Wenn einem gesagt wird, man solle nicht an einen rosa Elefanten denken, kann man an nichts anderes mehr denken. Ein Gedicht mit dem Titel „Unpolitisches Gedicht“ liest man daher von vornherein als politisches Gedicht.

Was ist das Politische an Durs Grünbeins unpolitischem Gedicht? Und haben wir es überhaupt mit einem Gedicht zu tun?

Die Prosa sei Gang, das Gedicht sei Tanz, sagt Paul Valéry in seiner „Rede über Dichtkunst“. In der Prosa habe die Sprache „ihre Schuldigkeit getan und verschwindet, sobald sie am Ziele ist“. Das Gedicht jedoch trägt das Ziel in sich selbst, „es ist ausdrücklich gemacht, um aus seiner Asche wiederaufzuerstehen“.

Jeder Mensch ist ein Brillant
Im Rohzustand, einmalig
In seiner verborgenen Art.

Was ist tänzerisch an diesem Satz, der das Gedicht eröffnet? Zweifellos der Rhythmus, der Zeilenbruch und der (nicht ganz saubere) Krypto-Reim „Brillant – Rohzustand“.

Mit der Semantik allerdings hapert es. Man versteht zwar, was gemeint ist: Mit dem Menschen verhält es sich wie mit dem Diamanten, dessen wahres Wesen verborgen ist – erst der Schliff offenbart seine Schönheit.

Doch das steht nicht da. Nur im Rohzustand ist der Mensch einmalig, die Einmaligkeit bleibt im Verborgenen, so könnte man die Logik des Satzes entschlüsseln. Doch was ist ein Mensch im Rohzustand? Und wann befindet er sich nicht mehr im Rohzustand? Überdies ist ein „Brillant im Rohzustand“ ein Widerspruch in sich, denn Brillant ist die Bezeichung für den geschliffenen Diamanten. Was nützt oder bewirkt die Einmaligkeit des Menschen, wenn sie im Verborgenen bleibt –  und geht sie verloren, wenn sie sichtbar wird? Wäre der Verlust der Einmaligkeit demnach der Preis für die Schönheit durch den Schliff? Und wodurch werden Menschen geschliffen (Erziehung, Gesellschaft, Not)? Man kann dieses Bild im Kreis drehen, so lange man will, es wird kein Schuh draus. Und doch steckt darin eine Behauptung, die das Gedicht bestätigen soll.

Wieviel Selbstdisziplin
Schon ein Lächeln braucht
An der richtigen Stelle
Gesetzt, eine Zuwendung,
Und erst das lösende Wort.

„Wie angenehm ist es doch, freundlich zu sein!“, dichtete einst Bertolt Brecht. In diesem Gedicht jedoch ist das Lächeln nichts, was einem leicht fällt, zumindest nicht „an der richtigen Stelle gesetzt“, wie es etwas umständlich heißt, als würde man sein Lächeln irgendwohin setzen wie ein Maler Farbtupfer oder ein Komponist Töne. „Und erst das lösende Wort“ – was soll das Wort lösen? Oder wird hier die Floskel vom „erlösenden Wort“ poetisch verkürzt? Was gäbe es in diesem Gedicht zu (er)lösen?

Für immer ein Rätsel bleibt,
Warum das Mädchen im Bus,
Uns ohne genervt zu sein
Freundlich Auskunft erteilte.

Die freundliche Auskunft des Mädchens im Bus ist dem Dichter ein Rätsel, und zwar ein Unlösbares: eines, „das für immer bleibt“. Den Stil dieser Zeilen könnte man mit dem englischen Wort „pedestrian“ benennen, ganz im Sinne Valérys: Hier wird nicht getanzt, hier gehen wir zu Fuß. Diese Zeilen, in denen übrigens ein Komma an der falschen Stelle steht und ein weiteres fehlt, lassen sich problemlos in gewöhnliche Prosa übersetzen: „Warum das Mädchen im Bus uns freundlich Auskunft erteilte, ohne genervt zu sein, bleibt für immer ein Rätsel.“ Der sperrige Einschub „ohne genervt zu sein“ macht diese Fußgänger-Prosa übrigens nicht nur ungelenk, sondern auch redundant, da das Mädchen ohnehin „freundlich Auskunft erteilte“.

