Putins Angriffskrieg ist für den Westen eine Stunde der Wahrheit: Abstraktes Wissen verwandelt sich in Erfahrung. Das gilt nicht nur für unsere Abhängigkeit von russischem Gas und ukrainischem Weizen, sondern auch für die Macht der Medien.

Putins Krieg in Echtzeit

Dass es ohne unabhängige Medien keine Demokratie geben kann, gehört zu den routiniert heruntergebeteten Phrasen des öffentlichen Diskurses, doch jetzt begreifen wir, was für verheerende Folgen es hat, wenn das Bewusstsein eines ganzen Landes manipuliert wird.

Ausgerechnet die Bürger:innen des Landes, das in die Ukraine einmarschiert ist, scheinen nichts mitzukriegen von diesem Krieg, den sie nicht beim Namen nennen dürfen. Währenddessen verfolgt der Rest der Welt Putins Krieg in Echtzeit, dank Google Translate erreichen uns auf den sozialen Medien auch Postings auf Ukrainisch oder Russisch. Wir bekommen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, die im kriegführenden Land selbst gar nicht in die Köpfe gelangen.

Unterwerfung unter die Propaganda

„Die Wahrscheinlichkeit, etwas Ungewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren, ist weit größer als die, es zu erleben“, heißt es in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Der Protagonist Ulrich sinniert um 1910 darüber nach, dass sich im Abstrakten das Wesentlichere ereigne und das Belanglosere im Wirklichen. Ein Jahrhundert später gilt das erst recht. Die Medien sind unsere Sinnesorgane für das, was wir nicht selbst erleben, sie sind das Nervensystem der Gesellschaft. Jeder Eingriff in die Pressefreiheit ist ein Eingriff ins kollektive Gehirn. In Russland ist die böse Operation geglückt: Die Mehrheit der Menschen sitzt buchstäblich in einem anderen Film.

Wer in einer anderen Welt lebt, gilt gemeinhin als verrückt, doch die russische Gesellschaft halluziniert bei vollem Verstand. Die Unterwerfung unter das offizielle Narrativ scheint geradezu perfekt. Die Ukrainer hätten sich selbst bombardiert, so heißt es allen Ernstes, bei den Leichen auf den Straßen von Butscha handle es sich um Schauspieler, und inszeniert sei das Ganze von den Briten. So absurd die Propaganda auch ist: Sie ersetzt die Wirklichkeit. Selbst Geschichten aus erster Hand haben dagegen keine Chance: Nicht einmal den eigenen Verwandten wird geglaubt, wenn sie erzählen, dass sie von der russischen Armee bombardiert werden.

Aufwachen aus der Parallelwelt?

Der Abschied vom Glauben an das Falsche ist immer mit Scham verbunden, deshalb tut man alles, um das Narrativ und damit das eigene Selbstbild zu retten. Wir kennen das Phänomen von Coronaleugnern, doch wenn es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht, erreicht die Realitätsverweigerung noch einmal eine ganz andere Dimension.

Ist die Wahrheit den Verblendeten zumutbar? Wie lebt man mit der Tatsache, dass diese Verbrechen im eigenen Namen begangen wurden und man also zu den Tätern gehört? Es ist eine Schuld, mit der sich kaum leben lässt. Wie viel leichter ist es da, sich der alles rechtfertigenden Propaganda zu unterwerfen. Sie bietet Schutz vor dem, was man am meisten fürchtet.

Wann werden die Russ:innen aus ihrer Parallelwelt aufwachen? In Deutschland dauerte es nach dem Krieg über zwanzig Jahre, bis die Konfrontation mit der Wirklichkeit begann. Und es war keineswegs die Generation der Täter, die sich ihrer Vergangenheit stellten. Es waren ihre Kinder, die die Auseinandersetzung einforderten. Oft vergeblich.

