Dürer von seinem Zeitgenossen Giorgione dazu inspirieren lassen, bis in die Moderne werde dieser berühmte Polyeder immer wieder zitiert, sei es im Film wie bei Stanley Kubrick oder in den Skulpturen von Anselm Kiefer. Es ist äußerst anregend, dem Autor bei seinen assoziativen Begegnungen mit den Kunstwerken verschiedener Epochen zu folgen. Die Beschreibung seines ganz persönlichen Kunsterlebens nimmt dem Leser dabei nichts vorweg, öffnet ihm vielmehr einen Raum, nun seinerseits mit eigenen Augen – und seinen inneren Resonanzen nachspürend – bekannte Kunstwerke neu zu sehen und unbekannte ohne Vorbehalte zu entdecken.

Nachdem man so viel Neues und Originelles zu Dürer, Kubrick, Kiefer, Sebald, Gerhard Richter oder Segantini gelesen hat, scheint es, als habe man plötzlich das Thema des Buches verloren. Wo ist die Melancholie geblieben? Der Autor hatte eingangs gewarnt, dass sie nicht zu fassen sein werde. Doch das Buch heißt nun einmal Lob der Melancholie – und so habe ich mich beim zweiten Lesen weniger dem „Kunstgenuss“ als der Frage nach der Begrifflichkeit gewidmet und mich gefragt, wie weit Földényis nicht definierende Definition der Melancholie trägt.

Kühne Gegensätze

Wenn es um das Erleben von Kunst geht, erscheint Földényis Begriff der Melancholie nachvollziehbar:  das Unsichtbare im Sichtbaren wirken zu lassen, der rätselhafte Moment des Zwischen, in dem Verlust und Vergänglichkeit einen süßen Schmerz hervorrufen, den man am liebsten zugleich ersticken und intensivieren möchte. Doch in der Welt der Begriffe erscheint das Lob, welches der Autor der Melancholie zuschreibt, eher fraglich. Sind es doch Worte wie Schicksal, Mangel, Einsamkeit, das Grauen der Verlorenheit oder eben die Bruchstückhaftigkeit der Welt, die Földényi der Melancholie beigesellt. Ebenso ist von fehlender Kohärenz, der Beiläufigkeit, Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit der Welt die Rede, und schließlich von der Anwesenheit des Todes im Leben.

Worin besteht hier Anlass zum Lob? Als junger Mensch hätte mich vermutlich die Anhäufung solch verstörender Vokabeln in tiefste Traurigkeit und Niedergeschlagenheit gestürzt. Da ich mit den Werken Földényis ein wenig vertraut bin und ihn auch bei mancher Gelegenheit in der Öffentlichkeit gehört habe, weiß ich jedoch, dass er keineswegs ein trauriger oder depressiver Mensch ist. Was also möchte der Autor an der Melancholie loben? Ist es gerade die Erfahrung der Bruchstückhaftigkeit, derer laut Földényi „der Mensch bedarf, damit seine Sehnsucht nach Ganzheit überhaupt erwachen kann“? Oder ist es die spürbare Paradoxie des Themas, die ihn reizt? So versammelt Földényi unter dem Dach der Melancholie eine kühne Mischung von Gegensätzen:

Melancholie ist zugleich Revolte und Resignation, anschwellende Vitalität und Versinken in sich selbst, Inspiration und Lähmung […]

Solche Sätze haben zweifellos etwas Prickelndes, doch zugleich fragt man sich, ob hier nicht der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet werde. Wenn all dies und noch viel mehr unter dem Begriff der Melancholie Platz findet, sind dann nicht alle Gemütsbewegungen irgendwie auch melancholisch?

Berührbarkeit

Doch beim erneuten Eintauchen in den Text zeigt sich das Ganze noch einmal in anderen Konturen. So schildert der Autor den Verzicht auf ein letztes Wissen und auf allumfassende Erklärungen der Welt als äußerst befreiend. Sodann erscheint in der Brüchigkeit der Welt auch die Fragilität unserer selbst und unserer Mitmenschen so zart, dass damit unsere Fähigkeit zur Berührbarkeit gestärkt wird. In diesem Sinne würde die Melancholie dem menschlichen Miteinander zweifellos guttun.

