Franziska Schreibers Buch Inside AfD beschäftigt mittlerweile mehrere Gerichte. Unmittelbar nach der Veröffentlichung kamen Klagen aus dem rechten Milieu. Erika Steinbach und Götz Kubitschek etwa sehen sich verunglimpft. Die erste gerichtliche Runde hat Kubitschek bereits verloren. Weitere Gerichtstermine werden folgen, denn solche Leute geben nicht auf.

Ein Buch, gegen das juristisch dermaßen massiv vorgegangen wird, ist ein Aufreger in aufgeregter Zeit, manche reden von Sprengstoff.

Die Dresdnerin Franziska Schreiber ist ehemaliges AfD-Mitglied und Vorsitzende der Jungen Alternative Sachsens, sie berichtet also aus der Innensicht vom Aufstieg der AfD und den dabei angewandten Methoden, von der inneren Verfasstheit des Personals, das mit Hilfe der sozialen Medien den Aufstieg der AfD eingeleitet hat.

Schreiber nennt die AfD eine „Facebook-Partei“ und macht damit klar, dass die AfD in eine Lücke stieß: Denn das Potential der sozialen Medien wurde von den etablierten Parteien nicht annähernd ausgeschöpft. Allein das Erkennen und Nutzen moderner Medien und die daraus resultierende Überlegenheit gegenüber den traditionellen Parteien lässt an Goebbels denken, der bekanntlich den Rundfunk für politische Propaganda benutzte wie niemand vor ihm.

Energiequelle Angst

Weiterhin beschreibt die Autorin Manipulationen, mit denen in den sozialen Medien Stimmung gemacht wurde. Im Zentrum steht die Monothematik der AfD, die sich zunächst gegen den Euro wendete. Im Verlauf der Transformation der AfD hin zu einer fremdenfeindlichen, völkischen Partei wurde dann nicht mehr gegen den Euro agitiert, sondern gegen Muslime. Beide Themen nutzen die Energiequelle, aus der die Partei ihre Antriebskraft schöpft: die Angst. Es geht um die Angst vor Verlust, vor Veränderung, vor etwas Unbekanntem. Um diese Angstlust anzuregen, wurden Statistiken des Statistischen Bundesamtes „interpretiert“, d.h. es wurden Informationen zurückgehalten, die eine andere Sicht auf die Kriminalität zeigen.

Ihre eigene Rolle bei dem Erstellen von manipulierten Facebook-Postings schildert Franziska Schreiber so:

Der AfD-Anhänger lebt in einer Blase der Angst. Die Partei hat nichts davon, diese Blase platzen zu lassen. Also gaben wir ihnen, was sie haben wollten.

[…]

Die Angst wachzuhalten, auch wenn Fakten sie nicht zu begründen vermögen, ist das Lebenselixier der AfD.

Sie reflektiert dabei auch ihre eigene Verstricktheit in die Lüge:

Kein Jahr zuvor wäre ich niemals auf die Idee gekommen, so unredlich zu handeln, etwas durch Weglassen absichtlich zu verfälschen. Manchmal fiel ich aber auch selbst auf unsere Propaganda herein. Ich habe mich bei vorurteilsbehaftetem Denken erwischt. Fragte mich, ob ich noch an der Asylunterkunft ganz in der Nähe meiner Wohnung vorbeigehen könnte. Die Ängste waren in meinen Alltag eingezogen.

Eine Partei als Weltuntergangssekte

Breiten Raum nimmt die Transformation der AfD von der eurokritischen Lucke-Partei zur fremdenfeindlichen Gauland-Truppe ein. Franziska Schreiber erzählt, wie sich 2015 zunächst ihr damaliges Idol, Frauke Petry, gegen Lucke durchsetzte und Vorsitzende wurde – wieder mit Hilfe manipulierter Facebook-Postings –, und wie dann auf ähnlichem Weg zwei Jahre später Gauland Petry ablöste.

Bei so vielen Turbulenzen und Inkonsistenzen in der politischen Ausrichtung und bei einem derart sprunghaft wechselnden Personal haben sich schon damals viele gefragt, wieso die Umfragewerte trotz der erbärmlichen Auftritte ständig steigen. Schon 2014 kam der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Bündnis90 / Die Grünen) zum Schluss, dass es sich nicht um eine normale politische Partei handeln könne, sondern um eine Polit-Sekte, die unpolitische Bedürfnisse befriedigt und Ängste anspricht.

