„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufalls-Seite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.

Selten war der Blick durchs Schlüsselloch der Seite 99 für mich so entlarvend erhellend wie bei Friedrich Dürrenmatts berühmtestem Stück. Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Dürrenmatt: Seine Kurzgeschichte Der Tunnel war Schullektüre, und sie ist mir damals nachhaltig in die Knochen gefahren; auch seine Gefängnis-Metapher für die Schweiz, in der wir einander gegenseitig so eifrig überwachen, traf einen Nerv. Doch eigentlich habe ich ihn nie besonders gemocht, er war mir zu grobschlächtig, ich gehörte zu den Max-Frisch-Lesern.

Auf der Seite 99 im dritten Akt von Der Besuch der alten Dame habe ich die Erklärung für beides gefunden: meine Abneigung und meinen Respekt.

Das ist so sehr auf den Effekt hin geschrieben, dass es fast schmerzt. Wir sind in eine Szene hineingeplatzt, in der alle einander anschreien. Die Seite lässt sich in zwei gegensätzliche Hälften teilen. In der ersten Hälfte endet jeder Satz mit einem Ausrufezeichen (mit Ausnahme des etwas gestelzten „Du enttäuschest mich, Töchterchen.“).

Auch die Regieanweisungen sind dramatisch:

  • flehend
  • reißt ihn vom Faß
  • stürzen sich auf ihn

Dann schlägt das Geschehen um. In der zweiten Hälfte lauten die Regieanweisungen:

  • Totenstille.
  • Er schwankt.
  • Schweigen.

Und kein einziges Ausrufezeichen in den Dialogen.

In der ersten Hälfte der Seite heißt es: „Maul halten!“ „Raus!“ „Herr Lehrer!“ „Ich protestiere!“ Wenn rumgebrüllt wird, gilt: je kürzer desto besser, das funktioniert wunderbar. Bei den längeren Sätzen allerdings melden sich Zweifel. Der Lehrer ermahnt sein Töchterchen mit den Worten:

Es wäre an dir zu reden, und nun muß es dein alter Lehrer tun mit Donnerstimme!

Sagt jemand von sich selbst, er rede mit Donnerstimme? Das erinnert mich an eine Stelle bei Knausgård: „Meine Augen glänzten von Erregung.“ Der Vergleich ist nicht ganz fair, denn die eigene Stimme kann man immerhin hören, während bei Knausgård ein eindeutiger Perspektivenfehler vorliegt: Den Glanz seiner eigenen Augen könnte ein Ich-Erzähler nur im Spiegel sehen. Trotzdem irritiert es mich.

Auch was der Lehrer nach seinem Ausruf „Ich protestiere!“ sagt, klingt nicht plausibel: „Angesichts der Weltöffentlichkeit!“ Es ist zwar inhaltlich richtig, denn wie wir weiter unten erfahren, befinden sich Pressevertreter im Raum, doch ich kann mir keine Figur vorstellen, die diesen Satz in dieser Situation so aussprechen würde.

Der Maler, der den außer Rand und Band geratenen Lehrer vom Faß gerissen hat, empört sich mit den Worten:

Du willst wohl meine künstlerische Chance zerstören!

Auch das passt nicht recht: Es ist eine Formulierung wie aus dem Feuilleton, nicht besonders bühnentauglich und in einer Wutrede schon gar nicht. (Und: Kann man eine Chance wirklich zerstören?)

Auf der zweiten Hälfte der Seite erleben wir einen Temperatursturz. Der Lehrer will „den Herren von der Presse“ die Wahrheit erzählen. (Ist es haarspalterisch, wenn ich finde, man könne die Wahrheit zwar sagen, enthüllen, offenlegen, nicht aber erzählen?) :

Wie ein Erzengel erzähle ich, mit tönender Stimme.

Bei einem Profi-Autor wie Dürrenmatt gehe ich davon aus, dass „mit tönender Stimme“ bewusst auf „„mit Donnerstimme“ anspielt. Soll das den Lehrer als hoffnungslos manierierten, sich ständig wiederholenden Schwafli denunzieren? Ein Lehrer wie aus dem Bilderbuch also. Bisschen trivial.

Was mir in den paar wenigen Zeilen im unteren Drittel der Seite dagegen gefällt, ist der Rhythmus. Die Gegenstimme zum tönenden Lehrer-Gedonner stammt vom Krämer Ill.

Was ist los in meinem Laden?

Nach diesem Satz herrscht die bereits erwähnte Totenstille. Auch die beiden weiteren Sätze von Ill sorgen für Entschleunigung:

Schweigen Sie.

Setzen Sie sich.

Zwei Imperative, doch ohne Ausrufezeichen – was ihnen umso mehr Autorität verleiht. Ausgerechnet der polternde Dürrenmatt beherrscht die Kunst des Weglassens. Ills Worte überzeugen auch als Rollenprosa. So redet einer, der bei Verstand ist. Ohne dass man es uns erklären muss, verstehen wir: Ill ist der Erwachsene im Raum.

Ausgerechnet ihm, dem einzig Vernünftigen, wird es in dem Stück an den Kragen gehen. Und damit spricht der Autor sein Urteil über das Güllen im Stück, stellvertretend für alle Güllens dieser Welt.

Hinweis
Der Dramaturg und Regisseur Urs Bircher hat zu dem Page-99-Test eine Replik aus der Sicht des Theatermanns geschrieben: Ist der Page-99-Test bühnentauglich?

