„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ Ford Madox Ford
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)

Zum Hölderlinjahr ziehe ich den Hyperion aus dem Regal, doch als ich das Buch auf Seite 99 aufschlagen will, schrecke ich zurück.

Ein Page-99-Test bei einem Autor wie Hölderlin?

Sprung in den Text

Offenbar ist mir Hölderlin auf irgendeine Weise heilig. Die Heiligsprechung muss im Deutschunterricht geschehen sein, wohl mit Gedichten. Später setzte sich dieser Vorgang im Germanistikstudium fort (in meiner Hyperion-Ausgabe steht vorn im Buch mit Bleistift „April 1985“). Hölderlin gehört für mich in einen Raum des Richtigen, in dem es kein Falsches gibt – ein Raum also jenseits der Literaturkritik.

Mit dem Page-99-Test breche ich diesen Bann, denn vor dem Page-99-Test sind alle Autoren gleich. Zumal die Spielregel es erfordert, dass ich (zumindest im ersten Anlauf) nicht schummle. Ich springe quasi naiv in den Text hinein.

(Übrigens, wann habe ich eigentlich das letzte Mal Hölderlin gelesen? Autoren, die einem heilig sind, liest man nicht mehr. Vielleicht ist das der Preis der Heiligkeit?)

Die „Zucht“ der „übermütigen Natur“

Auf der Seite 99 stehen Hölderlins Sätze nackt vor mir, bar jeden Zusammenhangs. Ich stelle fest, dass ich ein wenig fremdle.

In üppiger Kraft eilt Lacedämon den Atheniensern voraus, und hätte sich eben deswegen auch früher zerstreut und aufgelöst, wäre Lycurg nicht gekommen, und hätte mit seiner Zucht die übermütige Natur zusammengehalten.

Das versteht heute kaum jemand mehr ohne Wikipedia. Lakedaimon, ein Sohn von Zeus, ist der Stammvater der Spartaner, lese ich dort. Lykurg wiederum ist der Gesetzgeber Spartas. Was mich jedoch befremdet, sind nicht diese Namen. Ich habe ein Problem mit Wendungen wie „üppige Kraft“, „übermütige Natur“, „Zucht“.

Wie der nächste Satz nahelegt, steht Lakedaimon, pars pro toto, für das ganze Volk der Spartaner.

Von nun an war denn auch an dem Spartaner alles erbildet, alle Vortrefflichkeit errungen und erkauft durch Fleiß und selbstbewusstes Streben, und soviel man in gewissem Sinne von der Einfalt der Spartaner sprechen kann, so war doch, wie natürlich, eigentliche Kindereinfalt ganz nicht unter ihnen.

Der Rhythmus, der Gesang von Hölderlins Sprache ist mir immer noch nahe: „alle Vortrefflichkeit errungen und erkauft durch Fleiß und selbstbewusstes Streben“ – ich lese wie auf Samt. Mir fällt dazu eine Zeile aus einem Gedicht von Durs Grünbein ein: „Luftzug Sprache, nimm mich an der Hand“. Dieses an-der-Hand-genommen-Werden durch die Sprache ist ein widersprüchlicher Vorgang. Wenn die Sprache den Takt angibt, tritt die Aussage in den Hintergrund, zugleich wird sie mir wie auf dem Tablett serviert.

Die „Natur“ des Menschen?

Das Wort „Einfalt“ ist für Hölderlin positiv besetzt, im Sinn von Unschuld, Unverbildetem. Bei den Spartanern dagegen ist alles „erbildet“, ein Wort, das zu Hölderlins Zeit gebräuchlich war. Es besagt, dass etwas mit Absicht geformt wurde. Die Spartaner haben ihre Vortrefflichkeit nicht selbstverständlich auf die Welt mitbekommen, sie haben sie sich angeeignet. Ein „nature versus nurture“-Diskurs?

Die Lacedämonier durchbrachen zu frühe die Ordnung des Instinkts, sie schlugen zu früh aus der Art, und so musste denn auch die Zucht zu früh mit ihnen beginnen.

Nach den Erfahrungen des Zwanzigsten Jahrhunderts liest man diesen Satz anders als zu Hölderlins Zeiten. Wendungen wie „die Ordnung des Instinkts“, „aus der Art schlagen“, „Zucht“ haben ihre Unschuld verloren, jedenfalls dann, wenn man sie auf den Menschen anwendet.

Zu früh beginnt die Zucht dort, „wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist.“ Noch so ein Wort. Wenn von der „Natur“ des Menschen die Rede ist, heißt das auch, dass manche Dinge „unnatürlich“ sind – und schon befinden wir uns auf vermintem Gelände.

Spiegelbildliche Sätze

(Alle Hervorhebungen in den folgenden Zitaten von mir.)

