„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser willkürlich ausgewählten Seite leistet.

Auf der Seite 99 von Gottfried Kellers Bildungsroman Der grüne Heinrich befinden wir uns in der Kindheitsgeschichte: Wir lesen jenes Manuskript, das der achtzehnjährige Heinrich mit in den Koffer packt, als er nach Deutschland aufbricht, so erzählt es die Rahmengeschichte. In meiner Ausgabe (Goldmann Klassiker, 1985) umfasst die Kindheitserzählung 369 eng bedruckte Seiten.

Schnurper, Falk und Wächserich

Heinrich hat zu Hause in einem Schrank „mehrere Scheiben reinlichen Wachses“ gefunden. Er sucht sich passende Gläser und erschafft sich eine seltsame Wachsfiguren-Menagerie. Nach einer Anleitung, die er in einem theosophischen Buch gefunden hat, lässt er flüssiges Wachs in kaltes Wasser tropfen, so dass es in bizarren Formen erstarrt. Dieses stille Vergnügen erstreckt sich über die Seite 99 und geht weiter bis zur Hälfte der nächsten Seite. Für die Gestalten, die sein Protagonist Heinrich anfertigt, findet Gottfried Keller auf dieser Seite überraschend viele Wörter:

  • großköpfige wunderliche Burschen
  • lange schmächtige Gesellen
  • knollenartige Gewächse
  • Geschöpfe
  • Wachsmännchen
  • Schicksalsträger
  • Kobolde

Für die Benennung seines Wachsfigurenkabinetts erfindet Heinrich neue Wörter:

Es waren schon einige dreißig Mitglieder dieses artigen Vereins beisammen und das Wachs nahezu aufgebraucht, als ich meine Geschöpfe taufte mit Namen wie: Schnurper, Fark, Vogelmann, Säbelbein, Schneider, Schmerbauch, Nabelhans, Wachsbeißer, Wächserich, Honigteufel und dergleichen.

Ich habe den Einduck, dass der Autor mit den Wörtern, die er seinen Romanhelden erfinden lässt, den gleichen Spaß hat wie dieser mit seinen Wachsmännlein.

In einer abgelegenen Kammer

Heinrich fertigt für seine Geschöpfe „Sphärentafeln“ an, auf denen er jedes Männlein „mit seiner tugendlichen oder schlimmen Aufführung“ verzeichnet. Das Wort Sphärentafel kenne ich nicht, beim Googeln erhalte ich nur 180 Treffer. Sie stammen aus dem Bereich Fantasy/Computerspiele (Sphärentafel des gesegneten Schwertes, etc.).

Heinrich beschreibt den Schauplatz seines Tuns folgendermaßen:

Ich trieb diese Dinge alle in einer abgelegenen Kammer, wo ich eines Abends in der Dämmerung alle Gläser auf meinen Lieblingstisch stellte, ein altes braunes Möbel mit etlichen Auszügen.

So schlicht die Sätze aussehen, sie sind irgendwie unheimlich. Mit der Art und Weise, wie Heinrich die Szenerie beschreibt, gibt uns Gottfried Keller bereits einen Hinweis darauf, dass wir es hier nicht mit unschuldigen Kinderspielen zu tun haben.

Sich seine eigene Welt bauen

Ich gestatte mir, zum Anfang der Szene zurückzublättern. Auf Seite 95 erfahren wir, wie einsam und leer die Welt ist, in der Heinrich aufwächst. Die Mutter kauft ihm kaum Spielzeug, denn sie spart jeden Heller für seine Zukunft.

Desto eifriger verkehrte ich im stillen mit mir selbst, in der Welt, die ich mir allein zu bauen gezwungen war.

Heinrich bastelt sich sein eigenes Spielzeug. Nachdem ihm Papier und Holz langweilig geworden sind, sucht er sich im Flussbett besondere Steine, im „Trödelkram“ im Geschäft der Frau Margret wiederum findet er Marmorscherben „und halb durchsichtige Alabasterschnörkel“. Als er der toten Gegenstände überdrüssig wird, legt er sich eine Menagerie an mit lebenden Insekten, Spinnen, Eidechsen, einer Maus und einem Kaninchen. Die „trauernden Tiere“ darben, und schließlich beendet der so überforderte wie grausame Heinrich das ganze Experiment unter Zuhilfenahme eines glühenden Eisenstabs.

