Seit gestern ist die Welt ein etwas besserer Ort. In ihr gibt es nämlich Dimitrije Donkić nicht mehr. Ich habe ihn getötet.

An Klarheit sind die ersten drei Sätze des wuchtigen Kurzromans Das Tierreich von David Albahari kaum zu überbieten. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, ahnt der Leser. Hat er doch bereits eine „Einleitung“ hinter sich, die das Buch als ein anonymes, in einem Papierkorb gefundenes Manuskript ausweist, und drei weitere Abschnitte vor sich: „Geschichte“, „Epilog“ sowie „Endnoten“. Der Mörder ist offenbar sowohl philosophisch bewandert als auch ästhetisch versiert und meint, seine Tat erklären zu müssen.

Der Mord an Dimitrije Donkić hat eine Vorgeschichte: Vierzig Jahre zuvor ließ Donkić in der Jugoslawischen Volksarmee einen Soldaten ermorden und exekutierte unmittelbar danach die zwei Henker. Der Erzähler sah allen drei Morden zu – und wurde verschont. Warum? Er weiß es nicht.

Der Einzelgänger als Erzähler

Hatte er doch mit dem Mörder und den drei Toten in der Armee eine Freundesgruppe gegründet, die sich das „Tierreich“ nannte: Redžep hieß die Schlange, Goran die Zecke, Miša der Spatz, Donkić der Waschbär und der Erzähler der Tiger. Die Tierreichgruppe soll den Mitgliedern Sicherheit bieten, doch in ihr herrscht Lebensgefahr: Donkić, anziehend und abstoßend zugleich, schürt Konflikte. Er lässt Miša mehrmals durch Redžep und Goran zusammenschlagen, bevor er seine Ermordung anordnet. Der Erzähler, immerhin Tiger genannt, sieht zu und rührt keinen Finger.Der Axolotl steht außerhalb aller Bezüge – nicht anders als der Tiger.

Der Waschbär erweist sich also als Löwe. Er ist ein Geheimdienstler, befürchtet der Tiger-Erzähler, und hat einen Auftrag: die Anführer der 1968 von der Partei niedergeschlagenen Studentenproteste aufzuspüren und hinzurichten. Bei den Protesten war der Tiger nur ein Mitläufer, doch seine Furcht vor Entdeckung ist groß. Miša, einer der Köpfe von 1968, charakterisiert ihn als einen Axolotl, einen Lurch, der nicht die ganze Metamorphose zum Erdtier durchmacht, sondern im Wasser bleibt. Der Axolotl steht außerhalb aller Bezüge – nicht anders als der Tiger, der in einem Gedicht William Blakes „in furchtbar schöner“ Flammenpracht erscheint. Albahari hat einen Einzelgänger als Erzähler gewählt, der nur widerstrebend Mitglied des „Tierreichs“ wird, der weder Täter noch Opfer ist. Er ist Zeuge, er erzählt. Bis er 40 Jahre später Dimitrije Donkić ermordet.

Der Mensch selbst ist der Abgrund

Der Autor David Albahari ist 1994 nach Kanada ausgewandert, nach Jahren als Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Serbien; er floh vor der nationalistischen „Zwangspolitisierung“ in den jugoslawischen Kriegen. Alle seine Bücher sind existenzielle Vexierspiele. Die letzten Romane „Der Bruder“ und „Der Brief“ schildern auf betont unspektakuläre Weise umstürzende Ereignisse, die Lebensgeschichten wie Luftblasen zerplatzen lassen. Was eben noch Halt gab, erweist sich mit einem Mal als Lüge. Nicht der Mensch steht vor einem Abgrund, er selbst ist der Abgrund. Albaharis Bücher, seit Jahren von Mirjana und Klaus Wittmann in ein elegantes, zurückhaltendes Deutsch übertragen, erzählen Achterbahnfahrten der Existenz.