Angaben zum Buch

Friedrich Dürrenmatt
Der Besuch der alten Dame
Eine tragische Komödie
Diogenes Verlag 1999 · 160 Seiten · 10 Euro
ISBN: 978-3257230451

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Inwiefern „entlarvst“ Du denn in diesem Beitrag etwas? Welche Maske hat der Autor sich aufgesetzt die Du ihm herunterreißt? (Wo wir schon beim genauen Setzen der Worte sind.) Und: Nein, natürlich sagt niemand im wirklichen Leben von sich selbst, „er rede mit Donnerstimme“, aber im wirklichen Leben reden Menschen auch nicht in Knittel- oder Blankversen und trotzdem würde niemand auf die Idee kommen zu sagen, Goethe und Schiller seien deshalb „nicht bühnentauglich“. Oder wenn wir denn bitte schön ins 20. Jahrhundert gucken: Auch beim eminent bühnentauglichen Brecht (den Dürrenmatt ja sehr geschätzt hat) reden die Figuren nur höchst selten ’naturalistisch‘ im Sinne des frühen Hauptmann oder auch nur Tschechows. Ich verstehe nicht genau, was hier für ein normativer („Entlarvung“) bzw. stilistischer Maßstab angelegt wird. Und wenn man schon an die konkrete Imagination konkreter Figuren geht: Ist das Schwanken des Lehrers nicht als deutlichstes Indiz dafür zu nehmen, wie sein Reden aufzufassen ist?

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  2. Vielen Dank, Manuel, für deine Einwände. Mit dem „Entlarven“ hast du völlig recht, ich habe es oben gleich korrigiert.
    Inzwischen habe ich das Stück noch einmal ganz gelesen (ich hatte nur noch nebulöse Erinnerungen daran aus meiner Schulzeit), und natürlich wird der Page-99-Test dem Stück nicht gerecht. Was verloren geht, wenn man nur eine Seite herauspickt, ist die von Dürrenmatt ins Extrem getriebene Künstlichkeit der Figuren. Durch diese Künstlichkeit ist vieles von dem gedeckt, was mir bei dem Blick durchs Schlüsselloch aufgefallen ist.
    Natürlich ist zu fragen, welchen Maßstab man an Bühnendialoge anlegt. Es muss halt plausibel sein – und das ist ein wandelbares Kriterium. Bei Goethe ist der Blankvers plausibel, bei Shakespeare u.a. der Anspielungsreichtum, und überhaupt äußern Figuren auf der Bühne Sentenzen, die ihnen nie eingefallen wären, wenn sie einfach vor sich hin leben würden.
    In diesem Sinn ist der Alltagsnaturalismus kein Kriterium, ganz abgesehen davon, dass sich bei einem Theatertext die Plausibilität auch an der Wiedergabe entscheidet: Es gibt Schauspieler, die fast alles plausibel spielen können.
    Trotzdem finde ich den Befund des Plakativen haltbar, es ist bei Dürrenmatt ein Stilmittel, das unter der Lupe des Page-99-Tests sofort auffällt. Auch ob einer über sich selbst tatsächlich sagt, er rede „mit Donnerstimme“, halte für eine legitime Frage – auch wenn es sich um einen betrunkenen Lehrer auf der Bühne handelt…

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  3. Ja, „Plausibilität“ ist schon das Kriterium, freilich ist sie aus eigenen Erfahrungen mit Alltagssprache zu holen erstmal problematisch. Sonst würden ja auch eigentlich alle Texte im selben Grade veralten bzw. unzugänglich(er) werden, wie Alltagssprache veraltet. Ästhetische Stimmigkeit kann eigentlich unter JEDEM principium stilisationis erreicht (und verfehlt) werden – und erweist sich dann doch erst im Gesamtzusammenhang, den die Biopsie der Texte wie im Page-99-Test notwendig verfehlt. Der von mir sehr verehrte Jean Giraudoux etwa hat seine Figuren in den 20ern und 30ern auf eine so eigenartige Weise lyrisch daherschwatzen lassen, dass es ihm möglich wurde, die Alltagssprache vor allem ‚kleiner Leute‘ wie mit einem Zauberstab in ihr von Bühnen sonst verschmähtes Recht zu (über)setzen, aber ohne sie wie der Naturalismus zu imitieren. Und sowieso hast Du recht, dass der Aufführungs- im Unterschied zum Stücktext dann noch einmal etwas anderes daraus machen muss, damit wir Zugang finden. Das ist bei Dürrenmatt heute m. E. heute nicht einfach – aber nicht sosehr deshalb, weil die Sprache seiner Figuren zu künstlich ist, sondern vielmehr weil diese Künstlichkeit zu sehr im Sinne einer Sozialtypiserung steht die zeitverhaftet ist und sich heute nicht unmittelbar mitteilt. So höre ich im Bramarbasieren des Lehrers ich nicht nur den Suff durch, sondern auch eine phrasenhafte Bildungshuberei die noch dem 19. Jahrhundert entstammt und die Dürrenmatt in seinem eigenen Deutschunterricht als Kind noch erlebt haben dürfte, die „uns heute“ aber erstmal weder satirisch interessant noch irgendwie verwandt anmutet. (Obwohl das Reden von der „Weltöffentlichkeit“ ein normatives Sich-Aufplustern anzeigt, das Lehrern als Staatsdienern wohl auch später noch geeignet hat…)

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