Geschichten zwischen Nigeria und Amerika

Lektüretipp von Sieglinde Geisel

Thriller, Science-Fiction, Geistergeschichte, Göttersage, Sozialkritik oder fein ziseliertes psychologisches Kammerspiel – in ihrem ersten Erzählband lässt Lesley Nneki Arimah kein Genre aus. Ein Dutzend Romane zwischen zwei Buchdeckeln – genau die Urlaubslektüre, von der wir immer geträumt haben.

Die Autorin ist in London geboren, teilweise in Nigeria aufgewachsen und lebt heute in den USA. Ihre Existenz als „Afropolitan“ spiegelt sich in ihren Stoffen und Figuren.

Eine junge Mutter geht fürs Studium nach Amerika und entfremdet sich beim Skypen von ihrer Tochter, die mit dem Vater in Lagos zurückgeblieben ist. Eine in Amerika aufgewachsene Teenager-Tochter wiederum wird zur Tante nach Nigeria geschickt, in der (natürlich vergeblichen) Hoffnung, man bringe ihr dort gute Sitten bei. In einer mehr als doppelbödigen Sci-Fi-Geschichte sind Europa und Amerika im Ozean versunken, die Weißen fliehen nach Afrika, doch die Erzählung ist mehr als nur eine umgekehrte Migrationsfantasie: Die Flüchtlinge werden von „Kummerarbeiten“ von ihrer Trauer erlöst, denn in der hier imaginierten Zukunft haben die Menschen gelernt, Gefühlen mit mathematischen Mitteln zu Leibe zu rücken.

Lesley Nneka Arimah mischt die Genres souverän: Sie verbindet eine Parodie auf Ethnokitsch mit Sozialkritik, sie erfindet Göttermythen und erzählt von den immer noch offenen Wunden des Biafra-Kriegs.

In den USA wurden diese kühn imaginierten global-afrikanischen Geschichten bereits mehrfach ausgezeichnet. Zoë Beck hat die Autorin (in der Doppelrolle als Übersetzerin und Verlegerin) nun für den deutschen Sprachraum entdeckt.

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Ein leichtfüßiger Nationalroman aus Italien

Lektüretipp von Anselm Bühling

Alessandro Manzonis Roman Die Brautleute ist genau das Richtige für einen längeren Sommerurlaub. Das Buch ist der italienische Nationalroman des 19. Jahrhunderts, aber es wirkt so frisch, als wäre es gestern geschrieben. Die Liebesgeschichte, die im Norditalien des 17. Jahrhunderts spielt, lässt einen nicht mehr los. Sie ist hell, klug und lebhaft erzählt, und in Burkhart Kroebers stilsicherer und zugleich leichtfüßiger Übersetzung liest sie sich fast wie von selbst.

„Leicht, wenn man es richtig anstellt“, erwiderte Agnese. „Hört mir gut zu, ich will versuchen, es euch zu erklären. Ich habe Leute, die es wissen müssen, sagen hören, und habe es in einem Fall sogar selber erlebt, daß man für eine Trauung zwar einen Pfarrer braucht, aber daß er nicht einverstanden sein muß. Es genügt, daß er anwesend ist.“

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Ein funkensprühender Joyce

Lektüretipp von Herwig Finkeldey

Man würde meinen, ein neues Buch von James Joyce wäre eine kleine Sensation. Doch als 2013 Finn’s Hotel erschien, nahm das deutsche Feuilleton kaum davon Notiz.

Dies verwundert umso mehr, als diese Prosaminiaturen den „ganzen Joyce“ in sich tragen, wie ein Hologramm. Das Buch (benannt nach einem Hotel, in dem Joyce’ Frau Nora damals gearbeitet hatte) enthält zehn Episoden aus dem Jahr 1923, sie sind also lange vor dem genaueren Plan zu Finnegans Wake entstanden. Der Herausgeber Danis Rose beschreibt im Vorwort detailliert die Entstehungs- und Publikationsgeschichte: Ob Joyce diese Texte als eigenständiges Buch hätte publiziert sehen wollen, ist durchaus umstritten.