Dieser Befund wird von Franziska Schreiber nun umfassend bestätigt. Auch sie nennt die AfD eine Sekte, folgerichtig ist im Untertitel des Buches vom „Ausstieg“ die Rede.

Die Partei ersetzt […] die Familie. Das bedeutet: Wer auf Dauer dazugehören will, darf nicht widersprechen. Das System aus Gehorsam und Abhängigkeit in der AfD ist vergleichbar mit dem einer Sekte.

Einer Sekte, die sich den Gehorsam ihrer Mitglieder sichert, indem sie deren Angstlust kitzelt und die Sehnsucht nach identitätsstiftendem Opferdasein bedient.

…jede Bestätigung dieses Eindrucks [einer katastrophalen Lage, HF] vergrößert die Angst und beglaubigt den Status als Opfer. Es ist wie eine Sucht, und so sind die Funktionäre [der AfD, HF] dazu verdammt, dieses Verlangen zu bedienen.

Am effektivsten bedient Björn Höcke diese Sucht nach dem Untergang.

Die AfD als Weltuntergangssekte. Das ist das präziseste Bild dieser fast schon apolitisch zu nennenden Partei, wenn man Politik als die demokratische Suche nach einem Interessenausgleich versteht. Denn daran ist die AfD nicht interessiert, sondern an dem Bedienen von Ressentiments, während ihr Führungspersonal die Rolle der Retter der Wahrheit im Meer der Lüge übernimmt.

Wahrheitsbehaupter und Sinnstifter

Franziska Schreiber benennt dieses wir gegen die-Muster klar als das wesentliche Selbstverständnis vieler AfD-Mitglieder. Wobei die alles Mögliche meinen kann: Merkel, „Lügenpresse“, „Staatsfunk“. Für mich zeigt sich hier deutlich, wie gefährlich es ist, den Begriff der Wahrheit in den demokratischen Prozess einzubringen, anstatt sich auf den Interessenausgleich zu konzentrieren und die Wahrheit den Philosophen zu überlassen. Deswegen hat Franziska Schreiber recht, wenn sie von einer Sekte spricht. Denn Sekten sind genau das: Wahrheitsbehaupter und Sinnstifter in einem. Dass diese Partei darüber hinaus völkischen Inhalt transportiert und gar nicht so heimlich von einer „Machtergreifung“ spricht, macht sie wiederum politisch so gefährlich. Auch die NSDAP kann man im gewissen Sinn als eine Sekte mit tausendjährigem Anspruch verstehen.

Wie verführerisch Sekten sein können, erkennt Franziska Schreiber an sich selbst:

Auch ich spürte damals starke Angst vor dem Islam, was vermutlich daran lag, dass ich keinen Muslim kannte.

Das Phänomen der Entwertung

Franziska Schreiber ist aufgewacht, und sie reflektiert, wie es zu ihrem Engagement kommen konnte. Dabei kommt sie auf etwas zu sprechen, das den Sektencharakter der AfD untermauert und gleichzeitig erklärt, warum es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR doppelt so viele AfD-Wähler gibt wie im Westen. Schreiber fokussiert auf das Phänomen der Entwertung. Wenn Menschen entwertet werden, sind sie anfällig für Angebote von Sekten. Eine solche Entwertung hat im Osten Deutschlands massiv stattgefunden, und Ostdeutsche unterstehen nicht dem Schutz der Political Correctness:

Bis heute fühlen viele Ostdeutsche sich missverstanden, wenn nicht gar verachtet. […] Über Ostdeutsche, so sehen sie es, darf jedermann Witze erzählen, während bei solchen über Blondinen oder Menschen mit dunkler Hautfarbe die sogenannte Political Correctness greift. […]

Derartige gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit erzeugt ein Gefühl der Minderwertigkeit, aber auch der Rachegelüste, die meist an den Schwächsten der Gesellschaft, in diesem Fall an den Flüchtlingen, ausgelebt werden.

Diese fehlende innere Einheit Deutschlands, diese Verachtung der „Ossis“ durch den Westen, sei einer der Gründe für den Erfolg der Polit-Sekte AfD, zunächst im Osten und dann bundesweit. Denn natürlich gibt es auch im Westen Menschen, die sich entwertet fühlen.

Eine provokante These. Die Diskussion ist eröffnet.

