Wie immer, wenn Sieglinde Geisel über die Kunst der Kritik schreibt, freue ich mich: über das Thema, die Gedankenschärfe, das Engagement dahinter. Und über die Einladung, mitzudiskutieren. Kritisieren heißt per definitionem, dass man etwas auch schlecht finden und das aussprechen darf. Daher geht es nicht um die Frage, ob die Kritik verreißen darf, sondern darum, wie und wozu das geschehen soll.

In ihrem Essay macht Sieglinde Geisel deutlich, dass Kritik automatisch mit den bewussten oder unterbewussten Ansprüchen zu tun hat, die die Kritikerin an Literatur stellt. Auch die benannte Aufgabe der Qualitätssicherung der Literatur, welche die Kritik zu leisten hat,  finde ich schlüssig.

Das Virginia Woolf-Zitat: „(…) jedes Buch mit den Größten seiner Art vergleichen“ sagt jedoch mehr als das. In der Wendung „mit den Größten seiner Art“ steckt der Hinweis darauf, dass es verschiedene Kategorien gibt – „Elefanten“ vs. „Flöhe“, mit Orwell.

So weit, so gut, bis hierhin zustimmendes Nicken beim Lesen.

Auf dem hohem Ross

Aber nun beginnt das leise Unwohlsein, das mich zu meiner Entgegnung bewegt. „Man muss Elefanten und Flöhe auseinanderhalten können“, schreibt Geisel, und wieder wird jede/r nicken. Aber wer sagt denn, was Elefanten, Zombie-Elefanten oder Flöhe sind? Wir erinnern uns an die Peter-Handke-Debatte hier auf tell.

Das hohe Ross des Bescheidwissens, das hier in die Tiermetaphernmanege hereingaloppiert kommt, bereitet mir Unbehagen.

Warum darf der Kritiker auf dem Ross sitzen? Weil er zufällig gerade eine Rezension schreibt? Sind damit seine mehr oder weniger subjektiven Reaktionen und Meinungen automatisch legitimiert? Ist eine Kritik ein Frontalvortrag, oder ist sie eine Einladung zum Dialog, verläuft die Kommunikation hierarchisch oder auf Augenhöhe?

Dazu zwei Vorschläge, zwei Ansätze.

Die Ansprüche des Texts

Zum einen verstehe ich Woolfs „mit den Größten seiner Art“ als Hinweis darauf, dass jeder Text dadurch, wie er gemacht ist, auch zeigt, was er sein will – also welchen Ansprüchen er genügen will: Unterhaltung (sei es kommerzielle oder solche, ‚für die man sich nicht schämen muss‘), Kunst, Sprachspiel, Ausdruck hoher Subjektivität, Vertiefung eines bestimmten Themas u.v.a. – oder auch ein Mix aus solchen Beschreibungskriterien.

An diesen, an seinen eigenen Ansprüchen, sollte der Text gemessen werden. Ist das Sprachspiel gut gemacht oder bemüht, animierend oder steril, erhellend oder akademisch oder hermetisch? Erst im Weiteren kann der Kritiker gern hinzufügen, wie er persönlich das bewertet: als vergnüglich oder ermüdend usw. Desgleichen bei Unterhaltungsliteratur nach Schema F, bei Autofiktion, beim ‚Roman zum Thema der Saison‘ usw. Ich wünsche mir also erst einmal als Haupteinordnungskriterium eine Einschätzung, wie der Text offenbar sein will und wie überzeugend er seine eigenen Ansprüche umsetzt.

Das ist natürlich eine interpretierende Einschätzung, schon hier verlassen wir das Gebiet des Rechthabenkönnens.

Die Maßstäbe der Kritik

Zum anderen finde ich die Frage der inneren Haltung des Kritikers wichtig. Wer sich auf das hohe Ross des Richters setzt, muss sich dieses Recht meiner Meinung nach erwerben (und sich dessen auch bewusst bleiben): erstens, indem er seine Maßstäbe offenlegt, zweitens, indem er sich bemüht, argumentativ zu überzeugen, und drittens durch die Demut der Erkenntnis, dass andere Meinungen möglich sind und mit einem Verriss nicht gleich mitverrissen werden dürfen. Oft beschränkt sich ein Verriss ex cathedra auf die Verkündung eines Urteils und verlässt sich dabei mehr auf Prominenz und Polemikgeschick des Kritikers als auf eine transparente Argumentation.

