„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Zitat zugeschrieben Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.

Eigentlich darf ich bei einem Page-99-Test keine weiteren Seiten des Romans lesen, so lautet meine eigene Spielregel. Diesmal weiche ich von dieser Regel ab. Für den SRF-Literaturclub vom 8. März 2022 habe ich Orhan Pamuks Roman Die Nächte der Pest in Gänze gelesen, mit dem Page-99-Test überprüfe ich auch meinen Leseeindruck.


Was auf dieser Seite 99 schon beim ersten Lesen auffällt, ist eine gewisse Sperrigkeit. Jeder Satz steht für sich, deshalb kommt der Text nicht recht voran. Und obwohl diese Sätze mit Wörtern vollgestopft sind, bleiben sie seltsam leer, denn die Wörter transportieren weder Handlung noch Stimmung oder Gefühle

In der kurzen Zeit, in der Damat Pascha nun mit einem Abkömmling des Herrscherhauses verheiratet war, hatte er bereits gelernt, ausuferndes Zeremoniell und endlose Lobhudelei gleichmütig über sich ergehen zu lassen.

Warum sollte es mich interessieren, dass Damat Pascha sich in der kurzen Zeit seit seiner Heirat an die Konventionen gewöhnt hat, die mit einem „Abkömmling des Herrscherhauses“ offenbar verbunden sind? Der Satzbau holpert, und die geschraubte Formulierung kostet mich beim Lesen Energie, ohne dass daraus ein Mehrwert entsteht.

Der nächste Satz doppelt nach:

Dass sie unmittelbar nach dem Aussteigen aus den Ruderbooten mit dem Abspielen von Märschen empfangen wurden, überraschte ihn nicht weiter, obwohl eine solche Tradition nicht bestand, und er nahm auch ergeben hin, dass Sami Pascha ihm ausführlich zu seiner Hochzeit gratulierte.

Zwei schwerfällige Substantivierungen folgen unmittelbar aufeinander: das „Aussteigen aus den Ruderbooten“ und das „Abspielen von Märschen“. Das kann durchaus aufs Konto des Übersetzers gehen, ebenso wie die mühsame Syntax und die geschraubte Formulierung von oben.

Doch an diesem Satz ist auch inhaltlich nichts interessant: weder, dass die Eheleute mit dem Abspielen von Märschen empfangen wurden, noch, dass dies unmittelbar nach dem Aussteigen aus den Ruderbooten geschah, noch, dass dies Damat Pascha nicht weiter überraschte, noch, dass eine solche Tradition nicht bestand (und es ihn daher offenbar hätte überraschen sollen), noch, dass Sami Pascha ihm zu seiner Hochzeit gratulierte, noch, dass er dies ausführlich tat, noch, dass Damat Pascha dies ergeben hinnahm.

Schon bald war eine Griechisch, Französisch, Türkisch, Arabisch und Mingerisch sprechende Menge um sie versammelt.

Die Aufzählung der fünf Sprachen ist müßig, solange in diesen Sprachen nichts gesagt wird.

Mit Ausnahme von Izmir, Saloniki oder Beirut ließ sich selbst in den fortschrittlichsten Städten der osmanischen Provinz beobachten, dass es sich bei den Männern mit Hut und Krawatte grundsätzlich um Christen handelte.

Dieser Satz tut so, als wäre es eine Neuigkeit, dass Christen Hut und Krawatte tragen (und nicht Fez und Umhang). Im Weiteren hält der Text es für erwähnenswert, dass diese naheliegende Tatsache überall der Fall ist, außer in den drei genannten Städten.

Über diese Null-Nachricht heißt es nun:

Doktor Nuri wusste das aus Erfahrung, seine Frau indes begriff es durch ihre rasche Auffassungsgabe.

Hätte ich nur die Seite 99 zur Verfügung, hielte ich diesen Satz schlicht für dämlich. Doch weil ich das ganze Buch kenne, verstehe ich die Anspielung: Doktor Nuris Frau (der „Abkömmling des Herrscherhauses“ von oben), hat nämlich ihre ersten zwanzig Lebensjahre eingesperrt in einen Sultanspalast verbracht, daher kann sie solche Dinge nicht aus Erfahrung wissen. Dieses Manko macht sie mit ihrer raschen Auffassungsgabe wett. (Dass die Sultanstochter ausnehmend klug ist, wird uns bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben.)

Die Eheleute fahren nun in einem gepanzerten Landauer durch die Stadt. Aus dem Fenster der Kutsche sehen sie im ersten Satz:

Hotels, Lokale, Reisebüros, stattliche Geschäfte.

Im nächsten

Kleider-, Schuh-, Kurzwaren-, und Buchläden.

Zwar ist es dann doch nur ein Buchladen, der jedoch enthält

griechische, französische und türkische Bücher.

Im Weiteren gibt es Geschäfte, die

Geschirr, Stoffe und Möbel

führen, und zwar

aus Izmir oder Saloniki.

