Nur wenige Künstler haben die Schattenseiten der menschlichen Existenz derart dramatisch ins Bild gesetzt wie der polyglotte Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli (1741-1825). Der gelehrte Künstler wollte nach dem Abschluss seines Theologiestudiums am Zürcher Carolinum sowie eingehendem literaturhistorischem Unterricht bei Johann Jakob Bodmer mit dem Zeichenstift die Welt erforschen. Während seines mehrjährigen Rom-Aufenthalts und nach seiner endgültigen Niederlassung in London 1780 verfolgte er die Fortschritte in den Geistes- und Naturwissenschaften und rezensierte wichtige Publikationen in einer der führenden Zeitschriften Englands.

Ihn zogen Phänomene wie der Schlaf, der Traum, die Sexualität an – das Unbewusste schlechthin. Mit diesen Forschungsfeldern setzte er sich als Publizist, Zeichner und Maler auseinander. In seiner Jugend und später als Professor an der Royal Academy of Arts in London entwickelte er daneben ein umfassendes kunsttheoretisches Werk. In zwei Ausstellungen wurde in den letzten beiden Jahren Füsslis Werk gezeigt. Dabei sind umfassende Kataloge entstanden: Das Goethe-Museum Frankfurt legte den Schwerpunkt auf die Motive Schlaf, Traum und Wahnsinn; das Kunstmuseum Basel zeigte Füsslis Auseinandersetzung mit dem Theater.

Schlafparalyse und erotische Phantasien

Das Buch zur Schau Füsslis Nachtmahr – Traum und Wahnsinn (Goethe-Museum Frankfurt) stellt Füsslis Skandalbild „The Nightmare“ ins Zentrum der Überlegungen. 1781 entstand die erste und bekannteste Fassung, in den folgenden Jahrzehnten kamen mindestens zwei eigenhändige Variationen hinzu.

Der Nachtmahr, 1781, Detroit Institute of Arts

Ein Frauenkörper in eng anliegendem Nachthemd ist auf einer Bettstatt ausgestreckt, Kopf und Arme hängen schlaff herunter, auf dem Solarplexus sitzt ein koboldartiger Inkubus, durch einen aufgeschlitzten Vorhang drängt ein Pferdekopf mit weit aufgerissenen, leeren Augen, als wolle er die Szene orchestrieren – das ist das Inventar all dieser Nachtmahr-Gemälde. Füssli hat damit eine erotisch aufgeladene Pathosformel der Frau geschaffen, die in den verschiedensten Medien weiterwirken sollte: in der Karikatur, in der Comiczeichnung, im Film, aber auch in der Literatur – hier vornehmlich im Bereich des Schauerlichen. Es war diese Bild-Erfindung, die den Namen «Henry Fuseli», wie der Künstler im angelsächsischen Raum heißt, während des 19. Jahrhunderts im Bewusstsein des Publikums lebendig hielt.

Seelenkampf oder Schlafstarre?

Heinrich Füssli war zu Lebzeiten recht erfolgreich, doch nach seinem Tod im Jahr 1825 geriet sein Werk in Vergessenheit. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es wieder entdeckt: Es waren vor allem Kenner der Moderne wie der langjährige Direktor des Zürcher Kunsthauses Wilhelm Wartmann oder Alfred H. Barr Jr., der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art in New York, die ihn auf eine Höhe mit William Blake und Francisco de Goya stellten. Schon Füssli hat die spontan aus tiefen psychischen Schichten aufsteigenden Bilder für seine künstlerische Produktion genutzt – dies rückte ihn in die Nähe der Surrealisten. Hartnäckig hielten sich während seines Lebens Gerüchte, dass er durch den Verzehr von rohem Fleisch und Halluzinogenen in irrationale Welten vordrang.

In „Der Nachtmahr“ sind Träumerin und Traumgestalten zugleich wiedergegeben, man sieht die Schläferin und die Gestalten ihrer Schreckensvisionen. Etwas Unsichtbares wird sichtbar gemacht: Psychische Energie manifestiert sich in Haltung und Ausdruck der Protagonistin sowie in den Aktionen dämonischer Wesen. Im Frankfurter Katalog sieht die Kunsthistorikerin Petra Maisak in diesem und anderen Bildern des Künstlers eine «Psychomachia» dargestellt, einen allegorischen Seelenkampf zwischen Tugend und Laster, zwischen gottesfürchtigen und abtrünnigen Engeln. Andere Interpreten wiederum erkennen in dem Gemälde die Wiedergabe einer Schlafstarre, der Muskellähmung während eines Traums, die Füssli gemalt hatte, Jahrzehnte bevor das Phänomen wissenschaftlich beschrieben wurde. Ob Alpträume bleibende seelische Verrückungen zur Folge haben können, diskutierten schon Füssli und seine Freunde – der Künstler traf abends im Salon des Verlegers Joseph Johnson unter anderem mit dem Naturwissenschaftler Erasmus Darwin (der Großvater von Charles Darwin) zusammen. Exaltation, wilde Gebärden und Mimik sind ebenso äußere Zeichen des Außer-sich-Seins wie Erstarrung; beide Zustände finden sich in vielen seiner Figuren wieder. Füssli wusste aus eigener Erfahrung, dass extreme Leidenschaften den Menschen irre machen, ihm jedoch auch neue Welten aufschließen können. Seine Suche nach emotional stark aufgeladenen, sublimen Motiven ist in diesem Licht zu verstehen.