Wenn also beispielsweise über Daniel Kehlmanns Tyll zu schreiben wäre, würde ich als erstes etwas darüber erwarten, dass dieser Roman offenkundig literarisch unterhalten will, und dies mit einem geschickt gewählten Stoffmaterial (historisch: Dreißigjähriger Krieg; anekdotisch: der „Winterkönig“ Friedrich V.; mythisch: Till Eulenspiegel). Sowohl den Unterhaltungswillen als auch den literarischen Anspruch könnte man an Komposition und gepflegt-flüssiger Sprache festmachen.

Wie eine Kritikerin den Roman, genauer: die Einlösung seiner erkennbaren Ziele bewertet, wird auch davon abhängen, ob er ihrem Verständnis, ja Bedürfnis nach Literatur entspricht oder darunter liegt – zum Beispiel, weil er sprachlich eher konventionell bleibt oder weil er zwar viele kaum bekannte historische Informationen, aber wenig neue Erkenntnisse über die Welt und die Menschen bietet.

Es würde mir nicht reichen, wenn sie lediglich sagte: „Das ist nichts weiter als süffige Unterhaltung.“ Ich würde gern erfahren, woran sich dieses Urteil misst (an Thomas Mann? James Joyce? Peter Handke? Paulo Coelho?), und auch, wo im Text sie Belege dafür gefunden hat. Beschreiben – Argumentieren – Belegen – Urteilen.

Diese Transparenz erlaubt es dem Leser, die Dinge anders zu sehen: Er könnte etwa ausführen, warum die zitierte Passage genau das leistet, wozu Literatur seiner Meinung nach da ist.

Die Eitelkeit einhegen

Ich wünsche mir also Kritiken, denen es vor allem um ihren Gegenstand, den literarischen Text geht (das mag nach einer Selbstverständlichkeit klingen, ist aber keine). Solche Kritiken zeigen, was sich in einem Text an Positivem oder Negativem entdecken und wie er sich, daraus folgend, beurteilen lässt.

Nur dann nehme ich sie wirklich ernst. Und erst dann kann ich das Gewürz der rhetorischen Brillanz und Polemik richtig genießen, als innocent pleasure, im Vergleich zu gekonnter, aber unfairer Häme. So wäre auch das Risiko der Eitelkeit eingehegt, die der Show zuliebe zu Selbstgerechtigkeit und Ungerechtigkeit verführt. „Never mind“?, liebe Sieglinde Geisel – Einspruch!

Schließlich sorgen engagierte und fundierte Kritiken nicht nur für die Qualitätssicherung der Literatur, sondern auch des eigenen Genres. Eitle, gönnerhafte, bescheidwisserische, argumentationsfaule Kritiken schaden dem Ruf der Kritik mindestens so sehr wie langweilig nacherzählende, lauwarme, billiglobende Buchkauftipps.

Zur Selbstreinigung, wie Sieglinde Geisels Essay belegt, taugen Verrisse durchaus – allerdings nur, wenn sie so gut gemacht sind, wie sie es auch von ihrem Gegenstand erwarten.

Bildnachweis: Montage aus: George Hodan Lizenz: CC0 Public Domain
Internet Archive Book Images:
Abbildung aus dem Buch “Forest and Stream” (1873)
via flickr (gemeinfrei)

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Von Frank Heibert

Übersetzer, unter anderem von Don DeLillo, Willam Faulkner, George Saunders, Lorrie Moore, Boris Vian, Yasmina Reza und Richard Ford. 2006 erschienen sein erster Roman „Kombizangen“ und das Jazz-Album „The Best Thing on Four Feet“ (zusammen mit der Jazz-Combo Finkophon Unlimited).

4 Kommentare

  1. Es ist schon richtig, Texte nach dem zu bemessen, was sie wollen. Erfahrene Kritiker, Lektoren und Leser können das. In der Praxis käme kaum ein Kritiker auf die Idee, einen Prosatext mit Kunstanspruch und einen intelligent geschriebenen Unterhaltungsroman nach identischen Kriterien zu beurteilen.
    Was sollte man aber mit dem breiten Mittelfeld von Romanen umgehen, die weder besonders unterhaltsam noch sprachlich originell sind, andererseits ausgezeichnet lektoriert sind und keine ästhetischen Schwächen aufweisen, die den Rotstift aktiv werden lassen könnten?
    Als Kritiker/-in kann man das (aufgrund höherer ästhetischer Ansprüche) doch nicht alles verreißen!
    Als Leser habe ich mir angewöhnt, in Kritiken „zwischen den Zeilen“ zu lesen. Hier drei Beispiele für diese „unsichtbaren“ Botschaften:

