Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Skandal-Essay „Anschwellender Bocksgesang“ (Der Spiegel, 8.2.1993) bekundet Botho Strauß in einem Essay der Zeit wieder sein Unbehagen in unserer Kultur. Im Titel fordert er: „Reform der Intelligenz“. Strauß wendet sich gegen „die entleerten Diskurse des Sozialen“, gegen die Intellektuellen, gegen den „Ideenkitsch“ unserer Tage.

Er prophezeit:

Das poetische Wissen wird gegen den erschöpften Intellekt wiedererstarken.

Gegen „die amusische Intellektualität der Wissensgesellschaft“ führt er den „poetischen Myste[n]“ ins Feld. Nur in der Poesie werde das Geheimnis überleben.

Hier spricht ein bekennender Einzelgänger, einer, der in unserer Zeit nicht heimisch wird.

Schon der Schwerverständliche ist ein Ausgestoßener.

In der „Kommunikationswelt“ von heute gelte als poète maudit,

wer mit schwerer Zunge spricht und dessen Sprache für die meisten keinen Mitteilungswert besitzt.

Das Bedenken und die Lage

Es ist nicht leicht zu sagen, wovon dieser Text handelt, denn die schwere Zunge ist bei Botho Strauß Programm. Am Text lässt sich zeigen, wie der Autor seine Zunge beschwert und seine Sprache kunstvoll ihres Mitteilungswerts beraubt.

Ein solcher Text will nicht entziffert, sondern gedeutet werden. Doch ich spiele nicht mit bei diesem Spiel. Ich tue so, als wolle der poète maudit mir etwas mitteilen. Denn das Sprechen mit schwerer Zunge dient in diesem Spiel als ehrfurchtheischender Deckmantel. Ein solches Sprechen benennt nicht, sondern es beschwört. Für diese Ausdrucksweise gibt es ein Wort: Raunen.

Ein Versuch der Übersetzung:

Das kritische Bedenken der Lage erfährt seine eigene Krise.

Vulgo: Das kritische Denken ist in der Krise.

Über „das Bedenken“ und „die Lage“ erfahren wir kurz darauf dies:

Immerzu jähes Geschehen, das dem Bedenken zusetzt, ihm den Atem raubt, weil es sich wieder einmal in die Ordnung des bereits Geschehenen nicht fügen will. Jedoch, indem es nun einmal dem menschlichen Ermessen sich darbietet und Menschen es nach ihrer Gewohnheit irgendwie unter Dach und Fach bringen müssen, bemerkten dabei die wenigsten, dass dies jähe Geschehen ihr Dach und Fach längst in Stücke schlug.

Dieses jähe Geschehen „bietet sich dem menschlichen Ermessen dar“  (vulgo: Darüber können wir nachdenken). Von welchem Geschehen ist hier die Rede? Raubt uns die allgemeine Nachrichtenflut den Atem, oder sind es gewisse Ereignisse, die uns nach Luft schnappen lassen, und wenn ja, welche? Dann unversehens ein klares Bild: Wir wollen das Geschehen „unter Dach und Fach bringen“, doch die Geschehnisse haben die gewohnten Ordnungsmuster unseres Denkens zertrümmert.

Das „sacrificium intellectus“

Den Begriff „Reform der Intelligenz“ hat Botho Strauß von Ortega y Gasset übernommen. Es gehe um eine Intelligenz, die „sich vom öffentlichen Gebrauch, den Normen des öffentlich Denkbaren abwendet“. Nun: Genau diese „Reform“ ist längst im Gang. Und wer dem Text von Strauß nicht lauscht, sondern ihn liest, muss annehmen, dass der Autor mit jenen Kräften sympathisiert, die das Denken in Vorurteilen und den Intellektuellenhass wieder öffentlich denkbar machen wollen.

Strauß schreibt an gegen

die kritische, die durch Kommunikation ausgeleierte, erschöpfte, die immer im Ganzen überblickbare, die nie und niemanden überraschende Intelligenz.

Er plädiert für ein „sacrificium intellectus“: Der Intellekt soll als Opfer dargebracht werden, und zwar

dem Undurchdringlichen, dem Staunen, der Verwirrung und dem Schweigen.

Am Ende des Essays ist gar die Rede von einer Transformation des herrschenden Zynismus

in königliche Demut, in Staunen, Entdecken und Bewundern.

Worin das Undurchdringliche und die Verwirrung bestehen sollen und worüber wir staunen, was wir entdecken oder gar bewundern sollen? Wer weiß.

