Ist Johannes Kepler ein Pionier der Science-Fiction?

Johannes Spengler

In ihren letzten beiden Kommentaren hat Hania Siebenpfeiffer mehrmals auf den Mathematiker, Astronomen und Philosophen Johannes Kepler hingewiesen. Ich finde diesen Hintergrund besonders spannend und möchte näher darauf eingehen. Wie ich bereits gesagt habe, steht außer Frage, dass Kurd Laßwitz bestimmte Vorbilder hatte. Bei Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts fand er Erzählstrukturen und Motive vor, die er ausarbeiten und weiterdenken konnte. Einer dieser Vorgänger ist Johannes Kepler.

Im Jahr 1609 verfasst Kepler in nur zwei Nächten die Erzählung Somnium sive astronomia lunaris (der deutsche Titel lautet: Der Traum, oder: Mond-Astronomie). Darin berichtet der Dämon “Leviana” von einer Reise zum Mond und den Umweltbedingungen, die dort herrschen. Detailliert schildert der Dämon etwa den Sternenhimmel, wie er vom Mond aus gesehen werden kann. Darüber hinaus wird die Flora und Fauna des Erdtrabanten beschrieben. Kepler wählt dafür eine wissenschaftliche Sprache und nutzt Erzählstrukturen, die sich wie ein Ausblick auf die spätere Science-Fiction-Literatur lesen. Für mich steht allerdings die Frage im Raum, ob es sich hierbei tatsächlich schon um SF handelt.

Grund für diesen Zweifel ist die Form von Der Traum. Obwohl der Text nur wenige Seiten lang ist, schafft Kepler es, gleich mehrere Ebenen zu öffnen. Tatsächlich ist das Stück sehr verschachtelt konstruiert. Die Geschichte fängt mit einer Rahmenhandlung an: Der Erzähler berichtet zuerst, dass er sich ein Buch über die böhmische Zauberin Libussa gekauft. Dann beschreibt er, wie er bei der Betrachtung des Mondes einschläft – und die Binnenhandlung, der Traum, beginnt.

Doch auch der Traum handelt nicht sofort von der Mondreise. Stattdessen träumt der Erzähler, er würde in dem Buch über die Zauberin lesen. Diese Zauberin wiederum ist es, die den Dämon “Leviana” beschwört, damit er vom Mond berichtet. Die Mondreise wird also in einem Buch geschildert, von dem der Erzähler nur träumt. Zuletzt bricht dieser Traum ganz unvermittelt wieder ab. Die letzten Zeilen der Geschichte lauten:

Als ich soweit in meinem Traum gekommen war, erhob sich ein Wind mit prasselndem Regen, störte meinen Schlaf und entzog mir den Schluss des aus Frankfurt gebrachten Buches. So verliess ich den erzählenden Dämon und die Zuschauer, den Sohn Duracoto und dessen Mutter Fiolxhilde, die ihre Köpfe verhüllt hatten, kehrte zu mir selbst zurück und fand mich in Wirklichkeit, das Haupt auf dem Kissen, meinen Leib in Decken gehüllt, wieder.

Ganz zum Schluss befindet sich der Erzähler wieder in der Realität. Obwohl dieses Spiel mit mehreren Fiktionalitätsebenen extrem unterhaltsam ist, frage ich mich doch, ob man bei Der Traum bereits von Science-Fiction sprechen kann? Ich möchte damit keineswegs die Bedeutung von Kepler für spätere AutorInnen herabsetzen. Wie gesagt, werden hier Motive wachgerufen und ein Stil angeschlagen, die in vielen späteren SF-Werken wieder auftauchen.

Trotzdem habe ich Zweifel. Insgesamt erinnert die kurze Erzählung eher an ein Capriccio. Denn der Aufbau von Der Traum lässt die Mondreise als eine bloße Fantasie, als etwas Unmögliches erscheinen, einen Traum eben. Vielleicht hat Kepler diese Form gewählt, um seine Mondbeschreibung als spekulativ zu kennzeichnen. Doch ist es nicht gerade eine der Erzählstrategien von SF-Literatur diese Fantasie unter den Vorzeichen des Möglichen zu gestalten?

Wie Hania Siebenpfeiffer in ihren Kommentaren präzise nachgezeichnet hat, liegt die Leistung von Kurd Laßwitz vor allem im Weiterdenken, Aktualisieren und Popularisieren bereits vorhandener Strukturen. Es ist allerdings gerade das, was aus meiner Sicht den Unterschied macht. In Auf zwei Planeten sind die einzelnen Motive, die Teil der damaligen Populärkultur waren, im richtigen Mischverhältnis zusammengeführt. Der Roman enthält das Motiv der Reise, der Begegnung mit Außerirdischen, er beschreibt Technologien und nimmt sie zum Anlass, um eine alternative Gesellschaft gleich mitzudenken. Die Zukunft ist hier als eine Realität gestaltet, nicht als Spekulation. Schließlich kommt es im Roman auch zu einer außerirdischen Invasion, dem “Krieg der Welten”. Und, auch das ist für die SF-Literatur wichtig, es mangelt darin nicht an Trash. Gerade diese Mischung ist es aber, die nachfolgende Generationen von Künstlern und Lesern inspiriert und einen bleiben Eindruck in der Popkultur hinterlassen hat (siehe Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum).