Genderperspektive und postkolonialer Diskurs

Füsslis Bildfindungen, bei denen er zahlreiche Anregungen aus Literatur- und Kunstgeschichte verknüpft, besitzen eine offene narrative Struktur mit vielen Leerstellen. Betrachter sind aufgefordert, sich in das Geschehen einzulassen, mögliche Fäden aufzunehmen und weiterzuentwickeln. So ermöglicht ein Bild wie „Der Nachtmahr“ in neuerer Zeit auch Interpretationen aus der Genderperspektive oder – im Hinblick auf die Physiognomie des Inkubus – eine Einbindung in den postkolonialen Diskurs. Zwei lustvoll miteinander agierende Feen in einer späten Fassung des Bildes, in dem man schon in frühen Rezeptionsphasen sexualisierte Männer- oder Frauenphantasien dargestellt fand, lassen sich als lesbische Variante erotischer Träume auslegen.

Vom Schrecklich-Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein kleiner Schritt. Füssli, der sich selbst gelegentlich der Karikatur bediente, war sich dessen bewusst, und er hat die Grenze peinlich genau eingehalten. Viele Karikaturisten nach ihm haben seine Pathosformeln allerdings für die Wiedergabe des Komischen genutzt. Werner Busch zeigt im Frankfurter Katalog anhand von „Der Nachtmahr“ die Dialektik von Hochkunst und Karikatur auf.

Theater – Schule der Leidenschaften

Die Nähe von Wahnsinn und Theatralik war im 18. Jahrhundert ein Gemeinplatz. In London war der Spaziergang zum Irrenhaus eine beliebte Freizeitbeschäftigung, und Marquis de Sade, mit dem Füssli wegen seiner erotischen Zeichnungen in Verbindung gebracht wird, nutzte das Ausdruckspotenzial der Kranken für seine Inszenierungen. Auch Füssli wurde von der theatralischen Kraft von Menschen angezogen, die am Rande des Wahnsinns standen. In einem Hauptwerk des Künstlers, dem „Elendsspital“ (überliefert nur in Vorzeichnungen und grafischen Reproduktionen), sind die verschiedensten Formen geistiger Abweichungen in einem irrwitzigen Ballett vereinigt. Zusammengehalten und bewacht werden sie von einer Satansfigur, dem Herrn der Finsternis.


Die Vision des Elendsspitals, 1791-93, Kunsthaus Zürich

Der Künstler, aufgewachsen im theaterfeindlichen Zürich, musste sich in seiner Jugend auf das bloße Lesen der Werke Shakespeares beschränken. Dies führte dazu, dass er ganze Passagen der Schlüsselwerke auswendig kannte. Als er 1763 nach London kam, soll er nahezu jeden Abend im Theater zugebracht haben. Anders als viele seiner Zeitgenossen übertrug er jedoch nur wenige Theaterinszenierungen auf die Leinwand. Er zog es vor, die Stoffe aufgrund des Studiums der Textvorlage zu interpretieren. Er wählte seine eigene Dramaturgie und idealisierte dabei Kostüme, Körperbau und Physiognomie der Protagonisten. Bald galt Füssli in England als kongenialer Shakespeare-Maler. Der Basler Katalog Füssli: Drama und Theater konzentriert sich deshalb auf den dramatischen Teil des Werkes.

Füssli hat, wie die Herausgeberin Eva Reifert feststellt, auch in den epischen Werken von Homer, Dante oder Milton die theatralische Substanz erkannt und herausgearbeitet. Vorbild waren ihm dabei die antiken Bildwerke sowie Michelangelo. Dort sieht Füssli das Dramatische ins episch Erhabene gehoben – ein Ziel, dem er in seinem Schaffen zeitlebens nacheiferte. Ob ihm dies gelungen ist, darüber stritten sich Zeitgenossen und nachfolgende Generationen leidenschaftlich. Einig ist man sich jedoch darin, dass Johann Heinrich Füssli durch Themenwahl und Ausführung – etwa die dramatische Lichtführung – niemanden kalt lässt. Weder damals noch heute.

Bildnachweis:
Johann Heinrich Füssli: Nachtmahr (1781) [Public Domain], via Wikimedia Commons
Johann Heinrich Füssli: Vision des Elendsspitals, [Public Domain], via Wikimedia Commons
Buchcover: Verlage

Busch, Werner und Maisak, Petra (Hg.)
Füsslis Nachtmahr: Traum und Wahnsinn
Ausstellungskatalog Frankfurt a.M. Goethe-Museum / Hannover: Wilhelm-Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst
Michael Imhof Verlag 2017 · 238 Seiten · 39,95 Euro
ISBN: 978-3731904458

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Reifert, Eva mit Blank, Claudia (Hg.)
Füssli: Drama und Theater
Ausstellungskatalog Kunstmuseum Basel
Prestel 2018· 240 Seiten · 49 Euro
ISBN: 978-3791357577

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Von Matthias Vogel

Matthias Vogel ist als Hochschuldozent und Publizist im Bereich Kunstgeschichte, Bildwissenschaften und Ästhetik tätig. 1998 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Darstellungen der Leidenschaften bei Johann Heinrich Füssli an der Universität Basel. Gegenwärtig forscht er zur Biographie desselben Künstlers.

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