Der Taschenspielertrick der Nominalisierung

Wer raunt, sagt nicht, was er meint. Das Raunen verachtet niedere Information, es west in den erhabenen Gefilden des Ungefähren, des Geheimnisses, der ach so geduldigen Poesie. Nie erfahren wir, von wem die Rede ist oder wer was tut. Wenn jedoch die Menschen als Subjekt verschwinden, bleibt am Ende nur ein einziges Subjekt übrig: das des Autors. Abstrakta betreten die Bühne als handelnde Subjekte, darin besteht der wichtigste Taschenspielertrick des Raunens. Nicht Menschen denken etwas, sondern „das Bedenken“ tut etwas (oder ihm widerfährt etwas). Nicht Menschen sagen etwas, sondern „die Äußerungen“ tun dies. Statt über etwas zu staunen, sollen wir „dem Staunen“ huldigen.

Durch das Stilmittel der Nominalisierung lässt sich jedes Wort in ein handlungsfähiges Substantiv verwandeln: das Bedenkende, das Soziale, das Übereinstimmen, das Erreichte, das Unerreichliche.

Lange Zeit konnte man das Erreichte nur in der Projektion auf ein Unerreichliches hin ordnen. Inzwischen wird das Erreichte einfach nur überboten. Mit anderen Worten: Das Unerreichliche verschwindet als ideelles (=sittliches) Kriterium, wenn auf einer nach oben offenen Leistungsskala das Erreichte fortschreitend höher markiert wird.

Übersetzt man die Leerformel „das Unerreichliche“ in „die Werte, die eine Gesellschaft anstrebt“, kommt dabei vulgo heraus: Wir haben keine Utopie mehr, sondern wollen nur noch, dass alles schneller/höher/besser wird.

Das letzte Ziel der in ständigem Selbstbezug voranschreitenden Befreiungen, die unsere Moral betreffen, ist allen unbekannt.

Was für Befreiungen können gemeint sein, „die unsere Moral betreffen“? Homosexuellen-Ehe, legale Abtreibung, Chefinnen? Und wer könnte mit diesen Befreiungen ein (wenn auch unbekanntes) Ziel verfolgen? Strauß lehnt diese Befreiungen ab, das immerhin lässt sich dieser Passage entnehmen:

Weder (das immer nachgebende) Gesetz noch Mentalität oder Sitte werden da Einhalt gebieten, und immer werden die Befreiten finden, dass das Erreichte wiederum nicht ausreicht, bis eines Tages der Selbstverzehr der Freiheit einsetzt und den Aufstieg der Tyrannei von Barbaren begünstigt.

Mit den Befreiten können verwöhnte Wohlstandskinder genauso gut gemeint sein wie die Abgehängten, die vielleicht gar nicht abgehängt sind, sondern sich nur so fühlen, weil ihnen das Erreichte nicht ausreicht. Oder meint der Autor Feministinnen/Schwule/Migranten? Raunen ist auch, wenn Sätze besser klingen, als sie sind: Der „Selbstverzehr der Freiheit“ werde eines Tages „den Aufstieg der Tyrannei von Barbaren“ begünstigen. Vulgo: Die Linken/Eliten/Politisch Korrekten sind schuld an Trump/AfD/Brexit? (Gähn.)

Die Stimme des alten weißen Mannes

Im Trockeneis-Nebel der Selbstinszenierung will Strauß Gefühle heraufbeschwören, die es nicht gibt. So geht Raunen: Man fahre großes Sprachgeschütz auf, munitioniere es mit Nebelpetarden und schieße mit Getöse auf alles, was sich verschwommen am Horizont des eigenen Denkens bewegt.

Geraunte Worte heißen nichts, sie verheißen nur etwas. Die Verheißung erzeugen sie durch den hochgestimmten Ton.

Die Anbindungen sind überall gekappt. Man hat zu viel investiert in E-manu-zipation, das Aus-der-Hand-Geben, und darüber die gegebene Hand verachtet.

Der Begriff „Emanzipation“ kam im 16. Jahrhundert als Lehnwort aus dem Lateinischen ins Deutsche und bezeichnete ursprünglich die Freilassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt, in den USA wurde das Wort später für die Abschaffung der Sklaverei verwendet, bevor es für die Gleichberechtigung der Frau üblich wurde. Von welcher Emanzipation ist hier die Rede, und wessen Hand wäre die „gegebene“? Wen gäbe diese Hand frei – und wer verachtete sie? Geht es um das Patriarchat, die Männer als Verlierer des Feminismus (gähn)? Ein Bild taucht spontan aus meiner Erinnerung auf: die Figur des nickenden Negerleins, das sich bei der Kollekte in der Kirche artig für die Spende bedankt. In diesem Text meldet sich der alte weiße Mann zu Wort, der sich von seiner eigenen Zeit abgekoppelt hat.