Trotzdem: Kurd Laßwitz war natürlich kein Einzelfall. Ist es überhaupt möglich, aus dem Nichts zu schöpfen? Texte basieren auf Texten. Ich verstehe unsere Debatte als Aufruf, noch tiefer in die Geschichte der Science-Fiction-Literatur vorzudringen.

Ein Nachtrag noch: Den Roman Auf zwei Planeten können Sie als E-Book (PDF, EPUB, Kindle) hier kostenlos herunterladen.

Eine HTML-Version des Romans finden Sie außerdem auf der Seite DigBib.org.


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Von Redaktion

Ein Kommentar

  1. Albert Maly-Motta 20. März 2017 um 15:35

    Für mich ist Kurd Laßwitz’ Roman “Auf zwei Planeten” ein frühes Beispiel für die Beschreibung eines “Kulturschocks” . Eine höher entwickelte Zivilisation trifft auf eine weniger entwickelte. Wie sehr diese Begegnung beide Zivilisationen verändert, ist der eigentliche Gegenstand des Romans. die höher stehende Zivilisation sinkt aufgrund der Begegnung mit den “Primitiven” hinunter, die unterlegene muß sich entweder sehr schnell weiterentwickeln oder sang-und klanglos untergehen.
    Dabei liegt die Ironie natürlich darin, daß die Unterlegenen ausgerechnet die sich ach so überlegen dünkenden “Dichter und Denker” in Deutschland und die Imperialisten in England sind. Die an der Pol-Expedition beteiligten Wissenschaftler nehmen die Erkenntnis der Existenz einer außerirdischen Zivilisation dagegen recht gleichmütig auf und finden sich schnell in die Verhältnisse.
    Verblüffend ist immer wieder für mich, daß Lasswitz dieses Buch in einer Zeit der blinden Militär-Verherrlichung, der Pickelhauben, der aufgezwirbelten “Es ist erreicht”-Schnurrbärte und des “Hauptmanns von Köpenick” veröffentlicht hat. Seine zutiefst humanistische “Message” muß doch in dieser Atmosphäre auf großes Unverständnis gestoßen sein. Die späteren Machthaber von 1933 haben das Buch dann auch prompt auf den Index gesetzt, was dafür spricht, daß es auch 30 Jahre nach dem Erscheinen durchaus im Gespräch war.
    Gerade heute, im Zeitalter der “fake news”, der Laut-Sprecher im öffentlichen Raum und der galoppierenden Populisten ist die leise und nachdenklich daherkommende Geschichte von “Auf Zwei Planeten” wieder besonders aktuell.
    Der Gegensatz zu H.G. Well’s Mars- Invasion könnte gar nicht größer sein: Wells hat die lauten und an einen US-Actionfilm erinnernden Szenen seines Buchs nicht dazu benutzt, irgendwelche Einsichten über die Conditio Humana zu verbreiten; seine Geschichte ist ein gut gemachter “Reißer” auf dem Niveau der damals üblichen Kolportage-Geschichten. Er nutzt die Marsbewohner nur als gesichtslose Monster, die die Erde in Schutt und Asche legen. Am Ende werden sie von ebenso gesichtslosen Bakterien besiegt, gegen die sie keine Abwehrkräfte haben.
    All diesen simplen Klischees ist Laßwitz von vornherein aus dem Weg gegangen. Dafür sind manche seiner Figuren klischeehaft und undeutlich gezeichnet. Aber die reine Abenteuer-und Action-Geschichte tritt immer wieder zugunsten des menschlichen Moments in den Hintergrund. Hier ist Laßwitz auch anderen Zeitgenossen wie Jules Verne deutlich überlegen.
    Die Idee, daß ein Sohn eines Marsbewohners bereits unerkannt auf der Erde lebt, nimmt den unvergeßlichen Thomas Jerome Newton aus Walter Tevis’ “The Man who Fell to Earth” vorweg. Und die von Schwerefeldern über dem Nordpol gehaltene “Außenstation”, auf der die Raumschiffe der Marsianer andocken, ist der Station aus “2001” wirklich sehr ähnlich. Echos aus diesem Buch ziehen sich also durch die Literatur-und Filmgeschichte. Und so manche Wissenschaftler wie Hermann Oberth, der mit seinem Buch “Die Rakete zu den Planetenräumen” den Grundstein zur bemannten Raumfahrt gelegt hat, oder Wernher von Braun haben sich auf Laßwitz als Inspiration bezogen.
    Ich hoffe darauf, daß irgendwann einmal dieser Roman als Gegenstand für einen sensibel gemachten Film dienen wird. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten kann man die Welten des Kurd Laßwitz gestalten.

    A. Maly-Motta

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