Dabei fuhren wir über Dörfer
Mit hoher Arbeitslosigkeit,
Vielen Migranten und doch
Gelang dieser Augenblick.
Nichts Schlimmes geschah.

Die Freundlichkeit des Mädchens ist deshalb ein Rätsel, weil der Bus nicht durch blühende Landschaften fährt, sondern „über Dörfer mit hoher Arbeitslosigkeit“ und „vielen Migranten“ – Zeitungsworte jenseits aller Poesie, wir sind weiterhin als Fußgänger unterwegs. Soll die Ödnis der Sprache die Ödnis der Dörfer spiegeln? Will der Dichter nicht tanzen, weil es hier nichts zu tanzen gibt?

Die nächsten Zeilen schlagen unvermittelt den hohen Ton der Dichtung an. „Und doch gelang dieser Augenblick“ (könnte je ein Augenblick misslingen?). „Nichts Schlimmes geschah.“ Der Gestus erinnert an Hölderlin, doch damit nicht genug. Der Satz „Nichts Schlimmes geschah“ kündigt Schlimmes an, nämlich im einzigen Reim dieses Gedichts, der sich zwei Zeilen später zu erkennen gibt.

Nichts Schlimmes geschah.
Erst später am Bahnhof
War wieder die volle Härte da.

Der umgangssprachliche Schnodderton steht im Kontrast zur freundlichen Begegnung im Bus. „Und doch gelang dieser Augenblick“, hieß es dort, jetzt dagegen: „die volle Härte“. Es geht zur Sache!

Stinkende, kalte Ecken,
Müll vor dem Schnellimbiß,
Ein leerer Paßbildautomat.

Wer sich bereits über eine freundliche Auskunft im Bus wundert, muss in einem unwirtlichen Bahnhof die reinste Hölle erkennen. In den letzten vier Zeilen des Gedichts entlädt sich die Spannung:

Die Frau am Kartenschalter
Starrte auf ihre lackierten
Nägel bevor sie stumm
Das Restgeld herüberschob.

Für einen Moment suggeriert das fehlende Komma einen Sprachfluss, wie er einmal modern war. Das Wort „stumm“ dagegen lässt die Glocken läuten: Es verleiht der Frau am Kartenschalter eine Aura von Tragik, die Szene erscheint größer, als sie ist. Ist auch die Frau am Kartenschalter ein Brillant im Rohzustand, oder nur das Mädchen im Bus?

Politisch ist in diesem Gedicht das absichtsvoll Unpoetische, die Fußgängersprache in ihrer leeren Härte. Poetisch erscheint das Tremolo, mit dem die banalen Begebenheiten aufgeladen werden. Doch das ist nur ein Trick.

Nichts Schlimmes geschah, doch irgendetwas stimmt hier nicht. Etwas dräut. Der Dichter weiß es. Er sagt nicht, was dräut, denn so genau weiß er es offenbar auch nicht. Aber er lässt es uns spüren.

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

15 Kommentare

  1. Sabine Paqué 16. Juli 2016 um 10:33

    Einfach mal so: Ihre Rubrik, nein: der ganze Blog, ist ein (kluges) Vergnügen, eine Herausforderung zur geistigen Disziplin – und macht mich glücklich für den Tag. Dankeschön!