Wer Wortspiele schätzt und Wortwitz in langen Sätzen, kommt hier auch im Strandkorb auf seine Kosten. Nehmen wir den ersten Satz der ersten Miniatur. Es geht um Farben, genauer um die Farbe eines Mantels – die funkensprühende Übersetzung stammt von Friedhelm Rathjen:

Der toppseitige Joss-Pidgin-Kerl Berkeley, Erzdruide des irirschen Chinchinjoss, erklärte sodann in seinen heptachromatischen siebengefärbten rorangelgrüblindigon Mantel Patrick, dem Bealbten, dem Stillen, die Illusiones der befärbenswerten Welt Josses, deren Mobilat, vom mineralischen übers vegetabilische bis zum animalischen, gefallenen Menschen in bloß einem einzigen Widerscheine von den etlichen iridalen Gradationes des Sonnenlichts erscheine, jenem nämlich, welchen jener Teil davon zu absorbieren sich unfähig erwiesen habe; wohingegen für den innerlich die wahre Innwendigkeit der Wirklichkeit, das Ding wie´s an sich isterschauenden Seher alle Gegenstände sich in ihren wahren Coloribus herwiesen, erglänzend von der sechsfachen Gloria des tatsächlichen in ihnen aufbewahrten Lichts.

Die so wortreich geschilderte Farbe des Mantels ist, so erfährt man im Folgenden, keine andere als das irische Grün. Und um Irland und seine katholisch-keltisch geprägten Menschen geht es Joyce in seinem ganzen Werk. Wie Seamus Deane in seiner Einführung zeigt, lassen sich diese Prosastücke durchaus als Scharnier lesen zwischen Ulysses und Finnegans Wake.

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Als die Philosophie noch wild war

Lektüretipp von Lars Hartmann

Ein Buch über Theorie? Nach spannender Sommerlektüre klingt das nicht. Doch was uns Philipp Felsch erzählt, ist höchst vergnüglich geschildert und zeigt den Geist der Zeit, von den 1960er Jahren bis hin zum sogenannten Poststrukturalismus der 1990er Jahre.

Universitätsmilieu in Berlin, Lektürezirkel, Leseabenteuer mit Adorno, Marx, Hegel und Foucault: Das Buch ist eine vorzügliche Begleitlektüre zum 68er-Jubiläum und dem 50. Todestag Adornos im kommenden August, ein letzter Abglanz der Kritischen Theorie im Gedenkmodus.

Der lange Sommer der Theorie erzählt von dem legendären Merve-Verleger Peter Gente, seinen Bildungserlebnissen (etwa durch Adornos Minima Moralia, die 1957 noch als Geheimtipp gehandelt wurden), es beschreibt die Theoriefahrten des Merve-Kollektivs und die Lektüre-Entdeckungen des Verlegerpaars Peter Gente und Heidi Paris unter dem Eindruck der damals neuen französischen Philosophen.

Vielleicht wog die Suggestivkraft gewisser Texte sogar schwerer als ihr systematischer Zusammenhang.

Um diesen Sog geht es Philipp Felsch in seinem Buch. Es war eine intellektuelle Lebensform, wenn sich junge Menschen über die Texte Herbert Marcuses beugten und sie studierten, wie einst „die Talmud-Jünger den Text der Thora auslegten“, so der Berliner Religionsphilosoph Jacob Taubes.

„Diskutieren“ war das Zauberwort:

Die Studentenbewegung, die die Amerikaner beim Wort nahm und das utopische ‚Ausdiskutieren‘ erfand, markierte zugleich dessen haltlose Überschätzung. Kein Wunder, dass es irgendwann in den siebziger Jahren zur großen Enttäuschung kommen musste. Der eigentümlich zwanglose Zwang besserer Argumente geriet in Misskredit. Dafür stand das Trinken wieder höher im Kurs.

