In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.

 

Zwei ich. Vier du oder fünf. Ich falle. Tischbein auf Hocker. Gesicht tief in ihre Kissen. Kreisch. Baby voll Rotz und Tränen. Du kneifst mir ganz kurz die Seiten. Ich würge schreckliche Kitzelhickser. Immerfort rucken und purzeln. Ich falle mit Krach. An den Kopf. Hoppla.

Hoppla indeed. Was ist das für eine Sprache? Wer kann, wer will so was lesen? Geht das immer so weiter?
Ja, so geht es immer weiter. Wir sind im Kopf eines Mädchens (zwei Jahre alt, in der Szene oben). Die junge irische Autorin Eimear McBride treibt Landsmann und Vorbild Joyce vor sich her. „Stream of consciousness“? Pah. Stream of pre-consciousness!

Die Phrasen dieser Welt

Selbstverliebtes Sprachgeklingel langweilt mich schnell. Doch was hier geschieht, hat einen literarischen und erzählerischen Sinn. Wahrnehmungen, Gedanken, Aufgeschnapptes, Wiedergekäutes – der Text liest sich wie angeschlossen an die Hirnströme eines Menschen. Da müssen Gedanken nicht zu Ende formuliert werden, das Mädchen braucht sie sich nicht selbst zu erklären. Fertig sind hier nur die Versatzstücke und Phrasen, mit denen die Welt auf sie eindrängt: Mutter, Lehrer, Ärzte, Priester.

Das Kind war letztes Jahr zur Erstkommunion und kann nicht mal das Ave  Maria. Wo ist deine Moral hin? Ich meine was ist das für eine Art deinen Sohn zu erziehen? Aber du bist ja eine ganz Gescheite. Ich vergaß. Zu gut um einen Mann zu heiraten der seine Kinder gottesfürchtig erziehen will.

Ansonsten gilt: Das Mädchen ein halbfertiges Ding. So lautet der Titel von McBrides Debütroman von 2013, der in der englischsprachigen Literaturszene gefeiert wurde.

Betreten auf eigene Gefahr

Die Welt, in die wir hineingezogen werden, ist die irische Provinz mit allen wenig überraschenden Ingredienzien – Armut, Strampeln ums Überleben, Gewalt, Suff, Bigotterie. Betreten auf eigene Gefahr. Die Mutter des Mädchens, von ihrem Mann sitzengelassen, hat ein weiteres Kind großzuziehen, den schwer behinderten Bruder der Ich-Erzählerin. Ihm gilt die ganze Liebe des heranwachsenden Mädchens, er wird nicht alt werden. Das Aufwachsen in einer Umgebung, wo nichts als Druck herrscht – Herumgeschubse daheim, Mobbing in der Schule, Demütigungen durch Autoritäten –, ist deprimierend.

Warum ist es die Lektüre nicht?

So ein stilles Haus danach. Das Auto sengt die Straße weg. Sie mit dem Gesicht in den Händen und Stickschrei in der Kehle. Gequetschte Luft. Zitternd vor Tränen. Gespannt wie Flitzebögen saßen wir da. Gesichter über der Treppe. Unser böses Haus am Sirren. Hier gibt es Banshees.

Gerade war der bigotte Großvater zu Besuch, hat alle heruntergeputzt und ist empört wieder abgerauscht. Die Sprache, mit der McBride Situationen und Stimmungen anreißt und aufreißt, ist ungemütlich, aufregend, gnadenlos. Sie erzählt eine alte Elendsgeschichte schmerzhaft neu. Sie macht wach.

Lustvoll die Sprache triezen

Spätestens hier muss gesagt werden: Ich rede von der Sprache, mit der Miriam Mandelkow den Roman der Autorin auf Deutsch neu geschrieben hat. Wenn praktisch kein Satz vollständig ist, wenn Klang und Rhythmus, Bildlichkeit und Neuschöpfungskraft auf kürzestem Raum zwingende Situationen herstellen sollen, dann muss jedes Element bedacht, abgewogen, gestaltet werden. Bei konventioneller erzählten Romanen entwickelt der Text einen eigenen Fluss, der trägt – den Übersetzer zunächst, der sich dem Flow anvertraut und ihn an die Leser weitergibt, als Einladung, sich auf die Welt der Erzählung einzulassen. In dieser Welt jedoch gibt es kein blindes Vertrauen, die Sätze bocken und lassen den Leser genauso abstürzen wie die Wirklichkeit, die sie erfassen. Das ist ein wilderer Flow. Um all das in der Übersetzung nachzugestalten, braucht es Wagemut, Frechheit, Rhythmusgefühl, es braucht analytische Schärfe und Sprachinstinkt – und eine Lust daran, die eigene Sprache zu triezen. McBride und Mandelkow haben all das gemeinsam, erkämpfen es gemeinsam.

Durch den Sprachnebel

Die Lektüre ist eine Reise in die Dunkelheit, man lässt sich auf ein ungewohntes Lesegefühl ein – als hätte ich meine Brille nicht auf und bewegte mich tastend durch einen Sprachnebel, aus dem immer wieder etwas auftaucht und verschwindet, sobald ich es umrundet oder mich daran gestoßen habe.

Ich sehe dich. Hinten, selbstvergessen schlackernd Arme Beine hinein ins Haifischbecken. Sehe wie sie sich nach dir recken schnappen. Durchgekaut wieder ausspucken. In diesem Bus. Und rufen hierher Neuer. Du, sehe ich, siehst mich gehst vorbei. Kletterst auf das Rudel Schultaschen. Lavierst dich an den Rückenlehnen. Deine Füße ertrinken als es losgeht. Dich eintunkt. Dich hinschmeißt. Hart aufs Gesicht. Auf deine Knie. Heftiger Fall von dem du nicht hochkommst. Tja. Kein Entkommen. Busdreck an deinen Händen. Sabber auf deinem Gesicht. Sie grölen, schnüffeln. Sehen dein Blut strömen durch den Gang zu ihnen. Schnappen. Kauen an deinen Händen und Füßen. Ha ha ha ausatmen Spasti. Spastisturz. Kann Spasti nicht laufen?

Dass der behinderte Bruder im Schulbus gemobbt wird, ist schnell klar.  Diese Information lässt sich in einem einzigen Satz mitteilen. Wie es sich anfühlt, als Schwester ohnmächtig zuschauen zu müssen, vermittelt die aufgeraute Sprache.

Die Schönheit dieses Romans, der von der menschlichen Hässlichkeit berichtet, ist herb und anstrengend. Mit dem Heranwachsen des Mädchens nimmt das Grauen noch ganz andere Gestalt an, löst die festen Formen der Sprache streckenweise noch weiter auf. Als unerschrockener Leser bleibe ich dran, gehe mit bis in die tiefste Dunkelheit.

Angaben zum Buch
Eimear McBride
Das Mädchen ein halbfertiges Ding
Roman · Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
Verlag Schöffling 2015 · 256 Seiten · 21,95 Euro
ISBN: 978-3-89561-292-3
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Beitragsbild:
Von tasarimci06
Via Pixabay
Frank Heibert

Von Frank Heibert

Übersetzer, unter anderem von Don DeLillo, Willam Faulkner, George Saunders, Lorrie Moore, Boris Vian, Yasmina Reza und Richard Ford. 2006 erschienen sein erster Roman Kombizangen und das Jazz-Album The Best Thing on Four Feet (zusammen mit der Jazz-Combo Finkophon Unlimited).

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