Es ist nicht einfach, bei diesem Thema ernsthaft zu bleiben. Sich über Nationalhymnen lustig zu machen, ist nicht besonders originell. Denn der kleine Schritt, der das Erhabene vom Lächerlichen trennt, existiert in diesem Genre schon lange nicht mehr. Manche der Texte der Landeshymnen erscheinen uns heute nur noch skurril. Aber jeder Versuch, etwas daran zu ändern, löst hitzige Debatten aus. Denn die Nationalhymne ist ein Narrativ par exellence: ein von allen gesungenes Bekenntnis zur Identität.

Die wohl berühmteste Nationalhymne, die Marseillaise, wurde 1792 komponiert, lange vor der Erfindung der Blechkapelle:

Sie klang damals sicher anders. Man stelle sich als Instrumente eine Flöte oder Geige vor, in Begleitung eines Tasteninstruments aus dem 18. Jahrhundert, ein Cembalo oder Hammerflügel.

Das Tempo war schneller, vielleicht wie im Kopfsatz von Mozarts Klavierkonzert in F-dur:

Problematisch ist die Hymne meines Heimatlandes, der Schweiz. Den Schweizerpsalm, seit den Sechzigerjahren offizielle Hymne, will niemand so recht kennen. Ein untrügliches Anzeichen dafür: im Gegensatz zu allen anderen Landeshymnen kenne ich beim Schweizerpsalm keine einzige Parodie und keine Verballhornung à la „God shave the Queen“.  Unfreiwillig komisch ist allenfalls der Versuch, das Lied mithilfe eines Schlagersternchens zu popularisieren.

1973 versuchte der erfolgreiche Schweizer Komponist Paul Burkhard eine neue Schweizer Nationalhymne zu komponieren. Mit „O mein Papa“ hatte er einen Welthit gelandet:

Noch erfolgreicher war Burkhard mit dem Krippenspiel „D‘ Zäller Wienacht“ (zumindest in der Schweiz):

Den Text für die neue Schweizer Nationalhymne verfasste Herbert Meier, ganz im Geiste des Aufbruchs von 68: „Wir wollen ein offenes Haus sein allen.“ Bei den Sängervereinen biss er damit auf Granit, das Unternehmen scheiterte.

Die größten Probleme mit ihrer Hymne aber haben die Deutschen. Das ist schade, denn die Musik von Joseph Haydn ist wunderschön. Haydn war ein echtes Genie, er kam ohne Geniekult und Überwältigungsästhetik aus. Deutsche Nationalisten konnten mit seiner Musik meist wenig anfangen.

Joseph Haydn schrieb die Hymne nicht für einen Staat, sondern für sein Staatsoberhaupt, Kaiser Franz. Seltsamerweise war es aber gerade Kaiser Franz, der das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1806 beendete. Aus Kaiser Franz II. von Deutschland wurde deshalb Franz I. von Österreich. Natürlich ging es ihm nicht darum, Deutschland abzuschaffen (es existierte ohnehin nur auf dem Papier), sondern zu verhindern, dass Napoleon auch noch diesen Titel in Anspruch nimmt.

Aber seit Kaiser Franz gibt es auch formell kein Deutsches Reich mehr, und dieser Phantomschmerz hat Hoffmann von Fallersleben 1841 veranlasst, das Wunschbild dieses Reichs in seinem „Lied der Deutschen“ wiederaufleben zu lassen. Zur offiziellen Nationalhymne wurde das Lied erst 1922. Nach 1945 wurde es verboten. Auf Druck von Adenauer wurde es 1952 wieder zur Nationalhymne, allerdings nur die dritte Strophe.

Ganz glücklich damit war niemand. Der Text der dritten Strophe ist zwar nicht anstößig, aber auch nicht aufregend. Hand aufs Herz, was kann man sich besser merken?

Von der Maas bis zu der Memel, von der Etsch bis an den Belt

oder (analog zur Melodie)

Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand

Immer wieder drückt beim Singen der dritten Strophe der Dämon der ersten durch. Wie heißt es bei Wolf Biermann: Was verboten ist, das macht uns gerade scharf.

Letztes Jahr gab es noch den Versuch, den Text zu gendern, die Debatte, die darauf folgte, war langweilig und absehbar.

Dieses Jahr wollte der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow den Text von Hoffmann von Fallersleben durch die Kinderhymne von Brecht ersetzen:

Eine schöne Idee, die sich jedoch nicht durchsetzen wird.

Chancenlos dürfte auch mein eigener Vorschlag sein (ich bin ja in Deutschland ohnehin Ausländer). Ich würde Haydn/Fallersleben und die dritte Strophe so belassen und nur durch eine Kleinigkeit ergänzen, die man in Haydns Original in der Streichquartettfassung hören kann.

Dort steht über der ersten Silbe von Fallerslebens „Vaterland“ eine kleine musikalische Verzierung: ein Doppelschlag. Dieser sollte ebenfalls gesungen werden. Diese Verzierung nimmt den Druck weg und zwingt   den Menschen zum lockeren und zivilisierteren Singen.

Zu Haydns Zeit hießen die Verzierungen noch „Manieren“. „Es hat noch niemand am Wert guter Manieren gezweifelt“, so Haydns Zeitgenosse Carl Philipp Emmanuel Bach. Wie gern würde ich Björn Höcke dabei beobachten wie er sich beim Singen an dieser kleinen Verzierung abmüht.

Beitragsbild: Sieglinde Geisel

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Tomas Bächli

Von Tomas Bächli

Pianist und Musikschriftsteller, lebt in Berlin.

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