Alternative Gesellschaftsmodelle in der Science Fiction

Johannes Spengler – Kommentar vom 29.08. 2016

Das sind tolle Hintergrundinfos. Dass sowohl das Handzeichen der Marsianer in Auf zwei Planeten als auch Spocks Handgruß auf eine jüdische Tradition zurückgehen, ist ein wertvoller Hinweis. In dem Werk von Kurd Laßwitz gibt es immer wieder Momente, in denen er sich versteckt oder offen gegen die Wilhelminische Gesellschaft äußert. In seinem Tagebuch schreibt er sogar: „Die innere Politik Bismarcks wird immer widerwärtiger und unerträglich. Ich bin wieder ganz auf Seite der Fortschrittsparteien getreten.“ (Aus: Dieter von Reeken (Hg.): Über Kurd Laßwitz)

Was das Alleinstellungsmerkmal von Kurd Laßwitz betrifft: Sicherlich gibt es literarische Vorgänger und Vorbilder. Im Jahr 1865, also zur Schulzeit von Kurd Laßwitz, erscheint etwa der Roman Von der Erde zum Mond von Jules Verne. Und wie Sie in Ihrem Kommentar schreiben, kann die literaturgeschichtliche Linie noch viel weiter gezogen werden.

Es ist trotzdem nicht ganz willkürlich, den Roman Auf zwei Planeten als einen Ausgangspunkt für die deutsche Science-Fiction-Literatur zu setzen. Die Leistung von Laßwitz besteht darin, dass er den wissenschaftlichen Hintergrund und die technische Imagination mit einer gesellschaftlichen Vision verbunden hat. Die Technologie ist hier kein bloßes Vehikel, um die Erzählung auf anderen Planeten zu situieren. Auch soll der Roman nicht allein dazu dienen, wissenschaftliche Überlegungen zu popularisieren. Stattdessen nutzt Laßwitz die Mittel der Science-Fiction, um eine alternative Gesellschaft zu denken, um durchzuspielen, welche Konsequenzen es hätte, wenn diese Technologie zur Verfügung stünde.

Die einzelnen Motive von Auf zwei Planeten mögen Teil der Populärkultur der damaligen Zeit gewesen sein. In dem Roman werden sie allerdings zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt. Laßwitz hat damit zweifellos Schule gemacht. Auf zwei Planeten war zu seiner Zeit durchaus ein Erfolg und fand viele Nachahmer, wurde sogar plagiiert und später von Schriftstellern wie Arno Schmidt als Inspirationsquelle genannt.

War Kurd Laßwitz ein Erfinder? Gute Frage. Die Vielfalt der technischen Innovationen, die er beschreibt, ist durchaus beeindruckend. In Auf zwei Planeten imaginiert Laßwitz eine ganze Fülle von Maschinen, darunter Raumschiffe, Raumstationen, Häuser, die auf Schienen fahren, Schränke, die Kleidung automatisch sortieren und reinigen, oder Rolltreppen. Die Liste ist lang. Es stimmt, dass Laßwitz dabei bereits vorhandene Ideen aufgegriffen hat. Allerdings beschreibt er diese Ideen bis ins Detail, geradeso als wolle er dazu aufrufen, diese Technologie nachzubauen. In diesem Sinne ist er durchaus ein Erfinder. Denn Laßwitz hat sich nicht mit damit zufrieden gegeben, eine Raumstation bloß zu nennen – er liefert die Blaupause gleich mit.

Über die Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit von Krieg der Welten und Auf zwei Planeten ist viel geschrieben worden. Ausführlich gegenübergestellt werden die beiden Werke unter anderem in dem Aufsatz: The Martians Are Coming! War, Peace, Love, and Scientific Progress in H.G. Wells’s „The War of the Worlds“ and Kurd Laßwitz´s „Auf zwei Planeten“ von Ingo Cornils. Dass es erzähltechnische und inhaltliche Unterschiede zwischen diesen beiden Werken gibt, steht außer Frage. Trotzdem haben sich Wells und Laßwitz mit derselben Frage beschäftigt: Wie könnte der erste Kontakt zwischen der Menschheit und den Marsianern verlaufen? Allerdings haben sie unter umgekehrten Vorzeichen geschrieben: Krieg der Welten ist eine Dystopie. In Auf zwei Planeten kippt die Utopie erst im Verlauf des Romans, um sich später in eine Dystopie zu verwandeln. Gerade im zweiten Teil von Auf zwei Planeten fallen die im Text genannten Ähnlichkeiten deutlich auf.