Angaben zum Buch
Franziska Schreiber
Inside AfD
Der Bericht einer Aussteigerin
Europa Verlag 2018 · 224 Seiten · 18 Euro
ISBN: 978-3-95890-203-9
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

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Bildnachweis:
Beitragsbild: AfD-Wahlparty in Erfurt zur Bundestagswahl 2017
Von Vincent Eisfeld [CC BY-SA 4.0 ], via Wikimedia Commons
Buchcover: Europa Verlag

Von Herwig Finkeldey

16 Kommentare

  1. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 22. August 2018 um 9:42

    Ein kleiner Einwand am Rande: mir scheint nicht der Begriff “Wahrheit” selber verdächtig, denn der ist harmlos. Entscheidend scheint mir eher eine Immunisierung gegen die Realität zu sein, also eine automatische Selbstbeglaubigung, u.a. mit Hilfe eines ausgeklügelten Agenda-Settings.

    Antworten

    1. Herwig Finkeldey 22. August 2018 um 10:02

      Nicht der Begriff ist verdächtig, jedoch der Kontext. Die AfD sieht sich selbst ja als Wahrheitspartei, wirbt mit ihrem zentralen Slogan “Mut zur Wahrheit” und verunglimpft jedes kritische Nachfragen als ein Wirken aus der Giftküche der “Lügenpresse”.
      Wir sind die Wahrheit – und die da die Lüge. Das ist die Dichotomie einer Politsekte.

  2. Sehr interessanter Beitrag zu einem wahrscheinlich sehr wichtigen Buch!
    Die Zielgruppe “Leute, die ständig starke Ängste entwickeln”, kenne ich aus der Marketing-Psychographie. Sie wollen grundsätzlich nur das hören, was ihre Angst bestätigt, weil sie sich dann verstanden fühlen. Der Typus ist durch nichts umzupolen, es sind höchstens Themenverschiebungen möglich. Der Kopp-Verlag arbeitet praktisch nur mit dieser Zielgruppe, ein traumhaftes Geschäft, solange die Ängstlichkeit möglichst drastisch zufriedengestellt wird.
    Normalerweise entwickeln Menschen gegen Ängste einen Bewusstseinspanzer – der “Angstmensch” reagiert geradezu wütend auf Versuche, ihm beim Relativieren behilflich zu sein. Merkel ist als “Angstverjagerin” überhaupt nicht geeignet – sie sagt den Leuten, dass sie keine Angst haben müssten, da gehen Ängstliche senkrecht unter die Decke.
    Aufatmen lässt Ängstbesessene das Gefühl, verstanden zu werden. Jemand drückte es mir gegenüber einmal mit großem Furor so aus: “Ich will nicht, dass du mir meine Angst ausredest, dann kann ich selber, ich will, dass du sie verstehst.” (War keine “politische” Angst, wobei ich mich frage, ob es “politische Angst” überhaupt gibt.) Die Verbreitung von Messerstechergeschichten schürt daher nicht nur Angst, sie zeigt auch “Verständnis”. Allerdings geht es auch darum, bei immer mehr Menschen den Bewusstseinspanzer zu zertrümmern.
    Ängste korrelieren mit dem Gefühl, schwach zu sein (“machtlos”, “wehrlos”, “keiner hilft mir”, …). Das begründet möglicherweise den seltsamen Konnex der “Abgehängten” mit den Angst-Geneigten, die in allen Schichten vokommen, auch unter Milliardären, auch unter SchriftstellerInnen (Monika Maron zum Beispiel, die mal in der NZZ schrieb: “Ich habe wirklich Angst”).
    Noch eins: Der Kult-Charakter des Trumpismus wird auch in den USA diskutiert. Das Ausmaß, mit dem Trump jede faustdicke Lüge, jeder Fehler, jedes dumme Gebrabbel verziehen wird, scheint anders gar nicht mehr verstehbar zu sein.

    Antworten

    1. Sehr interessante Gedanken! Seltsam, dass die Angstüberzeugten nicht erleichtert sind, wenn man ihnen ihre Angst nimmt, sondern an ihrer Angst so sehr festhalten. Ich wollte einmal jemanden davon überzeugen, dass er sich grundlos fürchte – und bekam den Satz ins Gesicht geschleudert: “Ich lasse mir doch von dir das Recht auf meine Angst nicht nehmen!”
      Haben Sie Quellen zu den amerikanischen Diskussionen des Kult-Charakter des Trumpismus? Würde mich sehr interessieren. Ich bin unlängst in einen Fb-Thread von Trumpisten hineingeraten, ich weiß gar nicht mehr, ob es um Kim jong un oder um Putin ging, wo seine Wähler gebetsmühlenhaft wiederholten: “He knows what he’s doing.”