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  2. Sie sind sehr schön verwundert über den Duktus. Mir geht es auch so. Auf der anderen Seite werde ich seltsam direkt affiziert von diesem Entfremdungsgefühl. Da ist einer (oder sind es zwei) unterwegs „über Dörfer“ und fühlt sich schon so fremd, ist ja auch buchstäblich fremd, dass er sich wundert, auf eine typische Fremden-Frage nicht „genervt“ angeraunzt zu werden. „Nichts Schlimmes geschah“ skizziert ja diese ängstliche Erwartung in der Fremde, im Fremdgewordenen, das einem etwas zustoßen kann – da ist einer schon bei einer Busfahrt übers Land auf Schlimmes eingestellt. All dies erzeugt eine schwere Stimmung durch die weitgehend süßstofffreie Sprache hindurch.
    „Was soll das Wort lösen?“ Das muss einen Bezug haben zum „Rätsel“ in der nächsten Zeile, aber auch zur Frage, auf die das Mädchen die „Auskunft“ erteilt.
    Man könnte das Gedicht tatsächlich „unpolitisch“ lesen, aber zwei Worte stellen es ins Feuer der aktuellen Aufregungen: „Arbeitslosigkeit“ und noch mehr „Migranten“. Und das geschieht im konzessiven Sinn eines „obwohl“, ausgetauscht gegen „Dabei…“
    Das ist die heikle Stelle, zumal ich für meinen Teil mich nicht mehr darauf verlassen kann, dass deutsche Schriftsteller und Dichter an diesen Diskussionspunkten geistig noch gut beieinander sind, das heißt ich weiß nicht, wie ob die Assoziations- und Reflexionswege hier noch einen doppelten Boden haben oder nicht. Was darauf hinweist, dass wir es dem Himmel sei Dank vielleicht doch mit einem doppelten Boden zu tun haben, ist die Möglichkeit, dass neben der Schwere sich auch Ironie breit macht, und das wäre dann eben auch eine Selbstironie des Über-Dörfer-Reisenden. „die volle Härte“ ist ja gar keine, sondern nur, dass die Deutsche Bahn mit dem Aufräumen nicht ganz hinterher kommt. Nicht Junkies, nicht Obdachlose, nicht Alkoholleichen, nicht Prostituierte, nicht Bettelgestalten und herumlungernde Nichtstuer werden wahrgenommen, sondern kalte Ecke und ein leerer Paßbildautomat. Wenn man so will, ist da einer unterwegs, der sich aufregen will, der im Banalen das Schlimmste sieht, dabei aber selbst vielleicht schon ein in Stummheit Fremdgewordener, unhöflicher Zeitgenosse ist?
    Und als derbe Ironie muss man ja auch den ersten Satz lesen „Jeder Mensch ist ein Brillant …“ – dieser Superlativität ist ja ein Poesiealbumspruch, ein Häkeldeckenspruch für Mädchen vom Lande.
    Wer weiß, ist das „lösende Wort“ vielleicht Selbstdisziplin (Sublimation, Zivilisiertheit, Selbstbeherrschung auch im Sinne von Selbstbeherrschung seiner eigenen Ängste, etc.)?

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  3. Leider muss ich gleich wieder BSP-steigern. In Kürze nur dies: neben Hölderlin (den der verfasser dieses gedichts ersichtlich kennt) kam mir noch ein weiteres gedicht in den Sinn: Benns „Menschen getroffen“ (Spätwerk 50er):

    „Ich habe Menschen getroffen, die,
    wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
    schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
    auch noch eine Benennung zu haben –
    „Fräulein Christian“ antworteten und dann:
    „wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
    kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ –
    „wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!

    Ich habe Menschen getroffen, die
    mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
    aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
    am Küchenherde lernten,
    hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
    und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
    die reine Stirn der Engel trugen.

    Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
    woher das Sanfte und das Gute kommt,
    weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.