Mystisches Beschwörungsritual

Jetzt ist mir das Spiel mit den Wachsfiguren noch unheimlicher. Als Inspiration diente Heinrich „eine verrückte, marktschreierische Theosophie“, die er unter Frau Margrets Büchern gefunden hat. Er lernt, die vier Elemente Wasser, Feuer, Erde, Luft in eine Flasche zu füllen und auf Papier große Sphären zu zeichnen, „mit Kreisen und Linien kreuz und quer, farbig begrenzt und mit Zahlen und lateinischen Lettern besetzt“. Diese Zeichnungen, eben die ominösen „Sphärentafeln“, die es heute nur noch im Computerspiel gibt (was für ein visionäres Wort!), bevölkerte Heinrich zuerst mit Seelen, über die er herrschen konnte, wie es ihm gefiel, eine Art mystisches Beschwörungsritual.

Ich führte so ganz im geheimen eine genaue Übersicht und Schicksalsbestimmung aller mir bekannten Leute, jung und alt.

Als ich nun die Seite 99 wiederlese, mit diesem ganzen spiritistischen Hintergrund ausgestattet, wird mir die Szene noch unheimlicher. Mir ist fast, als sähe ich Bühnennebel aufsteigen.

Ich reihte die Gläser in einen großen Kreis, die vier Elemente in der Mitte, und breitete meine bunten Tabellen aus, beleuchtet von einigen Wachsmännern, denen Dochte aus erhobenen Händen brannten, und vertiefte mich nun in die Konstellationen auf den Karten, während ich die betreffenden Schicksalsträger einzeln vortreten ließ und musterte, den Wächserich und den Hürlimann, den Meyer oder den Vogelmann.

Die Trümmer einer untergegangenen Welt

Heinrich merkt, dass die Figuren in ihren Wassergläsern zu tanzen beginnen, wenn er an den Tisch schlägt. Nun gibt es kein Halten mehr.

Dies gefiel mir so, dass ich anfing, nach dem Takte auf den Tisch zu schlagen, wozu die Gesellen tanzten, ich schlug immer stärker und wilder und sang dazu, bis die Gläser wie toll aneinander schlugen und erklangen.

Jäh wird die gespenstische Szenerie durch ein Teufelsmotiv unterbrochen:

Auf einmal schneuzte es in einer Ecke, ein Paar feurige Augen funkelten hervor.

Es ist „eine fremde, große Katze“, die dem Spektakel durch ihr eigenes Spektakel ein Ende macht. Es gibt ein scherbenreiches, nasses Showdown, und als die Mutter, aufgeschreckt durch den Lärm, in die Kammer tritt, kann sie nur noch, halb zornig, halb lachend, „die Trümmer der untergegangenen Welt“ betrachten.

Spirituelle Aufladung

Gottfried Keller gelingt mit Worten, was Heinrich mit seinen Wachsfiguren erreicht: die Erschaffung einer Welt aus dem Nichts. Der Realismus hat den Ruf einer Eins-zu-Eins-Übertragung der Wirklichkeit in die Literatur. Doch mir dieser drögen Kunst hat Keller nichts zu tun. Im Germanistik-Studium habe ich für seine besondere Art der Überhöhung den Begriff des „poetischen Realismus“ kennengelernt. Gottfried Keller ist der Meister der Aufladung durch Sprache. Oft ist diese Aufladung erotisch – man denke nur an die nächtliche Szene mit der nackten Judith im Bach, die Keller in der zweiten Fassung des Grünen Heinrich prompt gestrichen hat. Hier ist es eine spiritistisch-spirituelle Aufladung, die ankündigt, dass Heinrich sich auch in dieser Hinsicht auf der Suche nach sich selbst befindet.

Gottfried Kellers Realismus ist viel mehr als nur poetisch. Als Geschenk zum 200. Geburtstag würde ich ihm daher gern einen Fachbegriff aus der Kunstgeschichte um den Hals hängen: den fantastischen Realismus. Denn, so realistisch sie aussehen, Gottfried Kellers Welten sind nicht weniger fantastisch als die erfundenen Welten der Fantasy-Literatur.