    2. Hartmut Finkeldey
      Hartmut Finkeldey 22. August 2018 um 15:54

      Danke, Herr Iff, für diesen Beitrag. In der Tat muss man genau dies vermuten, anders ist es ja gar nicht mehr zu begreifen, wie massiv sich die Klientel versteift und jeden, dinglich jeden Selbstwiderspruch des Konzepts aushält. Du kannst sie 50, 100, 200mal widerlegen (und natürlich wurden Pegida und AfD 50, 100, 200mal widerlegt)- es interessiert sie einfach nicht, sie machen einfach zu. Genau deswegen ist es ja so absurd, auf ein Framing, welches genau diese Ängste lustvoll und kenntnisreich bespielt, irendwie noch argumentierend (“logisch”) antworten zu wollen. Wie kommt man dem bei? Im Zweifelsfall gar nicht; bzw dann eben erst so, wie es die Welt ab 1939 tat und leider tun musste. Das ist das Deprimierende daran. Ich hoffe, dass die Reserven diesmal ausreichen werden. Habe aber Bedenken, wenn ich sehe, wer sich so alles so langsam bewegt und bewegen lässt.

    3. Trump als Cult-Leader – das scheint ja momentan besonders offensichtlich zu sein, wobei man vermutlich auch solche “Erklärungen” als ungelöste Rätsel betrachten muss, frei nach Büchner: “Was ist das, was da in uns so stupide ist, so herumlügt, den narzisstischen Milliardär, der noch nie irgendeinem etwas Gutes getan hat, als Volkshelden erscheinen lässt?”
      Im Juni hat ein Senator Aufsehen erregt, als er den Republikaner die Verkultung Trumps vorwarf: https://edition.cnn.com/2018/06/13/politics/bob-corker-cult-republicans/index.html
      Hier war was im Independent: https://www.independent.co.uk/news/world/americas/donald-trump-cult-leader-make-america-great-again-alt-right-religion-nationalist-us-president-a8053996.html
      Hier sehr interessant: https://www.the-american-interest.com/2017/05/11/the-trump-cult/
      Ebenfalls: https://psmag.com/news/a-sociologist-explains-the-similarities-between-cults-and-trumps-gop
      https://www.gq.com/story/the-cult-of-trump
      Und im New York Magazine war auch was: http://nymag.com/daily/intelligencer/2018/06/the-gop-is-a-trump-cult-boasts-donald-trump-jr.html
      Das Kult-Ähnliche ist natürlich bei Trump am deutlichsten zu bemerken, in D erscheint die AfD-Kirche im Vergleich fast führungslos. Den “unerschüttlichen Glauben” scheinen aber trotzdem auch viele AfD-Fans zu haben.

    4. Von “Kult” sprach man zuletzt eher bei Obama. Eine Google-Suche nach “Obama cult” fördert zahllose Artikel zutage. Ich verlinke nur zwei:

      Zitat: “Barack Obama is a singular figure in the sense that his persona has been promoted and protected by major cultural institutions as no other political figure in our national history, to the extent of inviting moral indictments against anyone bringing any critique forward. This is, in essence, a true definition and characterization of worship. The concept is not ill used or wrongly applied with regard to the Obama Cult.”
      https://www.americanthinker.com/articles/2017/05/the_obama_cult.html

      Zitat: “Obama lied to the American public, ended civil liberties as we know it, bombed the entire world but with a fantastic PR and social media page — and the liberal left including the media celebrated him.”
      https://tribune.com.pk/story/1329339/rise-obamas-cult/

  3. Der Befund der Sektenstruktur mag zutreffen, ich habe das Buch noch nicht gelesen, allerdings ändert dies nichts daran, daß gegenwärtig etwa 15 bis 17 % des Volkes die AfD wählen würden. Insofern reicht es, wie bei Scientologen oder anderen Sekten, nicht aus, diese Strukturen nur zu benennen, sofern sie denn wirklich derart maßgeblich sind und nicht bei einer Parteigründung auch andere Faktoren noch mitwirken, sondern es sind ebenso Strategien gefragt, wie man diese Wähler, die ja beileibe nicht alle Sektenmitglieder sind, wieder für andere Parteien gewinnt. Bei den Scientologen mag das leicht sein, da setzt man einen Sektenbeauftragten ein und therapiert ggf. solche, die in Abhängigkeit geraten sind und nun aussteigen wollen. In der Politik wird man anders vorgehen müssen. Man wird diese Wähler überzeugen müssen, man wird ihnen etwas anbieten müssen und man wird sich anhören müssen, weshalb sie diese Partei wählen.