Vollendete Natur muss in dem Menschenkinde leben, eh es in die Schule geht, damit das Bild der Kindheit ihm die Rückkehr zeige aus der Schule zu vollendeter Natur.

Der Satz ist spiegelbildlich gebaut, er beginnt und endet mit der „vollendeten Natur“. Im Gegensatz dazu steht die „Schule“ – eine Metapher für die Gesellschaft, deren Regeln das Menschenkinde nicht nur lernt, sondern denen es sich auch wird unterwerfen müssen?

Die Spartaner blieben ewig ein Fragment; denn wer nicht einmal ein vollkommenes Kind war, der wird schwerlich ein vollkommener Mann.

Wer nie ganz Kind sein durfte, wird nie ganz erwachsen werden – ein Gedanke, über den man lange nachdenken kann. Die Wendung „vollkommener Mann“ verrät, dass Hölderlin für und über Männer schreibt. Bei der ersten Lektüre hat mich überdies das Wort „vollkommen“ befremdet, ich habe damit die Vorstellung eines perfekten Menschen verbunden. Beim zweiten Lesen verstehe ich, dass Hölderlin nicht Perfektion meint, sondern Ganzheit, einen Menschen, der „heil“ ist. Ein vollkommener Mensch wäre somit einer, der bei sich ist (modern gesprochen).

Himmel und Erde

Was mir fremd bleibt, ist die Rede von Völkern. Doch zu Hölderlins Zeiten war die Frage, ob man überhaupt von den Spartanern reden darf und von den „Atheniensern“ kein Politikum. Wenige Zeilen später heißen sie übrigens „Athener“ ( eine Unachtsamkeit? bei Hölderlin?).

„Freilich hat auch Himmel und Erde für die Athener, wie für alle Griechen, das ihre getan, hat ihnen nicht Armut und nicht Überfluss gereicht.“

Eigentlich besagt dieser Satz nur, dass die Athener die gleichen Lebensbedingungen vorfanden wie alle, die damals in dieser Gegend lebten. Dass Himmel und Erde „das ihre“ getan haben, ist schön gesagt, Hölderlin verleiht dem Satz Rhythmus mit der Parallel-Konstruktion „Himmel und Erde“, „nicht Armut und nicht Überfluss“.

Auch der nächste Satz ist durch eine Wortwiederholung rhythmisiert:

Die Strahlen des Himmels sind nicht, wie ein Feuerregen, auf sie gefallen. Die Erde verzärtelte, berauschte sie nicht mit Liebkosungen und übergütigen Gaben, wie sonst wohl hie und da die törigte Mutter tut.

Selten kann man einem Autor so bei der Arbeit zuschauen wie Hölderlin. Ein anderer hätte sich begnügt mit „die Sonne scheint“, doch bei Hölderlin sind es „die Strahlen des Himmels“, die „wie ein Feuerregen“ auf die Menschen niederfallen. Er lässt die Erde die Menschen mit Liebkosungen „berauschen“ – was für ein sprachlicher Einfall! „Feuerregen“ und „Liebkosungen“ rufen ein Gender-Framing ab, das Hölderlin bei seinen Lesern voraussetzen durfte: Der Himmel gilt als geistig-männliche Macht mit dem nichtstofflichen Element des Feuers, die Erde dagegen ist mütterlich besetzt, deshalb die Liebkosungen und das körperlich-sinnliche Verzärteln. Die „törigte Mutter“ am Schluss empfinde ich allerdings als ein Klischee, doch aus musikalischen Gründen musste hier noch etwas kommen.

Die „Eine goldne Mitte“

Ich bin neugierig geworden und erlaube mir einen Blick auf die gegenüberliegende Seite 98. Zu den Sätzen, die ich damals im April 1985 unterstrichen hatte, gehört dieser hier:

Schon lange war unter Diotimas Einfluss mehr Gleichgewicht in meine Seele gekommen; heute fühlt ich es dreifach rein, und die zerstreuten schwärmenden Kräfte waren all in Eine goldne Mitte versammelt.

Jedes Wort hat hier einen Hallraum: das „Gleichgewicht der Seele“ wird erreicht (nicht einfach so, sondern in dreifach reiner Weise), wenn die „zerstreuten, schwärmenden Kräfte“ sich sammeln, und zwar „in Einer goldnen Mitte“. Ein innerer Vorgang, sichtbar gemacht durch bewusst gesetzte Worte. Keins davon ist beliebig, keins davon Klischee. 

Und jetzt erfahre wir auch, was es mit den Spartanern und Athenern von der Seite 99 auf sich hat. Wir sind in einem Gespräch gelandet, das Hyperion in Griechenland mit Diotima und seinen Freunden führt.

Wir sprachen unter einander von der Trefflichkeit des alten Athenervolks, woher sie komme, worin sie bestehe.

Es folgt eine knappe Aufzählung.