Für die Intellektuellen (Linken/Eliten) unserer Zeit hat Botho Strauß nur die Kitschkeule übrig:

Kitsch der Toleranz, Kitsch des Weltweiten, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte, Klima-Kitsch und Quoten-Kitsch, Kitsch von Kunst und Wahn…

Was dieses Kitsch-Karussell in Gang hält, ist die Verwechslung von Ästhetik und Ethik. Strauß tut so, als wären Menschenrechte, Toleranz, Klimawandel etc. nur eine Frage der Ästhetik. Dabei übersieht er den Balken im eigenen Auge, denn er produziert selbst den Edelkitsch des Raunens.

Zuvörderst muss der Autor sich selbst als Kerbpfahl spüren, in den seine Zeit ihre schrecklichen Schulden schnitt.

Manchmal reicht es auch nur zum schlechten Geschmack:

Intellekt, das ist cognitio praecox – man versteht, noch bevor man eindringt.

Der hohe Ton  – ein Fake

Untrügliches Merkmal des Kitschs ist die Verlogenheit, und wie verlogen das Straußsche Reden in schweren Zungen tatsächlich ist, verraten die glasklaren Sätze, die ab und zu wie Perlen aus dem Prophetengewölk hervorschimmern.

Ist es politische Unbeholfenheit, ist es mangelndes Sprachgedächtnis, ein und dasselbe Volk, sofern es sich richtig verhält, demos, wenn aber nicht, dann abschätzig populus zu rufen?

Eine frappierende Sprachdiagnose, die in den aktuellen Populismus-Debatten noch niemand erstellt hat. Sie führt zu weiteren Fragen: Wer maßt sich die Deutungshoheit über das Volk an? Was hat eine Demokratie von ihrem Volk zu erwarten oder zu befürchten?

Gesinnung ist dem Triebleben näher verwandt als dem Geistesleben, steht dem Lustprinzip näher als der Erkenntnis.

Ein Schlüsselsatz über die Rolle der Psychologie hinter jeder politischen Bewegung. Er erklärt, warum man mit Argumenten in Online-Kommentarschlachten so wenig ausrichten kann. (Und er dürfte auch für Bothos Strauß‘ eigene Gesinnung gelten.)

Gerade der Verschämteste wird von der Lust geplagt, sich zu zeigen, im unerfahrbaren Raum unzähliger Gäste sich darzubieten.

Schöner hat noch niemand die Verlockung der sozialen Medien beschrieben, und zugleich öffnet sich der Abgrund: Wir ahnen, wie wenig wir die Kräfte verstehen, die wir mit den neuen Medien freigesetzt haben.

Mit anderen Worten: Botho Strauß ist ein großer Autor, der uns Dinge sagen könnte, die außer ihm niemand weiß. Sein hoher Ton jedoch ist ein Fake.

Ideenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester.“

So sieht Strauß das in die Krise geratene Bedenken der Lage. Es ist auch ein hellsichtiges Urteil über seinen eigenen Text.

Bildnachweis
Beitragsbild: Sieglinde Geisel

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

Ein Kommentar

  1. Hans Werner Bott 12. April 2017 um 12:46

    Fällt der Focus, den Kitsch füllt, zurück auf den Dichter, der Kitsch in die Hand nimmt, um ein Loch zu füllen, das Wirklichkeit heißt? Produziert er im Essay das „hilflose Denken“, um die Reform vorzuführen?
    Antwort: Ungefähres wie ein „früher geartetes Denken“ wird erklärlich, wenn es kommensurabel wird am Beispiel aus dem Kunstkontext.
    Beispiel „beliebiges Geplapper“ im Essay gefunden, als Mehrheitsaufstossen empfunden, trifft in „Oniritti“ auf Seite 36, auf den Satz „Der Mund aber, ihrem Magen Untertan, gibt den Hanswurst zu den ernsten Augen“ macht des Essayisten Geplapper verständlich , kommensurabel, durch das Dichter-Wort. Wer wollte bezweifeln, dass dieser zitierte Satz ein Dichterwort ist?Also muß man hin- und herlesen, um die Botschaft des Gespaltenen kitschfrei zu kitten.

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