    Für eine Analyse und um einen Blick in den Maschinenraum der AfD zu bekommen, mag das Buch also eine gute Sache sein. Allerding liefert es eine von vielen Hinsichten und Aspekten, um das Problem in den Blick zu bekommen. Aber solche Analysen allein reicht nicht aus – schon gar nicht, wenn das zu einer Pathologisierung von Wählern führte. Zwar ist auch hier die Ursachenforschung wichtig, aber solche Ursachen sind in der Regel nicht monokausal. Gerade vorhin las ich diesen Eintrag auf Twitter:

    „In der U7 eben war die Kopftuchträgerinnen-samt-männlichem-Anhang-Fraktion deutlich in der Überzahl. Liebe Politiker/innen, wenn es Ihnen nicht gelingt, darzulegen, was daran bereichernd sein soll, kippt diese Gesellschaft.“

    Man mag davon halten, was man will, aber diese Frage weist auf ein zentrales Problem, weshalb unter anderem die AfD gewählt wird. Wer also etwas ändern will, wird sich auch mit diesen Fragen befassen müssen. Oder sollte es.

    Eine anregende Ergänzung zu Schreibers Buch und wie man mit der AfD in Diskussionen umgehen kann, findet sich in dem gestern erschienenen Artikel von Liane Bednarz und natürlich in dem Buch „Mit Rechten reden“, auf das Bednarz Bezug nimmt. In dem Artikel heißt es unter anderem:

    “Eines sollte langsam klar sein: Rechtes Gedankengut ist da, es wird nicht verschwinden. Es ist, so schwer das für viele auch zu akzeptieren sein mag, Teil des Pluralismus. Das heißt aber nicht, seiner Ausbreitung stumm zusehen zu müssen. Im Gegenteil. Wer dem Pluralismus vertraut, sollte offensiv mit den rechten Ideenwelten umgehen, ihre Widersprüche und ihre oft fehlende Komplexität aufzeigen, ebenso die haltlosen Ressentiments, die vielfach damit einhergehen. Und zwar nicht nur in kuscheligen Diskursen innerhalb des eigenen, nicht-rechten Milieus. Sondern vor allem auch im direkten Streitgespräch mit Rechten, ob privat oder öffentlich. Ohne allerdings, und das kann man nicht oft genug betonen, selbst in einseitige Behauptungen und Dogmatik zu verfallen.”

    https://causa.tagesspiegel.de/kolumnen/liane-bednarz/debattiert-auch-wenn-es-anstrengend-ist.html

    Antworten

    1. Herwig Finkeldey 23. August 2018 um 9:49

      Das Potential für rechtes Denken hat es immer gegeben, es gibt nun die dazu passende Partei. Immer wieder fast schon redundant weise ich auf die SINUS-Studie von 1981 hin:
      https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiy9rC31ILdAhUB3KQKHchABzQQFjAAegQIARAB&url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2F1981%2F20%2Fkeine-gefahr-von-rechts&usg=AOvVaw167LJwX4RXz41EJSlDjS_Z

      Politsekten kannte ich sonst eher von links, übrigens mit keinem geringeren Wahrheitsanspruch als die AfD ausgestattet. Mit einem klitzekleinen Unterschied: Die bekamen höchstens 0,5% der abgegebenen Stimmen.

      Warum eine so große Scharr einer rechten Politsekte hinterherläuft, bleibt erklärungsbedürftig. Verführbarkeit spielt sicherlich hinein. Entwertungserfahrungen. Sicher. Aber das erklärt lediglich, warum sie die afd WÄHLEN, nicht aber, warum sie die A F D! wählen.