Einer sagte, das Klima hat es gemacht; der andere: die Kunst und Philosophie; der dritte: Religion und Staatsform.

Aufzählungen sind in der Literatur immer ein Problem, denn oft sind sie langweilig. Hölderlin erzeugt Lebendigkeit, indem er die Aufzählung beschleunigt.

„Einer sagte“ heißt es zum Auftakt:

Einer sagte, das Klima hat es gemacht;

Beim nächsten Mal fehlt das „sagte“, dafür wird das Komma durch einen Doppelpunkt ersetzt:

der andere: die Kunst und Philosophie;

Dann wird auch der Artikel weggelassen:

der dritte: Religion und Staatsform.

Was im nächsten Abschnitt über die Athener gesagt wird, ist sprachlich so virtuos komponiert, dass es mir egal ist, um welches Volk es hier geht.

Der erste Satz nimmt mit einem perfekt eingepassten Einschub Anlauf und öffnet den Vorhang:

Ungestörter in jedem Betracht, von gewaltsamem Einfluss freier, als irgend ein Volk der Erde, erwuchs das Volk der Athener.

Nun ist die Bühne frei für eine Parade von Behauptungen.

Kein Eroberer schwächt sie, kein Kriegsglück berauscht sie, kein fremder Götterdienst betäubt sie, keine eilfertige Weisheit treibt sie zu unzeitiger Reife.

Das dreifache, scharf akzentuierte „kein“ wirkt jedes Mal wie ein Paukenschlag. Die Verben „schwächt“, „berauscht“, „betäubt“ sind wie Perlen an der Satzfolge aufgereiht, und ganz nebenbei erfahren wir übrigens, dass ein Volk sowohl durch den Sieg als auch durch die Niederlage korrumpiert werden kann.

Die dritte dieser „kein“-Phrasen wird durch ein Adjektiv erweitert: „fremder Götzendienst“, beim vierten Mal wird aus dem Paukenschlag „kein“ ein Doppelschlag „keine“, bevor die Phrase schließlich ins Weite ausschwingt wie am Ende eines Lieds. Nun haben wir zwei Substantive, die von Adjektiven begleitet werden: „eilfertige Weisheit“ und „unzeitige Reife“. Die Adjektive verrichten hier tatsächlich nützliche Arbeit, wie es Stephen King in seinem Schreibratgeber On Writing fordert.

Klangliche Einheit

Und damit nicht genug der Wunderwerke. Auch klanglich ist Hölderlin hier ein Kabinettstück gelungen:

keine eilfertige Weisheit treibt sie zu unzeitiger Reife

Das „ei“, das bereits in in „kein“ enthalten war, erscheint nun acht Mal, unterbrochen durch das klanglich weit entfernte „un“, das als Negation dadurch noch stärker wirkt.

Im nächsten Satz kommt der aufgepeitschte Gedanke zur Ruhe:

Sich selber überlassen, wie der werdende Diamant, ist ihre Kindheit.

Wer, wenn nicht Hölderlin, käme auf den Gedanken, die Entwicklung des Menschen mit der Entstehung eines Diamanten zu vergleichen.

Bewunderung aus den richtigen Gründen

Was diese vollkommenen Sätze inhaltlich transportieren, ist nicht entscheidend. Mir fällt dazu eine Aussage von William H. Gass über den Barockdichter John Donne ein, im Interview auf tell. In einer Predigt, die Donne 1630 in der St. Paul’s Cathedral gehalten hat, geht es um das Problem des freien Willens, das Wesen des Bösen und der Erschaffung der Welt durch Gott aus dem Nichts. „All dies ist wichtig für ihn, aber nicht mehr für uns“, sagt Gass, „jedenfalls nicht in seinen Begriffen. Und genau das setzt den Text frei: Wir können Donne als Schriftsteller heute aus den richtigen Gründen bewundern.“

Ein Satz, der für jeden Klassiker gilt, und für Hölderlin erst recht.

Bildnachweis:
Beitragsbild und Cover: Verlag

Friedrich Hölderlin
Hyperion oder ein Eremit in Griechenland
Reclam Verlag 2020 · 223 Seiten · 5,20 Euro
ISBN: 9783150005590

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Werden Diamanten nicht aus Kohle gepresst? Wie solche Gewalteinwirkung einer „sich selbst überlassenen“ Kindheit gleichkäme, ist mir nicht ersichtlich… Scheinbar ein kleinerer Punkt, aber, wenn ich an Hölderlins Leben denke, vielleicht doch kein ganz unwichtiger.

    Antworten

    1. Interessanter Gedanke, da hast du natürlich recht.
      Was wusste Hölderlin über die Entstehung von Diamanten? Das ist im Hinblick auf den Satz entscheidend. Ich vermute, dass er bei dem Wort Diamant an Reinheit dachte, und an etwas, das unter der Erde entsteht, ohne Eingriffe von außen.

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