    (Benn, Gottfried, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke, HG Bruno Hillebrand, Frankfurt/Main( Fischer TB) 1982, p. 473)

    Dazu sagen muss man natürlich: Benn hat sich immer über Rilkes Gräfinnen lustig gemacht; das Gedicht enthält also sehr wohl Ironie, zumal es zu vielen sonstigen seiner Gedichte in einen auffallenden Widerspruch steht. Der Großstadtintellektuelle, Nietzsche-Leser, der sich gerne mit einer gewissen mir-kann-man-nix-erzählen-Härte in Szene setzte und beschämt ist, wenn er mit schlichtem Menschenanstand konfrontiert wird? Mit Nausikaa, die ihn speist und ihm hilft, den Weg heim zu finden? Ersichtlich meint auch Grünbein, der Benns Gedicht sicherlich kennt, „Nausikaa“, sieht sich selber also als Odysseus…

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  4. Jürgen Kiel 17. Juli 2016 um 13:45

    Das Nebeneinander von hohem Ton und Alltagsjargon ist ein Merkmal der Moderne (siehe Benn), doch ich erkenne nicht, dass sich Grünbeins Gedicht auf irgendeine Weise reflexiv zu seiner eigenen Sprachlichkeit verhielte.

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    1. Lieber Jürgen Kiel, da muss ich protestieren:

      Zitat:

      Wieviel Selbstdisziplin
      Schon ein Lächeln braucht
      An der richtigen Stelle
      Gesetzt, eine Zuwendung,
      Und erst das lösende Wort.

      „reflexiv zu seiner eigenen Sprachlichkeit sich verhalten“ als Kriterium moderner Lyrik/Literatur überhaupt ist ein weithin bekanntes Diktum, welches einer vom anderen abschreibt, es stimmt ja auch ‚irgendwie‘, ist aber wegen seiner Abstraktheit auch ein bisschen beliebig. Selbst ohne die von mir zitierten Zeilen würde Grünbeins Gedicht dieses kriterium erfüllen – wegen des Titels und auch, weil er 2016 Hölderlin evoziert.

  5. Gegenüber Literatur besteht vielfach das Problem, einen Zugang zu finden. Ob die Wirklichkeit des Gedichtes, auf den es Bezug nimmt, Diamanten enthält, ist völlig ungewiss. Auch ob es dort Worte ‚Diamanten‘ gibt, bleibt offen. Gesprochen wird hingegen von einem Rohzustand, von etwas Unbearbeitetem. Einmalig können also nicht ohne weiteres Diamanten sein, aber auch nicht Rohzustände, ein Komma trennt ‚Rohzustand‘ und ‚einmalig‘ in der Textsequenz. Der Text gibt an, was einmalig ist: eine verborgene Art. Die Frage wäre, um was es sich dabei handeln könnte? Gibt der Text vielleicht mehr? Oder handelt es sich bloß um eine formale, nichtssagende Redeweise …

    Die Titel des Gedichts verweist übrigens keineswegs auf Politisches, nur weil es als unpolitisches ausgewiesen ist. Thematisiert werden soziale Faktoren u.a. im Kontext der Flüchtlingskrise …

    Und weshalb in der Kritik Valery hinzugezogen wird, ist mir völlig schleierhaft, ein Romantiker des 19. Jhds. …

    Vielleicht hat Sabine Paqué Recht: es ist nicht ihre Rubik, Sieglinde Geisel.

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    1. Wie Sie auf die Idee kommen, Sabine Paqué hätte behauptet, das sei nicht meine Rubrik, ist mir ebenso schleierhaft wie Ihre Idee, Paul Valéry (1871-1945) sei „ein Romantiker des 19. Jhds“. Die zitierte Rede hat Valéry am 2. Dezember 1927 gehalten. Aber darum geht es gar nicht. Denn seine Sätze über den Unterschied von Poesie und Prosa hätte ich auch dann zitiert, wenn sie fünfhundert Jahre alt wären. Warum ich sie zitiere? Weil sie meine Eingangsfrage erhellen, ob wir es hier mit einem Gedicht zu tun haben.
      Ich könnte auch Marina Zwetajewa zitieren (in der Dichtung gehe es darum, „das Unsichtbare ins Sichtbare zu übertragen“, 1926) oder Susan Sontag („a work of art engages the mind in certain transformations“, 1965) oder Joseph Brodsky (durch ein einziges Wort, einen Reim könne es dem Dichter geschehen, „dass er sich an einem Ort wiederfindet, wo vor ihm noch niemand war“, 1987) oder Lukas Bärfuss (die Poesie zeichne sich dadurch aus, dass man bei der Lektüre nichts lerne, sondern eine Erfahrung mache, 2015 – sinngemäß zitiert).