      Wieso traut sich nun das oben beschriebene, völkische Potential an die Öffentlichkeit, das offenbar jahrzehntelang gehemmt-aggressiv an der Kette lag? Gibt es auch hier Zusammenhänge zur deutschen Einheit? Könnte es sein, das diejenigen, die sich als Hüter der Beißhemmung in der deutschen Gesellschaft verstanden – also die Linke – durch den Sturm der deutschen Einheit historisch unglaubwürdig geworden waren? Oder durch ein merkwürdiges Diskursgebaren, oder durch beides? Jedenfalls schein mir, ganz allgemein gespochen, wichtig zu sein, dass die (west)deutsche Linke 1989 nicht verstanden hat, bis heute nicht. Und nicht verstanden hat, warum sie in Ostdeutschland kaum das Bein auf die Erde bekam.
      Das sind so improvisierte Fragen…

  4. Sieglinde Geisel 23. August 2018 um 20:24

    Warum die Rechten plötzlich aus ihren Löchern kommen, nachdem sie jahrzehntelang nur in Umfragen sichtbar wurden? Offenbar spielt Facebook dabei eine wichtige Rolle. Früher schafften es einschlägige Wortmeldungen nicht einmal auf die Leserbriefseiten der Zeitungen, geschweige denn in den redaktionellen Teil, doch heute gibt es mit Facebook ein Forum, wo jeder sich äußern kann, so oft und so laut er möchte. Gerade sogenannte Superposter können die Stimmung in ihrem Fb-Umfeld nach rechts verschieben. Da geht es in der Tat nicht mehr um Argumente, sondern um Herdentrieb und Anpassung. Man bekommt das Gefühl, das sei jetzt die allgemeine Meinung. (Mich erstaunt ja auch, dass z.B. das zivilgesellschaftliche Engagement in Bezug auf Flüchtlinge im öffentlichen Diskurs kaum gespiegelt wird.) In der New York Times gab es zum Einfluss von Facebook auf die Gewalt gegen Flüchtlinge eine aufschlussreiche Recherche: https://www.nytimes.com/2018/08/21/world/europe/facebook-refugee-attacks-germany.html

    Mit den von Lars bemühten Kopftüchern hat der Rechtsruck m. E. nichts zu tun. Sonst wäre die AfD nicht in Sachsen stärkste Partei (dort gibt es kaum Kopftücher), sondern in Kreuzberg und Neukölln.

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    1. Hallo Frau Geisel,

      ich glaube, Ihre Analyse ist falsch, und ich will versuchen, das zu erklären.

      Die “Rechten” (Sie meinten natürlich die Rechtsradikalen, aber warum sagen Sie es dann nicht so?) waren in den letzten Jahrzehnten keineswegs nur in Umfragen sichtbar, sondern immer wieder auch in Wahlergebnissen. Am bekanntesten der Aufstieg der Republikaner zur Zeit der Asylkrise um 1991. Diese Parteien haben immer dann Konjunktur, wenn die etablierten Parteien die Probleme nicht lösen. Ein anderes Beispiel ist Ronald Schill, den ich allerdings nicht als Rechtsradikalen einstufen möchte (seine Partei später dann schon). Auch hier wurden die Probleme in Hamburg einfach nicht gelöst. Es ging um Kriminalität, weniger um Zuwanderung.

      Das Wahlergebnis der AfD in Neukölln war bei 11%. Allerdings muss man beachten, dass in Neukölln natürlich nur noch knapp die Hälfte der Einwohner “Biodeutsche” sind. Um es mit den Ostländern vergleichen zu können, muss man das Ergebnis der AfD also praktisch verdoppeln. Und schon sind Ost- und West-Ergebnisse auf gleichem Niveau.

      In Freiburg im Breisgau wurde übrigens bei den Landtagswahlen 2016 eine Analyse gemacht, wie die Wähler mit Migrationshintergrund gewählt haben. Ergebnis: Während die etablierten Parteien alle etwa 10% Wähler mit MiHiGru hatten, waren es bei der AfD über 30%. Vermutlich viele Russlanddeutsche. Aber auch kemalistisch orientierte Türken sollen an den Ständen der AfD Interesse gezeigt haben, weil sie die Islampolitik in Deutschland nicht mehr verstehen. Die These, dass AfD gerade dort gewählt wird, wo wenig Migranten wohnen, ist also in vieler Hinsicht grundfalsch.

