Galizien sei ein Geisteszustand, so behauptet der ukrainische Schriftsteller und Intellektuelle Juri Andruchowytsch im Essayband Das letzte Territorium aus dem Jahr 2003. Der westliche Teil der Ukraine, einst Kronland der k. u. k. Monarchie, sei ein „Transitraum“ voller Ruinen, Fragmente, Zitate. Die Geschichte existiere in diesem „letzten Territorium“ nur als eine Variante der im Übermaß vorhandenen Mythologie.

Kriminelle aus vier Jahrhunderten

Tatsächlich liest sich Andruchowytschs Prosa als postmoderne Fortschreibung galizischer Mythologie. Sein jüngster Roman versucht nun gar, den doch tatsächlich, so Andruchowytsch empört, in der Ukraine erhobenen Vorwurf zu entkräften, wonach Galizien nicht einmal über ein Epos verfüge. Mit Die Lieblinge der Justiz besitzt es nun eins. Und was für eins: ein Epos voller Krimineller aus vier Jahrhunderten.

Die Lieblinge der Justiz ist laut Untertitel ein „Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln“, die Erzählung springt zwischen dem 17. und dem 21. Jahrhundert hin und her. Alle neun Geschichten tragen sich in den Städten Galiziens zu, in Lemberg, Druhobrytsch, Iwano Frankiwsk bzw. Stanislau oder Kolomea (die Schreibweise entspricht der jeweiligen Zeitebene). Die Hauptfiguren sind exzentrisch, meist Kanaillen, Schlagetots, Geschäftemacher und Verräter, und exzentrisch ist auch die Erzählweise.

Vom Schwarzfahrer zum KGB-Agenten

Denn Andruchowytsch hält es weniger mit der Justiz als mit den Lieblingen. Die nicht selten recht blutigen Kapitalverbrechen erwähnt er eher beiläufig, auch wenn ihnen Prominente wie der österreichische Statthalter in Galizien, Graf Andrzej Potocki, oder der in der Ukraine trotz seiner Kollaboration mit den Nazis hoch angesehene Unabhängigkeitskämpfer Stepan Bandera zum Opfer fallen. Auf fragmentarische Weise erzählt Andruchowytsch eine etwas andere Geschichte der Ukraine.

Die Lieblinge der Justiz hebt an mit Samijlo Nemyrytsch, den Andruchowytsch nicht zum ersten Mal ehrt. In diesem Roman ist Nemyrytsch ein „zu früh verdorrter und unglücklich vergessener Spross am Baum unseres nationalen Banditentums“.

Der überaus begabte Mann hätte

in Amerika Präsident werden können, in Rom Papst […], in Deutschland Bismarck oder sogar Goebbels. In der Ukraine aber hatte er nur die Wahl zwischen Bandit oder Aufrührer.

Solch bedauerliche Alternativlosigkeit, vom Erzähler auf die schmerzlich fehlende Unabhängigkeit der Ukraine zurückgeführt, gilt auch für diejenigen, die Nemyrytsch nachfolgen: Einer bringt es vom Schwarzfahrer zum mordenden KGB-Agenten, ein anderer bestiehlt Klosterbrüder, und ein dritter entgeht der Deportation nach Sibirien nur, weil er alle Freunde verrät.

Turboschwurbeleien

Ihnen lässt Andruchowytsch nun poetische Gerechtigkeit widerfahren: Nemyrytsch liebt ein zartes Mädchen so sehr, dass er neben vielen anderen auch denjenigen umbringen muss, den die Auserwählte ihm vorzuziehen wagt. Der KGB-Agent entbrennt ebenfalls für eine Frau und flieht mit ihr in den Westen. Der Klosterdieb schließt einen Pakt mit dem Teufel, der den Seelenverkauf mitsamt Befreiung allerdings falsch in seinen Kalender einträgt und daher zu spät am Scheiterhaufen erscheint. Und der Mann, der seinen Kopf aus der Schlinge zieht, indem er die Freunde verrät, wurde zuvor selbst von seiner Ehemaligen verraten. Vorzuwerfen wären diesen liebenden Scheusalen allenfalls übermäßige Gefühle und eine etwas pedantische Pakttreue.

Die ersten Geschichten zeigen Andruchowytsch, wie wir ihn kennen: Brutalitäten kommen in zierlicher Kanzleisprache daher, wie immer funkelnd übersetzt von Sabine Stöhr, und die Handlung schlägt höchst pittoreske Volten, sorgsam begründet durch die aufmerksame Interpretation von vermutlich erfundenen Dokumenten. Einmal mehr lassen Andruchowytschs Turboschwurbeleien noch die abstrusesten Actionfilme Hollywoods alt aussehen.

Opfer statt Helden

Der Autor – ein Karnevalist, der einen Wanderzirkus namens Vagabundo durch alle Geschichten des Bandes ziehen lässt – wird allerdings ernster, je näher die Ereignisse der Gegenwart rücken. Die längste Geschichte handelt vom ukrainischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer, es ist ein inszenatorisches Meisterstück und verzichtet auf humoristische Ausweichmanöver. „‚Sansara‘ oder der Aufruhr der Engel“ liest sich wie die aufwändige Recherche eines Historikers, der gut zu erzählen weiß. Er zeigt, dass sich die Nazis und ihre ukrainischen Kollaborateure genauso verhalten wie die zerstrittenen Fraktionen des Widerstands: Einer wie der andere mordet. Die einen wollen mit den Haufen von Toten das Land beherrschen, die anderen den Widerstand anfachen.

Nach und nach wird der Geschichtenreigen Die Lieblinge der Justiz zu einem Buch, das den ukrainischen Heldenmythos zerlegt. Mögen andere Autoren den Identitätsbedürfnissen der jungen Nation willfahren, so etwa Oksana Sabuschko, die in Museum der vergessenen Geheimnisse (2014) Stepan Bandera zum Helden verklärt und über seine Kollaboration mit den Nazis schweigt. Andruchowytsch hält es mit den Opfern der nationalen Idee, Helden besingt er nicht. Schließlich wurde er, so verriet er einmal im Gespräch, angeregt von Borges‘ Universalgeschichte der Niedertracht. Andruchowytschs postmodernes Epos in Geschichtenform verweigert Fülle und Vollständigkeit, am deutlichsten im „halben“ Schlusskapitel aus der Jugend des Erzählers mit autobiografischen Zügen. Halb ist dieses Kapitel unter anderem deshalb, weil eine Leiche darin kopflos ist und bleibt. Auch in anderen Geschichten des Buches fehlt etwas: mal ein Kartoffelpuffer, mal eine Frau – und zuweilen eben der Kopf eines Toten.

Juri Andruchowytsch
Die Lieblinge der Justiz
Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln
Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr
Suhrkamp Verlag 2020 · 299 Seiten · 23 Euro
ISBN: 978-3518429068

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Bildnachweis:
Beitragsbild von Petar Milošević (via Wikimedia
Lizenz: CC BY-SA 3.0

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Von Jörg Plath

Jörg Plath ist Kritiker und Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. (Foto: © Fotostudio gezett)

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