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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Ja, das mit der „spirituellen Aufladung“ trifft den Nagel auf den Kopf; sie stammt m. E. aus einer Hingabe an das Hier und Jetzt des Phänomens die mystisch, aber auch sanft und innig ist. Auerbach nennt das – mit einem Ausdruck, den wir heute so nicht mehr verwenden würden – die „Lebensfrömmigkeit“ bei Keller (und Stifter). Ich hab das Buch vor vielen Jahren unglaublich gern gelesen, auch wenn es mich letztlich traurig gestimmt hat; wenn ich mal wieder ‚richtig Zeit‘ habe, werde ich, dank Deiner Erinnerung, wieder danach greifen.

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  2. Luisa Umlauf 5. August 2019 um 9:19

    Dieser Seite-99-Test veranlasste mich, meinen geliebten Gottfried Keller hervorzuholen und nachzuschlagen. In meiner Ausgabe (Nymphenburger Verlagshandlung GmbH, München 1981) erfüllt sich für Heinrich der Traum eines jeden Backstage-Helfers, er landet im Bett des angebeteten Superstars. Allerdings kommt es dort – wenigstens auf den ersten Blick – nicht zu den erwarteten Handlungen:
    „Dort ordnete sie am Fußende ihres Bettes eine Stelle zurecht, und als ich darauf lag, hüllte sie sich dicht in einen sammetnen Königsmantel, legte sich der Länge nach auf das Bett und stütze ihre leichten Füße gegen meine Brust, dass mein Herz ganz vergnüglich unter denselben klopfte. Somit entschliefen wir…“
    Was? „Entschliefen“? Das könnte jetzt unheimlich sein, aber es geht weiter:
    „…und glichen in unserer Lage nicht übel jenen alten Grabmälern, auf welchen ein steinerer Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Füßen.“
    Durch die Erwähnung des Grabmals wird es für mich unglaublich komisch, in keiner Weise unheimlich. Vielleicht ist das auch eine Art, eine Liebesnacht mit dem Superstar zu beschreiben, denn ist es ja alles enthalten, was die ausmachen würde: Der Star als Königin, das Herzrasen, das als „vergnüglich“ empfunden wird, ihre Füße auf seinem Herzen, also die vollkommene Unterwerfung, am Schluss das „Entschlafen“, also das vollkommene wohlige Ausruhen. Keine Ahnung, ob Keller es vielleicht so verschlüssel hat?
    Wie auch immer, für mich ist nichts in Heinrichs – Kellers – Welt unheimlich, einsam, leer, ganz im Gegenteil. Das ist der Romananfang: „Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von dem Alemannen erhalten hat, der zur Zeit der Landteilung seinen Spieß dort in die Erde steckte und einen Hof baute.“
    Ich sehe einen fellbehangenen Gorilla-ähnlichen Urmenschen vor mir, der seinen Spieß in die Erde steckt um sein Revier zu markieren, das finde ich urkomisch. Dieser Urmensch muss nicht mal brüllen, um Konkurrenten zu vertreiben, weil die Sache klar ist. Es ist nichts da, kein Dorf, kein Haus, nichts, aber das Leben ist da und die Entschlossenheit, das Leben zu feiern. Er hat doch den Reichtum seiner Ideen, also wird er nicht nur überleben, sondern es wird ihm bestens ergehen. In keiner Zeile ist für mich Heinrichs – Kellers – Welt einsam und leer, denn er hat ja Reichtum und Fülle in sich selbst. Ja, es gibt viele Momente im Text, die unheimlich wirken könnten, wie eben die Wachsfiguren. Für mich schrappt Keller immer haarscharf am Unheimlichen vorbei, das ist für ihn aber eine Quelle von Heiterkeit und Komik, denn Heinrich – Keller – erlaubt dem Unheimlichen nie, wirklich unheimlich zu werden, also die Herrschaft über ihn zu gewinnen.
    Finde ich jedenfalls, so lese ich meinen Keller.
    Na ja, vielleicht bin ich ein Banause ;-)

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