Wie kann man erklären, dass zwei Autoren unabhängig voneinander dasselbe Szenario durchspielen? Es handelt sich hierbei nicht um einen bloßen Zufall der Literaturgeschichte. Wahrscheinlich wurden sowohl Laßwitz als auch H.G. Wells von der Entdeckung der sogenannten „Marskanäle“ inspiriert, einer auffälligen Linienstruktur an der Oberfläche des Mars. Der Astronom Giovanni Schiaparelli hat diese Linien im Jahr 1877 erstmals beschrieben. Tatsächlich sind sie bloß eine optische Täuschung. Ende des 19. Jahrhunderts führten diese Marskanäle jedoch zu wilden Spekulationen darüber, ob der Mars bewohnt sei. Laßwitz und Wells haben dieses Phänomen aus der Populärkultur aufgegriffen.


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Von Redaktion

Ein Kommentar

  1. Albert Maly-Motta 20. März 2017 um 15:35

    Für mich ist Kurd Laßwitz’ Roman “Auf zwei Planeten” ein frühes Beispiel für die Beschreibung eines “Kulturschocks” . Eine höher entwickelte Zivilisation trifft auf eine weniger entwickelte. Wie sehr diese Begegnung beide Zivilisationen verändert, ist der eigentliche Gegenstand des Romans. die höher stehende Zivilisation sinkt aufgrund der Begegnung mit den “Primitiven” hinunter, die unterlegene muß sich entweder sehr schnell weiterentwickeln oder sang-und klanglos untergehen.
    Dabei liegt die Ironie natürlich darin, daß die Unterlegenen ausgerechnet die sich ach so überlegen dünkenden “Dichter und Denker” in Deutschland und die Imperialisten in England sind. Die an der Pol-Expedition beteiligten Wissenschaftler nehmen die Erkenntnis der Existenz einer außerirdischen Zivilisation dagegen recht gleichmütig auf und finden sich schnell in die Verhältnisse.
    Verblüffend ist immer wieder für mich, daß Lasswitz dieses Buch in einer Zeit der blinden Militär-Verherrlichung, der Pickelhauben, der aufgezwirbelten “Es ist erreicht”-Schnurrbärte und des “Hauptmanns von Köpenick” veröffentlicht hat. Seine zutiefst humanistische “Message” muß doch in dieser Atmosphäre auf großes Unverständnis gestoßen sein. Die späteren Machthaber von 1933 haben das Buch dann auch prompt auf den Index gesetzt, was dafür spricht, daß es auch 30 Jahre nach dem Erscheinen durchaus im Gespräch war.
    Gerade heute, im Zeitalter der “fake news”, der Laut-Sprecher im öffentlichen Raum und der galoppierenden Populisten ist die leise und nachdenklich daherkommende Geschichte von “Auf Zwei Planeten” wieder besonders aktuell.
    Der Gegensatz zu H.G. Well’s Mars- Invasion könnte gar nicht größer sein: Wells hat die lauten und an einen US-Actionfilm erinnernden Szenen seines Buchs nicht dazu benutzt, irgendwelche Einsichten über die Conditio Humana zu verbreiten; seine Geschichte ist ein gut gemachter “Reißer” auf dem Niveau der damals üblichen Kolportage-Geschichten. Er nutzt die Marsbewohner nur als gesichtslose Monster, die die Erde in Schutt und Asche legen. Am Ende werden sie von ebenso gesichtslosen Bakterien besiegt, gegen die sie keine Abwehrkräfte haben.
    All diesen simplen Klischees ist Laßwitz von vornherein aus dem Weg gegangen. Dafür sind manche seiner Figuren klischeehaft und undeutlich gezeichnet. Aber die reine Abenteuer-und Action-Geschichte tritt immer wieder zugunsten des menschlichen Moments in den Hintergrund. Hier ist Laßwitz auch anderen Zeitgenossen wie Jules Verne deutlich überlegen.
    Die Idee, daß ein Sohn eines Marsbewohners bereits unerkannt auf der Erde lebt, nimmt den unvergeßlichen Thomas Jerome Newton aus Walter Tevis’ “The Man who Fell to Earth” vorweg. Und die von Schwerefeldern über dem Nordpol gehaltene “Außenstation”, auf der die Raumschiffe der Marsianer andocken, ist der Station aus “2001” wirklich sehr ähnlich. Echos aus diesem Buch ziehen sich also durch die Literatur-und Filmgeschichte. Und so manche Wissenschaftler wie Hermann Oberth, der mit seinem Buch “Die Rakete zu den Planetenräumen” den Grundstein zur bemannten Raumfahrt gelegt hat, oder Wernher von Braun haben sich auf Laßwitz als Inspiration bezogen.
    Ich hoffe darauf, daß irgendwann einmal dieser Roman als Gegenstand für einen sensibel gemachten Film dienen wird. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten kann man die Welten des Kurd Laßwitz gestalten.

    A. Maly-Motta

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