    2. Matern hat ein illustratives Beispiel dafür gegeben, wie man durch verkürztes Zitieren beziehungsweise Lesen Gemeintes unlauter umdrehen kann: „Ihre Rubrik, nein“.

  6. Danke für den Einwand in Bezug auf Valéry. Für mich gehört er dennoch ins 19. Jhd. auch wenn die Rede 1927 gehalten wurde. Wieso könnte eine Frage nach ‚Poesie‘ oder ‚Prosa‘ für eine Frage nach Gedicht oder nicht Gedicht relevant sein? Valérys zitierte Hervorhebung eines Tänzerischen bleibt dunkel, hört sich zunächst formal an, wird jedoch im Text, soweit ich mich erinnere, zu einer Empfindungsangelegenheit, zu einer (spät-)romantischen Blüte. Selbverständlich kann durch einen Text getänzelt oder gelatscht werden (Mark Ammern), unabhängig davon, ob es jemandem gefällt oder nicht, auch unabhängig davon, ob es sich um ein Gedicht handelt oder nicht. Eine sprachliche Verdichtung würde ich allerdings einfordern wollen, zumindest für Dichtung. Man kann sich freilich gegen ein Latschen wenden (wie dies auch Mark Ammern unternahm), dies bliebe allerdings eine persönliche Entscheidung, könnte keine allgemeine Angelegenheit werden. Der (spät-)romatische Idealismus ist lediglich eine Farce.

    Antworten

    1. „Der (spät-)romantische Idealismus ist lediglich eine Farce.“

      Ich würde doch darum bitten, solche sehr apodiktischen Sätze dann wenigstens argumentativ auszuweisen, anstatt sie einfach nur drauflos zu behaupten. Inwiefern ist der Verfasser der ‚jungen Parze‘ ein spätromantischer Idealist, und was bedeutet das? Meinen Sie Hegels Ästhetik? Wir können sie gerne diskutieren, müssten dann aber nicht nur auf romantische Kritik, romantische Reflexion zurückgreifen (Romantik ist mitnichten das Primat der Empfindung, Romantik ist Kritik, das Primat der Selbstreflexion und Vereinzelung), sondern sicherlich auch auf Schillers Kallias-Briefe. Denn Idealismus und Romantik stehen in einem – das Wort ist unvermeidlich – dialektischen Verhältnis zueinander. Gerade die Totalität, die der Idealismus von Schiller bis Hegel gesichert sehen will, auch für das Kunstschöne, wird ja von der romantischen Kritik abgewiesen. Übrigens gibt es Schlimmeres als Hegels Ästhetik, die sehr wohl, aber das wissen Sie auch, noch heute fruchtbar diskutiert wird.

      Nun gut, hier geht es um Grünbeins Gedicht. Und da habe ich Ihre Bemerkungen einfach nicht verstanden.

      „Gegenüber Literatur besteht vielfach das Problem, einen Zugang zu finden. Ob die Wirklichkeit des Gedichtes, auf den (Sie meinten wohl: die) es Bezug nimmt, Diamanten enthält, ist völlig ungewiss.“ Das, zum Beispiel, verstehe ich nicht. In der Wirklichkeit von Grünbeins Gedicht gibt es die Brillanten, zumindest im Rohzustand. Denn er sagt es. Was meinten Sie genau?