      Zu den Kopftüchern gab es gerade eine Initiative von Terre des Femmes: Kopftücher sind also sehr wohl ein Problem, gerade bei Mädchen. Ich verlinke Ihnen den Artikel der Tagesschau (ja, das kommt in der Tagesschau, nicht nur bei facebook), und lade Sie ein, die dazu gehörige Petition zu unterzeichnen:
      https://www.tagesschau.de/inland/kopftuch-143.html

  5. Man sollte nicht vergessen, dass die AfD eine Reaktion auf reale Probleme ist, deren Lösung von den etablierten Parteien bis heute nicht geleistet wird. Das Buch von Franziska Schreiber beschreibt dieses Phänomen leider nur am Anfang, nicht aber am Ende des Buches. Am Anfang war die AfD nämlich keine Sekte und auch nicht rechtsradikal. Das entwickelte sich erst im Laufe der Zeit. Das Scheitern der AfD (ich meine ihre Rechtsradikalwerdung) bedeutet deshalb leider zugleich auch ein Stück weit das Scheitern unserer Demokratie, weil es nicht gelungen ist, legitime Anliegen demokratisch zu organisieren und auf angemessene Weise ins Parlament zu bringen.

    — Die Probleme sind immer noch nicht gelöst, und deshalb wählen auch viele AfD. Dass sie damit den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben versuchen, ist vielen nicht klar. Oder sie wissen es, und sehen den Unterschied zwischen Teufel und Beelzebub nicht mehr. Die AfD wird in dem Moment verzwergen und aufgrund ihrer lächerlichen Inkompetenz und erschreckenden Radikalität auch wieder ganz verschwinden, in dem die wichtigsten Probleme gelöst sind. Eurokrise. Asylkrise. Integrationskrise. Usw. usf.

    — Da unsere etablierten Parteien aber offenbar lieber ein Siechtum unseres politischen Systems hinnehmen, als sich ideologisch in Richtung Realität bewegen zu wollen, dürfte uns die AfD noch etwas länger erhalten bleiben.

    — Für Bayern kann man auf ein gutes Abschneiden der Freien Wähler hoffen: Eine demokratische Alternative. Warum gibt es das nur in Bayern?

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  6. Deine Erläuterung, Sieglinde, scheint mir zu einfach in der Analyse. Facebook ist ein Medium, ein Katalysator für Fragen, die in der Luft lieg. Aber es ist nicht die Ursache. Ein Dammbruch war das Jahr 2015 als eine Vielzahl Flüchtlinge nach Deutschland kam. Angefangen bei den Bilder. Was von vielen Politikern dem Volk als Bereicherung nahegebracht wurde, ist als solche im Lauf des Prozesses nicht wahr- und angenommen worden, sondern führte im Gegenteil zu großen Verunsicherungen. Teils zu recht. Das reicht von nicht vorhandenen Geldern im Bereich von Schulen und anderen Gebieten der öffentlichen Daseinsvorsorge, die nun plötzlich, so im Denken der Leute für Flüchtlinge, lockergemacht werden können. Und auch wenn man sich die Kriminalstatistik für Straftaten besonders bei Sexualdelikten anguckt, ist dieser Verdacht, daß da eine Veränderung durchs Land geht, nicht ganz zu unrecht vorhanden. Da finden sich für das Jahr 2016 bei dem Tatbestand Vergewaltigung und sexuelle Nötigung fast ein Drittel der Tatverdächtigen aus migrantischem Milieu (2512 nichtdeutsche TV, 3964 deutsche TV, nachzulesen in der BKA-Statistik fürs Jahr 2016). Wer also auf diese von vielen Wählern gestellten Fragen keine Antwort geben mag oder kann, wird sich damit abfinden müssen, daß eine neue starke Kraft im Parlament mitmischt. Das politische Feld hat sich auf unabsehbare Zeit verschoben. Die AfD wird sogar trotz ihrer Fehler oder teils hanebüchener Aussagen wie von Höcke und Gauland gewählt. Das hat viele Ursachen: Teils weil die AfD als Partei wahrgenommen wird, die das etablierte Parteiensystem provoziert und herausfordert. Teils weil bei der SPD einerseits die alte sozialdemokratische Seite weggebrochen ist und bei der CDU der konservative Part abhandengekommen ist. Diese Lücke füllt die AfD. Das alles hat sehr wenig mit Facebook zu tun, viel aber mit der Flüchtlingskrise, die das Land veränderte. Zumal auf Fb sowieso von Linken bis Rechten die merkwürdigsten Milieus unterwegs sind, die ihre Meinungen zur Schau stellen, und Blasenbildungen sind dort über die Parteigrenzen hinweg anzutreffen. Man verlinkt die Artikel, die einem genehm sind und gibt sie als eine Wahrheit aus. Das eint alle Seiten dort. Selten entspinnen sich echte Debatten.