In der ersten Endnote von Das Tierreich heißt es:

[…] die Geschichten leben nur dort, wo es mehr als einen Zeugen gibt, weil die Wahrheit immer mindestens zwei Gesichter haben muss. Hat sie nur eines, dann stimmt etwas nicht – mit der Geschichte oder mit der Wahrheit.

Der Roman „Das Tierreich“ ist eine solche Geschichte. Der zweite Zeuge, Mišas Mörder, war vierzig Jahre verschwunden. Als er in Kanada dem ersten Zeugen gegenübersteht, erschießt dieser ihn, bevor seine sich öffnenden Lippen eine andere Version der Ereignisse formulieren können.

Der Geburtsmakel der Literatur

Vierzig Jahre war der Erzähler auf sich allein gestellt und hat in dieser Zeit an allem zu zweifeln begonnen: an seiner Geschichte vom Tierreich, an der Wahrheit und – an sich selbst. Daher der aufwändige Aufbau seines Berichts mit Einleitung, Prolog, Geschichte, Epilog und Endnoten. Die Spiegelungen, Aufteilungen, Reflektionen sollen die Wahrheit eines von Morden gezeichneten Lebens einholen, dem das bezeugende Gegenüber fehlt: der Mörder der Kameraden. Es handelt sich um ästhetische Versuche, die andere Perspektive zu ersetzen. All das erweist sich nach dem Schuss auf Dimitrije Donkić als verlorene Liebesmüh. Der Erzähler hat unwiderruflich die Seiten gewechselt: Er hat gehandelt, statt zu erzählen. Das Manuskript landet im Papierkorb eines Flughafens, diese Lebensgeschichte ist am Ende. Nun kann eine andere beginnen, sie hat schon begonnen mit der mehrmals knapp erwähnten Frau an der Seite des Erzählers.

„Das Tierreich“ ist, trotz unerträglicher Szenen, ein vergleichsweise leises Buch, das unübersehbar an Jorge Luis Borges anknüpft und die Parallelität, ja:Literatur ist ein Erzählen „danach“. Identität von Leben und Erzählung mit existentieller Dringlichkeit auflädt. Seine Sprengkraft erschließt sich spät, dann nämlich, wenn man sich fragt, warum, um Himmels willen, wir diesem Erzähler eigentlich trauen. Schließlich ist er ein geständiger Mörder. Und er bringt einen Mann um, der möglicherweise gar nicht Donkić ist, nur „schwarze Ringe um die Augen wie ein Waschbär“ hat. Und der zudem der einzige lebende Zeuge seiner erniedrigenden Feigheit, seines passiven Mittuns ist.

Man kann den verwickelten und dichten Roman als Summe des Nachdenkens von David Albahari über Literatur lesen – und über seine Auswanderung aus Slobodan Milosević‘ gewalttätigem Jugoslawien. Sein Tiger-Erzähler wandert ebenfalls aus, und er preist die Emigration keineswegs als moralische Lösung an. Schuldig ist in Das Tierreich der Mörder, schuldig wird aber auch der Zeuge: Er lässt den Mörder gewähren, er wird Komplize. Der Zeuge-Komplize aber hat keine Wahl: Er kann nicht nur erzählen, er muss es tun, für sich, als Schuldiger. Die Literatur besitzt einen Geburtsmakel, der zugleich ihre Notwendigkeit begründet: Sie ist ein Erzählen „danach“, sie verdankt sich der unterlassenen Handlung und der Notwendigkeit, mit der Schuld umzugehen. So deutlich, so beunruhigend zwingend hat David Albahari vielleicht noch nie seine Auffassung von Literatur formuliert.

Angaben zum Buch
David Albahari
Das Tierreich
Roman · Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Schöffling & Co. 2017 · 155 Seiten · 20 Euro
ISBN: 978-3-89561-428-6
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Bildnachweis:
Beitragsild: Pexels, CC0-Lizenz (bearbeitet)
Buchcover: Schöffling & Co.

 

Jörg Plath

Von Jörg Plath

Jörg Plath ist Kritiker und Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur.

(Foto: © Fotostudio gezett)

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