Die Seite endet mit der Erwähnung von „weitläufigen Gärten“ mit

Palmen, Kiefern, Linden und […]

***

Solche Aufzählungen gibt es, wie ich nach der Lektüre der ganzen 700 Seiten bestätigen kann, nicht nur auf der Seite 99. Für den Stil sind sie ebenso charakteristisch wie das ermüdende Aneinanderreihen von Unerheblichkeiten. Manchmal sind die Puzzleteile auch weniger banal, dann bestehen sie etwa aus historischen Ereignissen oder Aussagen bedeutender Personen. Doch das macht den Text nicht lebendiger, denn kaum ein Leser wird diese Dinge spontan einordnen können. Es ist, als hätte der Autor ein 1000er-Puzzle ausgeschüttet, und wir müssen es nun zusammensetzen: Ständig vergleicht man ein Teilchen mit dem anderen, um zu sehen, ob zwei Farben zusammenpassen, in der Hoffnung, dass irgendwo ein Motiv sichtbar wird.

Weder die Insel Minger hat es je gegeben, noch Doktor Nuri und die Sultanstochter Pakize. Die ganze Geschichte, so erklärt uns die Ich-Erzählerin im Vorwort, beruht auf den Briefen, die diese erfundene Pakize von ihrem Gästezimmer auf Minger aus an ihre Schwester in Istanbul schreibt. Bei der Ich-Erzählerin handelt es sich nicht nur um die Herausgeberin von Pakizes Briefen (der vorliegende Roman soll eine Art Vorwort für eine akademische Geschichte Mingers sein), sondern auch um deren Urenkelin (das erfahren wir allerdings erst in einer Art Epilog), also wissen wir, dass auch die Ich-Erzählerin (mit dem achso sprechenden Namen Mîna Mingerli) eine erfundene Figur ist. Die altbewährte Instanz des unzuverlässigen Erzählers vervielfältigt sich wie in einem Spiegelkabinett – jedoch ohne, dass dabei etwas ins Schwingen gerät.

Noch kaum hat mich ein Buch beim Lesen derart frustriert. Da wir es mit einem fake historischen Roman zu tun haben, ist man am Ende nicht einmal um ein paar historische Erkenntnisse klüger.

Dank dem Page-99-Test weiß ich jetzt wenigstens, was die Lektüre so anstrengend macht.

Angaben zum Buch

Orhan Pamuk
Die Nächte der Pest
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Roman
Hanser 2022 · 696 Seiten · 30 Euro
ISBN: 9783446270848

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Du hast ganz bestimmt recht, was das Buch betrifft (ich kenne es nicht, aber aus meiner fernen Erinnerung von Orhan-Pamuk-Lektüren würde ich dem Autor teils Ähnliches attestieren wie Du), aber der Test an sich ist für mich so nicht nachvollziehbar. Substantivierungen und Syntax gehen, wie Du selber einräumst, möglicherweise aufs Konto des Übersetzers; vom türkischen Satzbau und seinen Implikationen für die Welt-Anschauung habe zumindest ich keine Ahnung. Das andere aber: Natürlich könnte (!) es ein Hinweis auf die Psychologie der Hauptfigur sein, dass sie sich schnell an die neuen und aufwändigen Konventionen gewöhnt hat. Man könnte diese ja z. B. auch als lästig empfinden, Schwierigkeiten damit haben, sich an sie zu gewöhnen usw. Der Satz mit den Christen ist für mich sogar ‚falsch gelesen‘, weil sein Hauptpunkt doch zu sein scheint, dass hier eben die Moslems KEINE Hüte und Krawatten tragen, während sie das in den drei genannten Städten eben doch (teilweise) tun. Also: Mir wird hier (mit ziemlichem und ja, etwas nervigem Aufzählungsaufwand vermittelt), dass diese Stadt zwar extrem ‚multikulti‘ ist, aber eben nicht ‚europäisiert‘ in einem Sinne wie z. B. Beirut (in den Augen des Autors oder der Hauptfigur). Und dass die Segregation ein Problem sein wird bei der Seuchenbekämpfung. Wie dieses Detail hier drohend aufscheint, aber von der Hauptfigur ganz rational registriert und ‚für später abgeheftet‘ wird, finde ich sogar ziemlich gelungen. Selbst das ganze Gewusel ist zwar lästig, aber schon auch funktional für die Charakterisierung einer Stadt, auf die offenbar eine hygienische Katastrophe zukommt.

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  2. Lieber Manuel,
    in diesem Punkt gebe ich dir Recht: Hier wird in der Tat eine inhaltliche Spur gelegt, die sich dann bestätigt.
    Allerdings ist es sprachlich derart ineffektiv vermittelt, dass man schon sehr genau lesen muss, um die Spur zu erkennen.
    Aber das wiederum kann sehr gut ein Übersetzungsproblem sein.
    (Wie ich schon beim Houellebecq-Page-99-Test geschrieben habe, entstehen die Übersetzungen potenzieller Bestseller unter einem irren Zeitdruck.)

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