    „Eine positive Kritik – doch unter uns, lieber Leser: haben wir beide nicht viel bessere Romane in unserem Bücherregal als diesen? Überleg es dir!“

    „Nein, ich habe nichts in dem Buch gefunden, das wirklich schlecht ist. Aber meine lustlose Zusammenfassung seines sogenannten Inhalts sollte dir, lieber Leser, liebe Leserin, zu denken geben.“

    „Für die erfahrenen unter meinen Lesern habe ich meine positive Kritik mit der eigentlich überflüssigen Bemerkung „sprachlich routiniert“ gewürzt. Hey, Leute: Das ist die eigentliche Kritik!“

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  2. Frank Heibert 11. August 2020 um 9:05

    Lieber Jürgen Kiel, danke für die erhellenden (und amüsanten) Ergänzungen. Zum ersten Punkt — es gibt durchaus Verrisse, denen man anmerkt, dass der Kritiker/die Kritikerin dem Text übelgenommen hat, so zu sein, wie er sein will.
    Mit dem unauffälligen, ordentlich gemachten Mittelfeld umzugehen erscheint mir einfach: Nicht besprechen. Höchstens, in einem übergeordneten Essay, das Phänomen dieser Art von Büchern.
    Da sie dann aber doch öfter mal besprochen werden, kommt es in der Folge zu genau den angedeuteten Subtexten …
    Dann doch lieber direkt zur Sache, da, wo es sich lohnt!

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  3. Super geschrieben. Ich verstehe es so: Eine Kritik soll erklären, wie sie zu ihrem Urteil gekommen ist. Meine Frage: Was ist mit der Person des Kritikers, der Kritikerin? Wenn ich erzähle, das ein Text von Musil mir eine neue Welt erschlossen hat, lobe ich den Text damit, ich berichte gleichzeitig von mir. Für eine andere Person mag der Text nichts erschliessen, darauf habe ich als Kritiker keinen Einfluss. Ich finde es besser, zusätzlich zu den Gründen, wegen derer ein Text gut oder schlecht sein mag, auch zu berichten, welche Reaktion der Text bei dieser einen Person, die da die Kritik verfasst, ausgelöst hat. Ein Verriss ist ja neben einer gut begründeten Sammlung von Argumenten auch ein Bauchgefühl. Mir geht es so, dass mir bei manchen Texten schlecht wird. Die finde ich dann schlecht. Zu beschreiben, warum, ist nicht leicht, und es kann der Einstieg in eine Suche nach Eigenschaften des Textes sein.

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    1. “Mir geht es so, dass mir bei manchen Texten schlecht wird. Die finde ich dann schlecht. Zu beschreiben, warum, ist nicht leicht, und es kann der Einstieg in eine Suche nach Eigenschaften des Textes sein.”
      Damit bin ich sehr einverstanden, lieber Laubeiter! Beides ist schwierig: die eigene Reaktion genau zu beschreiben (bezeichnend übrigens, dass Ihnen bei manchen Büchern “schlecht wird” – die Ästhetik sitzt im Körper) und herauszufinden, worauf genau man damit reagiert.
      Ich finde es immer spannend, wenn ein Kritiker seinen subjektiven Leseindruck mitteilt. Zwei Dinge bedaure ich dabei: 1) dass viele Blogger sich mit pauschalen Reflexen zufriedengeben (“hat mir gefallen”, “hat mich amüsiert/berührt/erschüttert”) und 2) dass sich gestandene Kritiker oft zu fein sind, ihren Lesern auch die erste Stufe der Kritik mitzuteilen, sie liefern dann nur die Analyse, als hätten sie das dem Text angesehen, ohne ihn gefühlt zu haben. Virginia Woolf definiert “Geschmack” als “der senorische Nerv, der elektrische Schläge durch uns hindurchsendet”, und ohne den wir kein Buch beurteilen können.
      Wenn ich eine Kritik lese, möchte ich den sensorischen Nerv der Kritikerin spüren, möchte ihr Lesen nicht nur intellektuell nachvollziehen. Ich möchte teilhaben, an dem, was in ihrem Inneren los ist, während sie liest.
      Womit wir ein weiteres Kriterium für eine gelungene Literaturkritik hätten.

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