Liebe Elke,

in Deinem Kommentar zum Page-99-Test von Peter Stamms neuem Roman schreibst Du: „Diesmal wird die Begrenzung dieses Testverfahrens sehr deutlich: Du kannst diesen intelligent gebauten Roman nicht verstehen und adaequat rezensieren, indem du ein paar Sequenzen untersuchst und zu dem Fazit kommst, die Sprache sei einfach und der Text daher fad.“ Deiner Bitte um eine seriöse Rezension von Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt komme ich hiermit nach.

Chris(toph) und (Magda)Lena

Peter Stamm tischt uns in diesem Roman eine mehrfach verspiegelte Doppelgänger-Geschichte auf. Vor gut fünfzehn Jahren hatte der Ich-Erzähler namens Christoph eine Liebesbeziehung mit einer Schauspielerin namens Magdalena. Nun trifft er in Stockholm die Schauspielerin Lena, die aussieht wie Magdalena und die ihrerseits mit Chris zusammen ist, der wiederum aussieht wie der Ich-Erzähler Christoph – nomina sunt omina.

Ich gebe Dir recht: Der Roman ist intelligent gebaut, auf den 160 Seiten entdeckt man immer neue Volten. So überlegt der Ich-Erzähler etwa, ob er selbst ebenfalls ein Doppelgänger sei, „Teil einer Kette immer gleicher Leben, die sich durch die Geschichte zog“. Als er im Gespräch mit Lena zwischen den beiden Doppelgänger-Geschichten Abweichungen entdeckt, meint er, es sei quasi dasselbe Stück, aber von zwei verschiedenen Regisseuren inszeniert.

Verzweiflung einer Schachfigur

Die literarische Verquickung von Fiktion und Realität kulminiert nun zufällig gerade auf den Seiten 98 und 99, die ich bereits unter die Lupe genommen habe: Dem Ich-Erzähler bricht seine Welt zusammen, als er mit der Möglichkeit konfrontiert wird, dass das Buch, das er vor fünfzehn Jahren geschrieben hat und an dem sein Doppelgänger jetzt gerade sitzt, gar nicht existiert. Die Verzweiflung des Ich-Erzählers jedoch hat mich beim Lesen kein bisschen erschüttert, bestenfalls milde amüsiert, denn sie ist genauso konstruiert wie die ganze in sich selbst verschlungene Geschichte. Ich schaue einer Schachfigur zu, die so tut, als wäre sie verzweifelt. Der Ich-Erzähler komme ihm vor wie hinter Glas, so hatte ein anderer Kommentator des Tests festgestellt. Mit anderen Worten: Es nützt dem Roman nichts, dass er intelligent gebaut ist.

Die Belanglosigkeit des Inhalts spiegelt sich in der Leere der Sprache, deshalb erlaube ich mir, die Page-99-Stilkritik auf den ganzen Roman auszudehnen (so wie ich es auch schon bei María Cecilia Barbettas Nachtleuchten gemacht habe).

Allerweltsschreiben

Der Ich-Erzähler dieses Romans schreibt so, wie ich auch schreiben würde, wenn ich dasselbe sagen wollte, er schreibt, wie man halt schreibt – das war die Quintessenz des Page-99-Tests. Die Lektüre des ganzen Buchs bestätigt diesen Befund der Allerweltsschreiberei.

Ich finde lauter eigenschaftslose Sätze:

Die Gebäude links und rechts der Straße sahen alle gleich aus, die meisten Geschäfte gehörten zu internationalen Ketten, wir hätten uns in irgendeiner Stadt befinden können. Während wir langsam weitergingen, überholten und kreuzten uns Menschen, die wohl von der Arbeit kamen und auf dem Weg nach Hause waren.

Mein Buch verkaufte sich gut, und ich reiste viel herum, um daraus zu lesen und darüber zu sprechen. Sogar einige Lizenzverträge wurden abgeschlossen, und ich korrespondierte mit Übersetzern und Verlegern und wurde zu Festivals ins Ausland eingeladen.

Während des kurzen Weges durch die nächtlich leeren Straßen fühlte ich zum ersten Mal an diesem Tag so etwas wie Vertrautheit, aber es schien weniger mit dem Ort als mit der Zeit zu tun zu haben, mit der Nacht, die Erinnerungen wachrief an Heimwege nach langen Kneipentouren, an nicht endende Gespräche mit Freunden an Straßenkreuzungen, wo unsere Weg sich trennten, an hochfliegende Pläne und große Erwartungen.

Wir redeten über die Stadt und ihre Bewohner, über unser Leben, unsere Herkunft und schließlich doch noch über ihre Rolle [Magdalenas Bühnenrolle, S.G.], über Liebe und Besitz.

Jetzt erst begriff ich, dass Liebe und Freiheit sich nicht ausschlossen, sondern bedingten, dass das eine nicht ohne das andere möglich war.

Auch der Manierismus des dreimal Gesagten zieht sich durch das Buch:

Ich trug nur einen dünnen Mantel, mir war kalt, und ich hatte Hunger.