  7. Mein abschießender Satz war weniger apodiktisch als ein durchaus polemisches Ré­su­mé. Der Aufsatz von Valéry stand zur Diskussion. In diesem wird meinem Erinnern nach die Empfindung idealisiert, allgemein von Menschen als auch speziell von Dichtern. Mit ‚Idealismus‘ bezog ich mich nicht auf irgendwelche alten philosophischen Konzepte, sondern auf romatische Ideale. Diese spielten in der literarischen Romantik durchaus eine nicht unwichtige Rolle, z.B. bei Baudelaire, um im näheren Kontext zu bleiben, oder bei Novalis, um ein Beispiel aus der deutschen Literatur zu erwähnen. Die Konzeptionen waren nicht einheitlich, aber darum ging es mir auch nicht. Mir war hingegen wichtig, konkret der Hervorhebung von Valérys Kriterium des Tänzerischen ein Latschen an die Seite zu stellen. Ein soches Latschen könnte, dies sei hinzugefügt, auch mit Absicht erfolgen, als sprachliches Mittel. Die Suche nach einem Ideal schränkt die Mittelwahl und damit die mögliche Autonomie ein. Deshalb sprach ich von einer Farce.

    Literarisch wäre es fatal, eine Wirklichkeit vorauszusetzen, auf die literarisch Bezug genommen wird, z.B. die empirische. Eine Welt könnte lediglich empirisch möglich, oder bloß logisch möglich sein. Sogar die Logik ließe sich literarisch außer Kraft setzen, auch wenn es kompliziert sein würde, dann noch eine Plausibilität zu ermöglichen. Wenn in einem Text zwar von Brillianten, aber nicht von Diamanten gesprochen wird, wäre nicht einfach davon auszugehen, dass es in jener Wirklichkeit Diamanten gäbe, nur weil dies die Umgangsprache nahelegen könnte. Die in irgendeiner Weise mögliche Welt wird Wort nach Wort literarisch ‚erschaffen‘, die Worte bilden nicht selten Existenzannahmen, oder widersprechen solchen. Wie die relevante Wirklichkeit beschaffen ist, kann nur durch die sprachliche Gestaltung erfahren werden.

    Antworten

    1. „Mit ‚Idealismus‘ bezog ich mich nicht auf irgendwelche alten philosophischen Konzepte, sondern auf romatische Ideale.“

      Dann aber haben Sie, Verzeihung, nur wenig Ahnung von dem, worüber Sie hier reden.

      Es gibt von Thomas Mann eine sehr geglückte Formulierung (Brief an seinen Bruder Heinrich): Dinge, die man unter vier Augen nicht sagen mag! Genau das sag ich Ihnen hiermit: Vor 7 Milliarden potenziellen Leserinnen/Lesern. Naja, wg deutscher Sprache vor ca 200 Millionen. Somit zu Ihrer Belehrung:

      a) Man mag über Hegel denken wie auch immer – „irgendwelche alten philosophischen Konzepte“ sind auch heute noch aktuell.

      b) romatische Ideale (romantische Ideale sind vermutlich gemeint): Was meinen Sie? Was ist ein romantisches Ideal?

      Etwas anderes:

      „Literarisch wäre es fatal, eine Wirklichkeit vorauszusetzen, auf die literarisch Bezug genommen wird, z.B. die empirische.“ Warum? Heine, Brecht und Rühmkorf haben sich lyrisch wieder und wieder an der sog. empirischen Welt abgearbeitet. Was war daran falsch? Sind ihre Ergebnisse nicht großartig? Bereichern sie uns nicht bis heute?

  8. Danke für das Herausklauben von Zitaten und die Weiterreichung von Einschätzungen eines Literaten über alte Philosophie. Wie weit Ihr Verständnis reicht, dokumentieren Sie mit Ihrer letzten Frage: Meine allgemeine Formulierung, dass sich eine empirische Welt literarisch nicht voraussetzen lässt, wird mit der Frage „Warum?“ und einigen Beispielen beantwortet. Allgemein voraussetzen ließe eine Bezugnahme auf die empirische Welt weiterhin nicht, weil sie literarisch nicht stets eine Rolle spielt. Hartmut, es lohnt sich für mich nicht.