Der homo theoreticus Peter Gente blieb nicht im Denken stecken. Er debattierte mit Foucault in Berlin nicht nur, sondern tanzte auch im Dschungel in der Nürnberger Straße.

Aus Paris kam ein neues Denken nach Deutschland, das mit dem Sound der Dialektik brach. Die Bücher von Deleuze oder Baudrillard mussten anders als Marx oder Hegel gelesen werden. Sie schienen wichtigere Aufgaben zu haben, als wahr zu sein. In den achtziger Jahren verwandelte sich die Theorie in ein ästhetisches Erlebnis.

Ich sehne mich nach einer Zeit zurück, in der Theorie solches Gewicht besaß – auch als Lebensform: eine Zeit, in der die Philosophie noch wild war und man sich nach der Lektüre beim Bier um Kopf und Kragen redete.

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Slowfood-Literatur

Lektüretipp von Sieglinde Geisel

Ist Szczepan Twardochs Wale und Nachtfalter tatsächlich ein „Tagebuch vom Leben und Reisen“, wie es auf dem Umschlag heißt? Vom Leben und vom Reisen handelt der Text in der Tat, doch ist es weniger ein Tagebuch als ein enorm verdichtetes Kondensat der Jahre von 2007 bis 2015.

Als Ferienlektüre eignet sich das Buch vor allem wegen der Entschleunigung, die man dabei erlebt. Ein klassisches Slowfood-Buch für alle, die sich von geschriebenen Worten ernähren. Dabei geht es um die ganz großen Fragen.

Warum leben wir überhaupt, wenn wir am Ende sterben? Geht die Zeit im Kreis oder schreitet sie voran? Und was unterscheidet uns eigentlich vom Tier? Twardoch ist ein fantasievoller, geduldiger und kreativer Spracharbeiter, bei ihm geht diese Frage so:

Befreit mich etwas von der Macht, die über das Yak, das Rentier und die Falter herrscht?

In dieser Prosa hat jedes Wort Gewicht. Man liest ständig Sätze, die niemand anders so sagen würde als Szczepan Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl.

Der Wind packt die Schädel in Frost, dass es knirscht,

heißt es in einer der Reisebeschreibungen (Twardoch reist gern in den Norden).

Über den Zustand unserer absurden Alltagswelt sagt der Autor:

Geknebelte Verzweiflung in den Autos, die früh am Morgen zur Antistadt rollen.

Selbst dann, wenn es frivol wird, lassen Autor und Übersetzer uns beim Lesen innehalten.

Oder können Sie sich unter einer

geschniegelte[n] Blondine mit der Aura eines wollüstigen Hamsterweibchens

etwas vorstellen, ohne die Augen zu schließen?

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Bildnachweis:
Beitragsbild: via Pixabay

Angaben zu den Büchern

Lesley Nneka Arimah
Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt
Storys · Übersetzt von Zoë Beck
CulturBooks Verlag · 200 Seiten · 20 Euro
ISBN: 978-3-95988-105-0

Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

Alessandro Manzoni
Die Brautleute
Roman · Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
Carl Hanser Verlag · 920 Seiten · 36 Euro
ISBN: 978-3446198746

Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel


James Joyce
Finn’s Hotel
Übersetzt von Friedhelm Rathjen
Suhrkamp 2013 · 101 Seiten · 17,95 Euro
ISBN: 978-3-518-42454-4

Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

Philipp Felsch
Der lange Sommer der Theorie
Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990
Fischer Taschenbuch 2016 · 336 Seiten · 14 Euro
ISBN: 978-3596036226

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Szczepan Twardoch
Wale und Nachtfalter
Tagebuch vom Leben und Reisen · Übersetzt von Olaf Kühl
Rowohlt 2019 · 256 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3737100663

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Von Redaktion

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