    Ich weiß nicht, wann und wo Du zuletzt in Sachsen warst, Sieglinde, aber zunächst einmal gibt es auch im Osten bereits genügend “Kopftücher” – soviele zumindest, daß es ausreicht, Leute zu irritieren. Als Synonym für diese Spannungen mögen ansonsten Cottbus und Bautzen stehen, wobei ja die eigentlichen Troublemaker nicht die „Kopftücher“ sind, sondern jugendliche aggressive Migranten. Weiterhin haben Neukölln und Kreuzberg eine ganz andere Bevölkerungsstruktur und damit auch eine ganz andere Wählerschaft. Insofern hinkt der Vergleich. Bremerhaven übrigens und Wilhelmsburg in Hamburg hatten seinerzeit in den 80ern hohe Ausländeranteile. Und dort gab es auch eine (relativ) hohe Wählerschaft für rechtsextreme Parteien. Drittens ist die AfD kein Phänomen, das auf den Osten beschränkt ist. Diese Milieus sind immer schon da. Insofern ist Herwigs Hinweis auf die Sinus-Studie wichtig. Es ist nur die Frage, wer diese Menschen politisch einhegt oder eben freidrehen läßt. Und da sind jetzt die etablierten Parteien gefragt. Wegducken vor Problemen und das Verharren im alten Schema hilft inzwischen nicht mehr weiter. Die AfD hat nun nämlich genügend Geld, um aufzurüsten.

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  7. Ich habe heute zudem noch beim Stöbern ein schönes Zitat gefunden, das den Unterschied zwischen einer Sekte und einer Partei gut skizziert. Es stammt von dem süddeutschen Demokraten Julius Fröbel. Er war Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung und wirkte bereits im Vormärz aktiv als Demokrat:

    „Die Partei will ihren Separatzweck im Staate geltend machen, die Sekte den Staat mit ihrem Separatzweck überwinden. Die Partei will im Staate zur Herrschaft kommen, die Sekte den Staat ihrer Existenzform unterwerfen. Indem sie im Staate zur Herrschaft kommt, will die Partei sich in ihm auflösen, die Sekte will, indem sie den Staat in sich auflöst, zur Herrschaft kommen.“ (J. Fröbel, System der socialen Politik, S. 277)

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  8. Herwig Finkeldey 24. August 2018 um 20:54

    Passendes Zitat!
    Wichtig in dieser Diskussion: Natürlich ist nicht jeder Wähler ein Sektenmitglied.
    Zur Aufklärung über die AfD gehört aber unbedingt auch die Demonstration des Sektencharakters.

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  9. Zur Diskussion über den Twitter-Eintrag zum Anteil von Kopftuchträgerinnen in der U7 in Berlin haben und der Aufforderung an Politiker, diesen Anteil zu ändern: Der Autor des Twitter-Eintrags beschreibt nicht nur einen hohen Anteil an Kopftuchträgerinnen in der U7 in Berlin, sondern der richtet an die Politiker die Aufforderung, diesen Anteil zu senken. Der Twitter-Autor schreibt aber nichts darüber, was er empfindet, wenn er in einer U-Bahn fährt, in der die Mehrheit der Frauen Kopftuchträgerinnen sind, er überspringt also einen Schritt. Der Twitter-Autor setzt wohl voraus, dass wir ahnen, dass ihm dieser Anteil nicht gefällt und dass ein geringerer Anteil an Kopftuchträgerinnen nicht nur von ihm, sondern auch noch von vielen anderen gewünscht würde. Politiker können vielleicht den Anteil an Einwanderern an der Gesamtbevölkerung steuern, aber die Segregation von BürgerInnen in Stadtteile und damit ein Anstieg von Kopftuchträgerinnen in Stadtteilen und U-Bahnen ist überall auf der Welt Alltag, in New York, London, Paris, Dakar, Johannisburg, Delhi, Singapur. Wem Kopftuchträgerinnen unheimlich sind, dem ist nicht so leicht zu helfen.

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