Ich vernachlässigte meine Arbeit, traf keine Freunde mehr, ging nicht mehr aus.

… das Gefühl, ihr nie ganz nah zu kommen, sie nie zu durchschauen, nie ganz zu besitzen.

Überraschungen

Doch auch in diesem Roman gibt es Sätze, die eine Handschrift haben, Sätze, die leuchten, weil niemand anders sie so formulieren würde.

Alle Bilder, die mir aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben waren, wirkten schwammig, als seien sie von zu schwachen Glühlampen erleuchtet.

Über Menschen, die in der Bibliothek über ihren Laptops brüten, heißt es:

ihre Gesichter wirkten abwesend, als befände sich ihr Bewusstsein in einem anderen Raum.

Im ganzen Roman habe ich nur eine lebendige Szene entdeckt. Allerdings müssen wir zuerst noch einmal durch eine typische Peter-Stamm-Landschaft:

Wir gingen schon seit längerem eine dichtbefahrene Straße entlang, an der auf beiden Seiten Industriegebäude standen, Lagerhallen und Werkstätten und einmal eine Autowerkstatt mit einer geschlossenen Tankstelle. Daneben war ein großer Platz voller Gebrauchtwagen.

Der Ich-Erzähler spaziert mit der Doppelgänger-Lena durch dieses Industriegebiet in Stockholm. Sie muss dringend auf die Toilette, ein „hellerleuchteter Möbelgroßmarkt“ ist die Rettung. Dort hakt sie sich überraschend beim Ich-Erzähler unter. Zu einem Verkäufer sagt sie,

wir sind nämlich frisch verheiratet und brauchen dringend ein stabiles Bett, aber mein Mann ist etwas verklemmt.

In zwanzig Minuten schließe das Geschäft, warnt sie der Verkäufer. Und nun wird die Versuchsanordnung des Romans auf einmal plausibel, denn Lena, die den Ich-Erzähler bis zum Schluss siezt, beginnt ein kühnes Spiel. Sie gibt erst die schwedische Hausfrau, dann die Geschäftsfrau, bis sie sich schließlich als laszive Verführerin in einem schwarz lackierten Schlafzimmer auf eine rote Plüschdecke setzt.

Und wann haben wir uns das erste Mal richtig geküsst?, fragte sie. Das war Monate später, sagte ich.

Ein überraschender Doppelgänger-Satz (auf der Seite 98 gibt es übrigens auch einen). In diesem Moment wird der literarische Raum für mich tatsächlich sichtbar, den Peter Stamm mit seiner Doppelgänger-Phantasmagorie so kunstreich heraufbeschwören will.

Ich weiß nicht, liebe Elke, ob Du meinen Text als seriöse Rezension durchgehen lässt und ob Du mit meiner Diagnose einverstanden bist. Für mich hat die Lektüre des ganzen Buchs meinen unseriösen Page-99-Test bestätigt – was übrigens, zu meinem eigenen Erstaunen, fast immer der Fall ist.

Herzlich,
Sieglinde

Angaben zum Buch
Peter Stamm
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Roman
Verlag S. Fischer 2018 · 160 Seiten · 20 Euro
ISBN: 978-3103972597
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Beitragsbild:
Hubertus von der Goltz: “Aus dem Nichts”
Von Dierk Schaefer
Via Wikimedia
Lizenz: CC

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Bildnachweis: McLeod [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Danke für diese kritische Sichtung. Ohne in Erinnerung zu haben, wer sonst für den Schweizer Buchpreis nominiert war – dass Peter Stamm ihn mit dieser aufgeblasenen Erzählung gewonnen hat, lässt Zweifel am Sachverstand der Jury aufkommen. Die Grundidee des Buches ist sicher nicht schlecht, aber während des Lesens tut sich ein großes Egal auf. Mir scheint das Ganze banal und, tut mir leid, überflüssig.
    Würde man bei einer Doppelgängergeschichte nicht Abgründigkeit erwarten? Davon keine Spur. Es gibt auch keine Lust an der Sprache. Warum nicht?
    Eigentlich holt Peter Stamm nur noch einmal die “Agnes”-Geschichte hervor und walzt sie platt. Dieses Eigenzitat ist auch heikel: Die vielleicht mehr ratlose als eitle Selbstbespiegelung macht alle anderen Spiegelungen, die auch noch in der Geschichte enthalten sein mögen, zunichte.
    Ich glaube bestimmt, dass Peter Stamm schreiben kann, aber “Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt” (dieser trivial-kitschige Titel auch!) ist ein flacher Text, den zu publizieren ein Fehler war – verzeihlich für den Autor, doch nicht für den Verlag. Ich empfehle fünf Jahre Schweigen.

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  2. Fiorenzo Cornelius Wagner 28. November 2018 um 12:33

    Ihre Formulierung, Herr Reul, hat es mir – dabei unabhängig von der Buchkritik – angetan: “ein grosses Egal”. Bewegt man sich, gerade heute, nicht tagtäglich in der Welt mit dem Gefühl des grossen Egal, um überhaupt das Wenige, das zu beachten sich wirklich lohnt, in den näheren Blick nehmen zu können?

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