    Antworten

    1. „Meine allgemeine Formulierung, dass sich eine empirische Welt literarisch nicht voraussetzen lässt, wird mit der Frage „Warum?“ und einigen Beispielen beantwortet. “

      Die Argumentationstheorie nennt so etwas „eine Gegeninstanz finden“. Sie wissen das natürlich, ich wills nur dem Publikum schnell erklären: Wenn Theorie T1 „immer p“ erfordert, ich aber (zumindest) eine Situation auffinde, in der „non-p“ gilt, so habe ich T1 falsifiziert (eine gegeninstanz gefunden). Alternative: Der Vertreter von T1 muss nachweisen, dass „non-p“ eben doch nicht relevant sei. Dann aber stellte sich die Frage, welche Relevanz T1 noch haben könnte…

  9. @Jürgen Kiel: Ich tue mich sehr schwer mit dem Topos Sprachreflexivität als Merkmal der Moderne. Gibt es doch einerseits viele Gedichte aus dieser Zeit, denen das schnuppe ist (Kästner z.B.) und andererseits vorher viele Gedichte, die so gedacht sind, die wir aber nicht so recht so zu lesen bereit sind. Vielleicht ist Sprachreflexivität einfach ein Merkmal vieler interessanter Gedichte zu allen Epochen. Wenn ein barocker Dichter einen Topos aufnimmt und wandelt, will er dann bloß ein neues Bild erzeugen und merkt gar nicht, wie er einen Topos aufnimmt? Oder will er sein Ingenium zeigen: Schaut, auch so lässt sich dieser vorgefertigte Baustein in ein Haus bauen? Und wer kann im Einzelfall entscheiden, welcher der beiden Fälle jeweils vorliegt? Nach welchen Kriterien tut er dies?
    Es haben sich vor allem die Winke geändert, mit denen Dichter ihre Leser zu einer reflexiven Lesart verführen wollen. Novalis „Hinunter in der Erde Schoß“ aus den Nachthymen z.B. ist in einer Strophenform geschrieben, die seinerzeit einerseits beliebt war bei Beerdigungsliedern, andererseits aber auch für pikante erotische Gesänge. Wenn man das nicht bloß weiß, sondern noch aus authentischer Gebrauchspraxis der Form unmittelbar spürt, macht das etwas mit einem, was wir Modernen wohl kaum noch nachvollziehen können.
    Wer Sprachreflevität und Modernität als ein Satisfaktionskriterium ansieht, der verführt schwächere Dichter reihenweise dazu, in ihren Gedichten irgendwo ein Radio laufen zu lassen, jemanden „Worte sagen“ zu lassen, irgendwie auf Medialität anzuspielen, was mir in vielen Gegenwartsgedichten wie ein liebloser Appendix vorkommt.
    Und so kann man sich natürlich auch unabhängig von Hartmutts Hinweisen auch ganz ohne diese auf die Suche nach einer sprachreflexiven Lesart begeben. Da fällt mir dieses isoliert gesetzte „gesetzt“ auf, auf Lächeln bezogen. Zusammen mit dem Titel und ganz ohne die Kenntnis des Restes könnte das Gedicht auch in folgende Richtung weitergehen: „Wie schwer fällt es doch, angesichts der dringenden gesellschaftlichen Probleme, über etwas so kleines und so schlagerartiges wie ein Lächeln heute noch zu schreiben“, und „schaut: wie genau und vorsichtig ich dieses Lächeln setzen musste“. Der Rest des Gedichts erdrückt diesen Lesepfad dann allerdings. Man müsste es schon hartnäckig so lesen wollen, auch wenn das ganze Gedicht lang der Zaunpfahl Zeichenprozessen geschwungen wird. (Auskunft, Passbild, Fahrkarte Wechselgeld etc.) Eine solche Lesart setzte dann natürlich auch das Billant Problem besonders grell ins Licht.

