10 Jahre tell
Weitere Texte:
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Es begann ein halbes Jahr, bevor tell gestartet wurde. Beim Internationalen Literaturfestival Berlin im September 2015 hielt ich einen Vortrag über das literarische Übersetzen mit dem Titel „Der unsichtbare Dritte“. Viele Menschen blenden die Tatsache der Übersetztheit beim Lesen internationaler Literatur intuitiv aus. Offenbar irritiert dieser Dritte, der oder die unsichtbar zwischen Leser und Autorin mit im Bett liegt, und stört die Illusion von Nähe. Die Leser:innen wissen nicht, wer dieser Übersetzer eigentlich ist, müssen aber blind darauf vertrauen, dass er oder sie einen guten Job macht. Nach dem Vortrag kam Sieglinde Geisel auf mich zu und lud mich ein, bei Gelegenheit für das im Entstehen begriffene Online-Magazin tell zu schreiben.
Im März darauf, am zweiten Tag der öffentlichen Existenz von tell, erschien mein erster Essay aus der Übersetzerwerkstatt. Der Beitrag „Spooks“ betrachtet ein Wortspiel mit potenziell rassistischer Implikation in Richard Fords Novellen des Bandes Frank (das Buch ist 2015 in meiner Übersetzung bei Hanser Berlin erschienen). Das Wort „spooks“ kann „Gespenster, Geister“ bedeuten, zugleich ist es eine abfällige Benennung für Schwarze. Der Ich-Erzähler Frank Bascombe, ein älterer weißer Mann mit Problembewusstsein, verheddert sich ungewollt in diesem Ausdruck, der nicht leicht wirkungsäquivalent auf Deutsch zu übersetzen ist. Das erfordert analytisches Nachdenken und kreativen Mut – wie so oft beim Literaturübersetzen.
In den folgenden Jahren durfte ich auf tell noch oft diese Kombination aus Analyse und Wagemut aufdröseln. Man arbeitet dabei mit demselben Werkzeug, wie es die übersetzungsbezogene Stilkritik tut. Dies führte etwa zu einer ausführlichen Doppelbesprechung von Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben (einmal Stilkritik, einmal Übersetzungskritik). Der Raum, den ich auf tell für solche Dinge bekomme, wäre in Printmedien undenkbar – dabei finden Leser:innen Stilkritik durchaus spannend, sie wollen nicht nur simple Kaufempfehlungen.
Ich teile mit Sieglinde die unbeirrbare Lust an der Stilbetrachtung, um der Frage auf die Spur zu kommen, wie Literatur sprachlich gemacht ist. Zu dieser sprachlichen Genauigkeit zählt auch, dass jeder Artikel auf tell aufwändig redigiert wird. Kein Satz soll die Lesenden langweilen oder verwirren; auch in dieser Hinsicht habe ich viel von Sieglinde und Anselm Bühling, der ebenfalls präzise lektoriert, gelernt.
Der zweite Aspekt dieser Onlinezeitschrift, die Zeitgenossenschaft, ist keineswegs von dem Fokus auf Sprache abgetrennt. Zeitgenossenschaft äußert sich immer in Sprache, manchmal verraten sich politische Positionsbezüge sprachlich sogar deutlicher als auf der inhaltlichen Aussageebene. An keinem anderen Ort als bei tell hätte ich etwa die Chance bekommen, mich so ausführlich zu der politischen Frage zu äußern, wer wen übersetzen ‚darf‘: „Wer darf, wer soll, wer kann“ heißt mein Essay über die Übersetzungsdebatte im Zusammenhang mit Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“, das sie bei Joe Bidens Präsidentschaftseinführung vorgetragen hat.
Das kleine Team rund um die Gründerin hat über zehn Jahre praktisch ohne finanzielle Unterstützung eine Lücke in der deutschsprachigen Literaturkritik gefüllt. Ich wünsche mir sehr, dass wir noch lange weitermachen können.