Dass es Földényi nicht zuletzt um dieses Miteinander geht, wird in dem faszinierenden Kapitel über den europäischen Film deutlich. Der Autor, der auch an der Hochschule für Theater und Film in Budapest lehrt, beschreibt die Filmkunst nach 1945 – im Unterschied zur Filmindustrie – als Suche nach den „metaphysischen Banden“ zwischen den Menschen. Als schließlich Földényi die vom Schweizer Architekten Peter Zumthor entworfene Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel besucht, taucht unvermittelt das Wort Transzendenz auf, obwohl Földényi den Religionen gegenüber Distanz wahrt.

Die Kapelle, die er als räumliche Inkarnation von Dürers Polyeder erlebt, überrascht ihn mit einer „rätselhaften Botschaft“:

Die Transzendenz selbst wurde sichtbar, man hätte sie sogar berühren können […]. Die Materialien Stein, Metall und Licht wurden sprichwörtlich verklärt. Und doch hatte das Ganze auch etwas Verhaltenes.

Nebenbei dienen Földényi solche Beispiele – vor allem aus den Bereichen Fotografie und Film – dazu, die innere Verarmung des Menschen durch die Überhandnahme der digitalen Technik zu thematisieren. Denn hier werde die Welt auf das reduziert, was abbildbar, sichtbar, objektivierbar und fassbar sei. Die Zwischentöne also werden gelöscht – oder wie Földényi sagt:

Die analoge Technik hat den Betrachter noch die doppelte Natur des Lichts wahrnehmen lassen, die zugleich sinnlich und übersinnlich ist.

Transzendenz als körperliches Erlebnis

Zum einen entkräften diese Beispiele den Verdacht der Beliebigkeit im Gebrauch des Wortes Melancholie, zugleich verstärken sie ihn jedoch: Denn wozu bedürfen wir des Wortes Melancholie, wenn wir auch „Transzendenz“ oder „metaphysische Bande“ sagen können? Der Leser ist gut beraten, sich Földényis eigene Warnung zu Herzen zu nehmen und nicht nach einer gültigen Definition der Melancholie zu suchen. Gibt er sich stattdessen den kreisenden Suchbewegungen des Autors hin, ist die Lektüre ein großer Gewinn. Und dies nicht zuletzt deswegen, weil Földényi Begriffe wie Metaphysik und Transzendenz vom „rein Geistigen“ befreit, das in der europäischen Tradition so hartnäckig an ihnen haftet. Földényi gelingt es, mithilfe der Melancholie die Transzendenz und die metaphysischen Bande als ein körperliches Erlebnis zu beschreiben. So stehen Anfang und Ende des Buches im Zeichen eigener Körperbeobachtungen: Zu Beginn beschreibt Földényi, wie sein Körper, auf einer Wiese liegend, sich von ihm scheinbar löst und langsam in die Erde sinkt wie in sein eigenes Grab, wobei auf einmal der Tod seinen Schrecken verliert. Und am Ende des Buches lässt der Autor den Leser teilhaben an dem Blick zweier Augenpaare, dem er sich ausgesetzt hat: einmal sind es die Augen seines soeben geborenen Sohnes, der aus der Dunkelheit kommt und das erste Mal ins Licht blickt, und dann sind es die Augen seines soeben gestorbenen Vaters, die in ein unendliches Nichts blicken, aus dem sich nun ein Blick enthüllt, der den Autor anschaut.

Földényi knüpft hier an Nabokovs Diktum an, wonach „unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels“ sei und endet sein Buch mit folgenden Worten: 

So stelle ich mir die Momente der Melancholie vor. Eine schreckliche Dunkelheit deutet sich an, die Ahnung eines gewaltigen Blickes wird spürbar. Und dann verblasst das eine, verdunkelt sich das Andere. Als hätte es sie nie gegeben. Einzig das unstillbare Heimweh, das einen ab und zu genauso grundlos wie ziellos überkommt, lässt noch auf sie schließen.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Bruder-Klaus Feldkapelle von Peter Zumthor in Mechernich-Wachendorf,
Stampfbetonwand mit mundgeblasenem Glaspfropfen
Andreas Schwarzkopf [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Albrecht Dürer, Melencolia I: Gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Buchcover: Verlag

László F. Földényi
Lob der Melancholie
Rätselhafte Botschaften
Matthes & Seitz 2019 · 280 Seiten · 30 Euro
ISBN: 978-3-95757-708-5

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Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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