Unser Leben ist größer als wir. Wenn überhaupt, tragen wir nur die Flamme weiter, und in uns die Erinnerung an die Felsenhöhle, aus der wir einst geschlüpft sind. Stefan Schütz setzt gleich auf der ersten Seite groß an – in langen Sätzen, die ich zweimal lese, nein, mit innerer Stimme deklamiere, um folgen zu können. Schütz ist ein Kind von Schauspielern. Sonst weiß ich nicht viel über ihn, als ich zu diesem Buch greife. Er stürzt sich hinein in diesen Text über das Leben, wie einer sich hineinstürzen muss, der – das immerhin habe ich von ihm auf seiner Website gelesen – auf der Erde nur „zwischengelandet“ ist.

Es folgt ab Seite zwei das Hütchenspiel. Drei reden, und du als Leserin oder Leser musst schauen, wessen Lippen sich gerade bewegen. Der böse Wolf ist darunter, im Fell von Graf Vargold. Ein Hund vielleicht der beiden Alten, die wir ab jetzt für einige Zeit in ihrem Heimleben begleiten, oder doch ein wildes Tier? Wir bleiben darüber im Unklaren. Eigentlich will Vargold nur schlafen, aber die Heimbewohner haben Angst. Der Wolf muss weg. Für den Greis und die Greisin, wie sie sich selbst nennen, beginnt ein Himmelfahrtskommando, sie laden Vargold und die Greisin samt Rollstuhl ins Auto, fahren in den Wald, wo im Frühjahr noch kein dichter Unterschlupf auszumachen ist. Eine Lösung zeichnet sich erst am Ende des Tages ab, dennoch stirbt das alte müde Tier bald schon, wozu der Greis lakonisch bemerkt:

Alles wirklich Phantastische hat keine Überlebenschance mehr.

Langsam öffnet sich das Kammerspiel zum Rundumpanorama, allerdings auf engem Raum: Wir sind im Doppelzimmer eines Pflegeheims, es gibt einen Balkon, einen Garten und ein Gemeinschaftszimmer hinter den Gängen. Zwei Pflegerinnen kommen regelmäßig vorbei, ansonsten nur ein paar schemenhafte Mitbewohner sowie „Drohnen“, die der Greis überall ausmacht und die nicht aufhören, in die Angelegenheiten der beiden Alten zu schauen und zu lauschen. Die Greisin ist dement, der Greis altersschwach, die Liebe noch lebendig.

Stefan Schütz verzichtet auf Kapitel und damit auf jeglichen Halt. Über knapp 120 Seiten läuft sein Text, gleichförmig, ohne außer Atem zu kommen, schildert er Abstürze, Delirien, Flauten. Selbstmitleid ist rar, dafür macht der erzählende, denkende, verzweifelnde und immer wieder auch kampfbereite Greis den Versuch, in die Wahrnehmung der dementen Greisin einzusteigen, sich einzulassen auf eine zersplitterte Welt, die einmal das gemeinsame Leben gewesen ist. Mit tiefer Einsicht und nicht ohne Witz. Dennoch eine Talfahrt ohne Ende.

Das Leben winselt nicht, der Mensch bettelt zuweilen um sein Leben, nicht aber die Natur, sie welkt und fällt in dem Wissen, dass sie wieder sprießt und wächst, der Hund winselt, wenn der Herr ihn schlägt, er ist ein vom Menschen domestiziertes und abgerichtetes Tier, das Einhorn stirbt lieber aus, als im Zoo zu enden, der Greis, nunja, und die Greisin schauen ziemlich schräg aus dem Fenster, für sie ist kein Zyklus mehr vorgesehen, sie sind längst auf die schiefe Bahn des Lebens geraten, sie blicken betrübt aber gelassen dem Zerbersten ihrer Spirale entgegen.

Außer dem Greis und der Greisin bleiben sämtliche Figuren wenig konturiert, ohne Psyche, fast wie Märchenfiguren, dennoch sinken wir nicht in die wohligen Tiefen eines (Alp-)Traums.

Der Greisin Ärztin ist mit ihrem Latein am Ende, es bleiben zwei Möglichkeiten, entweder Ruhigstellung und weitgehender Verlust der Mobilität, oder die Unrast in einen Käfig sperren, wobei die Beweglichkeit erhalten bleibt, die Entscheidung, welche finale Medikamentierung erfolgen soll, liege ganz bei ihm. Beide Varianten die Seiten einer Medaille, was er auch warf, wofür er sich entschied, Kopf oder Zahl, kein Gewinn, nur Verlust, und zu schwach, um es nicht zu lesen, klebte ihm auch noch sein Tageshoroskop an der Backe: „Schicksalsträchtiger Wendepunkt, die Zeichen stehen auf Umbruch, und das kann alles bedeuten.“ Das Grauen ist echt, um so mehr, als es uns allen droht, spätestens in dem Moment, wo wir, wie der Greis es formuliert, „den Kampf um die halbwegs freie Existenz aufgeben und (uns) fügen in die finale Pflege bis hin zum fröhlichen Krepieren.“

In seiner Laudatio auf Stefan Schütz’ Buch Medusa hat Friedrich Christian Delius den Autor mit Dante, Lautréamont und Döblin verglichen. Schütz sei einer, der uns in den Orkus der Existenz mitnimmt, der keine Abschilderung liefert, sondern einen Gedankenfluss lostritt, der keine Geschichten erzählt, sondern Bewegungen nachvollzieht. In der Erzählung Unser Leben sind es Bewegungen der Wut und Verzweiflung angesichts unserer schönen neuen Seniorenwelt. Das Buch fährt einem in die Knochen.

Beitragsbild: (c) Stephanie Jaeckel
Saurierschädel. Exponat aus dem Naturkundemuseum New York, 2011
Angaben zum Buch
Stefan Schütz
Unser Leben
Matthes & Seitz 2016 • 124 Seiten • 19,90 Euro
ISBN: 978-3-95757-279-0
Bei Amazon oder buecher.de
Cover Stefan Schütz - Unser Leben

Von Stephanie Jaeckel

Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin, Autorin von Sach-Hörbüchern für Kinder.

2 Kommentare

  1. Hartmut Finkeldey

    Danke für den Tip. „Der Rollator wird unser aller Schicksal sein“ notierte ich einmal. Und las und hörte begeistert Annette Pehnts „Haus der Schildkröten“…

    Antworten

  2. Und der Rollator ist nicht einfach zu bedienen. Ich werde mir meinerseits das „Haus der Schildkröten“ besorgen, in diesem Sinne: Danke für den Tip!

    Antworten

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)