Beitragsbild:
Menschen in Chabarowsk bilden das “Z”-Symbol.
khv27.ru, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

4 Kommentare

  1. Jürgen Kiel 5. April 2022 um 10:46

    Dass die „Erzählung der Macht“ in Russland so erfolgreich ist, liegt vermutlich nicht nur an einer totalitären Informationskontrolle. Diese Erzählung ist ein Glaubensangebot. Es wird auch von jenen gern angenommen, denen aus verlässlicher Quelle anderes berichtet wird oder die ahnen, dass die „Erzählung der Macht“ eine Lüge sein könnte.
    Doch sie entscheiden sich für den Glauben, an dem sie festhalten. Täten sie es nicht, wären sie diejenigen, die sich gegen die gefühlte Mehrheit (und nicht zuletzt die offiziellen Glaubensvertreter) stellen würden. Umso leidenschaftlicher dichten sie ihren Glauben gegen alles ab, was Zweifel erzeugen könnte und werden zu Papageien der Macht, ohne dass diese sie aktiv bedrohen müsste.
    „Aus der Parallelwelt aufwachen“ würde für sie bedeuten, ihren Glauben zu verlieren.

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  2. Hier fehlt es irgendwie an Substanz. Weder steht etwas darüber, was konkret die Mediensituation und Meinung-Presse-Freiheit betrifft, noch ein Meinungsspiegel entsprechender Bevölkerungsschichten und darüber auf wen und wie sich genau Propaganda auswirkt und auf wen nicht, geschweige denn etwas zu Gegenstimmen und Oppositionsbewegungen (im allerweitesten Sinne). Wo ist denn bspw. die Fußnote über Meduza, Novaya Gazeta (Friedensnobelpreis 2021), Mediazona, Echo Moskvy, Dozhd, die Journalistenkanäle von Vdud, A Pogovorit, Eschenepozner, Skazhi Gordeevoj, Sindereeva, die regimeopponenten Politologen Ekaterina Schulman, Stanislav Belkovsky, oder die Oppositionspolitiker Ilja Jaschin und das Team Navalny, und und und – die ihre Arbeit allen Widrigkeit zum Trotz fortführen… Wo ist die Fußnote über Intellektuelle, Künster, Wissenschaftler, manche im Exil, andere nicht, über Antikriegsaktivisten usw? Jener, die sich durchaus im Instagram, Telegram usw. allem zum Trotz äußern, den Krieg beim Namen nennen? Nur mal so, als Nebennotiz… wie wäre es denn bspw. bei Elena Kostyuchenko (Novaya Gazeta / Meduza) einen Kommentar, oder einer ihrer kritischen Reportagen in Übersetzung anzufragen… da ist substantiell einiges an Innen- und Außenperspektive zu holen.

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    1. Anselm Bühling 6. April 2022 um 0:27

      Liebe Frau NB, dieser Text ist ja kein Überblick über die Medienlandschaft in der Russischen Föderation, sondern eine kurze Reflexion über die Macht der Propaganda.

      Die unabhängigen Medien, Journalist·innen und Expert·innen, die Sie nennen, leisten äußerst wichtige Arbeit. Aber sie haben auch immer nur einen kleinen Teil der russischen Gesellschaft erreicht, was nicht ihre Schuld ist. Und heute kommen sie in Russland gar nicht mehr zu Wort.

      Wir sind ein sehr kleines Medium mit minimalem Budget und Schwerpunkt im Bereich Kultur. Ich wünschte, wir könnten uns eine Reportage von Elena Kostyuchenko leisten; sie gehört in der Tat zu denen, die jetzt Unterstützung nicht nur verdienen, sondern auch brauchen. Viele andere Stimmen, die Sie nennen, sind auf Deutsch auf http://www.dekoder.org zu lesen. Das ist gerade jetzt wichtig. Danke für Ihren Hinweis!

  3. Dietrich Peters 7. April 2022 um 16:38

    Der Betrachtung von Frau Geisel kann ich nur zustimmen. Etwas oberflächlich finde ich die Bemerkung über die Aufarbeitung der deutschen Nazi- Geschichten. Es gab zwei Deutschländer. In der DDR war die Zubereitung der deutschen Geschichte doch etwas anders als in der BRD. Wir wurden schon als kleine Schulkinder in der DDR mit dem Antifaschismus konfrontiert . Auch wenn es ein verordneten Antifaschismus war,waren Lehren zum Faschismus. Besagter Antifaschismus wurde dann zunehmend in ” Brutalideologie” überführt. Ich habe nach der Wende einige Zeit gebraucht, um mich von kommunistischen Ideologie zu befreien, trotz täglichen Konsum von ” Westfernsehen”
    Man kann dem russischen Volk nur wünschen, daß der Versuch einer Selbstbefreiung gelingen möge.

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