„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Zitat zugeschrieben Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan harrt in Charkiw aus, auf Twitter berichtet er in Echtzeit aus dem Kriegsgebiet. Über den Krieg im Donbass hat er einen Roman geschrieben: Internat ist 2018 auf Deutsch erschienen, aus dem Ukrainischen übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr.

Harmlos ist auf dieser Seite nur der erste Satz.

Pascha atmet erleichtert auf.

Schon der nächste Satz bringt die Konfrontation mit dem Feind.

Da aber hält einer plötzlich inne, dreht sich um, schaut wieder direkt auf Pascha, als könne er ihn im Dunkel sehen, ihn in dieser Schwärze unfehlbar erkennen.

Wir befinden uns mitten in einer Szene, in der sich zwei Menschen in der Wohnung eines Hochhauses verstecken. Pascha und Vera fürchten um ihr Leben. Ein Mann steigt die Treppe hoch, er hat Granaten dabei, Pascha hört, wie sie aneinanderschlagen.

Angst schärft die Wahrnehmung. Um diese Anspannung in Sprache umzusetzen, greift der Autor zu einer Reihe von Stilmitteln. Da wäre als Erstes die Wiederholung. Ein heikles Verfahren: Dinge zwei Mal zu sagen, erzeugt oft keine Intensivierung, sondern Langweile. Nicht so auf dieser Seite: Hier braut sich in der Wiederholung das Unheil zusammen. (In den Beispielsätzen habe ich die Wiederholungen fett markiert.)

Da aber hält einer plötzlich inne, dreht sich um, schaut wieder direkt auf Pascha, als könne er ihn im Dunkel sehen, ihn in dieser Schwärze unfehlbar erkennen.

Man kann hören, wie der Mann das Treppenhaus betritt, wie unter seinen schweren Stiefeln die Glasscherben trocken knirschen.

Er hört es, ahnt Pascha, er hört alles.

Wir müssen rennen, denkt Pascha panisch, wir müssen die Treppe hochrennen und uns dort irgendwo verstecken. Wieder will er sich aufrichten, wieder zieht Vera ihn scharf zurück.

Die Wiederholungen haben einen rhythmischen Drive, und sie werden zu einer Metapher für die Falle, in der die beiden sitzen (und mit ihnen wir Leser).

Ein weiteres Stilmittel ist das fehlende Subjekt. Kein Substantiv, kein Name oder Pronomen schützt uns vor der Wucht des nackten Verbs. Die physische Präsenz des Eindringlings ist zum Greifen nah.

Stoppt zwischen Erdgeschoss und erstem Stock.

Horcht wieder.

Zögert, ob er weitergehen soll oder nicht.

Dreht sich um, stapft schwer die Treppe hinunter.

Um wie viel harmloser, ja geradezu banal wäre die Lektüre, wenn es stattdessen hieße:

Er stoppt zwischen Erdgeschoss und erstem Stock.

Er horcht wieder.

Er zögert, ob er weitergehen soll oder nicht.

Er dreht sich um und stapft schwer die Treppe hinunter.

Im Ukrainischen muss das Pronomen nicht ausgesprochen werden, es steckt bereits im konjugierten Verb. Im Deutschen bewirkt das Weglassen des Pronomens dagegen eine Aufladung. Die Auslassung des Subjekts ist eine Entscheidung der Übersetzer, sie nutzen im Deutschen ein zusätzliches Stilmittel, um die Intention des Textes zu verstärken.

Und schließlich sind Serhij Zhadan und seine Übersetzer Meister des Tempowechsels.

Er macht die Taschenlampe nicht an, geht im Dunkeln. Vorsichtig, geübt. Eine Stufe, zwei, drei, vier, fünf. Er zieht an einer Wohnungstür, dann an der nächsten. Alles zu. Alles still.

Die Sätze beginnen langsam. Dann geht es in schnellen Schritten die Treppenstufen hoch, und nachdem der Soldat keine der Wohnungstüren öffnen kann, bleibt der Text stehen.

Mit dem nächsten Satz kommt die Gefahr wieder näher.

Der Mann steigt noch eine Stufe höher, dann noch eine. Stoppt zwischen Erdgeschoss und erstem Stock, direkt unter Pascha und Vera.

Pascha will sich aufrichten, Vera zieht ihn ein zweites Mal „scharf“ zurück.

Der Mann steigt noch eine Stufe hoch, stoppt. Zögert, ob er weitergehen will oder nicht.

Das Zögern des Mannes ist ein Schicksalsmoment. Davon, ob der Mann weitergeht oder nicht, hängt das Überleben von Pascha und Vera ab.

Plötzlich geht unten die Tür auf.

Bis zu dem Moment, als unten die Tür aufgeht, gibt es auf dieser Seite keine Außenwelt. Das Wort Angst kommt von Enge, und diese Enge, das Eingesperrtsein, spüren wir hier in jeder Zeile. Das „Plötzlich“ signalisiert paradoxerweise keinen Schrecken, sondern das Gegenteil. Endlich geschieht etwas, es gibt einen Ausweg aus der Enge.

„Ich komme“, antwortet der Mann von oben. Dreht sich um, stapft schwer die Treppe hinunter. Die Metalltür quietscht schrill.

Der Schreck lässt nach, doch die nackten Verben sind noch da, als Reminiszenz an das eben Ausgestandene (mit Dank an die Übersetzer!).

Der Schluss ist musikalisch komponiert wie eine Coda, Serhij Zhadan ist auch Musiker. Er rundet die Szene ab durch einen Satz, der geschmeidig ausschwingt, als wäre nichts gewesen.

Hinter dem Fenster laufen zwei Schatten vorbei und verschwinden in der Nacht.

Die Seite endet mit drei Zeilen. Eine zweite Coda, aufs Äußerste verknappt, samt einer winzigen, tröstlichen Prise Ironie.

“Weg?“
„Scheint so.“
„Gehen wir auch?“


Angaben zum Buch

Serhij Zhadan
Internat
Roman
Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr
Suhrkamp · 300 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3518428054

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

Ein Kommentar

  1. Elvira Hanemann 13. Juni 2022 um 11:06

    Zum Glück ist nicht nur die Seite 99 so gut, sondern das ganze Buch!

    Antworten

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