    @Reinhard Matern „Ob die Wirklichkeit des Gedichtes, auf den es Bezug nimmt, Diamanten enthält, ist völlig ungewiss.“ Es gibt eine geheime Grundregel für alle Texte, die Welt konstituieren, und das bestreiten Sie offenbar nicht. Sie lautet: „Nenne alle relevanten Hinsichten, in denen sich Deine Welt von anderen Welten unterscheidet.“ Nun darf ein Dichter natürlich dies und das, aber das Wort „Brillant“ zu nennen, aber davon auszugehen, dass es es keine Diamanten in der Welt gäbe, schiene mir doch eine Übertretung, für die das Gedicht einen äußerst hohen Preis bezahlen müsste. Alle Ahndungen des Gedichtes „Nichts Schlimmeres geschah“ usw. würden sofort in sich zusammenbrechen. Denn, was in einer solch apokryphen Welt z.B. etwas „Schlimmes“ wäre, wäre derart unklar, dass der Versuch, dies herauszufinden, an Vergeblichkeit grenzte. Nicht mal, ob der Bus Räder hat und dazu da ist, irgendwie sich von A nach B zu bewegen, wäre dann ja mehr klar. (Nicht die Welt, sodnern die sprachlichen Bezüge kämen ins Wanken.) Also ich hielte es, gelinde gesagt, für einen schweren Patzer auf eine solche Welt anspielen zu wollen, bzw. ich halte Ihre Lesart zu dieser Stelle für etwas apokryph. Zumal sich die Stelle leicht liest, wenn man davon ausgeht, dass sich eben ein Diskurs über Werte und einer über Dinge hier etwas unglücklich mischen.

    @hartmut: Reinhard Matern scheint Folgendes vorzuschweben: „Jedes Gedicht ist nur dann ein gutes Gedicht, wenn es eine eigene Welt konstituiert. Mit plattem Realismus geben wir uns gar nicht erst ab.“ Nun wird Reinhard Matern nicht darauf beharren wollen, dass alle Gedichte von Brecht nicht relevant sind. Er kann aber ausweichen und behaupten: Entgegen irgendwelcher Autorenintentionen, die hier nicht relevant sind, sind einige Brechtgedichte ernstzunehmende Gedichte, insofern sie anders als Brecht meinte, eine eigene Welt konstituieren. (Es ist ja nichts leichter, als jemanden auch gegen dessen Irrtümer in Schutz zu nehmen.) Ich halte eine solche Lesart aber im Falle von Brecht für etwas heikel. Einerseits, weil sie den abbildenden Aspekt vor dem sprachhandelnden etwas stark betont. Zweitens aber auch, weil Brecht mit der Abildrelation und der Wirklichkeit spielt, es sind ja im Gedicht oft die Ebenen unterschieden: „Hier rede ich über die Wirklichkeit“ „Hier rede ich über eine andere (alternative, schiefe „Bei der Lektüre eines sovietischen Buches“) Beschreibung der Wirklichkeit“ auch „Hier rede ich von einer Haltung zur Wirklichkeit“ (ist etwas anderes, weil sie sich zeigt und vieles auf der deskriptiven Ebene offen bleiben kann. „Die Lösung“) Dazu kommt der allegorische Bezug auf die Wirklichkeit. Ich halte es für eine ungünstige und eher Sachverhalte verschleiernde Auffassungsweise, sollte man hier nochmals die Ebenen vermehren wollen und alles wiederum auf eine fiktive Welt des Gedichts beziehen, von der man eine außergedichtliche Welt abhöbe. Da müsste man dann natürlich gleich dazu auch noch diese „wirkliche“ Wirklichlichkeit als bloß eine fiktive Wirklichkeit der Interpretation von der eigentlichen Realität abheben und so ginge es weiter wie bei einer Matroschka. Für Heine oder Rümkorf ließe sich ähnliches durchführen.

    @Latschen: Ich hatte das nicht so abwertend gesehen, wie mancher hier, sondern auch seinen deskriptiven Aspekt. Ein gehen, das, im Bild gesprochen, etwas Zermalendes hat.

    PS: Ich hatte gestern erst diese schöne Analyse und die Diskussion hier gesehen, deswegen kommt es jetzt etwas als Schwall nachträglich.

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